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Die Welt · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Article
Briefe aus England
Date
1903-07-10
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Ni. 28 ,Die s£ Welt6ü Seite 7 werden, untätig und schweigend zu verharren, während ihre Brüder und Schwestern gemordet und misshandelt werden, sondern weil sie bis zu einem gewissen Grade über die Tatsache, dass die Führer der englichen Judenschaft selbst in dem Glauben an die Theorien, die sie Generationen hindurch gepredigt haben, schwankend zu werden beginnen. In der Diskussion gab es nicht mehr Einwände, wie die von „Nihilistenu tn London dem „Locus standi" Englands und dem jüdischen Lordmayor..... Für dieses Mal erhebt Mr. H. S. L. Henriques einen Einwand gegen eine Protestversammlung, weil „derartige Hetzereien trotz des Protestmeetings in regelmässigen Intervallen stattfinden", weil „Kenner der jüdischen Geschichte wissen werden, dass Grausamkeiten (gegen die Ju en) periodisch verübt wurden" und ,veil„die Erfahrung der Geschichte gezeigt hat, dass Vorfälle dieser Art nicht mit einemmale aufgehalten werden können." Nun, wenn dies alles wahr ist, wie verträgt es sich mit dem süsslichen Liede, das uns von unseren Gegnern immer vorgesungen wird, dass die Jaden geduldig dort bleiben müssen, wo sie sind, dass die russische Frage in Russland gelöst werden müsse, wie steht's nun damit, wenn solche Grausamkeiten weder vermieden noch aufgehalten werden können? Ist es sehr tapfer, in England zu sein und den Juden zu rater, in Russland zu bleiben und in „regelmässigen Zeiträumen" massacriert zu werden? Es ist kein Wunder, dass Mr. Elkan Adler erklärt hat, dass „obwohl er immer glaubte, die russische Frage müsse in Russland gelöst werden, er doch in seinen Gefühlen und Ansichten schmerzlich erschüttert sei. Herr Plehwe habe ihn zu einem Zionisten gemacht." Die Atmosphäre um die jüdische Gemeinde schien sich zu läutern. Jedenfalls hat die Gemeinde beschlossen, keine Meetings abzuhalten und dieser Umstand wurde von den Londoner Jüdischen" Sozialisten ausgebeutet, die von unserem Unglück für ihre Zwecke Nutzen ziehen wollten. Die Demonstrationen in der Great Assemblj Hall und im Hydepark in London, wo unter dem Vorwande der Sympathiekundgebung gegen die Juden Resolutionen gef'asst wurden „dass das Heil der russischen Juden darin liegt, dass sie den Reihen der Revolutionäre beitreten", ist das gemeinste Propagandamanöver, dessen nur eine gewisse Art „jüdischer" Sozialisten fähig ist. Und noch haben manche unserer „Weltbefreier" den Mut, uns Zionisten zu beschuldigen, dass wir Kischenew als Propagandamitte] ausbeuten. Ich kann noch den Fürsten Krapotkin begreifen, wenn er den jüdischen Arbeitern Russlands rät, „ihren Führern, die sie in eine morgen ländische Wüste führen wollen, um dort eine neue Nation zu bilden, nicht zu trauen". Fürst Krapotkin ist kein Jude, er ist ein Russe, und da sein Herzensideal die Freiheit des russischen Volkes ist, rät er den Juden, in Russland zu bleiben, da die russische Freiheit Märtyrer erfordert und er die Juden für diesen Zweck für das geeignetste Element hält, und weil die jüdischen Strassen immer der Platz sind, wo die russischen Arbeiter Lektionen über praktische Revolution erhalten haben. Gut, als Russe mag er es wünschen, aber wenn ich sehe, dass jüdische junge Leute, auf deren Lippen die Milch d«r jüdischen Mutternoch nicht eingetrocknet ist, unsere Nationalität denunzieren, alle unsere geliebten Ideale mit Füssen treten und uns einreden wollen, den Morden, unserer unschuldigen Kinder die Hand zu reichen, dann sage ich, dass das Leute sind, die — nun ich habe keinen Namen dafür. Vielleicht werde ich in einem meiner nächsten Briefe die Haltung der englischen Sozialisten den Juden gegenüber beschreiben und es wird sich zeigen, was für ein Verräter ein Jude an seinem eigenen Volke sein muss, um ihnen zu trauen und zu folgen. Mittlerweile haben grosse zionistische Demonstrationen Sonntag den 28. Juni in Sheffield und Leeds stattgefunden. Redner waren Mr. J. C o w e n aus London und Dr. Umanski, den Vorsitz führte Mr. Baker. Der „S h e f f i e 1 d I n d ep en d an t" bespricht am 29. Juni die Versammlung sehr sympathisch, sowie auch die ganze Bewegung. Das Meeting in dem Grand Assembly Room in Leeds, in welchem ich den Vorsitz hatte, war eines der imposantesten, die hier je abgehalten wurden. Redner waren Mr. M. Shin e aus London, Dr. St raus aus Bradford und der bekannte jüdische Gelehrte Mr. Lunz aus Palästina. Die„English Zionist Federation" hat für den 6. Juli einen Gottesdienst zum Andenken an die Märtyier von Kischenew angesagt. Den Vorsitz wird Dr. Gaster führen. Der Ort ist London Great-Assembly Hall, Mehrere zionistische Vereine hierzulande sind schon mit der Wahl der Deiegiertenzum 6. Kongress beschäftigt. P. M. Raskin. Die jüdische Frau und der Zionismus. Es gibt Ideen, die in sich Ewigkeit tragen und unbeugsam vom Leben die Erfüllung fordern. In verschiedenen Zeitaltern, bei verschiedenen Nationen, zwar in verschiedenen Formen, in verschiedenem Grade, aber sie müssen zum Ausdruck kommen. So auch die Idee der sozialen Gleichheit einerseits, der individuellen Freiheit andererseits. Das Freiheitsproblem ist besonders charakteristisch für unsere Zeit. Es scheint, als ob die Wellen dieser Sehnsucht die ganze Menschheit überflutet hätten. So ward davon auch die Frauenwelt ergriffen und strebt nach sozialer Gleichberechtigung und individueller Freiheit. Zwar besteht die Frauenbewegung nicht lange, aber die Ursache davon ist klar. Jede Emanzipationsbewegung kann nur dann beginnen, wenn die geschichtliche Entwicklung die Elemente zur Befreiung bereits geschaffen hat. Die ökonomische und technische Evolution zeitigte einen neuen Typus der Frau, die Arbeiterin, und hat damit das Bestreben nach sozialer Gleichheit, das erweiterte politische Leben, das Streben nach politischer Selbstständigkeit erweckt. Haben aber auf die Entstehung der Frauenbewegung ökonomische und politische Ursachen sozial eingewirkt, so war ihr Einfluss auch ein rein psychischer. In unserer individualistischen Zeit begann auch die Frau sich als Persönlichkeit zu fühlen, und so entstand die „Nora". Aber wenn auch erst die Frauenbewegung der neuesten Zeit etwas Formuliertes. Programmatisches ist, so können wir den Kampf für diese Idee, wenigstens im Keime, durch alle Zeiten verfolgen. Und nicht als selbständige Macht hat sich die Frauenbewegung entwickelt, sondern als ein Element in anderen allgemeinen Emanzipationsbewegungen des jeweiligen Volkes der jeweiligen Zeit. So nahmen Aspasia, Theopompa, Arete, Cornelia Graccha als aktuelle Persönlichkeiten Anteil an dem geistigen Leben ihres Volkes und übten damit einen Einfluss auf die Stellung der Frau im allgemeinen aus. Die Frauenbewegung war, wie jede andere, die die Befreiung der Persönlichkeit zum Ziele hat, mit den Befreiungsbewegungen unlösbar verknüpft. Grosse geschichtliche Bewegungen haben selbst die Aktualität der Frauentage hervorgerufen, die Frau hat andererseits das Element ihrer Befreiung in die allgemeine Bewegung hineingetragen. Zur Zeit der französischen Revolution, im jungen Deutschland", in der ganzen Genialitätsperiode, auch in allen nationalen Bewegungen, besonders der italienischen und polnischen Revolution war sie energische Kämpferin. In Russland waren die Frauen lange Zeit hindurch nur Sklavinnen des Mannes; erst in den Sechzigerjahren, der Zeit der grossen Reformen, entsteht ein neuer Typus der russischen Frau, der opferwilligen Heldin, der Patriotin im edelsten Sinne des Wortes. Und gleichzeitig mit der Entstehung des neuen Frauentypus entstehen auch neue Beziehungen der Gesellschaft zu ihr. Russland, wo gar keine spezielle Frauenbewegung existiert, wo keine einzige spezifische Frauenzeitung herausgegeben wird und wo trotzdem weibliche Arbeit und die Freiheit der Frau so weit sich entwickelt haben wie nirgends anders, kann das beste Beispiel dafür sein, dass die Emanzipation der Frau nicht durch separate Frauengruppen erzielt sein muss, sondern durch den tatsächlichen Anteil an dem idealistischen Leben des ganzen Volkes. Indem die Frauen in die Geschichte die Ideen des Friedens und der sozialen Gleichheit im allgemeinen hineintragen werden, können sie psychologisch, ethisch auf die Gesellschaft wirken und dadurch für ihre eigene Lage; denn nicht die Tatsache ihrer bürgerlichen Emanzipation kann sie emanzipieren, sondern einerseits die Tatsache ihrer innerlichen Selbstemanzipation., andererseits die Umerziehung der Gesellschaft, die andere Beziehungen zu ihr begründen wird. In diesem Sinne können alle Parteien, sogar die radikalste, die sozialistische, die der Frau die politische Gleichberechtigung verspricht, ihr nur etwas Aeusserliches geben, die äussere Macht, die als Mittel zur Erreichung der individuellen Freiheit dienen kann. Dasselbe lässt sich von den weiblichen Gesellschaften in Amerika behaupten, z. B. von der separierten Gruppe speziell politischen Charakters, die mit dem Wesen der weiblichen Individualität so wenig harmonieren und nur äusserliche Errungenschaften bezwecken können. In der Tat! Die politische und soziale Gleichberechtigung muss erreicht werden, weil von der äusseren Freiheit die Möglichkeit der inneren Entwicklung einigermassen abhängt. Aber der Schwerpunkt unserer Arbeit muss doch die innerliche Arbeit bleiben. Nur indem wir uns an die Bedingungen des Zeitalters und unseres Volkes anpassen werden, indem wir Ereignisse des Zeitalters tief in uns aufnehmen und auch allen Anteil an ihnen nehmen werden, werden wir in die Gesellschaft das beseelende

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