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Die Welt · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Article
Jüdische Gemeindesorgen
Date
1903-07-10
Page
6 (sequence 1)
Language
German
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Seite 6 „Die # WeIU< Nr. 28 ludische Gemeindesorgen,. Ueber das Thema „Aus unserem Gemeindeleben4' sprach am 3. Juni d. J. Hr. Ludw. B e h r im Auftrage des Verbandes der Synagogen-Vereine in Dräsels Festsälen zu Berlin. Der Verband ist unter seinem rührigen Vorsitzenden Herrn Lewinski in kurzer Zeit zu einem Faktor im Berliner Gemeiudeleben geworden, mit dem man rechnen muss, wenn man sich nicht verrechnen will. Das Behr'sche Referat hat sein Ansehen noch erhöht. Vor Jahresfrist hat der Verband in einer grösseren Eingabe an den Vorstand der jüdischen Gemeinde den Standpunkt des Verbandes und die Verpflichtung der jüdischen Gemeinde den Privat-Synagogen-Vereinen gegenüber klargelegt. Diese Schrift hatte damals einiges Aufsehen und warme Anerkennung innerhalb der beteiligten Kreise hervorgerufen; man hielt irrtümlicherweise einen in der Repräsentanz sitzenden Rechtsanwalt für den Autor; nachdem wir den Vortrag des Herrn Behr gehört haben, wissen wir, wo der Verfasser zu suchen ist. Der Referent schildert die Entwicklung der jüdischen Gemeinde und bezeichnet die sich Reformjudentum nennende Bewegung als eine, die aus dem Judentum hinausführt. Er weist nach, wie man unter dem Einfluss dieser Bestrebungen und unter dem Deckmantel des „Liberalismus" die Einrichtungen der Gemeinde verkümmern Hess und weder für gottesdienstliche Veranstaltungen noch für den Religionsunterricht in genügender Weise sorgt; auch der obligatorische Religionsunterricht sei weder der Gemeindeverwaltung, noch einem der besonders hervortretenden Vereine zu danken, sondern nur den Bemühungen eines auserhalb der Verwaltung stehenden Einzelnen. Die letzte Steuerliste der Gemeinde weise 18 285 Seelen auf, und nicht einmal für die Hälfte der Steuerzahler ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder und ohne Rücksicht auf die anderen Gemeindemitglieder seien Plätze vorhanden. Redner wies darauf hin, wie die Schwierigkeit, am Gottesdienst teilnehmen zu können, einen Indifferentisrmis erzeugte, der sich von den Eltern auf die Kinder übertragen habe; die Gründung von Privat-Synagogen-Vereinen resp. die Befestigung der bestehenden sei eine rettende Tat geworden; er weist die Unterstellungen zurück, dass die Beschäftigung mit diesen Privatvereinen für viele eine Art Sport sei, er zeigt, welchen grossen Mühen die Führer dieser Vereine sich unterziehen, um diejenigen Aufgaben zu erfüllen, die die grosse Gemeinde zu erfüllen versäumte. Alle diese Gemeinden wollten mit Ausnahme der Reformgemeinde weiter nichts als die Gepflogenheiten des traditionellen Judentums fortsetzen. In gleicher Weise schildert er. wie die grosse Gemeinde ihre Pflicht hinsichtlich der Religionsschulen nicht erfüllt hätte, und wenn die bestehenden Religionsschulen der Privat-Synagogen-Vereine nicht ganz auf der Höhe stünden, so wäre die mangelnde Unterstützung seitens der Gemeinde daran Schuld, jedoch hätten die Vereine nach ihrem schwachen Vermögen mehr als ihre Pflicht getan. Laut § 2 des Statuts ist die Gemeinde verpflichtet, für den Religionsunterricht zu sorgen, eine Verpflichtung, die lediglich eine Konsequenz des § 62 des Gesetzes vom 25. Juli 1847 sei. Die Gemeinde habe diese Pflicht sehr schlecht erfüllt. Demgegenüber wies er auf das hin, was von den Privat-Synogogen-Vereinen geleistet würde. Aus einer Statistik von 16 Vereinen ging hervor, dass von ihnen 5700 Synagogenplätze unterhalten wurden und zirka 1200 Kinder Religionsunterricht empfangen; dazu kommt noch die Synagoge an der Potsdamer Brücke mit 500 Plätzen und 5 ständigen Funktionären, ferner die Synagoge „Addas Jisroel" mit 500 Plätzen und 400 Schulkindern, davon 175, deren Eltern zur grossen Gemeinde gehören. Die grosse Gemeinde lässt sich also von den Vereinen und Körperschaften 7000 Synagogeiiplätze — annähernd, so viel wie sie seihst in ihren Synagogen hat — und den Unterricht für 1500 Schulkinder stellen. Der Etat dieser Vereine beträgt 119 200 Mk., hierzu kommt noch derjenige der Synagoge an der Potsdamer Brücke und der sich auf 55 000 Mark belaufende Etat der Adass Jisroel- Gemeinde. im ganzen mehr als 200 000 Mark. Jene 16 Vereine erhalten zusammen eine Subvention von zirka 27 000 Mk. von der grossen Gemeinde, die Reformgemeinde eine solche von mehr als 20 000 Mark. Referent behandelt dann die Klage der Schulinspektoren, dass die Kinder zu viel hebräisch und zu wenig jüdische Ethik lernten: er ist der Ansicht, dass die Kinder möglichst gut und möglichst bald hebräisch lernen sollten und weist auf die Schulbücher in den Schulen und Bibliotheken der jüdischen Gemeinde hin; hier befinde sich manches, was gerade nicht jüdische Ethik wäre; als Beispiel führt er das Bibliotheksbuch Nr. 29, „Buch für Mädchen" von Agnes Franz der jüdischen Mädchenschule an, dasselbe enthalte ein Gedicht „Christrtfslein", ein Prosastück „Friede sei mit euch", in weichem die Charfreitagsstimmnng geschildert werde, ferner ein siebzehnseitiges Gedicht „Der Christbaum", oder „Gehet hin und tuet desgleichen". Fferr Behr erwähnte dann einen Antrag (den man bereits begraben glaubte, der aber wieder ans Tageslicht gebracht zu sein scheint), worin man beabsichtigt, die Subventionen an die Privat-Synagögen-Vereine in ienem bestimmten Verhältnis zur Steuerleistung der Mitglieder an die Hauptgemeinde festzulegen, was einer Vergewaltigung der kleineren Vereine gleichkäme. Es sei doch klar, dass die ärmeren Gemeinden eine grössere Subvention erhalten müssten als die reichern eine Bemessung der Subvention nach der Steuer sei unhaltbar. Die Absicht, diese Privatschulen und Audachtsstätten durch die grosse Gemeinde übernehmen zu lassen, sei nur durchführbar, wenn die Gewähr dafür geleistet würde, dass der traditionelle Geist in keiner Weise verletzt würde. Er zeigt dann auch, wie hinsichtlich der Pflege der Milah und der Liebesdienste in allen Kreisen von Mensch zu Mensch die Vereine ihre Aufgabe voll erfüllt haben und appelliert an den Gerechtigkeitssinn der Gemeindeverwaltung, dass sie sich in Anerkennung der Notwendigkeit der Leistungen der Vereine nicht weiter sträube, denselben auch die materielle Stütze zu geben. „Nicht der Gedanke kleinlicher Trennungssucht, sondern das ehrliche Bestreben, Hüter und Pfleger des von jedem assimilierenden Schematismus freien traditionellen Judentums zu sein, sei in den Privatvereinen verkörpert." Nachdem der Referent bereits an einer Stelle seines Vortrages darauf hingewiesen hatte, dass die jüngere Generation dank der werbenden Kraft des Zionismus weit weniger indifferent und indolent sei als die ältere und ihr Judentum nicht mehr verleugnen wolle, schloss er mit der Aufforderung, rüstig an die Arbeit zu gehen, um den Geist zu bekämpfen, der hinausführt aus dem Judentum, damit es gelinge, vor allem in den Kindern wieder Liebe zu den Traditionen unserer Religion und unseres Volkes zu erwecken. Die von glühender Liebe zur jüdischen Sache getragenen Ausführungen wurden durch reichlichen Beifall der zahlreich erschienenen Versammlung gelohnt. In der Diskussion verlangte Herr Klausner, dass die grosse Gemeinde in Bezirke geteilt werden sollte und dass die Privatvereine mit ihrem Ritus die Träger dieser Bezirke sein sollten, so dass jene Leute, die die Lage in den Privatvereinen kennen, dazu berufen würden, die Führer der Bezirke zu werden. Klausner suchte dann die Unzufriedenheit des Referenten mit den Gemeinde-Institutionen als eine Unzufriedenheit mit der Gemeinde-Repräsentanz zu deuten, vor allem mit den Führern des Zentralvereins, welche ihr den Wählern gegebenes Wort nicht einlösten. Herr H e i m a n n s o h n benützte ein altes Wahlflugblatt, um ge^en den liberalen Verein etwas zu nolemisieren, während Herr Weinberg den Zentralverein in Schutz nahm. Herr Dr. Klee führte aus, dass der Zentralverein allerdings seinerzeit Gutes für die Gemeinde geleistet habe, seit längerer Zeit aber völlig stagniere, weil ihm vielfach die geeigneten Persönlichkeiten zu fehlen scheinen. Alles, was frisch und lebendig jüdisch fühle, müsse sich in Berlin zu einem Kartell vereinen, um bei der nächsten Wahl Männer in die Ratsstube der Gemeinde zu senden, die mit treuer Anhänglichkeit an das historische Judentum und an seine Institutionen Verständnis für die grossen Gegenwartsaufgaben der jüdischen Volkes zu paaren wüssten. Nach einstimmiger Annahme einer Reihe von Resolutionen schloss die Versammlung. J : z Berlin. Briefe aus England. ii. Die Resolution des Herrn Leopold Schloss bezüglich der Kisehenewer Massacres auf dem letzten Meeting der Anglo-Jewish-Assoziation, das am 22. Juni L J, abgehalten wurde, dass nämlich „ein spezielles Komitee zur Organisierung einer öffentlichen Protestversammlung eingesetzt werde, welche Versammlung womöglich von sympathisierendenCbristen besucht Averde". wurde mit einer grossen Stimmemnajorität abgelehnt. Wir Zionisten, waren auf einen solchen Ausgang schon früher vorbereitet und keineswegs überrascht. Das Interessante daran ist aber folgendes: In meinem voran rehenden Briefe habe ich behauptet, dass die Leiter der „Anglo-Jewish-Assoziation" schliesslich doch an der englischen Sympathie für die Juden zu zweifeln beginnen. Für die'Wahrheit dieser meiner Behauptung spricht das Wörtlein „womöglich" in der oben zitierten Resolution. „Das Meeting möge womöglich von s yra path isi er en d en Christen besucht werden!" Hier liegt der Hund begraben! Die englischen Juden im .20. Jahrhundert haben trotz ihrer vieigerühmten Emanzipation Zweifel an die Möglichkeit, die Sympathien der Christen für die Juden, sogar für solche, die grausam misshandelt, geplündert und gemordet wurden, zu gewinnen. Die Diskussion, die sich an der Resolution anschloss, hat viele interessante Punkte hervorgehoben, interessant nicht deshalb, weil sie die Zionisten überzeugen

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