Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Article
- Tischgespräche aus dem Café "Weidhof"
- Date
- 1903-07-17
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316050-3334896--41906-3335022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 14 »Die £ W®1£6* Nr. 29 „Aber ich versteh' gar nicht," sagte Herr Mannelstein, energisch den Kopf schüttelnd, „was sich der Kanzelmann dabei gedacht hat. Wenn es noch das Konzept einer germanischen Predigt wäre! — Aber beim Niederschieiben eines politischen Flugblattes muss man sich denn doch irgend etwas denken." „Das ist ja sehr einfach!*' bemerkte Schwarz, „der Mann hat erwartet, dass am Tage nach Erscheinen des Flugblattes in all*»n Gaifen zwischen Frankreich und dem Böhmerwald wie Donnerhall der Ruf erklingen werde : Heil dem Prediger Lewin aus Schlochau-FJatow. Das ist mal ein urwüchsiger Germane! Der lässt sich lieber von antisemitischen Abgeordneten, die nebenbei auch Deutsche sind, von oben bis unten in Wort und Schrift besudeln, als dass er es ertrüge, von einem nichtdeutschen Abgeordneten nicht besudelt zu werden! Fürwahr ein eiserner Kanzelmann!u „Eisern ist an ihm, mir scheint, nur die Stirne!*, sagte Mannelstein; „ach, wenn ich ihm so meine Meinung schreiben könnte! Wollen Sie mir diktieren, Herr Schwarz? Ein Brief aus dem Cafe Weidhof an den Prediger Lewin in Berlin. Sie diktieren und ich schreibe! Ja?! Bravo! Adolf ein Schreibzeug!" Mit viel WTürde schickte sich Herr Mannelstein im Bewusstsein seiner Mission zum Schreiben an. Herr Kohn diktierte: Euer Ehrwürden! —" Herr Mannelstein schrieb diese beiden Worte nieder und bekam sofort einen konvulsivischen Hustenanfall. „Nehmen Sie ein frisches Papier und fangen Sie noch einmal an," murrte Herr Kohn. „Meine Herren, ich würde Ihnen raten, den Brief überhaupt zu unterlassen. — Es steht nicht dafür Hess sich die gelassen mahnende Stimme des Dr. Ernst vernehmen. Herr Kohn dachte einen Augenblick nach, dann zerknitterte er mit einer geringschätzenden Bewegung das Briefpapier. E. Pt. Die Juden am Rennplatz. Ein Jude, ein Herr Friedmann, ist vom Badener Trabrennplatz ausgewiesen worden. Der Mann hat nicht Frieden gehalten, sondern im Gegensatze zu seinem Namen während des Rennens am Sonntag, den fünften Juli, eine arge Störung verursacht. Es gab als Folge seines Vorgehens weinende Frauen, schreiende Männer, flüchtende Aristokraten und fliehende Komiteemitglieder. Die Juden sind unverbesserlich: Entweder ich verkehre mit „besseren" Christen und gewöhne mich an ihre Umgangsformen — oder ich bleibe zu Hause. Von nun an wird Herr Friedmann zu Hause bleiben. Er ist zwar verurteilt und ausgewiesen — vom Komitee dieser Veranstaltung als unverbesserlicher Skandalmacher stigmatisiert —, aber Herr Fried mann gibt sich nicht zufrieden, er schreibt an alle möglichen Blätter scharfe Proteste, ja er geht sogar zu Gericht. Auch wir wollen daher dieses Komiteeurteil ein wenig überprüfen. Baden bei Wien ist bekannt. Es ist bekannt als reizender Kurort mit Schwefelthermen, Kaltwasserheilanstalten, Zanderinstituten, als Tummelplatz von Antisemiten beider Schattierungen und Sommeraufenthalt zahlreicher zahlungsfähiger Juden. Um den Genuss des Aufenthaltes in diesem von der Natur gesegneten Orte zu erhöhen, veranstaltet ein Komitee Trabrennen, die einen absolut interkonfessionellen Charakter haben. Es ist noch nie vorgekommen, dass man einen Juden, der die nicht sehr massige Gebühr bezahlte, den Eintritt verweigert hätte, ja es geschah sogar sehr häufig, dass Juden als Fahrer oder Stallbesitzer an den Rennen aktiven Anteil nahmen. Dieses beiderseits vorteilhafte, allseits befriedigende Verhältnis störte besagter Herr Friedmann in höchst auffälliger Weise. Nach einem sehr aufregenden Rennen verlangte er schreiend und heftig gestikulierend die sofortige Entfernung eines Komiteemitgliedes vom Rennplatze. Man denke nur, mitten in einem friedlichen Feste, angesichts einer köstlich angeregten Menge, inmitten reizvoll gekleideter Damen und freundlich lächelnder Aristokraten, gestikuliert der Mann heftig und schreit, schreit laut und störend: „Hinaus mit Herrn Hofmüller!" Was hat dieser Herr Hofmüller denn eigentlich Arges gethan? Hier wäre einzuschalten, dass im vorhergegangenen Pennen ein Jude, ein Herr Siegmund Spitz mit seinen Pferden gesiegt hatte. Das klingt sehr einfach, ist aber eine merkwürdig komplizierte Sache. Solch ein Sieg nach einem spannenden Rennen ist eine äusserst aufregende Angelegenheit. Nicht nur dass der Sieger einen stattlichen Preis gewinnt, den die anderen erwartet haben — es gehen auch grosse Summen als Wettbeträge verloren — und das erzeugt: Neid, Hass, üble Nachrede. Aber auch der Sieger, der mit dem ganzen Einsätze seiner Person gekämpft hat, befindet sich in gefährlicher Aufregung. Eigentlich sollte ein Jude nie Wettrennen und wenn er schon ein gutes Pferd besitzt, dann wäre ihm zu empfehlen, hübsch bescheiden zurückzubleiben und sich beileibe ja nicht vorzudrängen. Also Herr Siegmund Spitz war Sieger. Das Publikum blieb trotz dieser starken Belastungsprobe seiner humanen Gesinnung, vorerst ganz ruhig. Es hatte aber auch keine Zeit, irgendwie einzugreifen, denn als Herr Spitz langsam sich dem Stalle zuwendete und freudestrahlend die Glückwünsche seiner Freunde entgegennahm, tötete ihn ein Herzschlag. Das rief ziemliches Aufsehen hervor, das sich teilweise zur Aufregung steigerte. Besonders schmerzlich berührt waren die an wesenden Familienmitglieder des Siegers. Schliesslich versteht man zur Not, dass Frau und Kinder in solchem Falle aufgeregt sind und die allgemeine Festfreude trüben. Das Publikum hörte Weinen und Schreien, die Bewegung verbreitete sich. Die Kunde von der seltsamen Begebenheit störte tatsächlich die Stimmung, ja einige Besucher wollten sich sogar entfernen. Diese Störung verdross das Komiteemitglied, Herrn Hofmüller, er sah ein frühzeitiges Ende des kostspieligen Festes und versuchte es, die Leute in seiner Weise zu beruhigen. „Was ist denn geschehen," so äusserte sich der Mann, „'S is halt a Saujud weniger!" Diese Argumentation wirkte aber nicht sehr beruhigend, im Gegenteil. Die Damen mosaischer Konfession, die solches hörten, begannen zu schluchzen und die Männer waren sehr empört über Herrn Hofmüller. Herr Friedmann aber, der diese Empörung störend äusserte, ist für ewige Zeiten vom Trabrennplatz in Baden bei Wien ausgewiesen. Und offen gestanden, er hat einen Fehler begangen, seine Empfindung ist dem Verstände davongeeilt. Denn bei ruhiger Ueberlegung hätte er sich sogar sagen müssen, dass Herr Hofmüller ausgesprochen hat, was die meisten seiner Festgenossen sich dachten. Wer sich in „bessere" christliche Gesellschaft begibt, muss sich mit ihren Umgangsformen befreunden und alle Konsequenzen tragen. Das hat mit seinem Urteile das Komitee des Trabrennvereines in Baden bei Wien deutlich genug ausgesprochen. Herr Friedmann kann auch noch etwas anderes aus dieser Begebenheit lernen —---wenn er will. H— Z, '