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Die Welt · 1903-07-17 · 29 (17.7.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
29 (17.7.1903)
Article
Von jenseits der See
Date
1903-07-17
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die £ Welt** Nr. 29 für die Judenschaft von New-York geben würde. Die Toten von Kisehenew haben diese Arbeit in New-York vollführt. Da leuchtete hie und da wie ein Blitz die alte Leidenschaft auf, Geld fiel wie Hagelkörner und jedes Gesicht strahlte, wie die Sonne nach dem Sturme, von dem Gefühle der Befriedigung, dass man auch etwas tun kann. Wenn man in den Theatern war, wo das Geld zu den Sammlern strömte, wenn man das donnernde Brüllen dieser ungeheuren Versammlungen hörte und dann bemerkte, dass alle „ismen" in einen Schrei des jüdischen Gefühls zusammenflössen, wie die toten Juden das jüdische Leben erweckten, und wie diese Leidenschaft noch immer höher steigt, konnte man die (jeberzeugung gewinnen, dass die Zeit alle künstlichen Falten glätten werde und den Firniss und die Schminke, vermittelst welcher die jüdischen Männer und Weiber anders scheinen wollen, als sie sind, sicher wegwaschen werde. In Oleveland denke ich an New-York wegen des Kontrastes zwischen den beiden Städten. Wenn Sie einmal nach dem Westen kommen, fühlen Sic schon den Hauch des Windes der wellenförmigen Prärien, der Ihre Wange streichelt, nlögen die Prärien auch tausend Meilen weit entfernt sein. Fünfhundert Meilen im Westen von New-York beginnt eine neue Welt und einst wird diese ihre eigenen. Gedanken aussprechen, ihren eigenen Kodex verwirklichen und die wirkliche neue Welt wird zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean beginnen. Nach Aussen sind die westlichen Städte nur breiter und ausgedehnter und die Himmelskratzer sehen nicht so gross aus, wie sie sind; nach Aussen haben Ideale einen geringeren Wert als kommerzielle Tricks und hat jede Stadt ihre zwei Ghettos; das eine unbestimmt, formlos und reizlos — für die Armen; das andere schön mit herrlichen Wiesen, zur Ruhe ladenden Veranden und vieltürmigen Häusern oder Villen von Holz oder Stein. Wenn man durch das eine oder das andere wandelt, da sieht man Dinge, die man gerne vergessen möchte; in dem ärmeren Ghetto einen gekrümmten Rücken und kleinliche Gemeinde Zänkereien; in dem reichen Ghetto eine Flut von Kartenkönigen, -Königinnen und Assen, und einen blendenden Glanz von Juwelen; wenn man .aber all diese Dinge beiseite schiebt und an die eigene Schwäche und Kleinlichkeit vergisst und gross und tief zu denken versucht, da hört man das Geplapper von kleinen Kindern und aus den starken Lungen junger Menschen kommt ein Ruf heraus, der wie ein neuer Kriegsschrei, eine siebenfache Begeisterung, die Leben, Hoffnung und Macht atmet, jauchzt und einfach ist dieser Ruf: Alcph, Ecth, Gimmel, Dalet, Heb, Vov, Saien.*) Macht alle diese Buchstaben zum längsten und stärksten donnernden Schall und Ihr werdet verstehen, wie dieser Ruf, in der Kulturstadt Boston ausgestossen, Männer und Frauen in die Reihen stellt und unser Weiss und Blau in der Brise flattern macht. Die sechste Versammlung war eine anhaltende Freude, von Freitag bis Donnerstag, ein Liebesfest junger Menschen, von einem Enthusiasmus, wie es ihn nur in diesem grossen, offenen Westen gibt. Die jüdische Fahne hing über jedem jüdischen Hause im jüdischen Viertel von Pittsburg, von allen Seiten begrüssten uns Tau sende: „Willkommen Zionistcn", in jedem Fenster war Dr. Herzls Porträt ausgestellt, wir assen, tranken, sangen, freuten uns Tag und Kacht unter dem Klange der „Hatikwah", und die MKittcr und die Töchter der Gemeinde bewirteten uns an der Tafel, weil sie Mütter und Töchter sind in Israel. Dies alles geschah, nicht weil in Pittsburg jedermann ein Zionist ist, aber die Versammlung war etwas absolut neues unter der westlichen Sonne — Juden kamen zusammen, um über * Wortspiel: Der Laut „Saien", der siebente Buchstabe^ wird in der englischen Transkription „Zion" geschrieben, was auch Zion heissen kann. (Die Red.) jüdische Angelegenheiten zu reden und junge Juden dazu. Und jede Seele freute sich darüber und wollte, dass „unsere Jungen und Mädchen", die die Versammlung begrüsst haben und sie zu feiern beabsichtigten, es gut tun und in einer Weise, die der Juden von Pittsburg würdig wäre. Nicht alle Kabbiner sind Zionisten geworden, nicht alle führenden Männer sind beigetreten, noch hat das „Kartenspiel" nicht aufgehört, noch herrschen Zänkereien. Aber in diesem Westen haben junge und bereitwillige Arme den Körper Israels von einem halbgeöffneten Grabe weggezogen und trotz Vater und Mutter, Kabbiner und Führer, haben sie diesen kalten Körper in die .Falten der jüdischen Flagge eingehüllt und rufen ihn zum Leben und zur Kraft zurück. Amerika, hat seine finanzielle Pflicht dem Zionismus gegenüber bisher nicht erfüllt, wird dies au« h moigen nicht tun, aber die junge amerikanische Judensehaft wird die Fahne Israels heimwärts nach Zion tragen, an allen vier Ecken der Windrose sie aufrichtend und sie in den Tagen der Trauer und des Zagens wieder aufnehmen. Ich kann nicht daran zweifeln, dass das heilige Feuer des Enthusiasmus von Mann zu Mann sich verbreiten wird; und ohne zu fragen wozu, rufen sie, „wir müssen und wir wollen ..." Und fern von hier, sechstausend Meilen weit, zittern viele von euch in Eussland oder Rumänien im Winter des Elends und der Leiden. Empfanget denn diesen Trost, der euch in allen Stunden beistehen wird, dass hier, wo die Sonne untergeht, aus den alten Landen eine neue Jugend entsprungen ist, die zum Sonnenaufgang schaut und die durch die Macht der Liebe und der Hoffnung und des Vertrauens ihre Hände über alle Welt ausstrecken wird, um eure Wunden zu heilen und sie zu verhüten. Als ich zum erstenmale über die See fuhr, da schrieb ich „See sagt Scheiden". Seitdem kam die Marconi-Telegraphie in Gebrauch. Und noch andere Kräfte gibt es, die keinen Mechanismus nötig haben, ich sehe sie, wie sie um mich herum tätig sind und ich komme zum Schluss, dass See nicht Scheiden sagen muss, denn in dem Gedanken und durch das Ideal kann man wieder jung werden und über die Wasser hin den jauchzenden Ruf ausstossen: Alcph, Beth, Gimmel, Dalet, Heh, Vov, Zion!!! Eine Warnung. Die „Baseler Nachrichten" vom 5. Juli veröffentlichen an leitender Stelle die Zuschrift eines amerikanischen Korrespondenten, der die Ansicht eines amerikanischen Politikers über die Einwanderung nach Amerika wiedergibt. Sie lautet: „Wir sind eine zu geschlossene Nation, um über fremdes Elend in Hysterie zu verfallen. Das Gemetzel von Kisehenew war ja allerdings entsetzlich genug, und unsere Sympathie sowie unser Geld sind den Notleidenden in überreicher Weise zugeflossen; aber die Ueberlebenden jener Schreckenstage mögen nun auch unseren Grenzen fern bleiben. Wir beherbergen eine Unzahl von Polen, Böhmen, Ungarn und Russen, die weder unsere Sprache sprechen, noch unsere Lebensgewohnheiten teilen und die, auf sich selbst angewiesen, in elenden „Tenement"-Distrikten hausen, bei der geringsten Volksbewegung aber in der Front der Unruhestifter marschieren. Hie und da ein Dichter oder fähiger Schriftsteller, ein Mechaniker oder Musiker, welcher über das Durchschnittsmass hervorragt, das ist alles. Wenn man gesehen hat, wie Einwanderer dieser Klasse diese Distrikte der Eisenindustrie und Bergwerke überschwemmen, wie sie amerikanische Ar-' beiter verdrängen, indem sie für einen völlig unzureichenden Lohn arbeiten, dann kann man die Gefahr begreifen, welche Amerika von dieser Seite her droht. Unser Geld sollte lieber im Lande behalten und dazu verwendet werden, die Brutstätten von Not und Elend in den Ghettos von New-York und Chicago

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