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Die Welt · 1903-07-17 · 29 (17.7.1903) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
29 (17.7.1903)
Article
Petersburg [Kommentar]
Date
1903-07-17
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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«eitc 10 „Bffl* & WtiS^ Nr. 29 für die Metamorphose des Herrn White äusserst charakteristisch sind. Den massgebenden Kreisen in Russland erzählte Herr White, dass der Antisemitismus in England den russischen an Intensität bedeutend übertreffe. Jetzt habe die Bewegung gegen die Juden in England an Umfang zugenommen, Den einzigen Ausweg aus der schrecklichen Lage erblickt Herr White in der Gründung eines Judenstaates, aber eines solchen, der von den Mächten als freies Territorium der Juden garantiert werden soll. Der Zionismus rechne nicht mit den politischen Rechten eines Staates und deshalb sei er zum Misserfolg verurteilt. (?) Nach Ansicht des Herrn White wäre die Gründung eines Staates mit politischen Rechten deshalb von Vorteil, weil man die obligatorische Ansiedelung des ganzen jüdischen Volkes in diesem Staate vornehmen könnte. Geld hätte Herr White, so versicherte er die Russen, zur Genüge, aber kein Territorium. Nun ging er nach Russland, lim . . . um von der russischen Regierung dieses Territorium zu erwirken ... Es ist kein Scherz, sondern in dem Blatt des Fürsten U|c h t o m s kij wörtlich zu lesen . . . Herr W h i t e verlangt von Russland, dass es zum Zweck der Begründung des von ihm näher bezeichneten Judenstaates Armenien bestimme und zwar hauptsächlich deshalb, „weil die Armenier als ein in den Kniffen der Geschäftswelt eingeweihtes Volk von den Juden am allerwenigsten zu leiden hätten . , / So die Ansicht dieses Judenstämmlings, der bei dem verstorbenen Baron Hirsch eine so bedeutende Rolle spielte ... Ernstlich auf diesen Plan des Herrn White zu reagieren, wäre mehr als überflüssig, aber als Zeichen der wirklich aussichtslosenLage der russischen Juden verdienen die „Pläne" des Herrn White einige Beachtung . . Petersburg. Es wird in Russland gegenwärtig die Artikelserie der flNowoje Wremja" vielfach bemerkt, in welcher das Blatt die Juden heftig angreift und sie als auf dem Gebiete des Grundbesitzes äusserst gefährliche Schädlinge hinstellt. Die „Nowosti" versuchten zwar, die unrichtigen statistischen Angaben der „No woje Wremja" hervorzuheben und den Nutzen nachzuweisen, weichen die Juden als Grundbesitzer gebracht haben, aber die Artikel des Antisemitenblattes haben Eindruck gemacht, weil man in ihnen eine mächtige Hand erblickt, welche Interesse daran hat, die den Juden feindliche Stimmung im Reiche zu erhalten und zu verschärfen . . . Petersburg. Unter Alexander III. haben es die russischen Judenfeinde bekanntlich durchgesetzt, dass der Zar von dem bekannten Fälscher Luto stawski ein die Juden arg verleumdendes Werk entgegennahm und ihm den kaiserlichen Dank ausdrückte; jetzt hat sich das wiederholt, denn den Judenfeinden ist es gelungen, den Kaiser N i k o 1 a u s II. zu bewegen, von Kruschewan, dem bekannten Leiter der antisemitischen Zeitschriften „Bessarabetz" und „Snamj a", ein Buch über Bessarabien entgegenzunehmen, in welchem die Juden und die anderen nichtrussischen Elemente im Gebiete systematisch verleumdet und angeschwärzt werden. Der Zar hat ihm auch bereits seinen Dank ausgedrückt . . . Uebrigens ist es einu alte Taktik der russischen Antisemiten, unter dem Deckmantel wissenschaftlicher und pädagogischer Werke judenfeindliche Tendenzen zu verfolgen. Wer kennt in Russland die historischen Lehrbücher des Moskauer reaktionären Professors Ilowaiski nicht? Sie strotzen von Verleumdungen gegen die Juden. Im „Woschod* weist ein Herr Petrischzew darauf hin, dass das in Russland verbreitete Handbuch der Geographie von L e b e d e w, welches in allen Schulen gebraucht wird, von hässlichen Ausfällen gegen die Juden überfallt ist. Was Wunder also, dass alle Elemente in Russland sozusagen zu Judenfeinden förmlich herangezogen werden . . . Kischenew. Der bekannte Vorsteher des Stände- Kranken hauses zn Kischenew, Dr. D oroschewskij, einer der wenigen Christen in der Stadt, welche während der Greueltaten die Juden zu schützen suchten, wurde, wie die „Suschnoje Oboszenje* meldet, genötigt, sein Amt niederzulegen» Die Demissipn ist darauf zurückzuführen, dass Dr. D o r o s ch e w s kij die Namen der schuldigen Beamten öffentlich nannte, die wahren Ziffern der getöteten Juden und die wahren Tatsachen der schrecklichen Tage nicht verheimlichen wollte. Kischenew. Es hat sich dieser Tage, wie südrussische Blätter melden, ein Ereignis abgespielt, das auf die blutigen Ereignisse von Kischenew ein eigentümliches Licht wirft. Bekanntlich hat die dem Polizeidirektor Lo puchin von der Kischenewer Judengemeinde unterbreitete D e n ks ch r i f t unter anderem auf die Tatsache hingewiesen, dass die geistigen Urheber des schrecklichen Blutbades von Kischenew Personen waren, welche hohe Staatsämter bekleideten... In Petersburg schenkte man dieser Behauptung der Juden keinen Glauben und der „Regierungsbote" teilte in seiner Darstellung über die Ereignisse mit, dass nur der Pöbel die Massacres geleitet und durchgeführt hätte. Vorige Woche traf in Kischenew der Direktor des Departements im Justizministerium, Geheimrat Tschaplin ein, um die Untersuchung über das Verhalten der Hauptschuldigen an den Massacres zu übernehmen. Und seine bloss zweitägige Anwesenheit in Kischenew hatte genügt, um die Teilnahme hoher Staatsbeamten an der Veranstaltung des Blutbades festzustellen. Durch die Indiskretion eines Beamten erfuhr der Notar Pissarsche wskij, dass Geheimrat Tschaplin seine T e iln ah m e an den Massacres k on s t a t ier t und den Befehl erteilt habe, den pflichtvergessenen Notar unter Anklage zu stellen. Pis sarsche wskij wollte aber nicht vor den irdischen Richtern erscheinen und beging einen Selbstmord . . . Kischenew. Der neue Gouverneur von Bessarabiem Fürst Sergei U r u s s o w, ist dieser Tage in Kischenew eingetroffen. Die a n t i s e m i t i s c h e n Honoratioren der Stadt wollten den neuen Gouverneur in corpore auf dem Bahnhofe empfangen, Fürst Urussow lehnte jedoch diese ßegrüssung ab. Gt. Dubossary. Der Bauer Anton Tischtschenko aus Dubossary gestand, den christlichen Knaben Rybalenko, dessen geheimnisvoller Tod von den Antisemiten zu einem Blutmärchen benützt wurde und indirekt die Ursache der Kischenewer Massacres war, ermordet zu haben. (Hazofe.) Lodz. Die Kischenewer Vorgänge haben auch hier starke Unruhe und Aufregung hervorgebracht. Gerüchte über bevorstehende Judenmetzeleien flattern auf und werden von der Masse geglaubt, die von ihrer vollständigen Wertlosigkeit dem Pöbel gegenüber mit Recht überzeugt ist. Und doch sollte man kaum glauben, dass die Lage der hiesigen Juden eine Verschlechterung ertahren könnte. In West-Europa fehlen die Begriffe zur Schilderung der Not in der sogenannten „Altstadt" der russischen Judenstädte. Viel Verzweiflung, unendliches Entsagen in den einfachsten Bedürfnissen füllen bei fast allen ihrer Bewohner ein ganzes langes Menschenleben aus, das man nicht mehr Leben nennen kann. Da kämpft ein alter, gramgebeugter Jude gegen den Hunger der Seinen, indem er eine Handvoll gesottener Erbsen um eine Kopeke ausbietet; er findet nicht jeden Tag für seine fünfzig Handvoll Käufer, aber jeden Tag zu Hause seine sechs Kinder ... Jüdische Frauen stehen neben dem Bollwerk ihrer Existenz; einem Korb Aepfel für einen Rubel; es istihr letzter Schatz und über Nacht verfault er, das Schicksal heisst sie betteln. Das sind nicht zwei, sage ich Euch, das sind alle, der Markt voll, die Stadt voll. Mit krankem Herzen schreite ich durch das Elend, schrei ich für das Elend: Gebt uns ein Leben! M. J. Libau. Die Auswanderung der Juden aus Russland nimmt einen immer grösseren Umfang an. In der abgelaufenen Woche sind mit dem Dampfer „Pernij*'', wie der „Rischskij Wjestnik" („Der Rigaer Bote") meldet, wieder 100 jüdische Familien nach Afrika ausgewandert. Paris. Der bekannte jüdische Künstler Israel R o~ chum owski hat für einige Kunstgegenstände, die er im Pariser Salon der französischen Künstler ausgestellt hat, die Medaille III. Klasse erhalten. London. Um dem Treiben der Londoner Missionsgesellschaft ein Gegengewicht zu bieten, hat sich hier eine „ Anti-Jewish Mission League" gebildet, die zur Belehrung eine Zeitung in. englischer und hebräischer Sprache herausgeben und eine Bibliothek gründen wird.

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