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Die Welt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · p. 22

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Article
Antwerpen
Date
1903-07-03
Page
22 (sequence 2)
Language
German
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unserer Bewegung in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung eingetreten. Ihren Bestrebungen haben wir auch zu verdanken, dass an allen Veranstaltungen der Ortsgruppe zahlreiche Gäste teilnehmen. Am 11. Mai d. J. fand ein sehr interessanter Vortrag des Dichters Goldfaden vor einem zahlreichen Publikum statt. Der Rührigkeit des Präsidenten der zionistischen Studentenverbindung haben wir auch eine Reihe von Vorträgen auf den zionistischen, populär-wissenschaftlichen und anderen Gebieten zu verdanken. So sprach Dr. Herr über Tuberkulose bei den Juden, Ing. J. Weingrün über „Zionismus und die jüdische Jugend", der Dichter H. Grünau hat einen Vortrag über „Jung-jüdische Dichtung", H. Dr. Landau über „Babel und Bibel" versprochen. Die Kischenewer Katastrophe hat in Belgien wie in der ganzen gesitteten Weit ungemeine Entrüstung hervorgerufen. Die Zeitungen wie „L'Etoile Beige", Le Matinu und „Le Petit Bleu" geben in Inn gen Artikeln ihrem Abscheu vor diesen unmenschlichen Greueltaten kund. Unsere Gesinnungsgenossen veranstalteten eine Kollekte, die bis heute die Summe von 10.000 Frcs. ergab. „Le Petit Bleu* schrieb in einem spaltenlangen Artikel über die Geschichte der Entstehung und Entwicklung des politischen Zionismus, wobei er objektiv und sehr sympathisch seine Stellung uns gegenüber präzisierte. Der „Petit Bleu" in Brüssel wendet sich anlässlich der Kischenewer Exzesse wieder zur Frage über den Zionismus in einem Artikel vom 10. Mai d. J., betitelt „Pour le Cionisme". Im Gegensatze zum Jahre 1897, wo dasselbe Blatt eine ablehnende Stellung zum Zionismus eingenommen hatte, äussert es sich gegenwärtig in überaus lobenden und zustimmenden Ausdrücken über unsere Bewegung. Die praktischen Resultate, die der Zionismus mittlerweile erzielt hat, die immer wachsende Stärke der Bewegung haben ihre überzeugende und gewinnende Wirkung nicht verfehlt. Jedenfalls scheint das Blatt über den Zionismus mehr informiert zu sein als der Grand- Rabbin von Bruxelles M. Armand Bloch, der von einem Mitarbeiter der „Chronique" über den Zionismus interviewt worden ist. Obwohl der Rabbiner nicht ganz ungünstig dem Zionismus gegenüber sich verhält, scheint er doch blutwenig von ihm zu wissen. In Brüssel ist vom med. Grünzweig ein zionistischer Studentenverein an der dortigen Universität gpgründet worden, er verspricht mehr Leben und Jugend in die dortige apathische Judenschaft zu tragen. In Antwerpen sind zwei Vereine, ein Frauenverein und ein Share-Klub, im Entstehen. Es könnte noch mehr geleistet werden. Es genügt der Hinweis auf das grossartige Agitationsgebiefc in den belgischen Seebädern, Ostende und Blankenberg, wo Juden aus allen Weltgegenden ihre Erholung suchen. Wir erwarten von den angekündeten Agitationsreden des Doktor Marmor rfk aus Paris und Dr. Klee aus Berlin starke Erfolge. Im Verlage von „Agudas Zionu erscheint demnächst eine Sammlung Heinrich von Grünaus Gedichten. Den Lesern der „Welt" ist Grünaus Name nicht unbekannt und wir hoffen auch, dass seine Dichtungen die entsprechende Würdigung finden. Antwerpen entsendet zum nächsten Kongress warscheinlich vier Deputierte, wir warten nur auf das Resultat des Schekeltages, der für Belgien für Anfang Juni eingesetzt ist, um genau der Stimmberechtigen Zahl festzustellen. Josua W. Giurgtn. Die zionistische Sektion „Sam uel* hat beschlossen, dem Nationalfonds jährlich wenigstens einmal 10 Pfund Sterling zuzuwenden und dabei immer einen Führer ins Goldene Buch eintragen zu lassen. Voriges Jahr liess sich die Sektion selbst eintragen, heuer wurde die Ehrung Herrn Dr. Max Nord au zuteil, dem aus diesem Anlasse eine Adresse überschickt wurde. A. B. Liverpool. Sonntag, am 23. v. M., fand hier in der „Liverpool Young Mens Zionist Association" eine grossartige Demonstrationsversammlung in der Hope- Halle statt. Es wraren über 1700 Personen anwesend. Den Vorsitz führte Dr. Josef D u 1 b e r g aus Manchester, Hauptredner waren Mr. Herbert B entwich und Mr. Josef C o w en. Der Vorsitzende erklärte in seiner Eröffnungsrede, dass er weder ein ausgesprochener Anhänger, noch ein Gegner des Zionismus sei. dass er aber mit dem Zionismus sympathisiere und über ihn des näheren belehrt werden möchte. Die Bedner berührten hauptsächlich das aktuelle Thema über die „Ica" und ihre Politik. Der erste Redn er, Mr. B e n t wi c h erzählte die Vorgeschichte des Zionismus, in der die „Ica" eine so ' wichtige Rolle spielte, die damals einen ausgesprochen zionistischen Charakter trug. Sogar Sir Samuel Montagu, der sich jetzt als Gegner des Zionismus erklärt, entwickelte damals ein rein zionistisches Programm. Nun aber ging Redner zu den gegenwärtigen Verhältnissen in der „Ica" und ihrer Reformbill über. Mr. B e n t w i c h kritisierte scharf und eingehend die Bill und zeigte, dass sie den Verlust der Hirsch-Gelder für die jüdische Sache bedeuten würde. Mr. Josef Co wen sprach über die Fremdeneinwanderung und ihre Verhältnisse zum Zionismus. Er sagte, es wäre ein Irrtum seitens vieler, die behaupten, es liege im Interesse der zionistischen Politik, dass die Juden nach England nicht hineingelassen werden. Das wollen die Zionisten nicht. Es liege ihnen vor allem am Herzen, den physischen und geistigen Stand der Juden zu heben, Es handelt sich auch um die Sache der Gerechtigkeit. Bezüglich der Hirse h-F o n d s meinte er, dass die Zionisten sich nicht etwa bestreben, sie für sich in Anspruch zu nehmen — sie überlassen ihre Verwaltung den Hirsch-Komitees, verlangen aber nur, dass sie das Geld zum wahren Nutzen der jüdischen Gemeinschaft und im Sinne einer gesunden jüdischen Politik verwenden. Mit dem Beschlüsse des genannten Vereines, sich in das „G o 1 den e Buch", eintragen zu lassen, schloss die Versammlung. ßeaufort West, Cape Colony. (A g u d a s B'n ei Z i o n.) Die erste Versammlung des obgenannten Vereines land hier am Mittwoch den 3. Juni d. J. in der An Wesenheit fast aller jüdischer Einwohner dieses Ortes statt. Der Vorsitzende, Herr J. B a k s t, eröffnete die Versammlung, indem er eine feurige Ansprache, eir.en historischen Uebeiblick über die' zionistische Bewegung gab, und wies auf den Einfluss hin, den dieselbe auf das jüdische Volk ausübt, und auf die Erfolge, die sich der Zionismus in Süd-Afrika errungen hat. Er forderte dann alle Anwesenden auf, einen regen Anteil an der Verwirklichung dieser Idee zu nehmen» Herr R. Kleinmann sprach über die Notwendigkeit des politischen Zionismus als das einzige Mittel zur Lösung der Judenfrage, an deren Vorhandensein wir erst jünst wieder so schmerzvoll gemahnt wurden. Nachdem Herr J. Lewis und mehrere andere Herren gesprochen hatten, lud der Vorsitzende alte, die sich noch nicht eingeschrieben hatten, pin, sich dem Verein anztischliessen. Herr J. I s r a e 1 wurde zum Kassier und Herr R. Kleinmann zum Schriftführer erwählt. Zum Schluss wurde eine Sammlung für die Juden in Kischenew veranstaltet, die £ 30 ergab. Feuilleton- Tischgespräche aus dem Cafe >,Weidhofu, Wien, 30, Juni 1903. Der Privatier Herr Emanuel Mandelstein trat mit tief bekümmerter Miene um viertel 1 Uhr nachmittags in sein Stammcafe. Er schritt auf einen Zündhölzchenständer zu, entnahm ihm ein Hölzchen, spitzte dessen Endstück mit den Fingernägeln einigeimassen zu und begann unter gelegentlichem schwermütigen Koptschütteln in den Zähnen herumzustochern. „Sie, Adolf", rief er, nachdem er sich dieser kosmetischen Beschäftigung eine Weile hingegeben hatte, „ist der Dr. Ernst schon hier?" „Jawohl, Herr Mandelstein," replizierte dienstfertig der Zahlkellner, „im rückwärtigen Zimmer! Etwas zu nehmen gefällig, Herr Mandelstein?" „Später!" wehrte ärgerlich Herr Mandelstein ab und ging mit dem schleppend abgemessenen Schritte, der ihm •igen ist, ins Hinterstübel. „Habe die Ehre, Herr Doktor!" Der also Angerufene, ein junger, ernst blickender Mann mit goldenem Zwicker, sah flüchtig von der Zeitung auf, nickte leichthin und vertiefte sich wieder in die Gedankengänge des Leitartikels.

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