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Die Welt · 1903-06-26 · 26 (26.6.1903) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
26 (26.6.1903)
Article
Lemberg [Kommentar]
Date
1903-06-26
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die £ Welt" Nr. 26 vorbereitet, offen und laut wird vorher angekündigt, dass uns gewaltsam die Menschenrechte genommen werden sollen. Die Taktik hat sich geändert, die Art ist eine andere, der Zweck jedoch und die Mittel sind dieselben geblieben. Nur dass die jetzt gegen uns gerichteten wohlberechneten Geschosse auch desto sicherer treffen. Noch ist das Blut unserer in Kischenew gemordeten Bruder nicht versickert, noch sind die Wunden von Sandez und Jaslo nicht vernarbt, noch sind die Schmerzen, die uns die Chodorower Barbaren beigebracht, nicht geheilt, und schon erlebt Wolhynien ein blutiges Gemetzel, droht uns eine neue Gefahr und durchzieht Ostgalizien das Schreckensbild von Judenmassacres. Die Sommersaison bricht herein. Die sozial-nationale Bewegung gegen die Gutsbesitzer im Osten des Landes, die im Vorjahre in Form von Strikes organisiert war und schreckliche Folgen für die Juden, Pächter und Verwalter hatte, bedroht uns jetzt mit doppelter Kraft. Diese Bewegung entstand im Vorjahre nach vieljähriger Vorbereitung und nimmt jetzt derartige Formen an, dass man nicht genug daran hat die ökonomische Lage des so sehr ausgebeuteten Landarbeiters zu verbessern, sondern uns an die schrecklichsten Zeiten vor 1846 erinnert. Und die nationale Erbitterung, in deren Zeichen diese soziale Bewegung vor sich geht, bietet uns die Gewähr, dass sie nicht ohne Folgen bleiben dürften. Die Lage ist gefahrdrohend, es gibt keinen Ausweg und die Folgen sind kaum zu berechnen. Und die in ihrer Sicherheit bedrohten Besitzer griffen, wie verlautet, zu einem alten, erprobten, leider nur zu gut erprobten Mittel. Den Hass der Massen wälzen sie von sich ab und auf die Juden. Agitatoren bereisen die ostgalizischen Dörfer — man sah sie im Kolomeaer Bezirke, im Stanislauer und Tarnopoler — und machen den Unzufriedenen klar, dass die Juden schuld sind an ihrem Elend, weil sie sowohl den Bauern als den Herrn unterdrücken, und . dass das politische Verhalten der Juden das ruthenische Volk um seine Rechte bringe. Und langsam, aber sicher, vollzieht sich der ersehnte Umschwung. Schon hört man davon, dass Landarbeiter die Zahlung verweigern und, wenn sie von irgend wem dazu a*nVefordert werden, Propinationsgebäude demolieren; schon l' jrt man davon, dass Bauern den bevorstehenden Tag der AL:echnung verkünden. Und er wird kommen. Wieder wird jüdisches Blut fliessen, wieder werden unsere Kinder zu Waisen, wieder unsere Mütter zu Witwen werden und neuerdings wird unsere Habe mit dem Rauche in die Luft gehen. Soziale Bewegungen haben sich gar oft an unserem Leibe abgespielt, der Fortschritt ist oft über unsere Leichen seinen Weg gegangen. Die Ereignisse der letzten Tage beweisen dies in nicht geringerem Masse als die Geschichte unseres ganzen Exillebens. Und da will man behaupten, dass zwischen Ost- und Westgalizien, zwischen diesem und Russland gar kein innerer Zusammenhang bestehe, dass es Vorkommnisse sind, die miteinander nichts zu tun haben! Wir fühlen, dass es nicht so ist und fühlen, dass die Ursache dieselbe ist und die Folgen dieselben sein werden. Unsere Brüder warnen wir. Wir wollen vorbereitet sein. Budapest. Vom gewesenen Finanzminister Lukacs rührt bekanntlich die chikanöse TrafikverOrdnung her, wonach die jüdischen Trafikanten bei Konzessionsentziehung beauftragt werden, ihre Geschäfte Samstag offen zu halten. Viele orthodoxe Familien, die aus dem Tabakverschleisse ihren Lebensunterhalt bestreiten, wurden durch diese Verfügung hart getroffen. Ueber Initiative des Herrn A.Tup 1 er-Miskolz, wurde daraufhin eine Versammlung jüdischer Trafikanten nach Budapest einberufen, um eine gemeinsame Aktion zu beraten. Zum Ehrenpräsidenten der Versammlung wurde Herr Rabbiner-K.Reich gewählt. Auch hatte sich das seinerzeit von der Rabbinerkonferenz ernannte P. titionskomitee eingefunden, darunter der Oberrabbiner Ehrw. B. F i s c h e r - Eperjes. In einer Resolution wurde konstatiert, dass sich die ungarischen Trafikanten jüdischer Konfession in der freien Ausübung ihrer Religion behindert fühlen. Ferner wurde beschlossen, dem Finanzminister ein Memorandum zu überreichen, worin um die Erneuerung der früheren Trafikverordnung gebeten wird. Was dieser Schritt helfen wird, ist zweifelhaft. Vorderhand kann er aber gar nicht gemacht werden, denn Ungarn hat jetzt eine Ministerkrise. A. A. Pressburg. Der hiesige „AhawathZion" veranstaltete am 1. Juni unter namhafter Beteiligung der jüdischen Bevölkerung eine Gedenkfeier für die Opfer von Kischenew. Gesinnungsgenossen W. Steiner und Vereinspräses S. Bettelheim besprachen in ergreifender Weise die blutigen Kischenewer Ereignisse. Tiefe Erschütterung ging durch den Saal, als der Vereinschor das Ma skir-Gebet anstimmte, in welchem die Blutzeugen namentlich aufgezählt waren. Folgende-Resolution wurde beschlossen: „Die am 1. Juni vom „Ahawath Zion" in Pressburg einberufene jüdische Volksversammlung wer.det sich mit dem Ausdrucke tiefsten Abscheues gegen die Greueltaten von Kischenew und deren Urheber, und sieht in den Kischenewer Ereignissen eine ernste Mahnung, gerichtet an die ganze gesittete Welt, die Bestrebungen des Zionismus, durch deren Verwirklichung allein dem schrecklichen Los der russischen und rumänischen Juden ein Ende bereitet werden kann, mit aller Macht zu fördern und zu unterstützen." Diese Resolution wurde auch in der hiesigen Lokalpresse veröffentlicht. Unter Absingung der Zionshymne wurde die Versammlung geschlossen. Die Sammlungen für Kischenew sind im Zuge. St. Petersburg. Kaum hatte die Nachricht von dem Unglück der Juden in der Stadt Kischenew Petersburg erreicht, als die Mehrzahl der Zionisten-Vereine Sitzungen veranstaltete, um die Massregeln zu beraten, die unumgänglich zu unternehmen wären, um den unglücklichen Bewohnern Hilfe zu leisten, wie auch zur Erörterung der Fragen, welche durch die Uebeltaten von Kischenew hervorgerufen worden sind. Infolge dieser Versammlungen, in welchen, gleich denen des ersten Zionisten-Vereines, Mitteilungen von Zuschauern gemacht, Zeitungskorrespondenzen verlesen, passende Reden gehalten und rührende Gedichte Frugs vorgetragen wurden, sind in Petersburg grössere Summen zugunsten der Hilfeflehenden eingelaufen. Besonders interessant war in dieser Beziehung die Versammlung, in welcher nach dem Anhören der Reden der Herren M. Koswen, Storkin, S. Koswen undW. Rapoport auf Vorschlag des letzteren eine Resolution gefasst wurde. „Der Verein der jüdischen Jugend „-iron" hoffe, dass von nun an auch der bisher untätige Teil, von dem sich immer vergrössernden Antisemitismus angeregt, mit unermüdlicher Energie gegen den Indifferentismus eines gewissen Teiles der jüdischen Gesellschaft zum Zionismus kämpfen wird, denn der Zionismus ist des jüdischen Volkes einzige Rettung." Diese Resolution ist nebst einer Aufforderung allen jüdischen jungen Leuten zugeschickt worden. Ueberhaupt ist in der letzten Zeit in Petersburg eine Erhebung des nationalen Gefühles bemerkbar, wozu der Verein „^nrcntt> welcher eine bedeutende Anzahl Mitglieder zählt, ausserordentlich viel beiträgt. S. R. Petersburg. Die „Vossische Zeitung" meldet: „Die Untersuchung über die Kischenewer Greueltaten wird in einer recht eigentümlichen Weise geführt. Die Arbeit ist unter mehrere Untersuchungsrichter verteilt, und zwar so, dass jeder von ihnen nur eine bestimmte Art von Verbrechen zu bearbeiten hat, der eine Mordtaten, der andere Körperverletzungen, der dritte Raub, der vierte Diebstahl usw. Die Zahl der Verhaftungen ist sehr gross, sie hat jetzt bereits ein Tausend überschritten. Die Untersuchungsrichter geben sich aber so grosse Mühe, die Sache zu vertuschen, dass vermutlich nur wenig Verurteilungen erzielt werden dürften. Die Polizei hat sich bemüht, alle Spuren der Verbrechen zu verwischen. Den Juden wurde anbefohlen, ihre Häuser sofort in Ordnung zu bringen und vor allem die Blutflecken zu entfernen. Die Familie des ermordeten Chazkelewitsch konnte das nicht schnell genug tun, weil alle überlebenden Mitglieder der Familie im Krankenhause schwer verwundet lagen, deshalb wurde die Witwe des Chazkelewitsch zu einem Monat Arrest verurteilt (!!). Die Leichen der Ermordeten wurden vom leitenden Untersuchungsrichter nur flüchtig untersucht. Eine Obduktion fand überhaupt nicht statt. Dass die Feststellung der Mörder unter diesen Umständen sehr schwer sein wird, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, dabei werden die Angaben der jüdischen Zeugen in der Regel nicht ernst genommen. Wenn nur ein jüdischer Zeuge vorhanden ist, wird die Verfolgung eingestellt. Bis zu welchem Grade das Gefühl für die Schwere des Verbrechens bei den Untersuchungsrichtern sich abgestumpft hat, kann man daraus schliessen, dass sie die Vergewaltigungen als Lajmalien ansehen. Aus allen diesen Gründen ist mit Sicherheit zu erwarten, dass auch die Prozesse vor den Schwurgerichten denselben Verlauf nehmen werden wie die kleineren Prozesse, die jetzt von Friedensrichtern abgeurteilt werden. Bei diesen ist die Zahl der Freisprechungen so gross, dass es schlechthin unbegreiflich ist, wie die Polizei so viele Leute vor Gericht stellen konnte, ohne genügendes Belastungsmaterial gegen sie zu haben. Es gewinnt beinahe den Anschein, als ob die Polizei den ersten Besten vor Gericht geschleppt hat, um die wahren Schuldigen zu decken. Uebrigens erscheinen die Kischenewer Friedensrichter, wenn man die in den russischen Zeitungen veröffentlichten Berichte über die Gerichtsverhandlungen genau liest, keineswegs als unparteiisch. Zuweilen erfolgt die.Freisprechung trotz einstimmiger und einwandsfreier Aussagen sämtlicher Zeugen bloss auf die Beteuerungen des Angeklagten

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