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Die Welt · 1903-06-26 · 26 (26.6.1903) · p. 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
26 (26.6.1903)
Article
Jakton
Date
1903-06-26
Page
23 (sequence 2)
Language
German
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Wieder schluchzte Chaja jammervoll auf. Sie war wirklich immer hungrig; sie wusste gar nicht, ob sie einmal im Leben sich sattgegessen hatte ** . „Sch . . . sch . . ." zischte Ephraim wieder. „Du sollst jetzt nicht weinen, nur zuhören sollst du mir! Deine Kinder gehen abgerissen umher, dein Mann geht abgerissen und du gehst abgerissen . . ." Ein jämmerlicher Wehruf entrang sich Chajas Brust. Ach, seit wie lange schon hatte sie keine Schuhe auf ihren armen, vom Laufen geschwollenen Füssen gehabt! Seit wie lange hat ihr Abraham kein fiemdchen mehr am Leibe; und musste nicht ihre Ude vorigen Winter ohne Jacke herumgehen . . . Ach, ach! „Sch ... sch . . ." zischte Ephraim. „Deine Kinder haben keine eigene Stube, dein Mann hat keine Stube und* du hast keine . . ." Wieder schrie Chaja laut auf und drückte den ihr eben gegebenen Rubel fest in der Hand zusammen. Er kann ja doch am besten bezeugen, wie wahr des Bruders Worte sind. „Sch ... sch ... sch . . beruhigte sie Ephraim und fuhr dann fort: „Du hast gesehen, wie ich dich über die Hälfte des Grundstückes vorübergeführt habe, von jenen beiden Pfählen bis zu diesen beiden. Also die Hälfte des Hauses, die hier auf der Hälfte des Grundstückes stehen wird, soll dir und deinen Kindern gehören. Ich will es so haben . . .!" Dabei erhob er seinen grossen, roten Kopf und blies ein wenig die Lippen und Wangen auf. Wie sinnberaubt stürzte Chaja zu Boden und küsste die Füsse und Knie des Bruders. Tränen flössen über ihr abgehärmtes Gesicht, Lachen und Weinen schüttelte ihre ausgedorrte Brust und die mageren Hände drückten konvulsivisch das säugende Kind. Sie war dem Wahnsinne nahe! Ihr Haus! Ihr eigenes Haus! Und das Haus ihres Mannes und ihrer Kinder! Plötzlich riss sie sich los und lief, ohne etwas zu sagen, der Richtung ihrer Stube zu. Und Ephraim ging, schwer atmend, bis in den späten Abend auf seinem Grundstück hin und her. Von jetzt ab ging die Arbeit mit doppelter Schnelligkeit vor sich. Der rothaarige Schneider liess alle Augenblicke seine Arbeit fallen und ging ernst und still auf dem Platze umher; er glättete seinen Bart und sah dem Hause zu, das, einem gelben Abhänge gleich, vom Fundamente sich abhob. Vom Handwerker wird Ephraim Porter jetzt zum Hausbesitzer emporwachsen. Als er einige Tage darauf von dem mit Ochsen heimkehrenden Schleifmann sein Depot zurückverlangte, schwor dieser vor dem Rabbiner, nie einen Groschen von Ephraim Porter erhalten und den Handel immer mit eigenem Gelde betrieben zu haben. Noch in derselben Nacht brodelte es im Städtchen. Der rothaarige Schneider hatte sich an dem eben heraufzuziehenden Balken in seinem Hause erhängt. Es war ein heller, stiller, klarer Morgen. Die weisse, schmale Mondsichel verschwand allmählich am hohen Himmel und schmolz in den lichten Strahlen des Tages und der Sonne. Ueber den Häusern flogen Tauben umher und ein frischer, duftender Windhauch kam von den nahen Wiesen her. Lejba Rabinowitsch kehrte von seinem Morgengebet nach Hause zurück. Den „Thaies" auf den Schultern und die „Tefilin" in einer sammetnen Tasche tragend, ging er ruhig einher und murmelte noch Gebetsprüche. Seine dünnen Lippen bewegten sich in einem unruhigen, nervösen Lispeln und Hessen Töne vernehmen, die dem Bienensummen ähnlich waren. So lobte er seinen Gott. Mit einemmale blieb er stehen. Ein ungewöhnlicher Lärm kam vom Marktplatze her. Und wie ein Feuerbrand je nach der Richtung des Windzuges fällt und steigt, so wuchs und legte sich das Geräusch unter der Wirkung eines unsichtbaren Sturmes. Noch .stand Lejba auf demselben Platze und horchte, als mit einem Pfiff ein Bursch' an ihm vorbeilief, dem bald ein zweiter folgte, dann einige zusammen, bis in dem vor einigen Augenblicken stillen Gässchen eine ganze Horde wüsten Pöbels mit Pfeifen und Schreien, mit hasserfüllten Augen und Steinen und Kot vollen Händen sich ergoss. In der Mitte der Bande schritten zwei Lumpenjungen mit einer Bahre, auf der der nackte Körper Ephraim Porters lag. Es war schrecklich, ihn anzusehen. Sein schwerer roter Kopi sprang mit einem dumpfen Laut von den, in der Eile festgenagelten Brettern zurück; die von der Todesstarre noch nicht gereckten dicken Knie standen hoch und auf dem bläulich aufgelaufenen Gesichte und in den hervorgetretenen, weitgeöffneten Augen malte sich noch der ganze Schrecken und die Qual des Todes. Der mit Kot bedeckte und von Steinen zerschlagene Körper des Selbstmörders, der von dieser pfeifenden Horde getragen wurde, bot einen schrecklichen, furchtbaren Anblick. Im ersten Augenblicke wich auch Lejba Rabinowitsch vor ihm zurück. Aber sofort fasste er sich, stiess die heulende Bande zurück und, den „Thaies" von sich ziehend, warf er ihn samt dem „Tefilin" auf die geschändete Leiche und hielt sie mit den Händen fest. Ein schrecklicher Tumult ging durch die Menge. Dann ein Augenblick der Ruhe, wie von unaussprechlicher Verwunderung. Es ward so still, dass man das Zischen und Flattern der aufgeschreckten Sperlinge hören konnte. Und da erschallte zum erstenmale das schmachvolle Wort: „Jakton!" „Jakton!" heulte die Bande und Tausende von Fäusten erhoben sich gegen den Verteidiger des unglücklichen Körpers. Es war eine Sekunde, wo es schien, dass ihn die Menge zertreten würde. Einer riss ihm die Mütze herab, ein zweiter das Käppchen, man riss an seiner Kleidung, zog den Kaftan herab. Alle Wut-, Schimpf- und Fluchworte wandten sich an ihn. Die Nächststehenden spuckten ihm ins Gesicht, die Entfernteren bewarfen ihn mit Kot. Und die Laufjungen zischten und pfiffen: „Jakton! Jakton" Aber nicht einen Augenblick wich Leyba Rabinowitsch von seinem Platze. Gross und gerade, nur von der Weste bekleidet, hinter der die Schaufäden hervorguckten, ging er festen Schrittes neben der Bahre einher. Den Kopf nach oben gerichtet, hielt er die eine, mit dem Gebetriemen umwickelte Hand, fest ans Herz gedrückt, während die andere mit den „Tefilin" auf der Leiche ruhte. Dieses Heiligtum wehrte von nun alle Schändung des unglücklichen Körpers ab. So gelangten sie bis auf den Friedhof, wo Ephraim Porter unter den Schimptworten des Pöbels in einer Grube verscharrt wurde. Erst da nahm Lejba aus den Händen der Träger den Thaies und Tefilin und ging nach der Stadt zurück. Jetzt zerstreute sich die Menge. Ein Teil blieb hinter der Friedhofsmauer stehen und warf auf das Grab des Selbstmörders Feldsteine und Spähne; ein zweiter lief mit Toben und Zischen Lejba nach und schrie aus allen Kräften: „Jakton! Jakton!" Und die Benennung hat sich an ihm festgewachsen wie die neue Haut an einem Schlangenrücken. Aber Lejba Rabinowitsch ging unter diesem Geheul mit seinem Thaies und Tefilim festen Schrittes einher. Gross und gerade, schien er in der letzten Stunde um einen Kopf höher geworden zu sein. Nur der trocknende Schweiss heftete an seiner Stirn ein paar dünne, schwarze Haare fest, nur schien das blasse Gesicht noch blässer und die blinzelnden goldschillernden Augen schauten weit, weit in die Ferne.

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