Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Article
- Tischgespräche aus dem Café "Weidhof"
- Date
- 1903-07-10
- Page
- 20 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 20 „Die # Welt" Nr. 28 wären. Herr Mannelstein steckte eiligstdas süsse, herzige Kind in die rechte Brusttasche, stützte den linken Arm auf die Tischplatte und suchte sich dadurch, dass er träumerisch seinen leicht ergrauten Spitzbart streichelte, das Ansehen eines unbefangenen und angelegentlich sinnenden Menschen zu geben. Dr. Ernst und sein Freund stud. jur. Schwarz, ein schon recht bemoostes Haupt, traten in das Zimmer. Hinter ihnen Herr Kohn. Die Nachhut bildete der Kellner mit drei „Schalen Schwarz". „Ah, Herr Mannelstein!" Der Privatier forschte argwöhnisch in den Mienen der Ankömmlinge, zumal des Herrn Kohn, ob vielleicht jemand was gesehen habe; er entdeckte jedoch nur den Ausdruck eines durchaus harmlosen Wohlwollens und atmete, während er den Gruss erwiderte, erleichtert auf. „Ja, mein lieber Schwarz," sagte Dr. Ernst und nahm mit den anderen Platz, „die Tatsache hat mich selbst befremdet. Es war gestern abends. Der sogenannten Unterhaltungslektüre pflege ich mich gewöhnlich nur zur Abendzeit hinzugeben, wenn dem Kopfe eine schwerere Kost schon nicht mehr ganz benagt. Ich griff also in den russisch-novellistischen Distrikt meiner Bücherei und erwischte einen Gorkij. Begann zu lesen. Russische Volkstypen: Bauern, Stadtproletarier, Landstreicher. Und alle Figuren zeigen das sichtliche Bestreben, trotz ihrer ungekämmten, bevölkerten Haare oder gar just mit Hilfe dieses bewegten Kleinlebens unser Herz zu erobern. Man merkt deutlich, wie der Dichter hinter seiner photographischen Camera steht und mit einem vielsagenden Seitenblick auf das Publikum den vor dem Apparat aufgestellten ungewaschenen Herrschaften zuruft: Bitte jetzt ein recht freundliches Gesicht! Als ich auf der vierten Seite angekommen war, warf ich das Buch weg. Ein Gefühl des Widerwillens stieg in mir auf. Und ich wusste auch, aus welcher Gegend der Hauch des Ekels mich anblies. Aus Kischenew! Während des Lesens hatte mir eine gedämpfte Stimme zugeraunt: Diese Gestalten aus dem russischen Volke, die Herren Mischka, Petroff, Nikita, die sich da so sympathisch zu geberden trachten, das sind dieselben Mordbuben, die vor einigen Wochen in Kischenew jüdischen Frauen den Leib aulgeschlitzt haben, lallende Säuglinge an den Wänden zerschmettert, 'jüdischen Männern und Knaben die Hirnschalen eingeschlagen haben — 47 Tote — 92 Schwerverwundete — 345 leicht Verletzte-- Ich hörte diese Sätze nicht klar und scharf, sie liefen vielmehr wie halbvermummt, während ich las, neben den Zeilen der Novelle hin. Bis ich das Buch fortwarf. Ich werde lange nicht Skizzen aus dem russischen Volksleben lesen können." „Lieber Freund," meinte Schwarz, „ich weiss nicht, ob man nicht ein klein wenig Einseitigkeit dem vorwerfen könnte, der jederzeit die Mitmenschen folgendermassen anredet: Geehrter Herr! Ehe ich mich in ein Gespräch oder überhaupt in eine Gemeinschaft mit dir einlasse, erkläre dich: Feind oder Nichtfeind der Juden!" Ich-weiss nicht, mein lieber Dr. Ernst, ob der Gipfel, von dem aus man die Dinge lediglich sub specie des Judentums erblickt, ein hoher, empfehlenswerter Gipfel ist. Es gibt wohl noch weitaus höhere Bergzinnen." „Dein Einwand entspringt einer irrigen Voraussetzung. Nicht ich bin als erster auf jenes Hügeichen hmaufgekrocherl, von dem aus der Betrachter des Weltgetriebes nur das eine sieht: ob der Mensch ein jüdisches oder nichtjüdisches Profil hat. Die anderen waren vor mir oben. Weil ich weiss, dass mein Herr Nachbar auf der Landstrasse jeden Wanderer vor allem fragt: Jude oder Nichtjude?! deshalb habe ich stets eine Gegenfrage bei mir: Feind oder Nicht-Feind der Juden?! — Es wäre sicherlich eine recht läppische Weltanschauung, wenn man die Menschen beispielsweise darnach einteilen wollte, ob sie graue Hosen lieben oder nicht lieben; nehmen wir nun aber an, ich müsste fortan in einer Gesellschaft verkehren, in der sich zahlreiche sonderbare Käuze aufhalten — sie haben nämlich eine tötliche Abneigung gegen graue Hosen und verfolgen jeden Träger grauer Hosen mit Hass und Bann. In diesem Augenblicke bekommt das sonst alberne Problem: „Feind oder Nichtfeind grauer Hosen" für mich eine ungeahnte lebenswichtige Bedeutung. Zumal wenn das einzige Paar Beinkleider, das ich besitze, die unglückselige graue Färbung zeigt. Das Judentum ist meine graue Hose —" „Nur kann man's nicht restlos abziehen." „Richtig! — Ich werde also selbstverständlich, indem ich gezwungenermassen auf die Idiosynkrasie meiner Umgebung eingehe, oft die Frage: Feind oder Nichtfeind der Juden? im Munde führen, weil ich weiss, dass die Träger grauer Hosen wie in Kischenew totgeschlagen werden." „Was sagen Sie?" fuhr Herr Mannelstein entsetzt auf. Er hatte nur mit halber Aufmerksamkeit zugehört, die bessere Hälfte der Aufmerksamkeit hatte in seiner rechten Brusttasche geweilt; „was sagen Sie, Dr. Ernst? Man wird totgeschlagen, wenn man graue Hosen trägt?!" Herr Mannelstein wTar aufgesprungen und sah angstgepeinigt auf seine lebensgefährlichen grauen Beinkleider hinab. „Aber was fällt Ihnen ein?" beruhigte ihn Herr Kohn, „Sie hören doch, es geht Einem nur dann an den Kragen, wenn die einzigen Hosen, die man besitzt, leider grau sind. Sie haben doch aber hoffentlich noch andere Hosen." „Gewiss, gewiss! Noch sechs, acht, zwölf, zwanzig Paar Hosen!" beteuerte hastig Herr Mannelstein, der in seinem Schi ecken die Zahl der rettenden Beinkleider aus Sicherhcitsrückiiehten möglichst hoch gestaltete. „Soll ich nach Hause gehen, Toilette wechseln?" „Sie können schon noch eine Weile hierbleiben," beschwichtigte Herr Kohn. Fragend blickte Herr Mannelstein zu Dr. Ernst hinüber. Und erst als dieser ihm freundlich zunickte, erschienen ihm nacu und nach seine Beinkleider wieder in einem minder mörderischen Lichte. Er setzte sich nieder, schien jedoch dem Landfrieden noch immer nicht ganz zu trauen. Denn er rückte ganz nahe an das Tischchen heran und war bemüht, eine möglichst grosse Fläche der tückischen Hose dem Lichte der Oeßentlichkeit zu entziehen und der Aegide der Tischplatte anzuvertrauen. „Ich kann übrigens deine Beobachtung bestätigen," wendete sich Schwarz an Dr. Ernst, „wie es dir jetzt mit den russischen Volkstypen ergeht, so ergeht's mir seit geraumer Zeit mit den Genrebildchen aus dem Wiener Volksleben* Werin ich eine Skizze lese, in der die Herren Bimpfhuber und Tepphofer als gemütvolle Repräsentanten der Weanerstadt auftreten, so überkommt mich immer ein Gefühl sehr starken Missbehagens. Denn ich weiss, dass die zwei Wackeren, wenn sie sich ausserhalb dieser Skizze bewegen, mit Vorliebe „Nieder mit dö Juden!" brüllen, alte jüdische Hausierer malträtieren und mit judenfeindlichen Stimmzetteln zur Wahlurne schreiten. Das verdirbt mir den Geschmack an den Herren Bimpfhuber und Tepphofer." „Es gibt also für die Juden auch auf dem Gebiete der Lektüre keine Freizügigkeit. Das Betreten gewisser Reviere wird den jüdischen Lesern recht unangenehm." Dr. Ernst erhob sich. Desgleichen Schwarz und Kohn. Herr Mannelstein blieb bei dem Tische wie angeheftet sitzen und barg krampfhaft die Beine unter der Marmorplatte. „Also, Herr Mannelstein!" mahnte Herr Kohn. Verschüchtert blickte der Privatier um sich und und löste sich widerstrebend-zaghaft vom Tische los: „Bitte, auf ein Wort, Herr Doktor!" Er nahm Dr. Ernst bei der Hand und führte ihn in eine Nische des Zimmers: „Herr Doktor — auf Treu und Gewissen — was ist mit den Hosen?" „Nichts! Sie können ganz ruhig sein!" In Mannelsteins Augen leuchtete es dankbar aüf: „Sie sind ein aufrichtiger Mensch, Herr Doktor, Ihnen kann man vertrauen! Ich werde ihnen dafür nächstens ein Geheimnis mitteilen, ein süsses Geheimnis," Der Privatier klopfte, während