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Die Welt · 1903-06-26 · 26 (26.6.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
26 (26.6.1903)
Article
Petersburg [Kommentar]
Date
1903-06-26
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 26 ,DIe & Welt64 Seite 11 hin, dass er falsch beschuldigt wird. Der antisemitische „Bessarabetz" selbst erzählte erst unlängst triumphierend, dass die russische Justiz die Angeklagten in Kischenew für gar nicht schuldig befinde .... Petersburg. Welche Verirrung und Verwirrung die Kischenewer Greueltaten unter den Juden in Russland bewirkt haben, kann man aus dem Attentate ersehen, welches der vierundzwanzigjährige Jude aus Kiew, Pinchus Daschewski auf den Herausgeber der antisemitischen Zeitschriften „Snamja" und „Bessarabetz", Pawel Kruschewan, verübt hat. Dieser jüdische Jüngling, von der allgemein unter den Juden in Russland herrschenden Verwirrung mächtig ergriffen, glaubte nichts besseres tun zu können, als den Urheber des Kischenewer Blutbades, Kruschewan, auf dem Newskyprospekt zu Petersburg zu überfallen und ihm mit einem Messer eine nicht lebensgefährliche Wunde beizubringen. Nirgends wird diese Tat schärfer verurteilt werden als unter den Juden selbst, welche jedes Blutvergiessen mit Abscheu und Entrüstung erfüllt. Aber ais trauriges Merkmal für die äusserst traurige Lage der Juden in Russland ist der unbesonnene Schritt des jüdischen Jünglings Daschewski äusserst charakteristisch. Was müssen die Juden in Russland seit Kischenew empfinden, wenn solche Taten möglich geworden sind? Das scheint sogar die antisemitische „Nowoje Wremja" zu empfinden, welche bei Besprechung des Attentates auf Kruschewan nicht von dem Juden Daschewski und den Juden im aligemeinen, sondern von der Unkultur der russischen Gesellschaft spricht, der man die Begriffe von Gesetzlichkeit beibringen müsste . . . Nur der „Swet" beutet dieses Attentat zu seinen Zwecken des Menschenhasses aus. Kischenew. Die Lage der Jaden in der Stadt ist geradezu entsetzlich. Hunderte und Tausende von Familien, die sich früher mit Ehren erhalten konnten, sind jetzt obdachlos und ohne jedwede Möglichkeit, das Leben zu fristen. Das Komitee zur Unterstützung steht ganz hilflos da. Das Geld fliesst knapp zu, die grossen Summen, die in Amerika und Westeuropa gesammelt wurden, kommen nicht alle nach Russland, sondern werden zur Organisierung einer Emigation verwendet werden. Alle Geschäfte stocken, das Kreditwesen ist völlig vernichtet, kurz es herrscht ein unbeschreibliches Elend in der Stadt. Und hierzu hetzt der „Bessarabetz", verfolgt die Regierung. Neulich zum Beispiel bekam die Tramway-Direktion von Kischenew einen anonymen Brief, worin sie aufgefordert wird, alle Juden, die bei'der Tramway beschäftigt waren, zu entlassen, widrigenfalls man mit einem neuen „Pogrom" drohte. Ob der Direktor, ein Franzose, sich dem fügen wird, weiss man nicht, aber Tatsache ist, dass die Lage unerträglich ist. Man erwartet von Tag zu Tag die Wiederholung der Mordtaten. Die jüdische Bevölkerung ist in fürchtbarer Spannung. Viele wollen emigrieren, rüsten sich zur Reise, aber wohin? Ist es ihnen denn nicht alles eins? Nur fort aus dieser Hölle ... N. P—n. Kischenew. Der Richter Kiriakow, welcher über die Teilnehmer an den Schandtaten von Kischenew zu Gericht sitzt, fällt permanent lauter freisprechende Urteile. Von 20 Angeklagten, welche in der abgelaufenen Woche vor Gericht standen, wurden, wie „Nowoje Wremja" meldet, 17 freigesprochen. Dagegen wurden im Auftrage des Gouverneurs die Juden Saul Bedolski, Obnallaw, Gorenbuch, Hersch Schapozkin und Schmul Köret zu je einer Woche Arrest verurteilt, weil sie Waffen bei sich hatten . . . Kischenew. Zum Gouverneur von Bessarabien wurde der bisherige Vizegouverneur von Tambow, Fürst U r u s s o w, ernannt. Man rühmt ihm Energie und Loyalität nach, und er soll sich bereits dahin geäussert haben, dass er alle schuldigen Beamten in Kischenew aus dem Dienste entfernen werde. Es ist jedoch zu bezweifeln, ob ihm dies gelingen wird. Die ganze Verwaltung von Kischenew hat sich als verrostet erwiesen, so dass der Bürgermeister von Kischenew, Schmidt, nicht mehr im Amte bleiben wollte . . . Warschau. Eine Art von Hetze gegen die Juden scheint sich in dem nach dieser Richtung hin schon aus dem Vorjahre bekannten russischen Wallfahrtsorte Czenstochau vorzubereiten. Es wird dem „Jeschurun" von dort geschrieben: Von Seiten der Nihilisten oder Sozialisten sind dieser Tage in der Nacht an vielen Häusern, Strassenecken und öffentlichen Plätzen, an Bäumen in der bekannten Kastanienallee Plakate aufrührerischen Inhalts aufgeklebt worden, die das Leid und die Bedrängnis, die seitens der russischen Regierung der russischen Bevölkerung zuteil werden, kundtun, und daher zum Umsturz und gegen die Regierung: demonstrativ vorzugehen auffordern. Die Plakate enthalten u. a. den Inhalt, dass die Christen und Juden gemeinschaftlich den Umsturz vorzunehmen beabsichtigen und sich gegen die Regierung auflehnen wollen. Angesehene und wohlhabendere jüdische Kaufleute von hier gingen sofort zum Polizeimeister und dem Naczelnik (Landrat) und erklärten, dass die Plakate ohne ihr geringstes Wissen und Wollen ausgehangen worden sind und dass sie gar nicht daran denken, sich gegen die Regierung irgendwie aufzulehnen. Diese Insinuation, die ihnen widerfuhr, sei von Bubenhand ausgegangen, damit die Regierung Grund habe, gegen die Juden strenger vorzugehen. Der Polizeimeister hat auch sofort die Geistlichkeit von Czenstochau verständigt, in ihren Kirchen das Volk auf die Gefahr eines etwaigen Versuchs einer demonstrativen Bewegung oder sonstiger Unruhen etc. hinzuweisen, da bei einem etwaigen Vorkommnis auch nicht die geringste Rücksicht ge^en das Volk genommen werden wird. Das Militär und jeder Soldat hat strengste Instruktion, sofort einzuschreiten, und auch schon da von der Waffe Gebrauch zu machen, wenn sich in einer Strasse, auf einem Platze etc. eine grössere Anzahl Menschen ansammelt, ohne über den Zweck der Ansammlung bald Aufklärung zu geben. Jedem einzelnen Soldaten sind. Prämien bis zu 25 Rubel seitens der Militärbehörde in Aussicht gestellt worden, wenn er beim Versuch eines Putsches die Anführer sofort unidiädlich macht. Man will verhindern, dass nicht wieder, wie es im Herbste v. J. geschehen ist, die Auflehnung gegen eine ReligionsfjeseUschaft oder gar gegen die Regierung zum Ausbruch kommt, nicht wieder so viel an Hab und Gut vernichtet wird und auch Menschen zugrunde gehen. Bekanntlich sind der frühere Polizeimeister und Naczelnik (Landrat) von hier ihrer Aemter enthoben worden, weil sie nicht bald die nötigen Massnahmen ergriffen haben, welche zur Unterdrückung der Unruhen nötig waren. Den russischen höheren und niedrigeren Verwaltungsbeamten ist seitens der Regierung jetzt eröffnet worden, dass sie für jede etwaige Demonstration persönlich verantwortlich gemacht werden und eventuell mit ihrem Vermögen für jeden Schaden, der entsteht, haften müssen. Tschernigow. Als drastische Illustration zu der oben von uns erwähnten Verwirrung, welche unter den Juden in Russland herrscht, kann die Korrespondenz aus Tschernigow dienen, welche die „Petersburgskija Wjedornosti" publizieren. Sie lautet wörtlich: ,,Das an vielen Orten Russlands verbreitete Gerücht, die Regierung habe eine Judenvertilgung angeordnet, drang auch nach dem im Tschernigowschen Gouvernement gelegenen Städtchen Nowgorodsewersk, wo sich die russische Bevölkerung darauf vorzubereiten begann, am 27. Mai, als dem Tage der Thronbesteigung des Zaren, die Juden der Stadt zu ermorden. Da alle Vorbereitungen zu dem Massacre in der offensten Weise besprochen wurden, so ergriff die jüdische Bevölkerung eine entsetzliche Panik. Am Tage, der zur Ausführung des Massacres angesetzt war, hatte sich der grösste Teil der jüdischen Bevölkerung von Nowgorodsewersk in einer Zahl von zirka 5000 Personen in und um die Synagoge versammelt und wartete in furchtbarer Angst der Dinge, die da kommen sollten. Alle jüdischen Läden waren natürlich fest verschlossen und der Eintritt zu den jüdischen Häusern verbarrikadiert. Schon vom frühen Morgen an war die Polizei damit beschäftigt, die Strassen zu durchziehen und jede Ansammlung von Ruhestörern und Hetzern zu verhindern, was ihr bei dem verstärkten Aufgebote auch vollkommen gelang, obwohl einzelne Haufen von Ruhestörern mit dem Rufe: ,,Schlagt die Juden tot!kfc die Strassen der Stadt durchzogen. Der örtliche Adelsmarschall Fürst Galitzyn hatte sich eingefunden und wohnte in der Synagoge mit mehreren russischen Popen dem Festgottesdienste aus Anlass des Krönungstages bei. Dieser Umstand, sowie die fortgesetzten Bemühungen der Polizei unterdrückten den Ausbruch eines Massacres, welches sehr leicht einen gleichen Umfang wie in Kischenew hätte annehmen können." Wlitau. Das Kischenewer Unglück machte hier einen umso stärkeren Eindruck, als man auch hier Juden krawalle erwartet hatte. Bei den Sammlungen, die 700 Rbl. brachten, taten sich besonders unsere Gesinnungsgenossen hervor. 100 Rbl. davon wurden dem Projekt Ussischkin gewidmet. Die Schuljugend sammelte ausserdem 85 Rbl. Am Schevvuothfeste gedachte man in allen Synagogen der Märtyrer unter grosser Rührung der Anwesenden. Judenfeindschaft in der Schule. Das Professoren-Kollegium des hiesigen Mädchengymnasiums und der Volksschule Dorothea hat beschlossen, Schreiben, Zeichnen und Handarbeit am Sabbat zur Pflicht zu machen, um so die Zahl der jüdischen Schülerinnen zu verringern. Die Eltern müssen eine Erklärung unterschreiben, worin sie sich damit einverstanden erklären. L. J. K. Bobrek. Die „Breslauer Zeitungu meldet: Am Fronleichnamstage stürmte in Bobrek, in Russisch-Polen, eine Bande von 200 Personen das Haus des jüdischen Handelsmannes Langer. Die Polizei zerstreute mit der Zuchtknute die Menge. Der Polizeimeister in Sosnowice liess auf eine Anzeige, dass die zu Fronleichnam in der

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