Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Article
- Die Lage der Juden in der Gegenwart und der Zionismus
- Date
- 1903-07-10
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die £ Welt*? Nr. 2 8 tiger Erkenntnis des Uebels jedwedes Palliativmittelchen perhorresziert und nur ein Mittel empfiehlt, welches in der trostlosenG-egenwart für unsere leidendenBrüder eine grosse Hoffnung bildet und auch geeignet ist, die Gesundung unseres Volkslebens, eine glücklichere Periode in unserer Geschichte herbeizuführen. Das vom Zionismus empfohlene und teilweise schon in Anwendung gebrachte Mittel heisst: „Sammlung der gesamten jüdischen Volkskräfte". „Hilf dir, und Gott wird dir helfen," lautet seine Devise. Arbeit, jüdische Arbeit in jüdischem Geiste fordert der Zionismus von jedem einzelnen von uns, und das Zusammenfassen all dieser Arbeit wird uns den Weg zu unserem Ziele bahnen. Die Volksarbeit hinwieder verleiht uns Selbstgefühl und Selbstvertrauen, die uns über die Fährnisse und Schwierigkeiten des mühsamen Weges hinweghelfen sollen. In hohem Masse wendet sich daher das Interesse der Judenheit dem Mittelpunkte der zionistischen Arbeit, dem in nächster Zeit stattfindenden Kongresse zu. Das Gefühl der Unsicherheit, das unter den Juden allgemein Platz gegriffen hat, muss ihre Aufmerksamkeit unbedingt dahin lenken, wo man die Mittel in Erwägung zieht, dieses lähmende Gefühl zu beheben. Und der Kongress, der heute nicht mehr als blosse Vertretung der Zionistenvereine, sondern als Sprachrohr der gesamten Judenheit gilt, kann sich dessen versichert halten, dass die Judenheit nicht nur seinen Beratungen mit Aufmerksamkeit folgt, sondern auch, und heute mehr als je, bereit ist, an der VerwirkKchung seiner Beschlüsse mitzuarbeiten. Mit Vertrauen sehen wir den Arbeiten des Kongresses entgegen. Wir wissen zwar noch nicht, was er uns bringen wird. Wir wissen nicht, inwieweit die Meinung der jüdischen Presse, dass der sechste Kongress ein besonders bedeutsamer sein dürfte, ihre Richtigkeit hat. Wir wissen nur, dass der Zionismus das Wohl unseres Volkes will, und dieser Wille wird den Kongress den in der nächsten Zeit einzuschlagenden Weg finden lassen. So viel aber kann schon heute gesagt werden, dass es das unvergängliche Verdienst des Zionismus bleiben wird, die Judenheit zuerst angeregt zu haben, die Leitung ihrer Geschicke selber in die Hände zu nehmen. Dr. Ph. Frankl. Der sechste Kongress. In dieser Woche haben bereits die ersten Delegiertenwahlen für den Kongress stattgefunden. Die Vereinigung „Bar Kochba" in Cairo wählte Herrn Dr. Adolf Priedein a n n. Die Ortsgruppe Hamburg entsendet Herrn Gustav G. Cohen. Die Zionisten in Antwerpen haben vier Wahlgruppen konstituiert und werden demnach durch vier Delegierte vertreten sein. In Kopenhagen ist eine Wahlgruppe im Entstehen begriffen. * Auf mehrere Anfragen bezüglich der Ersatzwahlen sei auf die Bestimmung des § 12 des Organisationsstatutes verwiesen: „Die Vereine werden ermächtigt, zur Vermeidung von Unzulänglichkeiten gleich beim Wahlakte für den Fall der Verhinderung der Delegierten Ersatzmänner auszuwählen, welche gleichzeitig anzumelden sind." # Das Aktionskomitee hat zur Wahrung des Wahlgeheimnisses den Landeszentralen die Verwendung der in den österreichischen Gruppen seit Jahren gebräuchlichen Wahlbriefe empfohlen. Diese Wahlbriefe sind den Kartenbriefen nachgebildet und bestehen aus einer gummierten und zusammengefalteten Karte, der ein abtrennbarer Kupon angeschlossen ist. Die Karte wird mit dem Namen des Kandidaten ausgefertigt und verschlossen. Der Kupon trägt die Unterschrift des Wählers. Der ganze Wahlbrief wird dem Wahlleiter übergeben oder überschickt. Dieser trennt .zunächst die Kupons von den Karten, die -sodann geöffnet werden. '. Die Wahlleiter haben den ganzen Wahlakt, also die Wahllisten, Stimmzettel, Kupons und Protokolle sofort nach vollzogener Wahlhandlung an das Kongressbureau in Wien zu senden. * Die Herren Delegierten werden ersucht, alle Anfragen bezüglich Unterbringung und Verpflegung möglichst rechtzeitig an das Kongressbureau zu richten, weil sonst bei der grossen Arbeitsüberbürdung des Bureaus keine Bürgschaft für rechtzeitige und richtige Ausführung übernommen werden kann. * Die Sitzordnung der Delegierten wird vom Kongressbureau bestimmt. * Wie in den vergangenen Jahren, wird auch heuer ein Pressbureau amtieren. Dasselbe wird ausschliesslich den Vertretern der Presse dienen. Zur Vereinfachung des Verkehrs erhalten die Herren Korrespondenten bei ihrem Eintreffen in Basel eine Legitimationskarte, eine Anweisung auf einen reservierten Platz auf der Journalistentribüne und einen Platz und ein verschliessbares Fach im Journalistenzimmer. Alle Vorlagen, Communiques und Berichte, die in Druck erscheinen, werden den Korrespondenten rechtzeitig übergeben. Ausserdem werdet mindestens zweimal täglich objektiv gehaltene Berichte über die Kongressverhandlungen ausgegeben, welche den Vertretern der Presse unentgeltlich zur Verfügung stehen. Dritter Parteitag der österreichischen Zionisten.*) III. (Vormittags-) Sitzung. Die Galerien sind auch am Montag, und zwar bis spät nachts, dicht besetzt. Vom A.-C. wohnen die Herren Dr. Kokesch, Dr. Kahn, Arch. Marmorek, Ing. Kremenetzky den Beratungen bei. Der erste Punkt der Tagesordnung ist das Referat: ,,S t e 11 u n g n a hm e zu dem Kongress und seinen Organe n". Der Referent Dr. J. W. M a r m o r e k wird mit lebhaftem Beifall empfangen. Er führt aus: Wenn ich in den Leitsätzen für mein Referat sage, dass jede faktiöse und fraktiöse Gliederung im Zionismus abzulehnen sei, so geschah dies, weil ich die wiederholte Diskussion über die Fundamente unseres politischen Glaubens vermieden wissen will. Keineswegs will ich ein Hindernis für die Diskussion zur Ausbildung und wissenschaftliche?! Vertiefung des Zionismus schaffen. Ich nehme die freiheitlichste, die sozialdemokratische Partei zum Muster: Ihre Parteitage kennen wohl eine Diskussion über das Wie, aber nicht über das Was. Die vermeintliche Wichtigkeit einer besonderen Meinung so übertreiben, dass eine Schädigung der gemeinsamen Arbeit entsteht, ist eine Schädigung der Sache. Da jeder von uns das Beste wünscht, wird er sich durch eine Diskussion in der Presse leicht zum Guten bekehren lassen. Wenn für künstlerische, dichterische oder philosophische Arbeiten in der Gesamtorganisation Raum geschaffen werden soll, ist jedesZionistenZustimmung sicher. Aber die politischenArbeiter gegen ihrenWillen allzusehr damit stören zu wollen, ist nicht amPlatze. Das imperative Mandat bis zu den äussersten Konsequenzen gegen eine Majorität zu vertreten, ist eine schwere Schädigung der ge- *) Siehe „Die We 11" Nr. 27.