Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Article
- Bobrek [Kommentar]
- Date
- 1903-06-26
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- table
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316047--41202-3334103- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 Ä $[ W®!tÄ6 Nr. 26 Kirche versammelten Leute Judenexzesse beabsichtigen, die Kirche besetzen, die Gläubigen nur immer zu Zweien das Gotteshaus verlassen und gab den strengen Befehl, schnurstracks nach Hause zu gehen. Kairo. Auch hier in Kairo ist das Mitgefühl für die Opfer der Kischenewer Exzesse ein allgemeines. Ausser den Juden sind es namentlich die Mohamedaner, die zu den sofort veranstalteten Sammlungen beitragen. Bis zum 12. Juni waren bereits 35.868 Piaster gesammelt. Nun hat S. E. Khalil Pascha; Khayat sich ebenfalls mit einer Spende von 1000 Piastern an[den Sammlungen beteiligt. Welf*@bronik. Fürstlichkeiten für die Kischenewer Opfer. Der Grossfürst von Hessen hat dem Hilfskomitee in Darmstadt, Prinz Ludwig von Bayern und seine Gemahlin, Prinzessin Maria de la Paz, haben dem Münchener Rabbiner Dr. Werner je eine namhafte Spende für die Kischenewer Opfer übergeben. Ein furchtbares Gemetzel. Unter diesem Titel bringen die antisemitischen Zeitungen in Frankreich ein Telegramm aus Petersburg. Das Telegramm lautet folgendermassen : „Die „Herren" ßessarabetz, Kischenew und K r uschewan, die das antisemitische Blatt „Snamja", welches in Petersburg erscheint, veröffentlichen, wurden nachmittags auf dem Newski Prospekt von Juden, die früher .im Polytechnikum in Kiew waren, angegriffen. „Kurz und scharf! Also der arme Herr Kischenew (oder Kichineff, wie die Franzosen sagen) musste auf einen „israelitischen" Studenten des Polytechnikums warten, um angegriffen zu werden. Wir glauben, „Herr" Kischenew hat schon von seinen Genossen Herrn Kruschewan und „Herrn" ßessarabetz, eine glänzende Probe ihrer Freundschaft erhalten. Rassen und Klassen. Die „Aurore", das Organ des Herrn Georges Clemenceau veröffentlichte die von böswilligen jungen russisch-jüdischen Individuen, die sich Revolutionäre nennen, aber nichts anders sind, als unwissende und herzlose jüdische Antisemiten, verbreitete Gerücht, die Zionisten hätten der russischen Polizei bei der Verfolgung der Sozialisten mitgeholfen. Wir haben es nicht für nötig gefunden, auf diese blöden Verleumdungen zu reagieren. Unser französisches Bruderblatt „L'Echo Sioniste" in Paris aber schickte einen Brief an die Redaktion der „Aurore" ein, welcher auch am 20. 1. M. unter dem Titel: „Rassen und Klassen" veröffentlicht wurde. Mit Bezug auf die in der „Aurore" erschienene Nachricht, heisst es im Briefe: „Wir erlauben uns, Ihnen zu sagen, dass Sie sich von einer evident falschen parteilichen Information verleiten Hessen- Der Zionismus ist eine politische und nationale Bewegung, deren Anhänger allen gesellschaftlichen Klassen angehören, aber die hohe jüdische Bourgeoisie ist ihm ebenso feindlich gesinnt, wie dem Sozialismus. Die Zionisten glauben nicht, dass die Revolution die Judenfrage in Russland lösen könnte und aus diesem Grunde bleiben sie abseits von der revolutionären Bewegung, ohne gegen sie Stellung zu nehmen. Der Zionismus ist niemals mit dem Sozialismus in einen Konflikt geraten, niemals hat er sich den „Gelben" (den Polizisten und Spitzeln) beigesellt, der Zionismus zählt unter seinen Anhängern auch viele Sozialisten und sogar hier in der „Aurore" haben wir vor einigen Tagen einen Artikel aus dem „Avanti" gelesen, der von der Feder eines der offiziellen Führer des Zionismus stammt und den kein Demokrat desavouieren könnte." Die „Aurore" entschuldigt sich in einer Bemerkung, dass sie die Notiz von den Zeitungen „Berliner Tageblatt" und „Frankfurter Zeitung, die doch „jüdisch" und „dem Zionismus keineswegs abhold" sind, entnommen habe. Georges Clemenceau scheint auch manchmal naiv sein zu können, wenn er vermuten kann, dass eine Zeitung, die jüdisch ist, auch dem Zionismus nicht feindlich sein könne. Er weiss noch nicht, dass die grössten Gegner der zionistischen Bewegung, die grössten Feinde jeder jüdischen Sache die Juden salbst sind, ob sie junge russische Revolutionäre sind, die blaue Hemden mit schiefen Kragen und ungekämmtes Haar tragen, oder ob sie geschniegelte und gestriegelte Teutonen mosaischer Konfession sind. Die „Aurore" fügt hinzu: Es scheint, dass die Nachricht der Blätter nicht wahr ist, desto besser." Kipling ü^er Kischenew. Der berühmte englische Dichter Rudyard Kipling schrieb ein Gedicht über die Barbareien von Kischenew, welches er in dem „J e w i s h Exponent" veröffentlichte. Das Gedicht ist eine in allegorische Form gekleidete Kundgebung des Protestes. Israels Leid und Israels Wehr betitelt sich eine vom Prager Gemeinderabbiner und ständigen Rabbiner der Zigeunersynagoge Dr. A. Deutsch gehaltene Predigt, die soeben im Verlage des israelitischen Landeslehrervereines für Böhmen erschienen ist. Ausgehend von dem Judenmassakre in Kischenew beantwortet der Verfasser unter Heranziehung vieler Stellen aus dem jüdischen Schrifttume in formvollendeter Weise die Fragen nach Ursprung und Dauer des zu allen Orten und Zeiten auftretenden Judenhasses. Die aus der traurigen Geschichte dieses Volkes gefolgerte falsche Vorstellung, dass ihnen auch Gott seine Huld entzogen haben müsse und der Mangel der Selbstachtung, wie die daraus resultierer. de Sucht, alles Fremde und Unjüdische nachzuahmen, haben ihn gezeitigt und nur energische Selbstzucht in letzterer Hinsicht kann ihn wieder verstummen machen. Zu beziehen ist die Rede durch den Obmann des Israelit. Landeslehrervereines, Herrn Siegmund Springer, Obstmarkt 9, um den Preis von 50 h, wobei aber in Anbetracht dessen, dass der Reinertrag den in Kischenew Verunglückten zugeführt werden soll, der Wohltätigkeit keine Schranken gesetzt werden. Der Odessaer Gouverneur in der Synagoge. Der seit kurzem zum Gouverneur von Odessa ernannte General Arseneff hat an zwei aufeinanderfolgenden Freitagabenden die Odessaer „Grosse Synagoge" und die „Broder Synagoge" besucht. In beiden Synagogen wurden ihm mehrere angesehene Gemeindemitglieder vorgestellt. Der Gouverneur hat durch seine Synagogen besuche und die auch sonst bewiesene Freundlichkeit unter den Juden Odessas ein Zutrauen gewonnen, das seiner, wie man hofft, gerechten und humanen Amtsführung zustatten kommen wird. Neue zionistische Synagoge in Odessa. Da sich die alte zionistische Synagoge in Odessa als zu klein erwies, so gingen die zionistischen Vereine Odessas daran, eine neue zu gründen. Die Grundsteinlegung fand während der Anwesenheit des Mitgliedes des grossen Aktions- Komitees Ussischkin im Mai statt. Herr Ussischkin hielt die Weiherede, hierauf sprach Rabbiner Dr. Kreps, der Synagogen-Vorstand A.L. Lewinski und zum Schlüsse Dr. Ph. Awinowifczky. Die Synagoge wird 4000 Personen fassen. Sie liegt im Zentrum der Stadt. Die französische Presse über Kischenew. Man möcht doeh glauben, dass die Presse des Landes, das sich für den Mittelpunkt der Kultur hält, die Kischenewer Vorgänge mit lebhafter Entrüstung kommentieren werde. Man sollte es nun nicht erwarten, dass mit Ausnahme des„Europeen* der „Aurore" und des „Matin" überhaupt kein Blatt die Kischenewer Vorfälle auch nur erwähnte. Nur brachten die Zeitungen einigemale den merkwürdigen Satz, „die Nachrichten über gewisse Vorgänge in Südrussland seien falsch", ohne ihren gewiss verblüfften Lesern auch nur mit einem Wörtchen zu verraten, welche Nachrichten und welche Vorgänge gemeint sind. Das Bündnis mit Bussland scheint ihnen stark auf die Nerven gegangen zu sein. "Amerika winkt ab. Die „Frankfurter Zeitung" brachte ein Kabeltelepjamm, wornach ein Delegierter des Ordens „Bnei Brith" in Sachen „Kischenew" eine Stunde mit dem Präsidenten Roosevelt konferierte. Jetzt liegt die Nachricht vor, dass Roosevelt dem Delegierten seine Sympathien aussprach, zugleich aber versicherte, Amerika sei machtlos. Ein sinniges Denkmal für eine jüdische Dichterin. Einer jüdischen Dichterin, Frau Emma Lazarus, die im Jahre 1887 in ihrer Geburtsstadt New-York im Alter von nur 38 Jahren starb, ist soeben am Piedestal der riesigen Freiheitsstatue auf Bedloe's Island im Hafen von New-York eine Gedächtnisstafel aus Bronze mit ihrem Namen und dem Sonnett, das sie 1885 schrieb und der Statue widmete, errichtet worden. In diesem formvollendeten englischen Gedicht ruft sie den Schutz der Freiheitsgöttin für die wenige Jahre zuvor aus Russland vertriebenen, nach den Vereinigten Staaten ziehenden Juden an. Sie hatte auch für das Unterkommen dieser Flüchtlinge und für eine verständige Erziehung der Kinder derselben das Möglichste getan. Ihre Gefühle als Jüdin drückt sie in edlen poetischen und prosaischen Schriften aus, Sie leistete aber auch Bedeutendes für die allgemeine Literatur in eigenen Dichtungen, sowie in der Uebertragung deutscher Gedichte ins Englische. So hat sie in der Bearbeitung der Dichtungen Heinrich Heines ausser dem kürzlich in Italien verstorbenen ausgezeichneten englisch-amerikanischen Schriftsteller Charles Godfrey Leland das Beste geleistet. Aus dem Hebräischen übersetzte sie ins Englische Dichtungen der bedeutenden mittelalterlichen jüdischen Dichter Jehuda Halevy, Gabirol und anderer. Ihre Ehrung an der Frei-