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Die Welt · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Article
Berlin [Nachricht]
Date
1903-07-10
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 28 ,Die Welt" Seite 13 land, der Rest aus den verschiedenen Ländern Europas und Amerikas. Diese Gelder hat das Komitee in einer Weise verwendet die den Beifall aller Delegierten gefunden hat. Nachdem die erste unmittelbare Not durch Verteilung von Lebensmitteln, von Kleidung, Wäsche etc. einigermassen gelindert war, hat sich das Komitee, welches mit seinen Vertrauensmännern aus zirka 100 Personen besteht, die Aufgabe gestellt, die Geschädigten in einer Weise zu unterstützen, dass dieselben wieder zu einer selbständigen wirtschaftlichen Existenz gelangen können. Natürlich sind in erster Linie die nötigsten Mittel für die Erhaltung der Familien der Opfer, sowie für die dauernd arbeitsunfähig Gewordenen in ausreichender Weise sichergestellt worden. Diese Klasse umfasst etwa 100 Familien. Die ihrer Existenzmittel durch die Krawalle Beraubten sind leider unvergleichlich zahlreicher; diese Kategorie umfasst über 2700 Familien. Endlich kommt noch die zuverlässig kaum zu übersehende Zahl der indirekt Geschädigten hinzu, die ihre Arbeit verloren haben, weil die Werkstätten zerstört worden oder deren Geschäfte infolge der eingetretenen allgemeinen Krisis in Kischenew stocken etc. Da die dem Komitee in Kischenew zur Verfügung stehenden Mittel nicht einmal für die zweite Kategorie ausreichen, konnte die dritte nur in ganz geringem Umfange, in Fällen der allergrössten Not berücksichtigt werden. Auf Grund des übereinstimmenden Urteils der nach Kischenew entsandten Vertrauensmänner der westeuropäischen Vereine wurde die bisher befolgte Methode der Verwendung der Gelder für gut befunden und zugleich dem Komitee in Kischenew seitens der an der Konferenz beteiligten Korporationen weitere grössere Mittel zur Verfügung gestellt. Neben den für die unmittelbare Unterstützung bestimmten Geldern wurde ferner noch eine Anleihe für kleinere Darlehen bewilligt, sowie zur Unterstützung von jüdischen Handwerkern. Auf Grund der bisherigen Erfahrung wird versucht werden, den jüdischen Handwerkern Beschäftigung und damit Lebensunterhalt zu geben. Es wurde ferner durch Herrn Bergel, der im Auftrage des Hilfsvereines und der Logen in Kischenew war, bekannt gegeben, dass mehr als 400 Prozesse wegen Schadenersatz schweben, obgleich die Hoffnungen auf materielle Erfolge aus diesen Prozessen leider in Russland sehr geringe sind, da nach russischem Gesetz die Klagen auf Ansprüche nicht gegen den Staat oder die Gemeinde, sondern nur gegen die einzelnen Beamten und die Exzedenten sich richten können. Einstimmig hat ferner die Konferenz beschlossen, eine Emigration nicht nur nicht zu unterstützen, sondern ihr mit allen Mitteln entgegenzutreten, da hierfür keine Gelder vorhanden sind. Eine lange und eingehende Diskussion über diesen Punkt hat gezeigt, dass eine Emigration in diesem Moment zu einer Katastrophe von unübersehbarer Tragweite führen müsse und dass daher derselben in jedem Falle zu widerraten ist, auch wenn dies als Härte erscheint. Die Versammlung, die ein erfreuliches Bild des Zusammenarbeitens aller bei diesem Liebeswerk betätigten Korporationen bot. schloss mit warmen Dankesworten des Vorsitzenden an die Erschienenen, für welche die Herren Dr. Stern, Elkan Adler und Rabbiner Dr. Horowitz das Wort ergriffen, um den Herren James Simon und Dr. P. Nathan ihrerseits zu danken für die Einberufung der Konferenz und für ihre mühevolle und aufopfernde Tätigkeit. Berlin. Ueber das Verbot des Schächtens, das von mehreren Kommunen für ihre städtischen Schlachthausanlagen verfügt worden ist, hat das preussische Oberverwaltungsgericht jetzt eine grundsätzliche Entscheidung getroffen. Es wird darüber berichtet: Neuere Bestimmungen für das städtische Schlachthaus zu Angermünde lassen das Schächten nicht zu, sondern ordnen die Tötung durch Schlagbolzen an. Ende 1901 suchte der Kaufmann F. die Erlaubnis nach, ein Rind nach jüdischem Ritus im städtischen Schlachthause schlachten zu dürfen. Gegen den abschlägigen Bescheid erhob F. Klage mit der Behauptung, das Schächtverbot Verstösse gegen die den Juden gesetzlich durch das Allgemeine Landrecht und die Verfassung gewährleisteten Rechte. Es werde den Juden unmöglich gemacht, ihren Religionsvorschriften zu genügen, die freie Religionsübuns dürfe aber nicht durch Gemeindebeschlüsse aufgehoben werden. Der Bezirksausschuss wies indessen die Klage ab, und das Oberverwaltungsgericht bestätigte die Vorentscheidung aus der Erwägung: Keine ein öffentliches Schlachthaus unterhaltende Gemeinde erscheine verpflichtet, die Anwendung des Schächtschnittes zu gestatten; vielmehr ergebe sich die Berechtigung zu einem Verbote des Schächtens aus der Befugnis, Normativbestimmungen über die anzuwendende Schlachtmethode zu erlassen. Berlin. Allgemein wird konstatiert, dass bei den letzten Reichstagswahlen das Gros der Juden für die Sozialdemokraten votiert habe. Die Sozialdemokraten sind unter den Freisinnieren auch fast die einzigen, die Juden offen kandidierten. Nur die süddeutsche Volkspartei hat noch einen Juden. Ein Gerücht besagt, dass im Wahlkreis Flatow die in Assimilation verblendeten Juden den berüchtigten Antisemiten Böckler wählen halfen, weil er als deutscher Kandidat dem polnischen gegenüberstand, (s. u.) Hamburg. Der „Generalanzeiger" gab in seiner letzten Nummer dem Gerüchte Raum, dass im Wahlkreis Schlochau- FIatow die deutschtümelnden Juden den berüchtigten Antisemiten Böckler gegen den Polen unterstützt haben. Trotzdem wir den Wirkungen der vom Zentralvereine deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gepredigten Assimilation viel zutrauen, wollten und konnten wir das Unerhörte nicht glauben. Nun finden wir im „Isr. Familienblatt' (Hamburg) vom 2. Juli folgendes: Eingesandt. Zur Wahl in Schlochau-FIatow. Auch ein Flugblatt! Im Wahlkreise Schlochau- FIatow, der eine ziemlich zahlreiche jüdische Bevölkerung hat, wurde noch am Tage der Stichwahl, die zwischen dem Antisemiten und dem Polen stattfand, folgendes Flugblatt versandt: Werte Glaubensgenossen! Herr v. Kornorowski ist nach seinen gestrigen Erklärungen nicht der Mann, dem ein deutscher Jude seine Stimme in der Stichwahl geben kann, da er sein Polentum in den Vordergrund stellt. — Es wird uns schwer, einem Antisemiten vom Schlage Böcklers zum Siege zu verhelfen; es bleibt uns aber keine Wahl. Wir empfehlen daher, entweder Böckler zu wählen, oder dem Wahlakte fernzubleiben. Prediger Lewin, Blumenthal, Stadtverordneter, Julius Neumann, Mühlenbesitzer. Unterzeichnet haben das Flugblatt diese drei Herren aus Schlochau. Was den ersten Satz des Flugblattes anbelangt, so bemerke ich hierzu, dass in dem Flugblatt des Herrn v. Kornorowski, das mir zu Gesicht gekommen ist, vom Polentum auch nicht mit einem Worte die Rede war; dagegen trat Herr v. K-, oder vielmehr er versprach darin, mit aller Entschiedenheit für die Gleichberechtigung und gleichmässige Behandlung aller Staatsbürger ohne Unterschied des Glaubens einzutreten. Aber sehen wir ganz davon ab. Was hat Herr Böckler den Juden versprochen? Er will sie bald aus dem Lande jagen, bald will er sie gewaltsam unterdrücken; kurzum es spottet jeder Beschreibung, in welcher Weise dieser Antisemit die ganze Bevölkerung gegen die Juden aufgehetzt und gewühlt hat. Ich glaube nicht, dass der Pöbel in Kischenew mehr gegen die Juden aufgehetzt worden war, als Herr Böckler es mit der Bevölkerung unseres Kreises getan hat. Nach Herrn Böckler gibt es keine schlechteren Kreaturen als die Juden. Das vorliegende Flugblatt gibt mir viel zu denken. — Also Herr Prediger Lewin, Herr Blumenthal und Herr Julius Neumann verlangen (!) von uns Juden des Wahlkreises Schlochau- FIatow, wir sollen Böckler wählen oder überhaupt nicht zur Wahl gehen. Wir sollen also als fromme Kälber uns unseren Schlächter selber wählen. Glauben etwa diese Herren, dass alle Juden des Kreises Schlochau-FIatow noch im Mittelalter leben, wo die Juden den Rücken zu Nackenhieben hinhalten mussten? Gewiss, es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn der Jude als ^uter deutscher Patriot dem Polen seine Stimme verweigert; dann geht er eben einfach nicht zur Wahl und enthält sich der Abstimmung. Aber einem Antisemiten vom Schlage Böcklers seine Stimme?eben!! Ich äussere meine rein persönliche Ansicht, wenn ich sage, dass ich es für ehrlos halten würde, wenn ein Jude einen Antisemiten wählt!! Die Aufforderung an mich, einen Antisemiten zu wählen, betrachte ich als eine empörende Beleidigimg. Und nun kommt dieser Ruf noch gar von Juden her!! Die liberalen Blätter dieser Gegend, die Ostdeutsche Tageszeitung4' etc. haben die christlichen liberalen Wähler aufgefordert, für Böckler zu stimmen, so schwer es ihnen auch fallen würde, um den Polen nicht zum Siege zu verhelfen; oder aber sich der Abstimmung zu enthalten. ,,Den jüdischen Liberalen, die in unserem Wahlkreise stets die Fahne des Deutschtums hochgehalten haben, könnte es,'4 so heisst es, „niemand verdenken, wenn sie sich ihrer Stimme enthielten.44 Ja. manche Blätter haben direkt für den Polen zu stimmen aufgefordert. Und die drei jüdischen Herren aus Schlochau? Sie fordern die Juden auf, für Böckler zu stimmen!! Ich hoffe; dass diese drei Herren auch in Schlochau mit dieser Forderung vereinzelt stehen werden, und dass es in un serem Wahlkreise noch recht viele Juden gibt, die meine Empörung verstehen 'und teilen. Es gibt, wie ich mich noch aus meinen biblischen Unter-

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