Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Article
- Aus England
- Date
- 1903-07-17
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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5eile 6 „Die x£ Welt^ Nr. 29 Herr und Frau Bischoffsheim gründeten in Woburn Lands ein prachtvolles Sanatorium für jüdische Schwindsüchtige. Zionistische Neuigkeiten wenig — ein gesundes Zeichen des wachsenden Interesses ist die Kritik, die in einer Versammlung der King-Hall an der Euglish Zionist Föderation geübt wurde. Mr. de Haas wird in London erwartet, er wird ein willkommener Gast sein. „Imperialist*. Briefe aus Paris. IL Der Schekeitag. Der Schekeitag war von den Pariser Zionisten für den 4. Juli angekündigt worden. Bei dieser Gelegenheit richtete die „Federation Sioniste de France* einen warmen Appell an die jüdische Bevölkerung von Paris, in weichem sie diese ersuchte, an der grossen Versammlung am 4. Juli teilzunehmen. Die aktive Propaganda der Federation erzielte Erfolg. Der schone Saal „de Lancry", wo die Versammlung gestern stattgefunden hat, war überfüllt. Ausser den russischen und rumänischen Einwanderern konnte ich auch die Anwesenheit einer beträchtlichen Anzahl vjd Damen und Herren aus der französisch-jüdischen Gesellschaft konstatieren, welche bis dahin für den Zionismus gar kein Interesse gezeigt hatten. Leber der Rednerbühne hing eine schöne, mit einem „Mögen David" geschmückte Guirlande, die die Inschrift zeigte: „Zionisten, gedenket des Schekels". Dr. Alex. M a rmorek ergriff als erster das Wort. Er definierte vor allem die moralische Bedeutungdes Zionismus überhaupt und die des Kongresses insbesondere. „Der Judaismus", sagte er, „zeigte sich, verfolgt und zerstückelt, wie er war, infolge der Leiden in eine kümmerliche Stagnation versunken. Die Zeichen der Entartung begannen sich bereits zu offenbaren. Pessimisten glaubten schon das nahe Ende des Judentums zu schauen. Da entstand mit einem Male der Zionismus. Obwohl er sein politisches Ideal noch nicht realisiert hat, was, wie ich zuversichtlich glaube, nur eine Frage der Zeit ist, hat er doch schon eine vollständige Umbildung des moralischen Lebens der Juden nach sich gezogen. Der Zionismus ist für das Judentum das, was die Renaissance für Europa war. Auf dem ersten Kongress war das jugendliche Element stark vertreten, welchen Umstand unsere Gegner benützt haben, um den Kongress als eine Versammlung von Studenten, von unerfahrenen Jünglingen zu bezeichnen. Da kamen die nächsten .Kongresse und widerlegten aufsglänzendstedieseBehauptung» Jünglinge und Greise* Orthodoxe und Freidenker, alle Zionisten vereinigen sich in Basel zu einem teueren and erhabenen Ziele. Der Ideenaustausch, der in Basel zwischen der jungen und der alten Generation stattfindet, hat dazu beigetragen, diese zwei früher so weit geschiedenen Teile mit einander zu verbinden." Dr. Marmnrek kam dann auf die Juden des Ostens zu sprechen.Er wäre^agteer,langederAnsicht gewesen, dass die östlichen Jude?» hinter den westlichen zurückstehen, dass nur diese letzteren die Blüte des Judentunis bilden. Da kamen die Kongresse und bewiesen, dass die östlichen Juden nicht nur nicht inferior, sondern den westlichen sogar überlegen seien, dass sie das Judentum in seiner Reinheit bewahrt haben, und sich für die Ideen, die allen Zionisten so teuer sind, opfern können. Somit hat der Kongress ein Sympathiegefühl zwischen Juden aus verschiedenen Ländern, die sich gar nie gekannt haben, ins Leben gerufen. Dr. Marmorek präzisierte dann die politische Tätigkeit des Zionismus. Wenige Volksvertretungen können sich einer solchen Anzahl intellektueller Kräfte rühmen, wie sie der Kongress besitzt. „Ich brauche", fuhr er fort, „hier nicht das politische Dogma des Zionismus auseinander zu setzen. Der Urheber des grossen Prinzips „völkerrechtlich* ist hier unter uns. (Gemeint ist Doktor Nord au.) Die politische Macht des Zionismus liegt in der strammen Disziplin, die unter uns herrscht. Wir sprechen im Namen des Volkes, zweitausend Vereine stehen hinter uus. Redner weist dann auf die günstige Aufnahme hin, die der Zionismus bei den Christen gefunden habe, und spricht von den Anklagen, die gegen den Zionismus geschleudert wurden. „Man wirft uns Mangel an Patriotismus vor. Aber wir sind ebenso gute Patrioten, und vielleicht noch bessere, als die anderen Völker. Während jene vom Patriotismus Nutzen ziehen, leiden die Juden immerfort, trotz ihrer treuen Anhänglichkeit an ihre Wohnorte. Muss denn der wahre Patriot leiden und immer der Sündenbock sein?4 Dem jüdischen Volke sei mit der Auszeichnung einzelner seiner Angehörigen, der Ernennung eines Juden zum Lord-Mayor oder zu anderen hohen Aemtern nicht geholfen. Seine allgemeine Lage ändere sich dadurch gar nicht. Es sei ebenfalls ungenügend, sich mit dem Traum einer „Mission" zu beruhigen, die besonders den Juden imponiere, die sich vor dem „Hausbesorger" verbeugen zu müssen glauben. „Eine andere Mission haben wir, eine wirkliche und vollführbare1' rief Dr. Marmorek, „t.ämlich acht Millionen unserer Brüder aus der physischen und geistigen Misere zu retten. Die Emigration ist kein Verbrechen. Die Deutschen und die Italiener wandern massenweise aus, kann man ihnen das zum Vorwurf machen? Die vagen Hoffnungen auf die Wohltaten der Zivilisation und der Humanität werden uns um keinen Schritt weiter bringen.44 Redner schliesst mit einem warmen Apel) an all-», die guten Willens sind, mit gemeinsamen Kräften an die schweren Aufgaben des Zionismus zu treten. Die Hede wurde mit donnerndem Applaus aufgenommen. Hierauf ergriff Dr. Nordau das Wort. Es wäre schwer, hier den ausgezeichneten mit grosster Aufmerksamkeit angehörten Vortrag in Gänze wiederzugeben. Ich werde bloss versuchen, die Hauptstellen seiner Rede zu resümieren. Das Judentum, sagte er, habe zwei grosse historische Krisen durchgemacht. Die erste sei die Eroberung Jerusalems durch die Römer gewesen, die Zerstörung des Tempels, die Vertreibung des Volkes, kurz der Verlust der politischen Unabhängigkeit. Der Judaismus sei gezwungen gewesen, jedem Ansprüche auf politisches Leben zu entsagen, und sich mit einer moralischen und religiösen Existenz zu begnügen. Dieser Zustand habe achtzehn Jahrhunderte gedauert. Dann sei die zweite Krise gekommen, Das religiöse Gefühl nahm ab, die Assimilation durchbrach die undurchdringbare Mauer des religiösen Ghettos. Was nun? Dies* Frage quälte den grossen Geist, den hervorragenden Philosophen Nachman Krochmal. Wohl bekannt mit der europäischen Philosophie, wurzelte Kroch mal nichtsdestoweniger in den Traditionen des Judentums, Sein Verstand sagte ihm, das Judentum habe keine raison d'Otre mehr und dass die Emanzipation alle Spuren einer überlebten Tiadition verwischen werde. Aber sein Gefühl, die Liebe, die er für die glorreiche Vergangenheit seines Volkes hegte, sagten das Gegenteil. In diesem inneren Kampfe befangen, gelangte er, um zwischen dem kühlen Verstand und dem Gefühle Frieden zu stiften, zur Theorie von d*»r „Mission*. Wir haben räch seiner Meinung eine spezielle Mission zu erfüllen, wir müssen der ganzen Welt das Beifpi^l der hol en Moral und überlegener Eigenschaften geben! Es war ein grund- und bodenloses Kompromiss. Diese „Mission" wurde dann eine profes-sion de foi all Derjenigen, die es nicht wagten, sich vom Judentum loszusagen, aber auch seine Wiederbelebung nicht wünschten. Sie wurde dann wieder aufgenommen von der jüngeren Generation, von den „Protestrabbinen", die das Verdienst Krochmals nicht mehr hatten, da sie nicht an eine einzige Silbe ihrer Behauptung plaubien. Sie gebrauchten diese Formel wie ein narkotisches Mittel, um das Volk einzuschläfern. Dann Fan man ein sehme:zliches Schaufpiel. das einzig in der Welt dasteht, wie ein ganzes Volk ein Heil von dem guten Willen Anderer erwaitet und nicht einmal versucht, sein Joch abzuschütteln, sondern nur auf die Humanität und die Grossmut Anderer sich verlässt. Diese Epoche endete mit dem Zionismus. Nordau sprach dann über die grossen Erfolge des Zionismus und über die schöna Zukunft, die ihm bevorstehe. „Die grossen Juden", sagteer, „selten grosse und nie Juden,beschuldigen uns eines übertriebenenPessimi?mus.„Keine Gefahr", meinen sie, „nur ein wenig Geduld, die Menschheit schreitet vorwärts, die Wissenschaft macht Fortschritte, die Herzen tauen auf.* Noch andere solche Phrasen haben sie bereit, um uns zu beruhigen. Aber was machen sie denn eigentlich, indem sie warten? Sie erwarten das Heil von der Wissenschaft umi dem Fortschritt, sie fahren fort sich dem Studium der „Tiara" zu widmen und lassen das Volk in Leiden röcheln. Nein, der Zionismus lässt eine derartige Taktik nicht zu. Zionismus ist ein Synonym mit Energie. Wie ein angegriffenes Schiff, das seine Fahue hisst zum Zeichen des nationalen Kampfes, stehen wir und verkünden mit lauter S imme unser* Ideen und unsere-Hoffnungen". Dr. Nordau zitiert die Tatsache, dass neulich in London eine Herzogin, die zu einrm Balle in einer jüdischen Familie eingeladen worden war, bei der ersten Nachricht von den Kischenewer Massacres die ßallgeberin fragte, ob nicht der Ball verschoben werden würde. Sie, eine wirkliche et)glische Patriotin, hat der reichen jüdischen Familie eine gute moralische Lektion gegeben. Redner schloss, indem er alle