Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Article
- Professor Sellin in Palästina
- Date
- 1903-06-26
- Page
- 24 (sequence 1)
- Language
- German
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Professor Sellin in Palästina. Herr Professor Dr. Sellin, der mit solche in Eifer und verdientem Erfolge durch seine Grabungen in Palästina zur genaueren Kenntnis der frühesten Geschichte dieses Landes wertvolle Studienresultate erzielt hat, berichtet über den Abschluss seiner Arbeiten folgendes: Am Montag den 2. März traf ich in Beirut ein. Dank der energischen persönlichen Intervention des Herrn Generalkonsuls Grafen Kiievenhüller konnte ich schon am folgenden Tage in Begleitung meines vorjährigen Regierungskommissärs nach Haifa, abfahren. Die Vorbereitungen daselbst waren diesmal schnell erledigt, da mich schon der ganze Stab meiner vorjährigen Hilfskräfte am Ufer erwartete und die Baracken mit allem Zubehör noch auf dem Hügel standen. So konnte ich bereits am 7. März nach Aalannach abfahren, allerdings auf fast grundlosem Wege. Die Jesreelebene stand infolge der besonders starken Spätregen dieses Jahres noch zum Teile unter Wasserj bei der Rückkehr vom Teil Ta'annach sind sämtliche drei Pferde meines Lastwagens im Kison ertrunken. Am 9. März begann ich die Arbeit, und zwar konnte ich sie diesmal in einer Weise ausdehnen, wie im ganzen vorigen Jahre nicht, da infolge der eben noch überall wütenden Cholera die Fellachen noch mehr als sonst verarmt waren und sich scharenweise zur Arbeit drängten. So mietete ich diesmal gleich 200 Arbeitskräfte und leistete infolgedessen in dem einen Monat dasselbe wie sonst in zweien. Meine erste Aufgabe war, die im vorigen Jahre unerledigt gebliebenen Ost- und Südgräben durch den Hügel zu legen, die zweite, Nachprüfungen an der kananitischen und der israelitischen Burg vorzunehmen, und die letzte, mich durch einige beliebig angelegte Schächte und Gräben davon zu überzeugen, dass nichts Wichtiges mehr entgangen sei. Alle drei Aufgaben konnte ich in dem einen Monat zu meiner Befriedigung durchführen. Das Resultat war in der Hauptsache das, dass ich die meisten grossen öffentlichen Gebäude bereits im vorigen Jahre gefunden hätte, dass aber der Hügel noch manche interessante Einzelfunde in sich berge. Bis auf ein grosses Bauwerk, von dem am Schlüsse die Rede sein wird, habe ich keine neuen gefunden, auch auf der Südspitze des Hügels nicht, wo ich es noch für möglich hielt. Statt dessen aber legte ich eine ganze Reihe von Privathäusern bloss mit einer Fülle von Einzelfunden. Ich möchte diese hier kurz in folgender Weise skizzieren; zunächst die schon im vorigen Jahre mehrfach besprochenen Gegenstände, Oel- und Weinpressen, Mörser, Gewichte und Spindeln, ausserordentlich viele Tongeräte mit ganz neuen Formen und Mustern, Steinwerkzeuge, Messer und Waffen aus Bronze und Kupfer, Schmuckgegenstände, besonders Perlen und Amulette. Neu und wichtiger noch waren einige als Geräte verwendete tierische Darstellungen, zwei israelitische Siegel, zwei Skarabäen und vor allem zwei bisher für Palästina ganz unbekannte Typen der Astarte, in Ton gebildet. Auch Trümmer eines tönernen Räucheraltares, ähnlich dem im vorigen Jahre ausgegrabenen mit symbolischen Reliefdarstelluncen, fand ich, leider sehr lädiert. Doch einen ganz besonderen Glücksfund brachte mir ein als Verlängerung des vorjährigen Nordostgrabens angelegter Nordgraben. Ich stiess in ihm nämlich auf uraltes Mauerwerk, bei dessen Verfolgung sich zunächst zwei Zimmer und eine Zisterne ergaben, dann in unmittelbarem Anschluss an jene ein grosses unterirdisches Bauwerk, mit acht grossen Felsplatten zugedeckt, eine rechteckige Vorhalle mit acht in die Tiefe führenden Stufen und zwei Höhlen mit rechtwinklig ausgehauenen Türeingängen enthaltend. Die Hoffnung, hier ein kananitisches Mausoleum gefunden zu haben, bestimmte mich, vor der schwierigen Arbeit der Ausräumung nicht zurückzuschrecken. Indes, so rätselhaft es mir gegenwärtig; noch ist, da der Eingang fest mit Steinen verschlossen war, beide Höhlen waren wohl mit Erde und abgebröckelten Felsen angefüllt, sonst aber leer, eine Astarte von einem sonst ebenfalls auf dem Hügel nicht gefundenen Typus war die ganze Ausbeute. Ich musste mich damit trösten, die höchst eigenartige Anlage des Ganzen aufnehmen zu lassen. Umso angenehmer aber wurde ich durch einen Fund in dem Bauwerk über der Erde überrascht. Auf, bezw. neben der einen Zimmermauer stand eine grosse viereckige Kiste (65 cm hoch, 60 cm breit) aus 4 cm dickem Ton, daneben lag eine grosse zerbrochene Schale aus gleichem Stoff, 1 m weit von diesen entfernt lagen zwei kleine Tafeln, die eine aus Kalkstein, die andere aus schwarzgebranntem Ton, beide mit Keilschrift bedeckt, offenbar Briefe, wie sie besonders seit dem Funde von Teil el-Amarna als auch im alten Palästina gebräuchlich bekanntgeworden sind. Unter, bezw. in der zerbrochenen Schale lag eine zweite, grössere, leider aber sehr stark lädierte Tontatel, welche ebenfalls eine Keilinschrift trug. Dicht dabei fand ich dann noch einen reizenden kleinen Krug aus Alabaster. Ich bin nicht genug Fachmann in der Assyriologie, um selbst, zumal hier ohne die nötigen Hilfsmittel, die Entzifferung der drei Tatein übernehmen zu können, und werde daher der kaiserlichen Akademie erst später über deren Inhalt berichten. Aber soviel glaube ich schon jetzt sagen zu dürfen, dass bei der Wichtigkeit und Dunkelheit der Geschichte Palästinas vor und während des Eindringens der Hebräer-dieser Fund eine hervorragende Bedeutung besitzt; ist doch bis jetzt die eine Tafel von Lachis der einzige derartige Fund, der bisher auf Palästinas Boden gemacht wurde, und diese war stellenweise stark geschädigt, zwei der meinen aber sind fast tadellos erhalten. So hat es ein glücklicher Zufall gewollt, dass ich in diesem einen kurzen Monat etwas gefunden habe, worauf ich im vorigen Jahre fünf Monate vergeblich hoffte. Eine kurze Reise, die ich später tiefer in das Innere des Landes hinein antrete, soll der Untersuchung dienen, wo etwa künftige Ausgrabungen am hesten zu erfolgen hätten. Die Zedern des Libanon. Die wegen ihrer Schönheit seit alters geschätzten und berühmten Bäume sind jetzt nur noch in sehr wenigen Exemplaren vorhanden. Ihre Heimat ist Syrien und namentlich das Libauongebirge, wo sie ehemals massige Wälder von ungeheurer Ausdehnung gebildet haben. Jetzt finden sie sich nur noch hin und wieder einzeln verstreut auf schwer zugänglichen Gipfeln, wo sie der Mensch nicht hat erreichen. können. — Schon der französische Dichter Lamartine berichtete 1833, dass die Zedern aus dem Libanon fast völlig verschwunden wären. Nur in einem halbkreisförmigen Tale sah er eine schwarze Gruppe der Bäume über dem Schnee aufsteigen, könnte aber nicht bis zu ihnen hinaufkommen. Er nennt sie die berühmtesten natürlichen Monumente des Weltalls, geheiligt durch Religion, Poesie und Geschichte, und erinnert daran, dass die Könige und Propheten des Judentums die Zedern mit Vorliebe als Symbole wählten. Auch bei den Arabern war die Verehrung der Zedern ein Gegenstand der Ueberlieferung. Sie schrieben ihnen nicht nur eine Triebkraft zu, vermöge deren sie ewig lebten, sondern auch eine Seele, die ihnen Weisheit und Sehergabe verleihen sollte. Nach dem Glauben der Araber sehen die Zedern den Verlauf der Jahreszeiten voraus und heben ihre Zweige gen Himmel oder senken sie zur Erde, je nachdem der Schnee zu fallen oder zu schmelzen beginnt. Sie sind den Arabern also göttliche Wesen in der Gestalt von Bäumen. Die berühmtesten Zedern sind heute in dem Tale Eden zu sehen. Dr. Harris, der nach Angaben über diese Bäume in den verschiedenen Beschreibungen bis in.eine entlegene Vergangenheit zurückgeforscht hat, findet ihre Zahl um das Jahr 1550 noch auf 28 angegeben, um die Wende des 17. Jahrhunderts auf 16 und heute auf 7. Allerdings hat sich um diese ehrwürdigen Zeugen längst entschwundener Zeitalter ein Nachwuchs von 4—500 kleineren Bäumen und Sträuchern entwickelt. In jedem Jahre zieht im Monate Juni die Bevölkerung von Eden und den benachbarten Tälern zu den Zedern hinauf, um zu ihren Füssen einen Gottesdienst abzuhalten. Dem Aussterben des prachtvollen Baumes in seiner Heimat steht freilich eine weite Ausbreitung in Europa gegenüber, wo er heute kaum in einem Lande fehlt. Die ältesten europäischen Zedern stehen im Garten von Chelsea bei London; sie sind etwa 200 Jahre alt. Eine andere herrliche Zeder, die 1743 gepflanzt wurde, bildet eine Zierde des Jardin des Plantes in Paris. Die Zeder von Beaulieu bei Genf, die nur ein Jahr später g\oflanzt ist als die Pariser, hat eine Höhe von über dreissig Meter und einen Umfang von etwa fünf Metern. Die mächtigsten Exemplare im Libanon erreichen einen Umfang von zehn bis zwölf Metern. In dem ersten Jahre wächst die Zeder sehr langsam und wird in fünf bis sechs Jahren kaum einen Meter hoch, erst vom neunten oder zehnten Jahre an erhält sie einen mächtigen Trieb und wächst dann im Jahre oft über 40 Zentimeter. Ist sie einmal 100 Jahre alt geworden, so ist ihr Höhenwachstum vermutlich ziemlich abgeschlossen und nur der Umfang des Stammes nimmt dann noch weiter zu. Das Holz der Zeder ist verhältnismässig leicht, neigt bei der Austrocknung zur Spaltung und hält Nägel schlecht. Trotzdem wurde es im Altertum als Bauholz sehr geschätzt und man hielt es damals für ganz unzerstörbar. Uebrigens wurden früher noch andere Erzeugnisse der Zeder viel benützt, namentlich Oel und Harz. Dem Oele,, das aus den Samenkörnern gepresst wird, wurde die Kraft zugeschrieben, die damit eingeriebenen Gegenstände vor dem Verderben zu schützen. Auch die Ringkämpfer salbten sich Arme und Rumpf mit Zedernöl. Das Harz wurde in der Arzneikunde verwendet und ist auch heute noch käuflich zu haben. („Jüd. Presse44.)