Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Article
- Fabeln / D. R.
- Date
- 1903-06-26
- Page
- 21 (sequence 1)
- Language
- German
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8^ (9 im Aus unseren Büchern. Fabeln. Der Esel als Steuereinnehmer.. Im Königreiche der Tiere wurde der Esel einst zum Steuereinnehmer ernannt. Als der Löwe mit seinem Gefolge nach längerer Seereise in seiner Residenzstadt landete, stellte sich der Esel vor die Schranken und waltete seines Amtes. „Frechling," rief ihm der Fuchs zu, „siehst du denn nicht, dass es der König ist, von dem du Zoll verlangst?'4 „Was verschlägt's,'4 antwortete der Beamte, fliesst ja ohnehin alles in des Königs Schatz.4' Der Löwe, der in der Handlungsweise des Esels eine Majestätsbeleidigung erblickte, gab Befehl, ihn hinzurichten, und der Fuchs erhielt den Auftrag, das Fleisch des Esels zur Mahlzeit zuzubereiten. Der Fuchs gehorchte, stillte aber zuerst seinen Hunger mit dem Herzen des Esels. Als er dann das Fleisch zur Mahlzeit brachte, bemerkte der Löwe den Abgang des Herzens. „Wo ist denn des Esels Herz?" fragte der König. „O, Gebieter,4' gab der Fuchs zur Antwort, „dieses Tier hat eben kein Herz, sonst würde es ja nicht von einem Könige Zoll verlangt haben." * Der Müssiggang. Ein Pferd, eine Eselin und ein Schwein lebten zusammen in einem Stalle. Während die ersteren ihre Mahlzeiten zugemessen erhielten, durfte das Schwein unbeschränkt und zu allen Tageszeiten fressen. „Wie ungerecht doch unser Herr ist." beklagte sich eines Tages das Pferd vor seiner Leidensgenossin, „dass er uns, die wir arbeiten, schlimmer behandelt, als das nichtstuende Schwein.4' „Beruhige dich,44 sagte die Eselin, „es wird zu seinem Unglücke gefüttert, denn es wird sicherlich am nächsten Feiertage abgestochen werden/' Dies geschah auch. Ein junger Esel, der das Gespräch mit angehört hatte und die Prophezeiung seiner Mutter sich so wunderbar erfüllen sah. verweigerte nun die Aufnahme jeder Nahrung aus Furcht, es könnte ihm wie dem Schwein ergehen. „Mein Sohn," sagte die Eselin, „nicht das Essen bringt den Tod, sondern der Müssiggang.44 * Zweierlei Reden. Einst hielt ein verliebter Hahn um eine Henne an. Als alle seine Liebeserklärungen nichts nutzten, versprach er ihr ein schönes, langes Kleid, das bis zu den Füssen herabwallen sollte. Da nahm die Henne seine Werbung an. Als es aber zur Erfüllung des Versprechens kam, da sprach der Hahn: „Dem Hahne mag man den Kopf abhauen, der Geld hat und sein Versprechen nicht hält!" * Erfahrung und Ehrgeiz. Einst brach ein Streit zwischen Kopf und Schwanz einer Schlange aus. „Weshalb gehst denn du immer voraus?" sprach der Schwanz, „du musst einmal auch mir den Vortritt lassen." „Wenn du es vermagst,44 sagte der Kopf, „dann sei dein Wunsch erfüllt." Doch bald sah der Schwanz seinen Unsinn ein. Kaum dass er einige Schritte nach rückwärts machte, als er sich schon empfindlich anstiess und zuletzt gar in eine Grube fiel. So ergeht es, wenn die Erfahrenen den Ehrgeizigen folgen. * Der Neid. Die beiden grossen Lichter, Sonne und Mond, wurden in der gleichen Grösse geschaffen. Das gefiel dem Monde nicht. „Herr,44 beklagte er sich vor dem Weltenbeherrscher, „es können doch unmöglich zwei Könige sich derselben Krone bedienen." „So sei du,44 sprach der Herr, „ das kleinere Licht.44 D. R. Die wundertätige Megile. Von Samuel Gordon. Autorisierte Uebers^tzung von Anna Kellner. (Schluss.) David war so eifrig damit bc.-ehäf tigt, Simche zu würgen, dass er nur einen Blick auf die Erscheinung werfen konnte; als er sah, dass die andern Reissaus nahmen, tat er dasselbe, von dein einen Gedanken getrieben, der Gefahr zu entrinnen, die ihm auf den Fersen folgte. Doch entweder hatte er keinen genügenden Vorsprung, oder waren seine Beine kürzer als die der andern, er blieb hinter den Flüchtlingen zurück, während das Ungeheuer hinter ihm in seinem schwerfälligen Laute1 immer näher kam — schon fühlte das arme Kind, wie der Boden unter den Füssen seines Verfolgers zitterte — schon glaubte er, die Spitze des Pfahles in seinem Kücken zu spüren, da sagte er sich, indem er vor Verzweiflung laut aufschluchzte, dass es nur eine Rettung für ihn gab — das war, beiseite zu springen und das Ungetüm den Spuren der andern folgen zu lassen, was ihm, da ihm doch mehr Opfer winkten, wohl verlockender erscheinen würde. Er machte also eine scharfe Drehung nach links, und einen Augenblick nachher sah er richtig seinen Verfolger schwerfällig vorübertaumeln. Schon dankte er Gott für seine Rettung, als er — o Schrecken! — hörte, wie das Ungeheuer stehen blieb, umkehrte und die Richtung nahm, die er ein geschlagen. Wahnsinnig vor Angst, mit keuchendem Atem, schwankte David weiter, das Herz klopfte ihm bei. jedem Schritt bis zum Halse herauf; aber schon konnte er die ersten. Häuser der Stadt unterscheiden, wenn er noch eine Minute ausluelt, so begegnete er sicher jemandem, der ihn von dem blutgierigen Ungetüm befreite — da stolperte er über eine knorrige Wurzel und fiel der Länge nach hin. Nun wusste er, dass es unnütz war, gegen sein Schicksal anzukämpfen, und mit Anstrengung niederkniend, hielt er die gefalteten Hände empor; da beugte sie das schreckliche Gesicht über ihn. David blieb die Zunge am Gaumen kleben, denn trotz des furchtbaren Aussehens kam das Ungetüm ihm seltsam vertraut vor und plötzlich erkannte er es: war es möglich? — Konnte es denn sein? — Ach ja, es war sein Vater und Simche hatte Recht gehabt. Er hatte offenbar den Verstand verloren vorn vielen Trinken, und nun ging er daran, seinen armen kleinen Sohn zu ermorden. Das also war die Bedeutung von Flindelcs seltsamen Reden: sie hatte ihn verflucht, wie er es verdiente, weil er die hilflose alte Frau verspottet hatte, jetzt musste er durch ihren Wäschepfahl sterben. Er blickte auf die schreckliche Gabel, in die er ausging — noch einen Augenblick und er würde sie in seiner Brust fühlen und — ach Gott, er kannte nicht einmal das Gebet der Sterbenden, ohne das niemand in das Paradies gelangen kann. Er wusste, dass es im Morgengebet enthalten war, aber was es war, oder wie es begann, das war seinem Gedächtnis vollständig entschwunden. Doch da kam ihm ein Gedanke: Gott würde sicherlich zufrieden sein, wenn er in der Todesstunde nur irgend