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Die Welt · 1903-07-17 · 29 (17.7.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
29 (17.7.1903)
Article
Eine Warnung
Date
1903-07-17
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29 iDte j^-WeWt^ Seite 5 auszutilgen und deren unglücklichen Bewohnern bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen. Diese Ansicht wird auch von einem grossen Teile unserer einflussreichsten jüdischen Bürger geteilt, die, wie wir, die Verantwortung erkannt haben, die wir mit der Zulassung jener Emigranten auf uns nehmen. Gewiss, wir verabscheuen Blutvergiessen und Gewaltakte, aber trotzdem werden wir die Kischenewepisode mit der nächsten Sensation schon vergessen haben. Das Schlimmste für uns ist aber, dass unterdessen Hunderte und Tausende russische Juden — für unser Geld — aus ihrer Heimat abgereist sind und an unseren Gestaden landen. Die meisten derselben sind von der vollkommen irrigen Idee befangen, dass sie, einmal in Amerika gelandet, aller Sorgen ledig sein werden. Während wir gar keine Zeit gehabt haben, überhaupt nur an ihre Existenz zu denken, sind sie schon hier und die Polizei drängt sie durch die Eingänge zu Packhöfen oder Seitenstrassen, in denen sie der tiefsten Armut und schliesslich dem Laster verfallen müssen. Wir wollen ganz gewiss nicht die Vorteile verkennen, die uns durch Assimilierung so vieler Mitbürger nichtamerikanischer Geburt erwachsen sind. Unter ihnen befinden sich erwiesenennassen gar oft Leute, welche später die hervorragendsten Organisatoren und Staatsmänner ergeben. Aber jene Fremdenhorden, die jetzt im Hafen von New-York landen, sollten doch lieber in ihrer Heimat bleiben. Wir haben im Norden, auf kanadischem Gebiete, die Duchoborzen, Menschen, die wie das Vieh unbekleidet durch die Felder laufen und allen Massnahmen der Behörden mit Hohn begegnen. In Illinois allein sind vier verschiedene Kolonien, wo Amerikaner nie freundlich behandelt werden, und wo, in religiöser wie in bürgerlicher Hinsicht, selbst den besten Absichten der Regierung entgegengearbeitet wird. Aehnliche Kolonien gibt es in Wisconsin, Ohio und Jowa. In unseren Grossstädten finden wir die Maffia in einem, den gefährlichsten Anarchismus im anderen und unerzogene, nicht minder gefährliche Sozialisten im dritten Distrikte. Wir finden Murren gegen Ordnung und Gesetz schon bei Leuten, die noch keinen Monat im Lande sind. Wir Amerikaner waren über die Kulturgrenze aber schon hinaus, als wir bei Kok Springs (Wyoming) die Chinesen niedermetzelten, und wir behandeln unsere Neger im Süden heute noch schlechter, als je die Juden von anderen Völkern behandelt worden sind. Weshalb gerät die Presse darüber nicht in Aufregung?" Hierzu bemerken die „B. N.": So weit der namhafte Amerikaner. Es steht demnach zu befürchten, dass die K ischenewer .Greuel früher oder später die zweifellos vorhandene Anti - Fremdenbewegung in den Vereinigten Staaten nur noch verstärken werden, trotz der Hebens w ü r d ig e n Worte und des guten Willens des Herrn Roosevelt. Aus England. Es ist eine schwere Aufgabe, über jüdische Angelegenheiten während der gegenwärtigen Krise zu referieren, da es viel zu sagen und noch mehr zu verschweigen gibt. Mein Ziel, das ich mir hier gesteckt habe, ist, den Lesern der „Welt* eine unparteiische Revue der Ereignisse im hiesigen jüdischen Leben von einem breiten, imperialistischen Gesichtspunkte aus^ zu geben. Das Thema dieser Woche ist die Aufmerksamkeit, die unser geliebtes königliches Paar seinen jüdischen Untertanen geschenkt hat, so dass wir scherzweise erklären, es werde von nun an nur „koscher essen", aber zweifelsohne begrüssen wir Juden dieses Entgegenkommen aufs wärmste. Die Meinungsverschiedenheit bezüglich der Haltung zur Affäre Kischenew unter den Personen, die durch ihr eigenes Verdienst, oder durch das ihrer Vorfahren als Führer betrachtet werden, endete damit, dass das vereinigte russische Komitee den Vorschlag der Anglo Jewish Association, ein Protestmeeting zu veranstalten, abgelehnt hat. Den in den wahren Gang der Sache Eingeweihten ist es klar, dass alle um das Wohl unserer Brüder unablässig bemüht sind, und der Vorwurf der Untätigkeit beweist nur Unwissenheit oder Böswilligkeit. Das Hilfskomitee für Kischenew im East-End Londons arbeitete Hand in Hand mit dem vom West-End und beide haben Grund zu glauben, dass eine öffentliche, von Juden veranstaltete Demonstration keinen Effekt in den Stadtvierteln, wo dies nötig wäre, erzielen würde. Wir können zwar bei dem jetzigen hastigen Gange der Ereignisse nicht voraussagen, was uns die nächste Woche bringen wird, aber das müssen wir konstatieren, dass die Hyde-Park-Demonstration nur geringen Anklang gefunden hat, etwa in einigen Zeitungsartikeln, während ihre wirklichen Folgen vielleicht für das Volk, dem wir helfen wollen, keine guten sein werden. Den einzigen Nutzen, den wir daraus gezogen haben, ist die Erkenntnis, dass diese Führer noch in den eisernen Banden des Ghettogeistes liegen, welche die Jahre der englischen Freiheit nicht zu lockern vermochten, und dass sie beim ersten Andränge des Antisemitismus zurückschrecken, sich wie Schnecken in ihr Gehäuse verkriechen, ohne den Fuss zu bemerken, der bereit ist, sie zu zermalmen. Anders haben ihre Väter gehandelt, die für die religiöse Freiheit der Juden in England gekämpft haben! Wir müssen aber andererseits eine strenge und ernste Mahnung denjenigen zurufen, die in den letzten 10—15 Jahren sich in England niedergelassen haben. Manche von ihnen missbrauchen durch ihr Verhalten, allerdings eineFolge des raschen Ueberganges von der Knechtschaft zur Freiheit das Recht der Gastfreundschaft und der freien Rede, das ihnen hierzulande gewährt wird. Gute Manieren und Ausführung jüdischer Tugenden würden die armen Juden in England in demselben Masse beliebt machen, wie sie jetzt gehasst sind, und die Zionisten müssten es selbst einsehen, •iass, wenn sie sich hier nicht als gute und erwünschte Bürger bewähren können, sie auch kaumim eigenen Lande einen erfolgreichen Ausgang zu erwarten haben. Der Besuch Ihrer königl. Hoheit, Prinzessin Louise, im „Hospital für jüdische Unheilbare" ist zwar nicht wegen der Neuheit der Tatsache an sich interessant, sondern zum Vergleiche mit dem Zionismus. Das Hospital war anfangs ganz klein, und die Führer waren seine stärksten Gegner, jetzt sind sie seine aufrichtigsten Gönner. Zweifellos wird auch für den Zionismus ein solcher Tag kommen. Unter den Auszeichnungen, die am Geburtstage des Königs erteilt worden sind, ist die Erteilung des Peertitels an Mr. Edward Lawson, Eigentühmer des „Daily Telegraph" und der Baronetwürde an den Lordmajor Sir Markus Samuel zu verzeichnen. In den Kunstkreisen hat sich Mr. Co wen besonders hervorgetan durch seine ausgezeichnete Leitung des grossen Händel-Festes im Krystallpalast, und Sarah Bernhardt ergötzte uns wieder'durch ihr unvergleichliches Spiel. Die heroische Tat eines Herrn Marcus, der ein christliches Mädchen aus dem dritten Stocke eines brennenden Hauses mit Selbstaufopferung gerettet hat, wird von den Zeitungen gerühmt, Uni das öffentliche Interesse in den jüdischen Kreisen ist noch immer auf die Frage von der Kischenew-Demonstration und ihr Scheitern gerichtet. Auf der letzten Versammlung im Board of Deputies trat Lord Leopold de Rothschild mit dem ganzen Gewichte seiner Autorität gegen die Demonstration auf. Der Lordmayor ergriff auch die Gelegenheit, sich wegen der Nichteinberufung des Meetings zu rechtfertigen, da ja während der Sommerszeit alle besser situierten Leute die Stadt verlassen hätten, und erst nach einigen Wochen etwas Erfolgreiches geschehen könne. Sir Samuel Montagu präsidierte in einem grossen Meeting des sogenannten „Zerstreuungs-Komitee", dessen Allheilmittel in der Ansiedlung der Juden in einer Vorstadt Londons „Tottenham* besteht, wo schon der Antisemitismus keimt, seitdem sich einige Dutzend Juden daselbst niedergelassen haben. Obwohl Sir M on t a g u beträchtliche Landstücke in der Nachbarschaft haben soll, kann man auf keinen Erfolg hoffen. Vielleicht werden doch dies* Leute durch das Leben zum Lande getrieben werden, wo die Juden in Frieden leben könnten; aber es wird noch viel Zeit brauchen, denn wahrlich, sie lernen nichts und verg essen alles. Der „Hesped", der von der„English Zionist Federation" unter dem Vorsitze des Chief-Rabbi Dr. Gaster veranstaltet werden wird, verspricht ein sehr imposanter zu sein. Der König besuchte diese Woche wieder die jüdischen Gasthäuser in der Nähe des Neuen Marktes, und der Prinz von Wales frühstückte mit dem Baron Leopold de Rothschild in Gunnesbeny.

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