Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Article
Die "Jewish Colonisation Association" Bill
Date
1903-07-03
Page
15 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316048-3334219--41364-3334389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr, 27 Die s£ Welt** Seite 15 werden, anstatt eine Auswanderung der verfolgten Juden in grossen Zügen zu ermöglichen. 12. Die besagten Fonds sind in ihrer Gänze für die spezifischen Zwecke der Emigration, für die sie auch bestimmt waren, dringend nötig, und es wird eine schwere Schädigung der Personen, die an der richtigen Verwendung der Fonds direkt interessiert sind und der Interessen der „Jüdischen Gemeinde" überhaupt sein, wenn das ursprüngliche Vorhaben des Gründers nicht ausgeführt und in Tat umgesetzt wird. 13. Der eigentliche Zweck der besagten Bill ist die Erlangung einer Indemnität für etwaige schlechte Verwendung der Fonds für Zwecke, die von den obengenannten vom Gründer autorisierten abweichen und es liegt kein genügender Grund vor, dass diese Indemnität vom Parlament den Komitees der Assoziation gewährt werde, und Ihr Bittsteller erklärt sich in seinem eigenen Namen und in dem der „Jüdischen Gemeinde", die er repräsentiert, als heftiger Gegner der Vorschläge der Bill, das Memorandum der Assoziation gegen die Wünsche der Personen, für die die Fonds nach dem Wunsche des seligen Baron Hirsch ausdrücklich bestimmt waren, zu ändern, und zugleich durch das Amendement der besagten Paragraphe die Assoziation von der Beschuldigung des Missbrauchs der Fonds für andere Zwecke, als die bestimmt wurden, loszusprechen. Wenn die Assoziation die Aenderung des Assoziationsstatuts oder ihre Ausdehnung wünscht, so müsste dies unter der Aufsicht des Hohen Gerichtshofes, wo alle interessierten Parteien durch Meetings oder auf irgend welche Weise ihre diesbezüglichen Meinungen vernehmen lassen könnten, durchgeführt werden. 14. Die Einleitung der Bill, insoferne sie sich auf die früher besprochenen Angelegenheiten bezieht, ist unrichtig, unbegründet und unbeweisbar. Deshalb bittet der Bittsteller das Hohe Haus, dass die Bill, wie sie jetzt ist, nicht angenommen werde, sondern dass er vor dem Komitee des Hohen Hauses, an welches die Bill übergeben werden wird, verhört werde zur Entgegennahme seiner Vorschläge gegen die Einleitung der Biil und andere Klauseln, und für die Einschaltung von solchen Klauseln, die er für den Schutz seines Eigenthums, Rechts und seiner Interessen für nötig findet." Die Parlamentary Agents Mr. W. und W. M. Bell befürworten die Petition Mr. Z a n g w i 11 s und beantragten sein Verhör vor der Bill-Konimission. Ein Besuch aus Frankfurt. Erwiderung, Zu meinem grossen Erstaunen erhielt ich heute eine Nummer der „Welt14, in der von einer in zionistischen Kreisen bekannten Frau und Schriftstellerin, mein Besuch bei ihr in Tarnopol zum Gegenstand ausführlicher Erörterungen gemacht ist. Ich bedaure, dass Fräulein Pomeranz, wenn auch in schmeichelhafter Weise, dennoch persönlich wurde; ich hätte sonst unterlassen können, öffentlich auf den Artikel zurückzukommen. So muss ich vor allem eines erklären : dass ich keiner Partei, keines Vereines und kein es Menschen „Sprachrohr" bin. Ich bin ein freier Mensch und bemühe mich, mir über soziale Ereignisse und Strömungen ein eigenes Urteil zu bilden, was oft schwieriger ist, als dem Heerdentriebe folgend, sich blindlings einer Strömung anzuschliessen. Ich masse mir auch nicht an, meine Ansichten als allgemein geltend oder massgebend darzustellen. Der beste Beweis dafür, dass wir, Fräulein Dr. R abinowitsch und ich, in Galizien gerne so viel wie möglich hören, sehen und hauptsächlich lernen wollten, ist, dass wir Fräulein Pommeranz aufsuchten. Wenn ich etwas enttäuscht von ihr ging, so ist das noch lange kein Beweis dafür, dass ich als „unversöhnliche Feindin der zionistischen Idee und Bewegung" gekommen bin. Es wäre töricht von mir. wollte ich ihre Bedeutung, die Bedeutung der zionistischen Bewegung, nicht zugeben. Zu dem von Fräulein Pomeranz so ausführlich behandelten Unterschied zwischen Wohltaten und Taten will ich bemerken, dass ich diese Gegenüberstellung nicht' mache. Wohltaten in dem traditionellen Sinne sind Religions- und damit Privatsache. Ich unterscheide zwischen Taten, die eine unabweisliche allgemeine soziale Pflicht sind, und Unterlassungen, die sich oft hinter klingenden Worten verbergen. Darum stelle ich dem zionistischen Zukunfcsplane ein Gegenwartsprogramm gegenüber, in dem ich die Bekämpfung der Tuberkulose, die persönliche Beeinflussung der Jugend durch die jüdischen Frauen und eine stramme sittliche Zucht unter den jüdischen Männern als wichtigere Themata für öffentliche Reden bezeichne, als „das Studium der hebräischen Sprache, das Studium der alt-jüdischen Geschichte, die Stärkung des Selbstbewusstseins", und ähnliche bequeme Resultate. Eine Propaganda nach dieser Richtung wäre meiner Ansicht nach die beste Vorbereitung für die Kolonisation. Diese Ansicht vertrat ich Fräulein Pomeranz gegenüber und vertrete sie weiter. Mich mit der jüdischen Gemeinde Frankfurts und mit der „ganzen vermögenden Judenheit des Westens" zu identifizieren, dazu gab ich Fräulein Pomeranz meines Wissens keine Veranlassung, sowie ich auch sonst in der Wiedergabe unserer Unterredung manches finde, das Fräulein Pomeranz gehört und nicht mir. Uebrigens war unsere ganze Unterhaltung für die grosse Welt sehr unwichtig; sie bewegte sich so ganz in den engen Grenzen dessen, was das Für und Wider des Zionismus an der Oberfläche trägt, dass ich nicht begreife, warum man einen Zeitungsartikel daraus machte. Als sachliche Richtigstellung sei noch bemerkt, dass ich ausser einem Einführungsschreiben des Wiener Kuratoriums an die Leiter der Baron Hirsch-Schulen und einem allgemein gehaltenen Briefe des Frankfurter Israelitischen Hilfsvereins von keinem Vereine ein Empfehlungsschreiben besass, und dass meine Retee ausser mit diesem Vereine und dem Hamburger Zweig-Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels mit keinem Vereine in direktem Zusammenhange stand. Allerdings hoffe ich. dass, wenn ich meinen Reisebericht beendet und ihn den für die Angelegenheit interessierten Vereine zugeschickt haben werde, diese sich zu Taten in meinem Sinne bereit finden werden. Ich weiss es heute, dass man dafür in Galizien Verständnis und dankbares Entgegenkommen finden wird — wenn auch nicht bei den Zionisten. Bert a P a p p e n h e i m. Frankfurt a. M., 21. Juni 11)03. $ribui)e. Der Verband der Wiener zionistischen schlagenden Verbindungen erlässt folgenden Aufruf, den er an alle jüdischen Mittelschüler Oesterreichs versendet. Jüdische Kommilitonen! Als das Gnadengeschenk der Gleichberechtigung, zu welchen sich die Kulturstaaten Europas bemüssigt fühlten, uns die erwartete Befreiung nicht brachte und eine traurige Führerschaft uns in feiger Selbstverleugnung, in jämmerlicher Anbiederung unser Heil suchen lehrte, da war es die jüdische Jugend, welche diesen Weg mit Entrüstung von sich wies. Der hohe Gedanke der Selbstbefreiung fand in der jüdischen Studentenschaft den mächtigsten Wiederhall. Die jüdischen Studentenverbindungen waren es, welche diesen Gedanken am klüftigsten erfassten und für dessen Verbreitung sorgten; sie waren es, welche der jüdischen Studentenschaft Achtung und Anerkennung erkämpften. Kommilitonen, Volksgenossen! Es gilt nun das Erkämpfte festzuhalten : es gilt weiterzubauen an dem grossen Werke der freien Entwicklung unseres Volkes. Hierzu bedarf es der Arbeit von Mr : < r>. Nur Männer der felsenfesten Treue und Ueberzeugung vermögen diese Arbeit zu leisten. Nur Männer der Tat"sind hier von Wert. Nicht ödes Wortgeplänkel, nicht wissenschaftlich tuendes, dabei innerlich hohles Gefasel vermag da zu helfen. Kommilitonen! Die jüdischen Studentenverbindungen haben es sich zur Aufgabe gemacht, jene Männer zu erziehen, deren unser Volk so dringend bedarf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.