Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Article
- Sydney [Nachricht]
- Date
- 1903-07-17
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 JNe & Welt" Seite 13 Kenntnis der neuen Hebriden und Salomonischen Inseln und glaube, man könne über den Kauf einiger Inseln für die Juden mit der französischen und englischen Regierung schon einig werden. Dr. Herzl habe auf einen diesbezüglichen Vorschlag erwidert: „Ich denke nicht, dass dies un s er Weg sei. Wir haben nichts anderes zu tun, als unsere Kräfte zu sammeln und für die richtige Stunde vorbereitet sein, die vielleicht näher ist, als man glaubt." Es wurden dann gewählt: Mr. E. Gr ee n-Obmann, Stellvertreter : Mr. Hollende r, Harris und Rev. D. Caplan, Sekretär Mr. Gouleston. Feuilleton. Tischgespräche aus dem Cafe „Weidhof". Wien, 15. Juli 11)03. Als Dr. Ernst das Hintei stühchen des Cafe-„Weidhofu betrat, bot sich ihm ein bemerkenswerter Anblick dar : bei einem Tischchen sass der Privatier Herr Mannelstein und starrte mit gramvollem Blicke auf eine Wiener Zeitung, die sich die Verbreitung des Judenhasses zur Lebensaufgabe gemacht hat. Die rechte mit einem ßleistiflehen bewehrte Hand des Privatiers ruhte auf einem aufgeschlagenen Notizbuche« „Wie gehts, Herr Mannelstein?* „Ich notier' mir gerade die Gegenden, wo man mit wirklicher Lebensgefahr spazieren gehen kann/ „Oho! Sie werden doch wohl nicht plötzlich unter die Hochtouristen gehen wollen! — Kniehosen — Rettungsseil um die Taille — schimmernde Eisfelder — " „Ich danke! Wenn ich Eis will, wend' ich mich hier an den Kellner. Ich lass' mich auch nicht an der Leine führen, denn ich heiss' Mannnelstein, und nicht Karo oder Nero. — Nein, ich hab' mir nur jetzt die Liste der Judenreinen* Kurorte, die von den antisemitischen Blättern veröffentlicht wird, genau aufgeschrieben. Vielleicht fällt es mir später doch noch ein, eine Sommerfrische aufzusuchen/ Der Privatier versank in weltentrücktes Sinnen. „Sie gehen heuer nicht aufs Land?4 „Vorläufig nicht!" Herr Mannelstein senkte errötend die Augen. „Mich hält etwas Liebes in Wien fest. — Verzeihen Sie, Herr Doktor, dass ich es auch heute noch nicht über mich gewinnen kann, den Schleier von den zarten Geheimnissen des Herzens wegzuziehen. — Nächstens! Nächstens l" — Herr Mannelstein war in eine sichtliche holde Verwirrung geraten und beeilte sich, von dem spröden Gesprächsstoffe wieder loszukommen. „Ich hab? mir die Liste abgeschrieben,tf sagte er auf die Zeitung deutend, „weil es mir nicht sehr angenehm ist, wenn Einem am Land dräussen fünf kerngesunde, rotwangige Bauernburschen an einem schönen Juliabend hinter einem Häuser - vorsprung auflauern und mehrere Minuten lang mit Knütteln auf Einen loshauen, zur gerechten Strafe dafür, dass man Löwy, Kohn oder Mannelstein heisst." „Von welchem Kohn ist hier die Rede?1* fragte mit scharfer Betonung Herr Kohn, der eben in Begleitung des stud. jur. Schwarz eingetreten war. „Von einem anderen Herrn Kohn," erklärte begütigend der friedliebende Herr Mannelstein; „wir sprachen gerade von antisemitischen Kurorten** „Sie machen da Aufhebens von einem antisemitischen Kurort," sagte Herr Kohn; „ich hab' aber hier bei mir eine viel interessantere antisemitische Spezialität! Meine Herrschaften," rief Herr Kohn im Tone eines Schaubudenausrufers," „haben Sie schon einen regelrechten israelitischen Prediger gesehen, der ausser seinen sonstigen Sachen auch noch den Antisemitismus predigt? Nicht? Nun, so schauen Sie sich ihn gut an! Meine Herrschaften, was ist die Dame ohne jeglichen Unterleib gegen diesen Herrn ohne jegliches Rückgrat! Und was ist das doppelköpfige Kalb gegen diesen Herrn mit der doppelten Zunge! Meine Herrschaften, man höre und staune :u Herr Kohn brachte aus seiner Brieftasche einen Zeitungsausschnitt zum Vorschein und begann vorzulesen : „Zur Wahl in Schlochau-Flatow. Auch ein Flugblatt! Im Wahlkreise Schlochau- Flatow, der eine ziemlich zahlreiche jüdische Bevölkerung hat, wirde noch am Tage der Stichwahl, diezwischen dem Antisemiten und dem Polen stattfand, folgendes Flugblatt versandt: Werte Glaubensgenossen! Herr v. Komorowski ist nach seinen gestrigen Erklärungen nicht der Mann, dem ein deutscher Jude seine Stimme in der Stichwahl geben kann, da er sein Polentum in den Vordergrund stellt. — Es wird uns schwer, einem Antisemiten vom Schlage Böcklers zum Siege zu verhelfen; es bleibt uns aber keine Wahl. Wir empfehlen daher, entweder Böckler zu wählen, oder dem Wahlakte fernzubleiben. Prediger Lewin, Blumenthal, Stadtverordneter, Julius Neumann, Mühlenbesiizer. --—Nun, meine Herren, was halten Sie von diesem kostbaren Seelenhirten? Ich habe ihn seinerzeit für eine phantastische Zeitungsente gehalten, — ich trage die Notiz schon seit etlichen Tagen in meiner Brieftasche, — jetzt aber erfahre ich, dass dieser teutonisch-mosaisch-antisemitische Prediger Lewin tatsächlich eine Figur von Fleisch und Blut ist." „O, das ist ein Skandal — ein Skandaaal! —u rief Herr Manuel stein, mühsam nach Atem und Fassung ringend. „Gott, wenn ich mir vorstell', dass ich nächstens auf die Idee kommen könnte, folgendes Flugblatt in Wien zu verbreiten : Werte Glaubensgenossen! Herr Frantisek Kratochwil ist seinen gestrigen Erklärungen zufolge aus Caslau und daher nicht der Mann, dem ein deutscher Jude seine Stimme in der Stichwahl geben kann, da er, wie gesagt, direkt aus Caslau ist. Es wird uns schwer, einen Talmudforscher und Ritualmordkenner vom Schlage Ernst Schneiders zu wählen, wir empfehlen Euch aber diesen Schlag wärmstens zur Wahl! — Mit treu germanischem Gruss und Handschlag Euer Schulim Mannelstein, m. p. — Gott, wenn es mir passierte," jammerte Herr Mannelstein und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, „dass ich einmal auf eine solche Idee käme, — wissen Sie, was ich dann tat'? Ich würde mit gesenktem Kopf hergehen ins Cafe „Weidhof14 und würde mich dort im Winkel vor den grossen Spiegel stellen. Und dann würde ich mir einen treudeutschen Handschlag rechts versetzen und einen links. Und dann würde ich in den Spiegel hineinschreien : Schäm' dich, Mannelstein, schäm' dich! — So laut würde ich das schreien, dass der Adolf und der Piccoio und die Kassierin hereinstürzen müssten, um zu sehen, was denn geschehen ist. Und dem Adolf würde ich sagen : Sie Adolf, ich teile Ihnen mit, dass ich mich morgen um 10 Uhr vormittags entmündigen lass' und mir einen Vermögensverwalter besorge. Denn ich habe gestern auf einem Flugblatt entdeckt, dass ich unzurechnungsfähig bin. —" Der arme Mannelstein, dessen Phantasie sich solchermassen immer tiefer in einen Schacht schauriger Möglichkeiten hineinwühlte, war ein willenloser Spielball heftigster Verzweiflung geworden, sodass das aufrichtige Mitleid der Anwesenden sich ihm zuwendete. Herr Kohn legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter: „Beruhigen Sie sich, lieber Herr Mannelstein, Sie werden hoffentlich nie in die Lage kommen, di - * rwähnten Schläge zu verdienen."