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Die Welt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · p. 17

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Article
Berlin [Kommentar]
Date
1903-07-03
Page
17 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 27 „Die Welt64 Seite 17 Berlin. Aus Petersburg wird dem „Berliner Tageblatt" berichtet: Herrn Kruschewan, dem berüchtigten Herausgeber des „Bessarabetz" und der?Snamja% haben es seine hohen Protektoren ermöglicht, ein Buch, das er über Bessarabien geschrieben hat, dem Zaren zu überreichen. Das Werk ist genau in dem Geiste geschrieben, in dem der „Bessarabetz* redigiert wird; die Schrift ist durchtränkt vom ärgsten und fanatischesten Zelotismus gegen alle „Fremden", das heisst gegen alle Russen, die nicht zur orthodoxen griechisch-katholischen Kirche gehören. Besonders bemerkenswert ist nun, dass der Zar Herrn Kruschewan für die Ueberreichung des Buches gedankt hat. Aus dieser Tatsache geht hervor, in welcher Weise es gelungen ist, den an und für sich wohlmeinenden Zaren durch eine Entstellung der Tatsachen zu vorgefassten Anschauungen zu bekehren. Ueber die Tragweite dieser Beeinflussung des Zars kann man sich nicht täuschen, wenn man die folgende verbürgte Aeusserung des Ministers Plehwe hinzunimmt. Er bemerkte einem einflussreichen, liberalen russischen Christen gegenüber, von dem er annahm, dass er mit jüdischen Kreisen in Beziehung stehe, das Folgende : „Wenn die Juden nicht dafür sorgten, dass ihre Glaubensgenossen der Anteilnahme an den sogenannten revolutionären Bestrebungen entsagen, so würde er Mittel und Wege finden, die Juden zur Auswanderung aus Russland zu zwingen. Was Ignatiew gelungen sei, würde auch er fertig bringen. Darnach möchten sich die Juden richten/ Diese Drohung in Verbindung mit den Ereignissen in Kischenew ist deutlich genug, und sollten daher neue Erneuten gegen die Juden ausbrechen, so wird man wiederum im Voraus wissen, dass sie unter dem Schutz des Ministers stattgefunden haben. Die Drohung des Ministers ist umso unverständlicher, als es natürlich kein Mittel gibt, einzelne zur Verzweiflung getriebene jüdische Fanatiker daran zu hindern, sich der Bewegung jener Teile des griechisch-katholischen russischen Volkes anzuschliessen, die auf eine Beseitigung der Willkürherrschaft in Russiand abzielt. Berlin. Die vom Verbände der Synagogen-Vereine von Berlin und den Vororten einberufene und am 3. Juni 1903 in Dräsels Festsälen zu Berlin stattgehabte öffentliche Versammlung fasste auf Grund eines von Herrn Ludwig B e h r, Berlin, erstatteten Referates einstimmig folgende Beschlüsse: 1. Die Versammlung protestiert gegen die beabsichtigte Festsetzung der Subventionen an die Synagogen vereine nach Messgabe der von den Mitgliedern dieser Vereine gezahlten Gemeindebeiträge. 2. Die Gemeindeverwaltung wird ersucht, diejenigen Bücher aus den Bibliotheken und dem Schulgebrauch der jüdischen Gemeindeschulen zu entfernen, deren anderskonfessioneller Inhalt geeignet ist, das jüdische Bewusstsein der Kinder zu verwirren. 3. Die Gemeindeverwaltung wird gebeten, an den hohen Feiertagen Jugendgottesdienste nach traditionellem Ritus einzurichten. 4. Die Versammlung richtet an die Gemeindeverwaltung die Bitte, die Schulinspizienten der jüdischen Gemeinde dahin anzuweisen, dass sie bei ihren Inspektionen ihre Kopfbedeckung dann nicht abnehmen, wenn in den betreffenden Klassen Unterricht erteilt wird, an welchem die Knaben bedeckten Hauptes teilnehmen müssen. Berlin. Bei der am 25. Juni d. J. stattgehabten zweiten General - Versammlung des Verbandes der Synagogen- Vereine von Berlin und den Vororten betonte der Vorsitzende, Herr Lewinski, dass der Verband auch im ^etztverflossenen Jahre in sich erstarkt sei durch den ßeilritt von drei Vereinen und ein weiterer Verein sei bisher lediglich aus formalen Gründen nicht beigetreten, während er prinzipiell zum Verbände halte. Auch sei das Ansehen des Verbandes nach aussen erstarkt und er sei in der Lage gewesen, durch ihn, den Vorsitzenden, den Standpunkt der Synagogen - Vereine in der Subventions - Kommission vertreten zu lassen. Durch öffentliche Versammlungen sei der Verband auch mit den Gemeindemitgliedern in Fühlung geblieben; in der einen sprach Herr Redakteur Dr. Moses über soziale Fragen im Judentum, in der zweiten Herr Ludwig Behr über „Aus unserem Gemeindeleben". Die in der letzten Versammlung auf Grund der seitens des Referenten vorgebrachten Tatsachen gefassten Resolutionen hätten ihren Eindruck nicht verfehlt und würde in den von dem Referenten vorgebrachten Beschwerdepunkten wohl Remedur geschaffen werden. Es sei nötig, schon zeitig an eine entsprechende Agitation und Organisation für die nächsten Repräsentanten wählen zu denken; wenn der Verband jedoch nach aussen hin weiter etwas gelten wolle, so sei es vor allen Dingen nötig, dass der Verband seine innere Einigkeit sich bewahre. An der Diskussion beteiligten sich die Herren Hirschberg (Ahawass Scholaum), Dr. Mendelsohn (Schön berg), C h a i m (Talmud-Thora- Verein) und Ludwig Behr (Ahawath Zion). Dr. Mendelsohn und Behr machten darauf aufmerksam, dass der Verband bei den zukünftigen Wahlen weit mehr als bisher dem Zentral-Verein selbständig gegenüberstände und hinsichtlich Auswahl der Kandidaten in entschiedener Weise mitzusprechen hätte. Nach Erstattung des Kassenberichtes durch Herrn Wölpe und Erteilung der Decharge fanden die Neuwahlen des Vorstandes statt. Gewählt wurden per Akklamation die Herren Lewinski als 1. Vorsitzender, Z o m b e r, 2. Vorsitzender, zum Rendanten Herr Wölpe, zu Schriftführern die Herren Hermann und Lud wig Behr, sowie per Zettelwahl zu Beisitzern die Herren L. L e v i ns o hn und Dr. med. Mendelsohn, während die Herren Chaim, Wedel und Hirschberg in der Minorität blieben. Bern. Der „Zionistischen Korrespondenz" schreibt man aus Kischenew: „Die grossen Summen, die in Westeuropa gesammelt sind, sind noch nicht nach Kischenew gesandt worden. Worauf wartet man noch? Die Armut unter den Kischenewer Juden nimmt unerhörte Formen an. Donnerstag den 11. Juni erschienen auf den grossen Plätzen Kischenews tausende von jüdischen Lehrlingen und Arbeitern und verlangten Mittel, um nach andern Ländern zu emigrieren. Während der letzten Tage verzeichnete man die ersten Opfer des Hungertyphus. Die allerrascheste Hilfe ist absolut notwendig." Basel. Während der Kongresswoche wird unser Gesinnungsgenosse Hr. L. Felix Pinkus unter dem Titel „Baseler Korrespondenz" eine Korrespondenz erscheinen lassen. Dieselbe wird den in Basel weilenden Berichterstattern der Presse unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. Paris. Auf dem Friedhof Mont Parnasse ist vor einigen Tagen ein bekannter jüdischer Journalist zu Grabe getragen worden. George Häment ist seit längerer Zeit Redakteur des parlamentarischen Teiles des „Journal des Däbats" gewesen; für seine Beliebtheit in politischen und journalistischen Kreisen sprach die zahlreiche Teilnahme an seinem Leichenbegängnis. Man sah mehrere frühere Minister und einen Vertreter des gegenwärtigen Premierministers, den Grandrabbin Zadok Kahn, die Verleger und Mitarbeiter mehrerer grosser Zeitungen, das gesamte Redaktionspersonal des „Journal des Debats*. Der Bruder des Verstorbenen, Edgar Hement, ist ebenfalls Journalist und gehört der Redaktion des „Temps" an. Die Gedächtnisrede auf dem Friedhof Mont Parnasse hielt Rabbiner Haguenau. Petersburg. Die „Petersburgskija Wjedomosti" melden aus Bulgarien, dass unter den Bulgaren und den Mazedoniern eine äusserst feindselige Stimmung gegen die Juden im Fürstentums herrscht, Die anständigen Blätter Bulgariens warnen die Bulgaren vor Ausschreitungen gegen die Juden, doch herrscht unter den Juden, wie auch das bulgarische Blatt „Nowy Weku berichtet, grosse Beunruhigung. Verschärft soll die feindselige Stimmung der Bulgaren gegen die Juden dadurch geworden sein, dass einige jüdische Gruppen Bulgariens eine Versammlung einberufen hatten, um gegen das Blutbad von Kischenew zu protestieren. Die russophilen Kreise in Balgarien betrachteten diese Versammlung als eine Verunglimpfung Russlands und begannen gegen die Juden zu agitieren. Der bulgarische Oberrabbiner erklärte zwar öffentlich, dass die Juden in Bulgarien mit den Feinden Russlands nichts zu tun haben, aber das scheint nicht beachtet worden zu sein, denn die feindselige Stimmung der Bulgaren gegen die Juden im Fürstentums soll täglich zunehmen ... Petersburg. Der dirigierende Senat hat dieser Tage eine Entscheidung getroffen, welche die Lage unserer Volksgenossen in Russland trefflich charakterisiert. Sie lautet: „Juden, welche sich ungesetzlich ausserhalb des ihnen angewiesenen Ansiedlungsrayons niederlassen und entgegen den Gesetzen von 1882 und 1887 ausserhalb der ihnen zum ständigen Aufenthalte angewiesenen Städte und Marktflecken wohnen, sind sofort nach Feststellung dieser Tatsache von der Polizei nach ihrem beständigen Wohnort auszuweisen, wo sie auf Grund der Paragraphe CA und 63 des Strafgesetzbuches zur Verantwortung gezogen werden müssen . . . Petersburg. Einen interessanten Beitrag zur Kenntnis der ökonomischen Lage der Juden in Russland liefert die ,,Sudebnaja Gazefca", das Organ der rassischen Juristen. Sie schreibt darüber wörtlich: „Vom Ackerbau,

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