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Die Welt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · p. 18

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Article
Petersburg [Kommentar]
Date
1903-07-03
Page
18 (sequence 2)
Language
German
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Seite 18 „Die & Welt" Nr. 27 von dem Staats- und Kommunaldienst und fast von allen freien Berufsarten (mit Ausnahme der ärztlichen) ferngehalten, sind die Juden genötigt, ihren Erwerb im Handel und im Handwerk zu suchen. Die Städte und Flecken des Ansässigkeitsrayons sied mit jüdischen Handwerkern und Kleinhändlern überfüllt, und da das Bedürfnis der Bevölkerung nach diesen seine bestimmten ökonomischen Grenzen hat, so hat sich die Majorität der jüdischen Bevölkerung in ein wahres Proletariat verwandelt. Welchen Verdienst können die jüdischen Handwerker haben, wenn sie nach den vom jüdischen Kolonisationskomite gesammelten Daten im Jahre 1897 im Gouvernement Kowno 12*4%, im Gouvernement Wilna 13*4°/0 und im Gouvernement Grodno 18-l°/0 der gesammten jüdischen Bevölkerung bildeten! An einzelnen Punkten hat die Zahl der Handwerker eine wirtschaftlich irrationelle Grösse erreicht: in Schaulen (einer Kreisstadt des Gouvernements Kowno) bilden sie 42%, in Molodetschno (Gouvernement Wilna) 76°/9 der jüdischen Bevölkerung. Ebenso steht es mit den Kleinhändlern. Natürlicherweise muss der Pauperismus unglaubliche Dimensionen annehmen. Nach den überaus genauen Daten derselben Gesellschaft genossen im Jahre 1898 in 1272 bewohnten Ortschaften 132.855 Familien oder 18*8% aller im Ansässigkeitsrayon und in Polen wohnhaften (jüdischen) Familien (709.248) während des Passahfestes eine Unterstützung von Seiten der jüdischen Gemeinden. Nach den Forschungen des Herrn ßrodowski gab es unter den 150.000 Juden Odessas 50.000 wahre Proletarier, die „nicht von ständigem, sondern von zufälligem Erwerb leben." Petersburg. Finanzminister Wi 11 e empfing, wie die Blätter melden, eine aus einem Christen und zwei Israeliten bestehende Abordnung der Kaufmannschaft von Kischinew, welche ihm verschiedene Bitten vortrug. Sie ersuchte insbesondere um die Fortdauer des Kredits für jene Personen, deren Wechsel protestiert wurden, um eine Verlängerung des Zahlungstermines für diese Wechsel, um die Vergrösserung der Zahl derjenigen Personen, welchen ein Kredit gewährt wird und um die Gestattung von Solawechseln in einigen Fällen. Der Minister versprach, sein Möglichstes zu tun. Kiew. Wie der „KiewJjanm" meldet, hat der Polizeimeister von Kiew sämtliche Polizei-Kommissariate angewiesen, alle jüdischen Fleischhauer, welche in Kiew bis jetzt ständigen Aufenthalt hatten, sofort auszuweisen. Diese Massregel wurde getroffen, nachdem erst vor kurzem den in ihrer Existenz bedrohten Juden die Zurückziehung der Ausweisungsordre zugesagt wurde . . . Kiew. Der „Kiewljanin" publiziert einen Tagesbefehl des Generals Dragomirow, des Geiieralgouverneurs von Kiew, wonach 40 Juden, welche während der Strassenuuruhen vom 17. Mai sich verteidigen wollten, zu Arreststrafen verurteilt wurden. Cherson. Wie die Zeitschrift „Jug" meldet, hat das Petersburger Unterrichtsministerium eine Verordnung erlassen, wonach die jüdischen Zöglinge der Mittel-, Volks- und Bürgerschulen von den schriftlichen Arbeiten am Samstag und an den jüdischen Feiertagen nicht befreit werden können, höchstens als eine Ausnahme, die zu gewähren die Lehrbehörde für gut finden wird .... gt. jekaterinoslaw. Die Arbeiter einer hiesigen grossen Eisengussstahl-Fabrik (etwa 1000) haben aus eigenem Antriebe ihren Chefs erklärt, dass sie für drei Monate zwei Prozent ihres Lohnes zugunsten der beschädigten Juden in Kischenew geben wollen. Die Inhaber der Firma sind Christen. Odessa. In der Ausstellung der Kunstakademie fallen sieben Arbeiten des siebzehnjährigen Bildhauers R o c h umovsky auf. Der Vater des Künstlers ist derselbe Rochumovsky, der durch die Nachbildung einer antiken Tiara das Tagesgespräch von Paris wurde. Die Kritiker heben von den Werken des Sohnes die Gruppe „Bar Kochba kämpft mit einem Löwen" besonders hervor. Der nationale Geist des Künstlers, der Zionist ist, hat hier mitgeschaffen. Kn. Jerusalem. Dieser Tage ist der Vorsitzende des sephardischen Beth Din. R. Joseph Nissim Bul a, im Alter von 75 Jahren verschieden. Ein gediegener Talmudist und dabei ein Freund moderner Bildung, hat der Entschlafene mehrere Werke verfasst, von denen jedoch nur sein;rpv tspb vor drei Jahren im Druck erschien. Das Leichenbegängnis fand unter allgemeiner Teilnahme statt. New-York. In New-York soll das Denkmal für Baron und Baronin Hirsch nun doch errichtet werden. Der Bildhauer George Bissel hat es modelliert. Die Kosten betragen 58.000 Dollars, Die Reliefbüsten des Barons und der Baronin erheben sich auf dem Untergrund eines Sockels, zu dessen beiden Seiten die Genien der Barmherzigkeit und Liebe thronen. W«!t*@bi'0!)ik. Die russische Palästinageseüscbaft. In der „Poltawskie Wiedomosti", Nr. 119, lesen wir: Am 4. Mai fand die jährliche Versammlung der Mitglieder der: „Kaiserliche Orthodoxe Palästinagesellschaft'' statt. Um 1 Uhr nachmittags versammelten sich beim Prälaten Hii arion. Bischof von Priluki-Guedeon, der Gouverneur Fürst ürussow, General Zaro uboff, Adelsmarschali B r a s o u 1 und viele andere hohe Würdenträger der Regierung und der Geistlichkeit. Nachdem der Glückwunsch des Präsidenten der Gesellschaft an den Grossfürsten Sergius, Generalgouverneur von Moskau, verlesen worden war, wurde das Wort dem Professor am Seminare S. Rosow erteilt. Seine Rede war betitelt: „D er alte und der neue Zionismus." Hervorgehoben werden muss die Aufrichtigkeit und die Gerechti gkeit, mit welchen der Vortragende dieFrage behandelt. Ursprung und Anfang des Zionismus ist—nachdem Vortragenden — die Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Seit dieser Zeit, bis in unsere Tage, haben die Juden die Hoffouug, nach Palästina zurückzukehren, nicht aufgegeben. In seiner kurzen Abhandlung über die Ausbreitung dieser Idee nennt er Jehuda Haie vy, Hess, Smolensky, Pinsker und Herzl, und widerlegt die Einwendungen der Gegner des Zionismus. Er kommt zur Folgerung, dass d e r Z i o n i s m u s e i n e gr o s s e wohl zu verwirklichende Bewegung von grösster Bedeutung sei. Die Anglo-Jawish-Ässociation und Kischenew. Schliesslich hat sich auch die Antrlo-Jewish-Associaiion bewogen gefühlt, etwas für Kischenew zu tun. Es war eine lange und heisse Diskussion in der Versammlung, die in dieser Angelegenheit Sonntag, den 12. Juni einberufen wurde. Mr. Leopold Schloss beantragte eine Resolution, die dahin lautet, dass eine öffentliche Hyde-Park-D^monstration veranstaltet werde, um ge^en die Kischenewer Greuel zu protestieren. Mr. Lucien Wolf, der homo diplomaticus, war selbstverständlich dagegen, wie er überhaupt gegen jede Regung des jüdischen Herzens ist, wie er gegen den Zionismus ist und zwar immer aus höheren „diplomatisehen" Rücksichten. Aber trotz seiner Opposition und der der Herren Lousada und Henriques wurde die Kesolution mit einer erdrückenden Stimmenmehrzahl angenommen und eine imposante Demonstration wird vorbereitet. Die englischen Juden sollen einmal zeigen, dass sie freie Bürger und freie Juden sind. Der „Hilfsverein der Deutschen Juden41 lud die A. J. A. zu einer Konterenz ein, die am 28. und 29. Juni in Berlin tagen soll. Auf der Tagesordnung stehen die Fragen Kischenew, Rumänien und der Mädchenhandel. Die A. J. A. wird durch die Herren Cl. Montefiore, M. Landau und J. Prag vertreten sein. Die „Times" und Kischenew. Keine einzige Zeitung der Welt hält sich so brav und kühn in der Kundmachung der Kischenewer Greuel, wie die „Times". Unerbittlich, wie die Nemesis selbst, schleudert sie ihre treffenden Waffen und mit tatsächlichen Belegen, mit donnernden Worten deckt sie das ganze Spiel gewisser Kreise, dieses furchtbare, gefährliche Spiel, auf. Die „Sunday Times" vom 12. Juni bringt einen Leitartikel über die Mordnacht von Belgrad. „Warum", fragt sie, „aber wohl die europäische Presse, die über den Mord in Belgrad empört ist, über Kischenew ein mildes Schweigen wahrt?" Der „Swet", die „Nowosti" und sogar die „Nowoje Wremja" erheben salbungsvoll ihre Hände zum Protest gegen die Belgrader Bluttat und sie haben kein einziges Wort gefunden, um die Barbarei ihrer eigenen Landsleute in Russland zu brandmarken...... Russland will sich in den Augen der zivilisierten Nationen rechtfertigen und diesem ihrem Wunsche entstammte das letzte Schreiben Plehwe's an den berüchtigten englischen Antisemiten Arnold White," worin Plehwe offiziell erklärt, man könne den Juden keine neuen Bürgerrechte einräumen. Warum man nicht „könne", dafür gibt Plehwe keinen Gruud an.....Russland mag wirklich und ohne Heuchelei über das Massacre des serbischen Königspaares entrüstet sein, aber es wird sicherlich zum internationalen Schiedsgericht nicht mit reinen Händen kommen können. Wäre die ganze westeuropäische Presse so mutig und ehrlich wie die „Times"!

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