Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · p. 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Article
Tischgespräche aus dem Café "Weidhof"
Date
1903-07-03
Page
23 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316048-3334282--41496-3334397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Geräuschvoll ächzend Hess sich Herr Mandelstein auf dem Sessel neben dem Arzte nieder. Das Aechzen wiederholte sich in kleinen Zwischenräumen, und da ihm Dr. Ernst keine Beachtunec schenkte, so steigerte es sich schliesslich zu einem abgründigen Stöhnen. „Sie sollten mehr Diät halten, ich habe Ihnen das schon einige Male gesagt8, — bemerkte Dr. Ernst, ohne von der Zeitung aufzusehen; „massiger leben!u „Ach, das ist es nicht! Ich bin nur heute so melancholisch —. Wissen Sie, ich furcht', es wird Blut fliessen." Der Arzt blickte fragend das melancholische Vis-ä-vis an. „Ich meine, zwischen Amerika und Russland. Vie], viel "Blut!" Und Herr Mandelstein beschrieb mit den feisten Händen einen grossen Kreis in der Luft, um den Umfang des kolossalen Blutbades wenigstens annäherungsweise anzudeuten; „und an aTlem sind wir schuld!" „Sie sollten schuld sein?" „Jawohl", nickte der Privatier zerknischt, „ich und Sie und alle Ihre Verwandten und hier unser Freund, der Herr Kohn — habe die Ehre, Herr Kohn, — wir sind alle schuld, — wir alle Juden —tf. Herr Mandelstein senkte, gewissem! assen gebeugt von der unendlichen Wucht dieser Blutschuld, seinen spärlich bepflanzten Scheitel. „Von was für einer Schuld ist hier die Rede", fragte in beinahe drohendem Tone Herr Kohn, der inzwischen an den Tisch herangetreten war. „Ach, an die Kleinigkeit h ab' ich jetzt gar nicht gedacht, Sie laufen mir nicht fort, es eilt nicht", — bemerkte in wohlwollend gönnerhaftem Tone Herr Mandelstein. „Ich sprach vielmehr von der Gesamtheit der Juden. loh und Sie und wir alle, wir machen der Welt schreckliche Scherereien. Einmal wühlen wir Frankreich von Grund aus auf und blamieren die Republik vor aller Welt, dann geben wir den Anlass, dass der galizische und böhmische Bauer öffentlich als bestialischer Plünderer dasteht, nachher wird durch unsere Vermittlung Rumänien an den Pranger gestellt und jetzt verursachen wir wieder den Russen wegen der Kischenewer Tage Ungelegenheiten. Glauben Sie, dass diese Blamagen den beteiligten Ländern angenehm sind? O, wir sind ein widerwärtiges Volk! Es ist dann wahrhaftig kein Wunder, wenn alle Völker, die mit uns zu tun haben, erbitterte Judenfeinde werden. Jawohl, so wird der Judenhass grossgezogen!" Herr Mandelstein griff, wie um sich diesen herben Gedanken ein wenig zu versüssen, nach dem Stückchen Zucker, das Dr. Ernst auf seiner Tasse liegen gelassen hatte, brach es in zwei, verzehrte die eine Hälfte und steckte die andere in die Westentasche. „Sie sind ein tiefer Denker, Herr Mandel stein", sagte Herr Kohn, dem Privatier auf die Schulter klopfend. „Sie meinen also, der Judenhass sei darauf zurückzuführen — dass die Völker die Juden hassen. Schwer zu widerlegen, diese scharfsinnige Erklärung. Mir scheint aber, dass die Sache denn doeh etwas anders ist; stellen Sie sich vor, Herr Mandelstein, Sie werden — Gott behüte! — von einem tollen Hund gebissen. — Na, na, machen Sie doch nicht ein so entsetztes Gesicht, es ist ja nur eine Annahme, ein Beispiel; — Sie werden also gebissen, der betreffende Hund ist ein grosser, kräftiger Hund — aber rücken Sie doch nicht so angstvoll auf dem Sessel herum, es ist ja nicht wahr — und nachdem Sie gebissen worden, hat der Besitzer des Hundes grosse Unannehmlichkeiten, weil er das Tier nicht straff genug beaufsichtigt hat. In Harnisch gebracht durch all' die gerichtlichen Plackereien, lauft jetzt der genannte Besitzer mit einem schweren Stock in Ihre Wohnung — aber beruhigen Sie sich doch, Herr Mandelstein — und schaut unter alle Betten und in alle Kästen und schreit blutdürstig: „Wo ist der Herr Mandelstein?" — Werden Sie da sagen, es ist kein Wunder, dass der betreffende Herr ein erbitterter Mandelstein-Feind geworden ist? — So ist es mit den gebissenen Juden und den tollen Bauern und ihren Regierungen." Herr Mandelstein, den das jüngste Abenteuer mit dem wutkranken Hund ausserordentlich hergenommen hatte, wischte sich den Schweiss von der Stirne, sagte „Pardon \il und eilte, ohne auf das Meritorische der Debatte einzugehen, zu seiner Erholung ins Nebenzimmer. „Es ist aber doch ein kleiner Wahrheitskern in dem Unsinn des Herrn Mandelstein", sagte Dr. Ernst, „zweifelsohne ergibt sich aussolchen judenfeindlichen Au schrei hin gan, die in der ganzen Welt diskutiertwerden, eine Kumulierung des Judenhasses. Die verantwortlichen Schützer der Juden, die vom Publikum auf einer gröblichen Vernachlässigung der pflichtgemässen Obsorge ertappt werden, sind dann natürlich auf die Juden sehr schlecht zu sprechen. Sowie der Ziehvater, der wegen Ueberschreitung des Züchtiemngsrechtes gerichtliche Anstände hatte, den armen Zögling nachher doppelt hasst. Da gibts in Zukunft zwar nicht mehr vernehmlich klatschende Schläge, wohl aber stille, ebenso schmerzhafte Püffe. Und schreit der Bursche, versucht man's mit dem Knebel. Sehen Sie. das ist das Fatale an der Lage der Juden: je mehr sie geprügelt werden, desto mehr Anrecht auf fernere Prügel erwirken sie sich. Die blutleren Striemen selbst sind schon ein Anlass für weitere Striemen/' „Nichtsdestoweniger ist es doch sehr schön, dass der Präsident der Vereinigten Staaten sich der russischen Juden annimmt." „Wunderschön ist es. wunderschön," rief enthusiastisch Herr Mandelstein, der mittlerweile wieder auf der Bildfläche erschienen war, und er zog die zweite Hälfte des Zuckerstückchens aus der Westentasche und verspeiste sie. „Sie finden es wunderschön'', sagte traurig Dr. Ernste wenn wir Anspruch auf Mitleid haben. E. R. SPENDEN. Für den jüdischen Nationalfonds: wPnei Zion" . Grodno : Zahnarzt M. Angelewitz B. 10.— , Dr. med. Ch. Hurwitz 10.—, R Noudess 6.—, L. M. Ver 8.—, A. Markus 5.—, Freumelstein 5.—, M. Janowsky 5.—, Sch. Pasmanik 4—, M. Uriaschsohn 4.—, J. Israelit 3.—, S. Schapiro 3.-—. A. Gradjenski 3. — , L. Burda 2.—. Sch. Sadai 2.-, J. Epstein' 1.—. J. Paigin A. Charin 1.—, M. Jonas 1.—, J. Adamsky 1. — , N. "^"Bendetsohn 1.—, Tukowsky!.—, Sammlung M Eisen - stadt 1.—, Sammlung- M. Ansrelewitz und M. Uriaschsohn auf der Hochzeit von F. Krinsky 15.75, Sammlung J. Epstein 1.25; zusammen R. 95.—......239.40 Anstatt Glückwunsch-Telegramm zur Hochzeit der Tochter ä>s Herrn Samuel Barhasch, Odessa: J. L. L. Greenbergr Liv. Sterl. 0,5,0. J. Cowen 0,5,0, Th. Hirsch 0,5,0, L. Kessler (war nicht eingeladen) 0,5.0; zusammen Pfd. Sterl. 1.—...... ^......... . . . 24.- „Bar Kochba", Wien, nach Fischeis Staatsprüfung zur Eintragung Bardachs................ 2.05 Verein „Leo Pinsker", Wien ............. 0.70 Verein „Bar giora", Wien.............. 0.15 „Societe ^iom'ste des Etudiants d'Anvers" zur Eintragung ins goldene Buch : Caisse de la Societe Sioniste des Etudiants d'Anvers Frcs. 25.— . H. Salti 5.—. H. Grünzweig 5.—, M. Finkelstein 5.—, J. Fischer 8.—, L. Fischer 10.—, 0. Fischer 5.—, E. Kirschen 5.—, N. N. 5.—, M. Tolkowsky 5.—, Pressel 1.—, M. Tom 5—, Dr. L. Herz 5.—, H. Juwiller 3.—, Dr. J. G. 5.—. S. M. & Co. 5.—, H. Taufstein 2.—, H. Kaminker 5.—, M.K. 2._% H. Greizer 3.—, J. Stabotzky 5.—, Schermant 2.—, N. N. 2.—, Hivers 2.—, J. Zinner 3.—, I. Busch 3.— A. Russ 3. — , L. Kannengiesser 10.—. Schlugleif 3.—, B. Fischer 5.— , S. Kleinberg 5.—, G. K. 5—, J. Landy 10.—, I. Van Crevel 2 —, L. Tietz 10.-. Lenders 5.-, Ch. Bloch 5.—, Le^vin 5.—, Buchenholz 1. — , H. Marcuse 3.—, J. Marcuse 5.—, M. Schulsinger 2.—, M. Fischer 5.—, Anonyme 2.—, M. 2.—, W. Horowitz

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.