Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1903-07-17
- Page
- 9 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Die # Weit" Seite 9 Korrespondenzen. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 9. Juli 1903). Aus dem Einlaufe wird bekanntgegeben: Eine Mitteilung des Herrn Statthalters von Niederösterreich als Vorsitzenden des Landessehulrates, betreffend die neuerliche Ernennung des von der Kultusgemeinde in Vorschlag gebrachten Vorstehers phiJ. und jur. Dr. Markus Spitzer zum Mitgliede des Bezirksschulrates der Stadt Wien als Vertreter des israelitischen Religionsunterrichtes für eine sechsjährige Funktionsptriode. — Herr Architekt Max Fleischer referiert über die Durchführung der seinerzeit vom Vertreterkollegium beschlossenen Herstellung einer Anlage an einem Teile des Währinger Friedhofes. Im Anschlüsse an dieses Referat bemerkt Vizepräsident Dr. Stern, dass die zu diesem Zwecke eingeleitete Sammlung bei Familien, von welchen Angehörige auf dem Währinger Friedhofe bestattet sind, eine Summe ergeben habe, durch welche die Kosten der bisher fertig gestellten Anlage gedeckt erscheinen. Die Erhaltun gekosten der Anlage werden im Sinne einer diesbezüglichen Ermächtigung d^r Stiftungsbehörde aus den Zinsenüberschüssen einer Graberhaltungsstiftung gedeckt werden. Nach längerer Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Steiner, Dr. Stern, Dr. R a p p ap o r t, Theodor Ritter v. T a u s s i g und Baurat S t i a s s n y beteiligten, wird die bisher durchgeführte Herstellung der Parkanlage, sowie die Art der Bedeckung der Kosten genehmigt, die Beschlussfassung über den weiteren Modus nach einem neuerlich durch den Vorstand vorzunehmenden Lokalaugenschein vertagt. — Herr Oberingenieur Arthur Edler von Mises referiert über einige vom Rabbinate in Vorschlag gebrachte Aenderungen administrativer Natur im Schachtwesen. Die Anträge werden nach einer Debatte, an welcher sich die Hrn. Eltbog e n, Dr. K o h n, Käufers und Hoffmann beteiligten, angenommen. Zum Amanuensis der Bibliothek der israelitischen Kultus gemein de Wien wird der von den Experten primo loco in Vorschlag gebrachte Dr. Bernhard W a c hst e i n bestellt. Wien. Am 5. Juli vormittags fand in der vom Vereine „Osse-Chesed* II, SchifTamtpgaFse 5, ins Leben gerufenen und ausschliesslich von diesem erhaltenen hebräischen Knabenschule die Schlussprüfung statt, zu der sich ein zahlreiches Publikum einfand. Unter anderen waren auch zugegen: Herr Norbert Rapaport, der die Seele dieser Schule ist, Prof. Graubart, Ehrlich, Otto Liebling,' und Schriftsteller David Rothblum. Na> h den einleitenden Worten des Präsidenten begann die Prüfung der Schüler durch den Leiter der Schule Prof. Dr. Li e brei ch, Der Erfolg war ein geradezu verblüffender. Die Kinder gaben auf die hebräisch gestellten Fragen hebräische Antworten zum grössten Erstaunen der Anwesenden. Herr Prof. Liebreich kann auf die erzielten Resultate stolz sein. Nach Schluss der Prüfung sprach Herr Rothblum seine Genugtuung über das Gehörte und Gesehene aus, gleichzeitig aber auch sein Bedauern darüber, dass diese Schule, die eine wahre Musterschule werden könnte, von Seite der Kultu^gemeinde so vollständig ignoriert wird. Im selben Sinne sprach Herr Ehrlich und Herr Rapaport, der die merkwürdige Tatsache verkündete, das-s die Kultusgemeinde derSchule wohl eine klein« Subvention versprach, dor>h du» Summe ^ie liquidierten!) ._,ir<]r. Karlsbad. Zur Notiz für die zahlreichen hierher kommenden jüdischen Kurgäste führen wir nachstehend folgende Karlsbader antisemitische Hotels auf: Hotel Morgenstern, Hotel National, Hotel de Russie, Residenz-Hotel, Cafe Sanssouci, Cafe Schweizerhof, Haus Grillparzer, Alte Wiese, Haus Rom. Feldherr, Neue Wiese, Haus Oelzweig (Marienbadcrstr.), Haus Italia (Schlossberg), Haus Florenz (Schlossberg), Haus Stadt Warschau (Kaiserstr.), Haus Malta (Kaiserstr.), Haus Rosenstock (Kaiserstr.), Haus Brandenburg, Thor (Kreuzstr.), Haus Germania (Schlossberg), Haus Preuss. Krone (Egerstr), Haus Egeria (Egerstr.), Haus Diamant (Egerstr.), Haus Engl. Krone (Egerstr.), Haus Schubert (Parkstr.). Berlin. (Neues jüdisches Kranke n h a u s.) Die jüdische Gemeinde beabsichtigt, ein neues grosses Krankenhaus im Norden von Berlin an der Schulstrasse gegenüber der dortigen jüngst errichteten Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde in der Exerzierstrasse zu errichten. Das in Aussicht genommene Gelände gehört der Stadt Berlin, hat eine Grösse von 14 Morgen und wird von vier Strassen, der Christiania-, Schul-, Exerzierstrasse und Strasse 67 begrenzt. Köln. Am 28. v. M. fand im Saale der Rheinlandloge die ordentliche Mitgliederversammlung des Vereines für jüdische Krankenpflegerinnen statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende Dr. B. A u e rbach der leider zu früh verstorbenen Vorstandsmitglieder, Ph. Neckarsulm er und Fritz Rothschild. Ersterer hat letztwillig dem Pensionsfonds 10.000 Mark vermacht und von den Angehörigen des letzteren wurden demselben Fonds 1500 Mark überwiesen. Die Anwesenden erhoben sich zu Ehren der Verstorbenen. Der Vorsitzende erstattete alsdann einen Bericht über die Lage des Vereines und dessen Tätigkeit im abgelaufenen Jahre. Auf eine Anfrage aus der Versammlung nach den für die Privatpflege verfügbaren Schwestern erwiderte der Vorsitzende, dass eine ausgebildete Pflegerin wegen Heirat aus dem Verein ausgetreten, eine zweite wegen schwerer Erkrankung ihrer Mutter auf unbestimmte Zeit beurlaubt worden sei, und dadurch die Zahl der Schwestern für die Pflege der Familien sich auf fünf vermindert habe; naturgemässsei der Verein mit diesen Kräften noch nicht in der Lage, allen an ihn von hier und auswärts gestellten Anforderungen zu entsprechen. Bei der Entsendung von Schwestern werde immer die Reihenfolge der Anmeldung und die Schwere Her Krankheitsfälle in Rechnung gezogen. Die bisherige fortschreitende Entwicklung des Vereines lasse eine stetige Zunahme der Zahl der Pflegerinnen erhoffen. Stuttgart. Die württembergische Kammer der Abgeordneten hat den Beitrag zur Israel. Zentralkirchenkasse in Höhe von Mark 41 200.— ohne Debatte einstimmig genehmigt. Stuttgart. Aus dem lt. Rechenschaftsbericht der israelitischen Waisenanstalfc „Wilhelmspflege" in Esslingen, deren Wirken vom König von Würtemberg belobt wurde, entnehmen wir: Der Verein eorgt für Waisen und verwahrloste Kinder. Vermögen 439.95955 Mark, Einnahmen im Berichsjahre 36.171 Mark. Ausgaben 18.692 M. Zöglingszahl 23. Obmann des Ausschusses Kommerzienrat E. Benzinger. Die Königin spendete jedes Jahr für den Sparfonds der Kinder. Ein Zögling, S. Hirsch, hat die Anstalt vor 50 Jahren verlassen und brachte es bis zum amerikanischen Gesandten. Er stiftete heuer 1000 Dollars für die Anstalt. Frankfurt a. M. Im neuen Reichstage sind folgende Wahlkreise antisemitisch vertreten: Friedeberg-Arnswalde (Brandenburg) durch Bruhn, Schlochau-Flatow (Brandenburg) durch Böckler, Uersfeld (Hessen-Nassau) durch Werner, Rinteln-Hofgeismar (Hessen-Nassau) durch Grat Reventlow, Kassel (Hessen-Nassau) durch Amtsrichter Lattmann, Bautzen (Sachsen) durch Graefe, Fritzlar (Hessen-Nassau) durch Liebermann v. Sonnenberg, Pyritz (Pommern) durch Pastor Kroesell, Sternberg (Brandenburg) durch Fröhlich, Siegen (Westfalen) durch Hofprediger a. D. Stöcker, Dilienburg (Hessen-Nassau) durch Dr. Burckhardt. Karlsruhe. Freifrau Adelheid von Rothschi] d, die in Paris verheiratete Tochter des vor 2 Jahren in Frankfurt vestorbenen Barons Wilh. v. R o th s c h i 1 d, hat für die Errichtung einer Lungenheilstätte für Israeliten in Adelsheim eine halbe Million Mark gespendet. Die Ansialt heisst „M. A. v, Rothschildsche Lungenheilanstalt". Vorsitzender des Ausschusses ist Rabb. Dr. L. Löwenste i n-Mosbaoh. Strassbtirg. Die Niederlage des klerikalen Rodakteurs Hauss gegenüber dem Demokraten Blumenthal (Juden) bei der Reichstagswahl in Strassburg-Land führte in Hochfelden zu Exzessen. Die Erbitterung der Klerikalen gegen die Protestanten und Juden ist so gross, dass sich in der Nacht von Sonntag auf Montag 150—200 Personen, meist junge Burschen, vor der Wirtschaft „Zum goldenen Löwen'4 zusammenrotteten und unter Schreien und Johlen den Ort durchzogen. Das elektrische Licht wurde durch Kurzschluss ausgelöscht, die Fensterläden des Fruchthändlers Aron wurden mit Steinen bombardiert und etwa 25 Revolv.erschüsse abgefeuert. Wo sich, durch den Lärm aus dem Schlafe geweckt, Protestanten oder Juden am Fenster zeigten, wurden sie beschimpft oder bedroht. Als durch die Gendarmerie zwölf der schlimmsten Exzedenten nach dem Wachelokal abgeführt wurden, ertönten Rufe: Messer 'raus, das Wachthaus muss gestürmt werden! Mit wüstem Lärm dramj die Menge vorwärts und suchte das Haus zu demolieren; es gelang ihnen jedoch nicht, die Gefangenen zu befreien. Mit dem geladenen Revolver in der Hand trieben die Gendarmen die Ruhestörer auseinander. Erst gegen 2 Uhr morgens trat allmählich Ruhe ein. Der Vorfall wurde telephonisch nach Strassbure berichtet. Petersburg. Seit einigen Tagen weilt in der russischen Hauptstadt der ehemalige Günsilirg des Baron Hirsch. Mr. Arnold White, Ueber den Zweck seines Petersburger Besuches haben die „P e te r s b u r g s k i j a W j e d o tn o s t i" einige Einzelheiten mitgeteilt, welche