Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 30 (24.7.1903)
- Article
- Aus den Beratungen der Nationalfondskommission
- Date
- 1903-07-24
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt? Nr. 30 M armore k, als dem von der Kommission eingesetzten Redaktionskomitee, zusammentreffen wird. Dieses Komitee wird die endgiltige Redaktion der zu legalisierenden Statuten besorgen. Eine hebräische Enzyklopädie. Aus Warschau erhalten wir eine überraschende Nachricht, die von dem hebräisch lesenden Publikum und von allen Freunden der junghebräischen Nationalliteratur mit aufrichtiger und ungeteilter Freude begrüsst werden dürfte. Herr N. Sokolow teilt nämlich in seiner „Hazefirah" mit, dass die von ihm geplante und in seinem Kulturreferate auf dem 5. Baseler Kongresse beantragte Herausgabe einer grossen Enzyklopädie für allgemeines und jüdisches Wissen aus einem frommen Wunsche zur Tatsache geworden ist. Lange wurde ein solches Werk in der aufblühenden neuhebräischen Literatur mit Sehnsucht erwartet und auch nachdem die Herausgabe einer Enzyklopädie von dem 5. Kongresse als eine Notwendigkeit allgemein anerkannt und beschlossen worden war, schien sie noch für lange ein blosser Wunsch bleiben zu sollen, an dessen Verwirklichung man kaum zu glauben wagte. Der Bedenken gab es viele. Zu den Sorgen um die materiellen Mittel schien sich auch das geringe Vertrauen unserer hebräischen Herausgeber nnd deren Mitarbeiter in ihre eigene Kraft zu gesellen. Ausserdem gab es lange Zeit beträchtliche prinzipielle Meinungsdifferenzen. Während Herr Sokolow an der Ueberzeugung festhielt, es müsse und könne eine Enzyklopädie herausgegeben werden, die sich nicht auf jüdisches Wissen allein beschränken, sondern auch Allgemeines aus allen Gebieten des menschlichen Wissens enthalten solle, gab es andere sehr massgebende Ansichten von hebräischen Schriftstellern, die das Allgemeine aus der Enzyklopädie ausgeschieden und dieselbe nur auf Jüdisches allein beschränkt wissen wollten. Vielleicht mangelte es diesen letzteren an Mut und Vertrauen zu einem offenbar so schwierigen [Unternehmen; Herr Sokolow dagegen hatte Mut und verteidigte mit bewundernswertem Eifer das Grössere. Die Sicherheit und der feste Ton, mit welchen er die Herausgabe der „Grossen allgemeinen Enzyklopädie" nun ankündigt, berechtigen uns zu der Annahme, dass seine Hoffnungen auf das Gelingen des grossen Werkes keine trügerischen sind. Herr S o k o low schreibt ungefähr folgendes : „Eine frohe Botschaft bringe ich heute. Die grosse allgemeine Enzyklopädie in hebräischer Sprache — ist gegründet! Das Werk, nach dem ich mich jahrelang sehnte und dessen Verwirklichung ich mit allen Kräften anstrebte, ist nun, wie ich mit Bestimmtheit sagen kann, gesichert; das ist eine Tatsache, an der nicht mehr gezweifelt werden kann. Vor zwei Jahren sprach ich darüber auf dem 5. Kongresse. Es war dies ein blosser Antrag vor dem einzigen jüdischen Araeopag, den wir besitzen, ohne dass ich seitens des Kongresses materielle Unterstützung des Unternehmens beanspruchte. . . . Seither fühlte ich mich verpflichtet, die gegebene Anregung auszuführen. Diese Pflicht will und werde ich nun erfüllen! Auf dem kommenden Kongresse werde ich von dem Unternehmen offizielle Mitteilungen machen. Aber auch heute schon ist die Sache soweit fertig, dass sie für die öffentliche Ankündigung gereift erscheint. Ich verbürge mich für diese übernommene Aufgabe, trotzdem ich vom hebräischen Publikum weder Unterstützung noch Subskriptionen verlange. Ich halte es nur an der Zeit, die sichere Tatsache anzukündigen. Die Enzyklopädie soll, wie ich es so oft auseinandersetzte, alle Gebiete des modernen menschlichen Wissens umfassen und ebenso wie die Enzyklopädieen anderer Völker ihre eigenen nationalen Errungenschaften besonders scharf hervorheben, so soll auch die hebräische Enzyklopädie das jüdische Wissen mit der erforderlichen Ausführlichkeit behandeln. Wenn ich behaupte, die Enzyklopädie sei begründet, will ich damit sagen, dass nunmehr alle Schwierigkeiten behoben sind. Der Fond ist gesichert, eine feste Basis geschaffen, die sich nicht auf Wohltätigkeit stützt. Die Arbeit hat begonnen, die Redaktion ist gegründet, die Mitarbeiter werden nominiert. Dieses grosse Werk, das für unsere Nationalliteratur von höchster Wichtigkeit ist, wird mit der grössten Sorgfalt von den hervorragendsten Kräften zu Stande gebracht werden .. . Ich bin sicher, dass das hebräische Publikum es mit Freude begrüssen wird . . Es braucht nicht gesagt zu werden, dass wir die Freude über dieses nationale Unternehmen voll und ganz teilen und ihm vom Herzen Gedeihen wünschen. M. B. Leo XIII. und die Juden. Nach langem, schwerem Todeskampfe ist Papst Leo XIII. am 20. Juli seinem hohen Alter und seiner Krankheit erlegen. In ihm hat die katholische Kirche eines ihrer bedeutendsten Oberhäupter verloren. Die fünfundzwanzig Jahre seines Pontifikates, die in eine Zeit schwerer Krisen der Kirche fallen, bedeuten einen langen, mit der grössten Klugheit und unerschütterlicher Willensstärke geführten Kampf um die Prärogative des Stuhles Petri. Wenn dieser Kampf nur in der ersten Hälfte der Regierungszeit Leos ein erfolgreicher war, so liegt der Grund dafür nicht weniger in der Ungunst der Verhältnisse, als in dem hohen Alter des verstorbenen Papstes. Auch für uns Juden war die Persönlichkeit Leos XIII. von höchster Wichtigkeit. Nach einer Reihe von Jahrhunderten war er der erste Papst, der nicht über Juden als Staatsoberhaupt herrschte. Es wird gewiss in dem Legendenkranze, der dem toten Papste, wie jedem anderen grossen Manne, gewunden werden wird, auch an den gewissen Judenanekdoten nicht fehlen, die bei solchen Gelegenheiten von jüdischer und nichtjüdischer Seite erzählt zu werden pflegen. Tatsache ist, dass unter dem Pontifikate Leo XIII. die Blutlüge grössere Triumphe feierte, als man in Anbetracht seiner Persönlichkeit erwarten durfte. Alle Bemühungen, den Vatikan zu einer mindestens nicht ausgesprochen feindlichen Stellungnahme zu veranlassen, scheiterten an der Politik der daselbst massgebenden Kirchenfürsten. Ja, das offizielle Organ des Vatikans, der „Osservatore Romano", gehörte zu den Journalen, die bei der Ritualmordhetze so wacker mitwirkten, dass der verstorbene englische Kardinal Vaug h a n gerade im Interesse der katholischen Kirche anlässlich der H i 1 s n er - Affäre in Rom die energischesten Gegenvorstellungen erhebenliess. Auch anlässlich der D r eyfus- Affäre hat die Politik des Vatikans — wie sich jetzt herausstellt, allerdings sehr zu ihrem eigenen Schaden — den Juden schweres Leid zugefügt. Dass die sogenannten christlich-demokratischen Bestrebungen, trotz der Enzyklika gegen die Christlichsozialen — die sich übrigens nur gegen ihre bischöfefeindliche Stellung wendete — von der päpstlichen Politik sanktioniert wurden, ist allgemein bekannt. Die Lueger e tutti (juanti waren des päpstlichen Segens sicher, so oft sie eine Wallfahrt nach Rom unternahmen. Gleichwohl werden auch die Juden die hohe