Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Article
- Präsident Roosevelt über die Judenverfolgung in Kischenew
- Date
- 1903-07-03
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 27 *Die & Welt*4 Seite 3 wurde mir von einem Juden erzählt, der bei einem Brande unter grosser Lebensgefahr Leute aus dem brennenden Hause gerettet habe. Die allgemeine Ansicht war, dass dieser junge Mann das richtige Zeug für einen tüchtigen Polizisten in sich habe. Ich liess ihn zu mir kommen und riet ihm, sich zum Examen zu melden. Er tat es, bestand die Prüfung und wurde nicht nur ein vorzüglicher Schutzmann, sondern benützte seinen Gehalt auch dazu, seine jüngeren Brüder und Schwestern etwas lernen zu lassen. Für seine Ersparnisse liess er ausserdem seine alten Eltern aus Russland kommen und sorgte für sie hier. Ich habe Ihnen einige Beispiele von Männern gegeben, die unter mir in meinem Regiment und in der New-Yorker Polizei gedient haben. Aber ausserdem sind einige meiner besten Freunde, einige, mit denen ich im engsten Kontakt im politischen Leben verkehre, Juden. Ich empfinde daher natürlicherweise einen grossen Grad persönlicher Sympathie für diese und persönlicher Empörung über die furchtbare Tragödie und versichere Sie, dass meine Gefühle dieselben sind wie die Ihrigen, meine Herren. Gerade so wie ich erwarten darf, dass Sie die gleiche Empörung beseelen würde bei einer Tragödie, die ein christliches Volk betreffen würde, so würde ich mich für unwürdig der Stellung halten, die ich einnehme, wenn ich nicht den gleichen Schmerz, die gleiche Entrüstung empfinden würde bei der Vergewaltigung, die dem jüdischen Volke in irgend einem Weltteile angetan wird. Ich bin sicher, dass die Sympathiekundgebungen im ganzen Lande ohne Unterschied des Glaubens bereits viel Gutes erzielt haben. Es ist eine Genugtuung, anzunehmen, dass die russische Regierung die Gefühle des Entsetzens und der Entrüstung über die Greuel in Kischenew mit dem amerikanischen Volke teilt und dass sie Massregeln trifft, um Wiederholungen zu verhindern und die Anstifter zu bestrafen. Die russische Regierung betrachtet jene Ausschreitungen im selben Lichte, wie unsere Regierung die Krawalle und Lynchaffären, die hier vorgekommen sind und die weder unsere Regierung noch unser Volk charakterisieren. Der russische Gesandte hat mich aus eigenem Antriebe besucht und mich persönlich benachrichtigt, dass der Gouverneur von Kischenew seines Amtes entsetzt worden ist, dass 300 bis 400 Teilnehmer an den Greueltaten verhaftet worden seien, die strengstens bestraft werden würden. Ich werde die Anregungen, die Sie mir unterbreitet haben, aufs sorgfältigste prüfen und erwägen, ob unter den gegebenen Umständen es ratsam und von Vorteil für die unglücklichen Ueberlebenden, mit denen wir so tiefes Mitgefühl haben, ist, weitere offizielle Schritte zu tun. Kein Ereignis der letzten Zeit hat meine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch genommen und wird meine Aufmerksamkeit weiter in Anspruch nehmen, als dieses hier. Jede Massregel, die Erfolg verspricht, wird ergriffen werden, um die Aufrichtigkeit der historischen Stellung Amerikas zu betätigen, dass jedermann nach seinen Verdiensten beurteilt wird, ohne die geringste Rücksichtnahme auf seinen Glauben, seine Rasse oder seinen Geburtsort." Biufmärchen. Der Judenhass ist wie der Wahnsinn: er arbeitet seine Vorstellungen mit den jeweilen vorhandenen Bewusstseinselementen aus. Apion warf uns Feindschaft gegen die Griechen, Unbotmässigkeit gegen Rom, abergläubische Anbetung eines goldenen Eselskopfes und den Nichtbesitz von Göttern vor, alles schwere Beschuldigungen nach 'den Anschauungen jener Zeil Das christliche Mittelalter erfand das Verbrechen der Schändung oder Marterung von Hostien, das ihm das vernichteste von allen schien. Wir wissen, dass der Gedanke dieses Verbrechens nur in einem christlichen Kopte keimen, dass nur ein ursprünglich gläubiger, wenn auch in teuflischer Verderbnis abgeirrter Christ es ausführen könnt«). Das hinderte die Machthaber. jener Zeiten nicht, Hunderte von Juden unter dieser für einen Juden fast lächerlich albernen Anklage zu foltern und lebendig zu verbrennen. Die neuere Zeit entdeckte, dass die Juden Münzfälscher sind, dass sie zu betrügerischem Bankerott neigen, da?s sie den Grenzschmuggel pflegen, dass sie sich dem Militärdienst zu entziehen suchen. Die Fragen und Interessen, womit jede Zeit sich beschäftigt, geben dem Judenhass ihre besondere Färbung. Jede Epoche fügt der Liste der Verleumdungen der Juden neue Nummern hinzu, ohne natürlich auch nur eine einzige der vorgefundenen, von früher her überkommenen zu streichen, denn was einmal auf dieser sich stet - verlängernden Liste steht, das bleibt unauslöschlich darauf. Alexandrinische Griechen, die noch dunkle, sagenhafte Erinnerungen an Menschenfresserei bei ihrem eigenen Volke bewahrten — solche Erinnerungen dämmern im Atridenmythus deutlich auf — und die wenigstens vom Hörensagen wussten, dass Germanen und andere Völker ihre Kriegsgefangenen immer oder manchmal ihren Göttern als Opfer schlachteten, dichteten diese greulichen Handlungen ohne weiteres den Jaden an, und so entstand das Blutmärchen, das Idioten noch heute zu glauben vorgeben. Die Geschichte des Blutmärchens ist die aller anderen falschen Beschuldigungen unseres Volkes. Jedes Zeitalter erfand eben sein besonderes Blutmärchen, immer nach derselben Methode : es schob die Verbrechen, die es selbst mit Vorliebe beging oder die ihm von fremden Völkern berichtet wurden, flott uns Juden in die Schuhe. Ali das ist uns Juden nichts Neues. Wir wissen, warum man uns verleumdet und wir wissen auch, wie man zu den verschiedenen uns angehängten Verleumdungen gelangt ist. Ich möchte aber doch kurz die Geschichte eines der jüngsten Blutmärchen erzählen, das vor unseren Augen entstanden ist, allgemeinen Glauben gefunden hat, selbst bei Individuen, die sich keines Judenhasses bewusst sind, und die Ursache des Ausbruches eines wilden Antisemitismus bei einem grossen Volke geworden ist, das fast seit einem Jahrhundert von dieser verbrecherischen Geistesgewohnheit frei war oder doch zu sein schien. Ich meine die Anklage, dass das Panamaunternehmen ein „Judenschwindel" war, wie der bei den Antisemiten beliebte Ausdruck lautet. In Frankreich gilt es bei jedermann, selbst dem Gebildeten, als eine offenkundige, nicht erst zu beweisende Tatsache, dass die Panamagesellschaft von Juden zu Grunde gerichtet worden ist, dass der edle Lesseps, der „grosse Franzose", ein Opfer der Juden geworden ist, dass die armen französischen Sparer den Verlust von 1400 Millionen und die furchtbaren Erschütterungen, die die Folge dieser Blutabzapfung waren und die auch, heute noch nicht überwunden sind, ausschliesslich dem Betrug und der Habgier der Juden verdanken. In Frankreich wird dies seit dreizehn Jahren wiederholt und da es in dem Ursprungslande der Fabel vollkommen unwidersprochen blieb, so ist es für die ganze Welt ein Glaubensartikel geworden, an den kein Zweifel sich heranwagt. Selbst Juden sagen es nach und bedauern die Bolle der Juden in dieser geschichtlichen Gaunerei. Wohlwollende Christen lassen nur mildernde Umstände gelten. Sie halten es für ungerecht, dass man das ganze Judenthum für die Missetaten verantwortlich machen will, die einzelne Juden in dem Panamahandel begangen haben. Diese Missetaten selbst aber gelten ihnen für unbestreitbar. Wie denn auch nicht? Man kennt ja die Tatsachen, £man kennt ja die Namen! Hat nicht Baron Reinach