Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Article
- Baseler Korrespondenz
- Date
- 1903-07-17
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316050-3334841--41793-3335016- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 „Ute jfc Weir Nr. 29 Sehr geehrter Herr Redakteur! Dr. Max Nordaus Betrachtungen in seinem Artikel „Blutniärchenu veranlassen mich zu nachfolgendem Vorschlage : Psychologisch ist es sehr begreiflich, wenn Leute wie Reinach schmutzige antisemitische Geschäfte aufnehmen und sich noch dabei sehr geehrt fühlen, wenn sich die Antisemiten zu ihren Unternehmungen des von ihnen so verachteten Judenpacks bedienen. Es wird nützlich sein, in diesem Zusammenhange auch der verschiedenen Unternehmungen der Luegerpartei in Wien zu gedenken, die mit Hilfe von Juden oder von solchen, die noch dafür gelten, ausgeführt wurden. Als die englische Gasgesellschaft aus Wien verdrängt werden sollte, hat Herr Lueger nach langem vergeblichen Suchen seine Anleihe endlich bei einer Berliner jüdischen Bankiersfirma an den Mann gebracht. Ebenso hat sich das judenfeindliche Rumänien ganz und gar nicht abgeneigt gezeigt, jüdisches Geld zu akzeptieren, um den drohenden Bankerott für eine Weile aufzuhalten. Selbst Russland gestattet auch jüdischen Bankiers, ihm aus seinen Finanznöten zu helfen. So lange diese Geschäfte gut gehen, hat die Judenschaft darunter nicht zu leiden. Nur dass die verschiedenen Blätter und Judenfeinde darauf hinweisen, dass wieder einmal das jüdische Kapital Wien, Rumänien, Russland oder sonst einen Staat oder eine Stadt ausbeute; denn dass diese Geschäftsleute in Wahrheit nichts mit dem Judentum als solchen zu tun haben, dass wird immer übersehen oder absichtlich verschwiegen. Will es aber das Unglück, dass die Geschäfte aus irgend einem Grunde schlecht gehen, dann wird die „Panamageschichte" sofort von aller Welt und nicht nur von den notorischen Judenfeinden den Juden aufs Kerbholz geschrieben. Dabei verschlägt es den gestrengen Kritikern gar nichts, ob die beteiligten Geschäftsleute getaufte Juden, jüdische Antisemiten oder sonst mit dem Juden turne in keinem Zusammenhange stehende ehemalige Juden sind. Um wenigstens von unserer Seite etwas gegen derartige Unterstellungen, nnter denen dann alle Juden leiden müssen, nach Möglichkeit zu verhüten, mache ich folgenden Vorschlag : Alle von antisemitischen Ländern, Städten oder sonstigen Gruppen bei Juden oder mit Hilfe von Juden plazierten Anleihen mögen von einer eigens biezu eingesetzten Kommission von Fachleuten geprüft werden. Falls das Resultat der Prüfung ein ungünstiges ist, so soll dieses Resultat der ganzen europäischen Presse mitgeteilt werden. Wir erzielen dadurch, dass nicht wir alle für Geschäftchen verantwortlich gemacht werden können, welche wir in ihrem richtigen Werte aufgezeigt haben. Zweitens zeigen wir organisierten Juden, dass wir mit dieser Clique, welche den Juden schon soviel Unheil gebracht hat, nichts zu tun haben. Natürlich müssten diese Untersuchungen nicht agitatorisch, sondern streng sachlich geführt werden. Mit der Bitte, diesen Vorschlag Ihren Lesern in Ihrem geschätzten Blatte zu unterbreiten, bin ich mit der Versicherung meiner Hochachtung Ihr ergebener Gerhard P o 1 ak. Amsterdam, 9. Juli 1903. An die jüdische Jugend! Die Zukunft jedes Volkes beruht auf seiner Jugend. Der Geist der sie erfüllt, bestimmt sein Schicksal. Daruni ist es bemüht, sie zu selbstbewtissten und treuen Söhnen zu erziehen. Und welches Volk hat dazu mehr Grund als das unsere, dessen Jugend ihm gleichmütig, wenn nicht feindlich gegenübersteht? Diese Gleichgiltigkeit, diese Feindseligkeit müssen wir besiegen. Zur Lösung dieser Aufgabe wollen wir durch die Gründung einer Jugendzeitschrift beitragen, welche die einen ihrem Volke erhalten, die anderen wiedergewinnen soll. Die Zeitschrift wird dieses Ziel durch anregende Vorführung jüdischer Geschichtsbilder, durch Uebersetzungen aus unserer alten und modernen Literatur, durch belehrende, leicht verständliche Aufsätze über jüdische Fragen erreichen, und schliesslich wollen wir in unserer Jugend durch das Studium unserer Nationalsprache die Liebe zu unserem Volke wiedererwecken. Wer könnte da noch zögern? Dich, hoffnungsberechtigte jüdische Jugend, und euch, ihre Freunde und Förderer, rufen wir auf, an diesem grossen und segensreichen Werke mitzuarbeiten und uns aufs tatkräftigste zu unterstützen. Heiligste Pflicht eines jeden jüdischen Kameraden ist es, das Erscheinen unserer Zeitschrift durch eifrige Sammlungen für den Rressfonds zu beschleunigen und dafür Sorge zu tragen, dass „Unsere Hoffnung1' in jedes jüdische Haus Eingang finde, und dann ist die Zeit nicht ferne, wo unsere Jugend ihrem Volke wiedergewonnen sein wird. Unsere Jugend ist unsere Hoffnung! Hochachtungsvoll Das Presskomitee. Geldspenden und Briefe beliebe man mit dem Vermerke „Unsere Hoffnung'1 an iur. Josef Hass, jetzt III., Pfefferhofgasse 4, oder an die Redaktion „Die Welt", IX., Türkenstrasse 9, zu richten. * Jüdischer Verlag Berlin, Grossbeeren Strasse 75. An die jüdischen Vereine! Die furchtbaren Ereignisse in Kischenew haben wieder einmal gezeigt, wie ausserordentlich notwendig der Zusammenschluss der Judenheit in geeignete Organisationen ist, und zweifellos haben die Hilfsaktionen Juden aller Schichten in höherem Masse einander näher gebracht, als alle Vereinsbestrebungen es je gekonnt hätten. Umsomehr ist es Pflicht der jüdischen Vereine, sich so weit als nur möglich für die Hilfsaktion zugunsten der K> schenewer Juden einzusetzen. Unser Verlag hat sich nun entschlossen, das in Zeitungsartikeln verstreute und in Privatbriefen und Berichten der Gesamtheit nicht zugänglich gewordene Material — so weit es sich nach eingehender Prüfung als authentisch erwiesen hat — zu einer kleinen Schrift zu verarbeiten und zu bleibender Erinnerung in Massenauflagen herzustellen und zu verbreiten. Neben der bleibenden Erinnerung und der grossen Verbreitung hoffen wir, durch Abführung des Reingewinnes nach Kischenew zu unserem Teil etwas Positives zu den Sammlungen beizusteuern. Um auch die jüdischen Vereine hierfür zu interessieren, schlagen wir vor, Ihnen die Broschüre bei Bezug von mindestens 6 Exemplaren zu 60 Pfg. per Stück (exklusive Porto) zu liefern, so dass Sie den beim Verkauf erzielten Gewinn im Namen Ihres Vereines zu den Kischenewer Sammlungen beisteuern können. Wir müssen es Ihnen jedoch hierbei zur Pflicht machen, die Broschüre nicht unter einer Mark zu verkaufen, legen Ihnen aber gleichzeitig nahe, wo Sie einen höheren Preis erzielen können, darauf hinzuarbeiten. Bei der vorzüglichen Ausstattung der Broschüre, die auch eine Reihe von Illustrationen enthält (darunter auch ein Gedenkblatt von E. M. Lilien), wird Ihnen dies nicht schwer fallen, so dass auf diese Weise ein bei weitem höherer Betrag für unsere armen Brüder zusammengebracht werden kann. Wir hoffen, dass Sie nicht nur in Ihrem Vereine in dieser Richtung arbeiten werden, sondern dass Sie auch befreundete Vereine und geeignete Privatpersonen veranlassen werden, sich die Sache angelegen sein zu lassen. In Erwartung Ihrer möglichst prompten Bestellungen zeichnen wir hochachtungsvoll Jüdischer Verlag. Der Versand der Schrift erfolgt nur gegen Voreinsendung oder Nachnahme. * An die verehrten Glaubens- und Stammesgenossen! Die Unterrichtskurse in der Toynbee - Halle haben begonnen. Massenhaft strömten sie herbei, die lernbegierigen jungen Mädchen und Jünglinge unserer armen Stammesgenossen, um teilzunehmen an den französischen, englischen, deutschen Kursen, Stenographie und Literatur. Doch welch traurige Erfahrungen mussten wir bei Beginn des Unterrichtes machen! Viele von ihnen waren nicht in der Lage, sich Bücher anzuschaffen, da ihre ärmlichen Verhältnisse es nicht erlaubten; viele von ihnen, denen diese Kurse für ihre Berufe von grösster Wichtigkeit wären, mussten zurücktreten, andererseits musste es ermöglicht werden, 2—3 Teilnehmer mit einem Buche zu versorgen. Ich wende mich deshalb an meine Glaubensschwestern und -Brüder mit der Bitte, beizutragen zu einem segenbringenden Werke, zur Gründung eines „L e h r - mittelfonds der Toynbee-Hall e", damit jene oben geschilderten Unannehmlichkeiten in Zukunft vermieden werden. Auch die kleinste Gabe wird dankbarst ankommen. Spenden beliebe man zu senden an Herrn Johann Kremenetzky, Fabrikant, IX., Eisengasse 3, oder an die Unterzeichnete. Namens des Unterrichtskomitees: Frau Ida Berliner, XIVA, Mariahilferstrasse 191.