Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Article
- Mystifikation
- Date
- 1903-07-10
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 28 „Die # Welt40 Seite 15 W«ft*8b*ooik- Mystifikation. In einem schweizerischen Informationsblatte lesen wir folgendes: „Dr. Theodor Herzl erhielt anlässlich der Kischenewer Vorfälle Kondolenzbriefe vom Grossherzog von Baden und dem türkischen Gesandten in Wien.44 Diese Nachricht ist aus der Luft gegriffen und wir können nur bedauern, dass sich das erwähnte Blatt, an dessen guter Absicht wir keinen Augenblick zweifeln, von irgend jemand hat mystifizieren lassen. Amerikanische Mlassnahmon gegen die Einwanderung. Der „Standard41 berichtet ausNewyork, dass das Schatzamt weitere Massnahmen zur Einschränkung der Einwanderung zu treffen gedenkt. Bei den nächsten Wahlen wird die Verbilligung der Arbeit wahrscheinlich eine grosse Rolle spielen. Mr. Sargent, der Kommissär für die Einwanderungen, erklärt in einem Artikel der „World", dass seit dem Jahre 1883 genau 8,624.415 Einwanderer nach den Vereinigten Staaten kamen. Während die Einwanderung früher von Westeuropa erfolgte, kommen die Leute jetzt aus den ostlichen Staaten Europas. Der Kommissär fügt hinzu: „Diese Aenderung in der Einwanderung hat die Zahl der des Lesens und Schreibens Unfähigen von 7°/0 auf 25°/0 in die Höhe getrieben. Statt der Germanen und Kelten kommen jetzt meistens Slaven. Dieser Zuzug von Fremden, die nicht im Stande sind, englisch zu sprechen, muss die socialen und politischen Verhältnisse des Landes beeinflussen,* Man berechnet die Zahl der Einwanderer in den ersten sechs Monaten dieses Jahres auf 800.000 Köpfe. Philosemitisches aus Bulgarien. Wie süss und angenehm das Leben der Juden in Bulgarien ist, wie sympathisch sich die Bulgaren ihren jüdischen Mitbürgern gegenüber benehmen und wie die Mazedonier, die die Welt mit den Nachrichten von ihren Leiden und Kämpfen in Erregung bringen, die Freiheit verstehen, sobald es sich um Juden handelt, beweisen uns die letzten Vorgänge in Bulgarien. Wir folgen hierin der Erzählung der spaniolischen Zeitung in Sophia „La Verdad". Die Sozialisten von Sophia haben angeregt von der internationalen Leitung der sozialistischen Partei in Brüssel, ein Meeting veranstalten wollen, um gegen die Greuel von Kischenew zu protestieren. Es ist ihnen aber zum ersten Male nicht gelungen, da die Makedonier die Versammlung gesprengt haben. Aber die Sozialisten beschlossen, doch um jeden Preis eine Versammlung abzuhaltenundkündigten eine neueVersammlung fürSamstag an. Gleich darauf trat die angesehenste, beinahe offizielle Zeitung Bulgariens, die „Wetscherna potschta" mit einem drohenden Artikel gegen die Sozialisten und gegen die Juden auf. Der Artikel rechtfertigte die Massacres von Kischenew und erklärte, sie wären bloss eine gerechte Auflehnung der ausgebeuteten russischen Massen gegen die jüdischen Ausbeuter. Die Sozialisten wollten sich doch nicht abschrecken lassen, und sorgten dafür, dass die Makedonier in ihre Versammlung, die im Zirkus „Bulgariu" stattfinden soUte, nicht eindringen, aber sie konnten es schliesslich doch nicht hindern. Die Makedonier, darunter auch Studecten drangen mit Gewalt in die Versammlung ein, es entstand eine sehr ernste Rauferei zwischen den Sozialisten and ihnen und nur die Einmischung der Polizei konnte ernste Folgen verhüten. Vom Zirkus begab sich ein grosser Haufe Makedonier nach dem jüdischen Viertel Sophias ,,Jusch Bonai" und machte Miene, einen Judenexzess zu veranstalten. Auf Ansuchen des Oberrabbiners Dr. M a r c u s E h r e n p r e i s wurden sofort Gendarmen hingeschickt, die die Demonstranten auseinanderjagten. Diese aber beruhigten sich keineswegs und begaben sich nach den zweiten Judenviertel ,.Dort Bonar", wo sie einige jüdische Häuser zu zerstören suchten. W7ieder benachrichtigte der Oberrabbiner die Polizei von der drohenden Gefahr, diese schickte Hilfe, es kam zu ernsten Strassenszenen, wobei einige Juden verwundet wurden. Unter der ganzen jüdischen Bevölkerung herrscht Schrecken und Unruhe. Man befürchtet auch hier Ausschreitungen, wie die in Kischenew. Auch das Leben des Oberrabbiners ist bedroht, die Makedonier wollen sein Haus angreifen, so dass es von Wachleuten beschützt werden muss. Der Rabbiner hatte eine Unterredung mit dem bulgarischen Minister des Innern, Petkow, und dieser versprach die schärfsten Massregeln zu ergreifen, um den Ausschreitungen vorzubeugen. Charakteristisch ist, dass die Bulgaren jetzt deshalb gegen die Juden aufgeregt sind, weil sie sie für die Urheber der Protestversammlung gegen Russland halten. Der Oberrabbiner von Sophia musste es offiziell ableugnen. Die jüdischen Zeitungen von Bulgarien versichern, den Juden sei es nie eingefallen, gegen Russland als solches zu protestieren, und die Sozialisten hätten auf ihre eigene Faust die Protestmeetings abgehalten. Die jüdische Gemeinde in Konstantinopel zählt 50 000 Menschen, die fast durchaus materiell schlecht situiert sind. 2000 Familien leben von problematischen Geschäften, die man nur schwer detaillieren kann; hauptsächlich ist es Hausierhandel mit alten Kleidern und mit in Zersetzung begriffenen Lebensmitteln wie Fischen, Gemüsen, Zitronen, Orangen, Salzfleisch, Eiern etc.; 5000 Familien ernähren sich im Kleinhandel, 500 nur vom Betteln. 1200 Familienhäupter schlagen sich kümmerlich als Handelsangestellte durchs Leben; 1000 andere betreiben schon Geschäfte, in denen ein Kapital von ca. 5000 Piast. rouliert. Nur etwa 100 Familien können für reich gelten. Von rechtswegen sollte diesen die Erhaltung, und Unterstützung der wohltäti^en Anstalten obliegen; aber sie verstehen sich geschickt dieser Pflicht zu entziehen, indem sie in örtlicher wie in moralischer Hinsicht so entfernt wie möglich von ihren Stammesgenossen leben. Neue Statistik der Juden. Die Gesamtzahl der Juden auf der Erde (nach den statistischen Erhebungen des Direktors S. Zell er vom Statistischen Landesamt in Stuttgart) ist 10,860.000. Auf je 1000 Menschen kommen nach dieser Statistik 346 Christen, 7 Juden, 114 Mohammedaner und 523 Heiden. Die Zahl der Juden im Königreich Bayern beträgt 50.000. Man liest fortwährend von reichen Stiftungen, die aus ihren Kreisen — meist nur für Christen — gemacht werden. Damit beantworten sie die zahlreichen Kundgebungen des Antisemitismus in der bayerischen Kammer und im bayerischen Volke. Das Schächten in den deutschen Armee-Konservenfabriken. Das Schächten der Rinder ist, wie die „Allgemeine Fleischerzeitung" schreibt, seit einiger Zeit auch in der kaiserlichen Armee-Konservenfabrik in Haselhorst bei Spandau eingeführt, und das auf Grund der guten Erfahrungen, die man beim Schächten lange Jahre hindurch in der kaiserlichen Armee-Konservenfabrik zu Mainz gemacht hat. Namentlich für die Haltbarkeit des Fleisches hat das Schächten grosse Vorteile. Während in Mainz vor vielen Jahren grosse Massen Konserven als verdorben weggeworfen werden mussten, erweisen sich die Konserven seit Einführung des Schächtens als viel haltbarer. Die Gleichberechtigung. In der Breslauer „Volkswacht" lesen wir folgende Mitteilung: „Wie es in den Kreisen jener Herren mit der Duldsamkeit gegenüber Mitbürgern, ja Standesgenossen jüdischen Glaubens aussieht, davon können wir gleich noch eine ganz lehrreiche Geschichte erzählen: Der Sohn des hochangesehenen Geheimen Justizrates Freund, Vorsitzender der Breslauer Anwaltskammer, Vorsteher der Breslauer Stadtverordneten-Versammlung, Ehrendoktor der Breslauer Universität u. s. w. u. s. w. kam vor kurzem als Assessor nach dem benachbarten Oels. Als er dort im Honoratioren-Wirtshause am „Juristentische" Platz nehmen wollte, wurde ihm von einem höheren Beamten des Gerichts — nicht etwa von einem Referendar oder Assessor — bedeutet, dass Juden an diesem Tische nicht Platz nehmen dürften! Der schwer gekränkte junge Mann hat gegen diese unerhörte Behandlung Beschwerde erhoben, auf welche eine Antwort bisher noch nicht eingegangen ist. Altes von den Sozialdemokraten. Die Wiener „Arbeiter- Zeitung" endet eine Besprechung über die Stichwahlen in Deutschland mit folgenden Worten: „Rührender kann das Stichwahlgeschrnuse nicht mehr endigen! Eugen Richter und Bebel fallen sich um den Hals und die „Neue Freie Presse''' spricht dazu den rituellen Segen eines grossen Versöhnimgstages." So sprechen gewöhnlich die Antisemiten, wenn sie am biödesten sind. Was sollen aber die vielen Juden der „Arbeiter- Zeitung" tun, um sich am sichersten „nicht zu derkennen" zu geben? n Teuisch-antisemitische Moral. Eine Organisation vole grosser Bedeutung ist in Deutschland der deutschnationa Handlungsgehilfenverband, der viele Tausende Mitglieder