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Die Welt · 1903-06-26 · 26 (26.6.1903) · p. 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
26 (26.6.1903)
Article
Die wundertätige Megille
Date
1903-06-26
Page
22 (sequence 2)
Language
German
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etwas in der heiligen Sprache über die Lippen brachte — und schnell zog er die Megillarolle hervor und begann das erste Blatt mit bebender Stimme stammelnd zu lesen, denn der Text war ohne Vokale geschrieben. „Und es geschah in den Tagen des Ahasverus, der da herrschte von Haudu bis Knsh . . . . " Hoch empor hielt er die Rolle, als wollte er sich damit vor dem Anblick des entsetzlichen Gesichtes schützen und den Schlag nicht sehen, wenn er kam, dabei las er immer weiter, so schnell er es mit seiner halbgelähmten Zunge vermochte. Kolba schwankte von einer Seite auf die andere, und, die Waffe zum Schlage bereit, fasste er sein Ziel ins Auge. Dabei fiel sein Blick auf das Gesicht des Kindes, das zu seinen Füssen kauerte und tiefe Schadenfreude erfüllte sein Herz. Welches Glück! Das war ja der Kobold, der in seinem Kopfe spuckte, der seine Seele immerfort mit den unangenehmen Einflüsterungen quälte, er habe ein schweres Unrecht begangen — das war er, der ihm immer Vorwürfe in die Ohren raunte, so dass er gegen sich selbst wütend wurde. Aber nun hatte sein letztes Stündlein geschlagen, er wollte ihn aufspiessen, und hier liegen lassen, dass er sich in Todeszuekungen wand — so wurde er ihn endlich für immer los. Und als er zu einem stärkeren Schlage ausholte, sah er, wie der Kobold etwas aus seinen Busen zog — etwas Blaues. Haben denn Kobolde die Gewohnheit, ein Stückchen blauen Himmels mit sich herumzutragen? Oder hatte es sonst eine wunderbare, geheimnisvolle Bewandtnis mit dem blauen Streifen, auf den sein Blick fiel? Kolbas Sinne begannen sich plötzlich ein wenig zu klären und er konnte sich an Dinge erinnern, die einmal geschehen waren, ja, sie nahmen feste Gestalt an, er konnte Worte und Handlungen erwägen, Stimmen hören und sich bekannte Gesichter vorstellen, und nun wurde er sich bewusst, dass die Stimme und das Gesicht vor ihm keinem Kobold gehörten, sondern jemandem, bei dessen Anblick sein Herz sonst immer schneller schlug vor Freude, und mit einem Schlage brach sich endlieh sein Verstand Bahn durch die Betäubung und er erkannte seinen Sohn David, der mit seinen kleinen Händen die Megille emporhielt — das Symbol der frohen, glückliehen Tage, die er selbst in Trauer tage verwandelt hatte. Und von dem Kinde blickte er auf das Mordwerkzeug in -seinen Händen und im nächsten Augenblick warf er es zu Boden und fiel auf die Knie und zog David an seine Brust und rief unter Schluchzen und Lachen: „Bei deinem Leben hab ich den Eid geschworen und deshalb war Gott barmherzig und bewahrte dich durch ein Wunder, zum Zeichen, dass er mein Gelübde erhört l" Er konnte nicht weiter, denn es wurde ihm dunkel vor den Augen, gerade als die Männer ankamen, die nach der Erzählung der zutode erschrockenen Kinder ausgegangen waren, ihn zu suchen. Die Ohnmacht, die ihn befallen, hielt ihn mitleidig umfangen, während man ihn nach Hause brachte. Einige Jahre später sagte Doktor Berthold Sonnenthal, der berühmte Pathologe, gelegentlich einer Vorlesung in der Klinik von Charkow unter anderem: „Ich muss hier eines merkwürdigen Falles von Alkoholscheu Erwähnung tun, der mir in meiner Vaterstadt Jarotsin untergekommen ist. Das Individuum war früher ein ausgemachter Trunkenbold und meiner Ansicht nach konnte nur eine intensive Erschütterung des Nervensystems eine wohltuende Wirkung ausüben. Leider hatte ich keine Apparate bei mir, um das Experiment zu machen, und als ich in den letzten Somanerferien wieder die Stadt besuchte, war ich überzeugt, dass von dem Manne nur noch der Grabstein zeugen werde. Zu meiner Ueberraschung jedoch erzählte man mir, und ich habe es mit eigenen Augen gesehen, dass der Mann ein würdiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden sei. Und was, glauben Sie, hat die Wirkung hervorgerufen, die ich mit der Leyden'schen Batterie erzielen wollte? Ein ganz gewöhnlicher Wäschepfahl! Sie lachen, meine Herren, Sie wissen nicht, in welchem Zusammenhang Sie Galvanismus mit Wäschepfählen bringen sollen, aber ich will es Ihnen gleich erklären. Eines Tages---" Doch wozu das Ganze noch einmal erzählen? Wir kennen ja alle die Geschichte von der Wiedergeburt Kolba Klamms und wissen, welche Rolle der Wäschepfahl der alten Hindele dabei gespielt hat. Jakton. Von MariaKonopnicka. Uebersetzt von Anna Brümann. (Schluss.) Und so waren viele, viele Jahre vergangen, bis eines Tages Ephraim still, wie er immer tat, vom Drechsler Kolkewitsch ein Grundstück kaufte und sich nach dem Walde Trojanow begab, um Bauholz zu besichtigen. Ais dies geschehen, gab er das Geld, welches er bei sich hatte, als Anzahlung hin und bestellte noch auf dem Heimwege die Lieferung der zum Fundament nötigen Steine. Noch an demselben Tage wurde im Städtchen die Nachricht verbreitet, dass Ephraim Porter ein Haus baue. Die hohen, von Kolkiewitsch' Ziegen halb verschonten Aeste wurden ausgerissen, der Platz vermittelst einer Schnur ausgernessen, vier Pfähle an den für Angeln des Hauses bestimmten Ecken eingesteckt und man machte sich an das Graben der Fundamente. Gleichzeitig lieferten die Bauern Steine von Trojanow, der Zimmermann ging mit der Pfeife im Munde auf dem Platze hin und her, beobachtete alles, zeichnete mit Kreide die herbeigeführten Balken und ein Bauernjunge mischte, lustig pfeifend, den Kalk im Kasten. Manchmal blieb ein Vorübergehender im Gässchen stehen, um die „Fabrik" anzuschauen. Der eine nickte, der andere wünschte Glück, eine Schar Kinder umgab die Arbeiter, wie es nun eben immer auf der Welt zugeht, wenn etwas geschaffen wird. Am ersten Tage, nein, fast in der ersten Stunde der „Fabrik" kam Chaja hergelaufen und, den Proviantkorb ihrem älteren Töchterchen zuwerfend, ging sie den ganzen Platz durch und klatschte vor Bewunderung in die Hände. Zu ihrem Bruder ging sie aber nicht hin. Sie hatte Angst, ihn zu belästigen, und schon war der Erste vor der Tür. Erst an diesem Tage stand sie wie immer, demütig und still, auf der Schwelle der Schneiderwohnung. Und Ephraim zog, wie immer, den Rubel aus dem Beutel und überreichte ihn der Schwester. Als letztere aber sich über seinen Aermel beugte, um ihn zu küssen, da nahm er sie sanft bei der Hand, ging stillschweigend über die Gasse und dann über die Hälfte seines neuen Besitztums, und als sie erst am letzten Pfahl angelangt waren, sagte er: „Hör' mir zu, Chaja! Wir sind einer Eitern Kinder und nur die einzigen. Mir hat Gott Brot und keine Kinder geschenkt, dir gibt er Kinder und kein Brot. Das ist schlimm . . Er hielt inne und runzelte die Stirn, als ob er dadurch dem Schicksale sein Grollen kundgeben wollte. Chaja schluchzte leise. „Sch . . . sch . . zischte Ephraim. „Du sollst jetzt nicht weinen, zuhören sollst du mir." Im Nu waren Chajas Tränen abgewischt, ein Zittern ging ihr übers Herz. „Das ist schlimm," fuhr Ephraim mit gerunzelter Stirn fort. „Deine Kinder sind immer hungrig und dein Mann ist hungrig und du bist hungrig."

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