Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Article
- An unsere geehrten Abonnenten! [Nachricht] / Die Welt <Administration>
- Date
- 1903-07-10
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- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Die neu eintretenden Abonnenten erhalten diese Separatausgaben ebenfalls g r a t i s zugestellt. _Die Redaktion und Administration der „Welt". Die Lage der Juden in der Gegenwart und der Zionismus. Es ist das tragische Moment in der Geschichte des jüdischen Volkes, dass es seine Geschichte nicht selbst macht. Von dem Momente angefangen, wo es seine Staatlichkeit eingebüssthatund seinen Fuss auf fremden Boden setzen musste, kann nicht mehr von einer „jüdischen Geschichte" schlechthin die Rede sein. „Geschichte der Juden" höchstens kann man es .nennen,, wenn man die Geschicke und den Leidensgang der Judenheit seit dem barkoehbäischen Aufstande unter der Bezeichnung „Geschichte" zusammenfassen will. Und darin liegt die Tragik des jüdischen Volkes. Wir sind ein Volk, eine Nation, und wir haben doch schon seit ^000 Jahren aufgehört, zu den Völkern gezählt zu werden. Es ist nicht das unbefriedigte politische Ehrgefühl, das uns gerade in diesem Umstände das traurigste Moment unserer Volksgeschichte sehen lässt. . Ach! Wir Juden sind bescheiden geworden. Zu lange schon haben wir unter den reich gedeckten Tischen der Völker die uns in. verächtlicher Weise zugeworfenen Brosamen aufgelesen, als dass wir ungestüm fordern würden, den einst innegehabten und dann verlorenen-Platz an dem, Tische und in dem; Rate der Völker wieder einzunehmen. Längst schon haben wir es auf gegeben,, die verletzte Eitelkeit zu spielen. Die Tragik des jüdischen Volkes liegt nicht allein in der Tatsache der politischen Abhängigkeit und Unfreiheit, sondern in den Konsequenzen, die diese Tatsache notgedrungen nach sich ziehen muss. Das jüdische Volk kann nicht seine Geschicke und seine <Geschichte selbständig leiten und lenken, ergo — wird es geleitet und gelenkt. Hier ist das Uebel, an welchem das Judentum seit Beginn des Exils krankt. Oder sprechen wir es gerade aus: Das jüdische Volk ist ein Spielball in den Händen der Völker, unter denen es sich befindet. Die Juden sind nicht Herren ihres Geschickes. Es gibt kein den Juden zu empfehlendes Normativ, wodurch sie ihre Lage günstiger gestalten könnten. Sie können es unmöglich der ganzen Welt recht machen; sie können unmöglich so gut sein, dass man an ihnen nichts aussetzen würde. Da liegt die Tragik unseres Volkes. Und auch die Zeit hat unserem Volke keine Hilfe gebracht. Weder die grosse Revolution, noch die Erklärung der Menschenrechte, noch auch alle Errungenschaften einer Zeit, die auf alle übrigen Völker von erlösendem Einflüsse waren, haben uns wesentliche Besserung gebracht. Selbst in den Ländern, wo wir emanzipiert, den übrigen Bürgern des Staates gleichgestellt sind, sind wir dem Ungefähr, dem Zufall preisgegeben. Eine politische Umwälzung oder nur ein Regimewechsel, die mit Juden und Judentum absolut in keinem Zusammenhange stehen, sind oft von den schwersten Folgen für die Juden begleitet. Und wie es gar mit dem Schicksal unserer Konnationalen in jenen Ländern aussieht, wo sie jeden Rechtes bar sind, davon sind wir ja erst vor zwei Monaten mit einem Pröbchen bedacht worden, das nicht nur uns, sondern auch die ganze gesittete Menschheit mit dem grössten Entsetzen erfüllt hat. Und wahrlich, gibt es eine höhere Tragik, als wissen zu müssen, dass das Leben und die Existenz des grösseren Teiles des jüdischen Volkes von der Willkür, der Laune oder der politischen Ueberzeugung eines einzigen Mannes, der zufällig Minister ist, abhängt? Diese Tragik wird nicht vermindert durch den Umstand, dass das Oberhaupt eines freien und mächtigen Staates in Wort und Tat für diese unglücklichsten aller Menschen eintritt; sie wird nur noch durch das traurige Bewusstsein erhöht, dass auch die Fürsprache und die Intervention eines der Mächtigsten der Gegenwart an dem Zustande unserer armen Brüder nichts sonderlich ändern werden. In unserer Zeit nun, wo die Juden aller Länder über ihre eigene Lage nachzudenken angeregt worden sind, ist es umso natürlicher, dass . sich die Aufmerksamkeit der Juden in erhöhtem Masse dem Zionismus zuwendet. Ist es doch der Zionismus, der den wunden Punkt am Körper des Judentunis erkannt und sich auch dessen Heilung zur Aufgabe gemächt hat* Und der Zionismus ist es, der in rieh-