Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-07-17 · 29 (17.7.1903) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
29 (17.7.1903)
Article
Die "Allgemeine Zeitung des Judentums" über die Wiener Kultusgemeinde [Kommentar]
Date
1903-07-17
Page
11 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316050--41844-3335019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 29 „Die # Welt' Seite lt W*ft-(gbFODik. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums0 über die Wiener Kultusgemeinde. „Nirgends ist die Zerfahrenheit, nirgends der Indifferentismus, nirgends die Taufwut grösser, als in dieser offiziell konservativen Gemeinde, in der jährlich mehr als 500 Jaden zum Taufbecken schreiten." In Wien nicht durchzusetzen! Die jüdische Gemeinde zu Pressburg hat zum Andenken an die verewigte Kaiserin Elisabeth ein Schwesternheim für jüdische Krankenwärterinnen errichtet, das erste in Ungarn. Auch in Budapest sollen demnächst jüdische Krankenschwestern herangebildet werden. Unbarmherzig. Anlässlich der Uebernahme einer bisher privaten Tramwaylinie durch die Kommune Wien wurden alle bisherigen jüdischen Beamten, darunter die meisten Familienväter, samt und sonders aufs Pflaster gesetzt. Die als dienstuntauglich vom Betrieb entfernten Christen wurden zu leichten Remisearbeiten bestimmt. Samuel Gordon in Wien. Dieser Tage weilte hier auf seiner Durchreise nach Galizien, wohin er sich Studien halber begab, der bekannte englisch-jüdische Novellist Mr. Samuel Gord on. Wie unsere Brüder an den jüdischen Nationalfonds denken. Ein vermögender, russischer Gesinnungsgenosse, der sich hier einer späteren Operation unterziehen sollte, hat sich veranlasst gefühlt, hier sein Testament zu errichten, in welchem er den jüdischen Nationalfonds mit 10 Prozent seines Gesamtvermögens bedachte, was eine beträchtliche Summe ausmacht. Norbert Rappa p o r t. Hunderttausend Mark für Tierschutz hat die verstorbene Freifrau von Cohn-Oppenheim nebst anderen Legaten der Stadtgemeinde Berlin hinterlassen. Judengesetze in Russland, H. Sergej Bedjajew aus Kiew veröffentlicht vor einigen Tagen eine Broschüre, die zwei Erlässe des Kaisers Alexander III. aus dem Jahre 1882 über die Ausschreitungen gegen die Juden enthält. Die Erlässe verpönen aufs Schärfste die Ausschreitungen und befehlen Massregeln dagegen zu ergreifen. Die Broschüre soll auf das Volk eine belehrende Wirkung haben. Zwar ist die Absicht sehr gut und dankenswert, ob sie aber fruchten wird? Die Zahl der Juden in Serbien beträgt derzeit 8000. Sie leben meistens vom Handel, sind politisch den Serben gleichgestellt und stellen sin starkes Kontingent in die gelehrten Berufe. Ein Jude, der Bankier Oser, ist Mitglied der Skupschtina. Ein Jubiläum. Am 5. Juli waren es fünfundzwanzig Jahre, seitdem der Berliner Kongress den berühmten Artikel 44 zum Beschluss erhob, womit den rumänischen Juden bürgerliche Gleichberechtigung gewährleistet wurde. Unter dieser Bedingung wurde die Unabhängigkeit Rumäniens anerkannt. Nachtrag zu unserer Liste antisemitischer Badeorte. Amrum. Bandausin Montavon. Brückenau in Unterfranken. Pensionat „Frauenkloster* am Ottilienberg. Freudenstadt im Schwarzwald. Kurhaus Palmenwald. Gundebruck im Untereisass. Inner — Bartholornäa. Kufstein. Gasthaus „zur Gräfin". Langeoog. Leba, Bad — Pommern. Neuenahr. Hotel Schneider, gen. Villa Flora. Sassnitz (Insel Rügen.) Schwarzbach (Bad) b. Wiegandstal. Salzbrunn (Bad) i. Schi., Dachröders Hotel. Trautheim im Odenwald. Zeichen der Zeit. Im Anzeigenteil des „Berliner Tageblatt" finden wir folgende Annonce : Alle Juden, welche die Sozialdemokratie als das schlimmste Uebel im Staate betrachten, welche den politischen Radikalismus der Juden für verderblich halten und wieder Fühlung mit den nationalen Parteien suchen wie zu Laskers Zeiten, werden gebeten, ihre Adresse zur Bildung einer Vereinigung niederzulegen unter „Deutsches Vaterland" bei dem Annoncenbureau von A. Stolberg, Berlin, NO, 18. Kleine Frankfurterstr. 24. Die freisinnige Partei klaubt sich auf dein Inseratenwege wieder zusammen. Die „russische" (95 Prozent Juden) Kolonie von Bern beschloss, das von der jüdisch-nationalen Verbindung ,,Kadimah" veranstaltete Konzert zu Gunsten der Kischenewer .luden nicht zu besuchen. Dafür hat sie ihrem Mitgefühl bereits durch ein von ihr veranstaltetes Tanzvergnügen (allerdings nicht zu Gunsten der Kischenewer) Ausdruck gegeben. , Die jüdische Einwanderung nach Nordamerika ist durch den Einfluss des Kischenewer Unglückes bedeutend gestiegen. Juni 1901 bis Juni 1902 betrug die Zahl der eingewanderten Juden 57 688, in den letzten zehn Monaten dagegen schon 61 816. 64 Prozent kommen aus Russland, 25 Prozent aus Oesterreich- Ungarn und 10 Prozent aus Rumänien. (Bericht des Immigrations-Bureaus.) Eine phonographische Probepredigt. Die ungarischisraelitische Gemeinde in Chicago wandte sich an den Pressburger Oberrabiner mit der Bitte, ihr einen streng religiösen Rabbiner zu empfehlen, der in der Chicagoer Gemeinde ungarische Predigten halten soll. Da infolge der grossen Entfernung auf ein persönliches Erscheinen des Kandidaten zur Abhaltung einer Probepredigt nicht reflektiert werden könne, erbat sich die Gemeinde phonographische Probereden. Dem Wunsch wurde Genüge geleistet, indem der Pressburger Oberrabbiner Herrn M, Fischer, einen Sohn des Raaber Rabbiners J.Fischer, empfahl. Der erhaltenen Weisung gemäss sprach der in Vorschlag gebrachte Rabbiner eine ungarische und eine deutsche Predigt in den Phonographen, worauf der Apparat nach seinem Bestimmungsort gesandt wurde. In Chicago gefielen die beiden vom Phonopraphen getreulich reproduzierten Kanzelreden so gut, dass Herr M.Fischer sofort zum Prediger erwählt wurde. Zur Nachahmung empfohlen. Vielleicht kann man für gewisse Rabbiner überhaupt so ein WäJzchen nehmen, mit der konstanten Rede: Wir haben eine Mission — es wird besser werden — der Zionismus ist verderblich etc. etc. Wie Viktor Hugo die grosse Rachel entdeckte. Die jüngst erfolgte Eröffnung des Viktor Hugo-Museums in Pans veranlasst den „Gil Blas", folgende Anekdote aufzufrischen : Viktor Hugo liebte es, planlos die Strassen zu durchstreifen. Bei einer dieser Promenaden traf er ein jüdisches Mädchen Namens Rachel, das sich in der Nähe des Observatoriums als Strassensän gerin Geld zu verdienen suchte. Als sie sammeln ging, gab ihr Viktor Hugo ein Goldstück. „O", sagte Rachel, indem sie ihm dankbar die Hand küsste, „wenn mir nur ein Mensch gute „chansons" machen wollte!" Der Dichter nahm einen Haufen Papiere aus seiner Tasche. „Hier, mein Kind," sagte er, „sind Verse, die einer meiner Freunde in Musik setzen will; sing sie nur vorläufig nach irgend einer Melodie, ich liebe die Strassenlieder!" So entdeckte Viktor Hugo die später so berühmt gewordene Rachel, denn aus der flüchtiger Begegnung entwickelte sich eine dauernde Freundschaft, und Hugo sorgte für die Ausbildung des talentierten Mädchens. Die Anekdote erzählt Arsene Houssay e in seinen „Memoiren". Sie beruht aber nicht auf Wanrheit, da die Rachel vom Pariser Konservatorium ausgebildet wurde. Eisenbahnen in Palästina. Wie die „Moskowskija Wjedomosti" berichten, haben die Vorbereitungsarbeiten zum Bau einer Eisenbahnlinie Kaiffe-Mzerrib noch im März 1. J. begonnen. Am 29. Juni fand in Kaiffe die offizielle Eröffnung der Arbeiten statt; an der Feier nahm der speziell zu diesem Zweck aus Beirut gekommene Vali teil. Die Linie Kaiffe-Mzerrib ist eine Abzweigung der Hedschaner Linie, die 12f> Kilometer lang it-t. Sie wird als Ausgang zum Meer dienen und eine grosse strategische Bedeutung haben. Die Arbeiten gehen nur langsam vor sich. Die Juden in Deutschland. Nach einer Aufstellung des Berliner „Vorwärts" auf Grund der Volkszählung im Jahre 1900 beträgt die Zahl der Juden in Deutschland 586.833. das ist ein Prozent der Gesamtbevölkernng von oG1/., Millionen. Im Jahre 1871 betrug ihr Anteil PH"',,, ist also derzeit um 0-3°/,, heruntergegangen. Ueber dem Durchschnitt stehen B e r 1 i n mit 4-9°/,, Juden, Westpreussen mit l'2°/0 (1871 S.°j0\ Posen mit P9% (1871 3-9%) und Hossen- Nassaumit 12'5°/n (1871 2'(>%)» unter dem Durchschnitt Sachsen mit 0-30%. In den Jahren 1895 bis 1900 haben 2888 Uebertritte zum Christentum stattgefunden. Personalnachrichten. Unser Gesinnungsgenosse Bankbeamter Rosenzwei g-Ban jaluka und Frau wurden durch die glückliche Geburt eines Sohnes erfreut. — Dr. Samuel Wolfen st ein, Superintendent des jüdischen Waisenhauses von Cleveland, Ohio, Vater der begabten Schriftstellerin Miss Martha Wolfenstein, feiert sein silbernes Jubiläum. Wir schliessen uns den zahlreichen Gratulanten gerne an. — Am 25. Mai a. c. verschied unser Gesinnungsgenosse, Herr Moses We i d b e r g, Kosenerjece nach langem schwerem Leiden. Er war mit Leib und Seele Zionist. Wir verlieren an ihm einen treuen Mitarbeiter.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.