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Die Welt · 1903-06-26 · 26 (26.6.1903) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
26 (26.6.1903)
Article
Brief aus Paris
Date
1903-06-26
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 26 „Die £ Welt" Seite 7 Mr. J au res, der „Leader" der sozialistischen Partei und Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, hielt Samstag abends einen Vortrag über das Thema: „Wie steht jetzt die Affäre D reyfus?'1 Das Theater Trianon, wo er seine Rede hielt, war förmlich von Menschen vollgestopft und eine grosse Menschenmenge musste wegen Mangeis an Raum draussen bleiben. Der Redner führte aus, dass die Revision des Prozesses eine Frage der nächsten Zukunft sei, dass der Kriegsminister Andre seine Untersuchung über den berüchtigten Brief des General P e 11 i e u x, der im Jahre 1898 an den Minister Cavaignac gerichtet worden war, der aber von diesem verheimlicht wurde, beendet habe. Mr. Jaures spricht dem Ministerium C o m b e s sein volles Vertrauen aus. Wir leben nicht mehr, sagte er, unter der Regierung Melines, der immer wiederholt hat, es gebe keine Affäre Dreyfus. Die gegenwärtige Regierung sagt in einemfort, es gebe noch eine Affäre Dreyfus. Das Ministerium wird trotz der Opposition die Revision des Prozesses von Reimes veranlassen und dann wird es auf die Unterstützung und absolute Anhänglichkeit aller Republikaner rechnen können. Mit der Rehabilitierung Dreyfus' wird auch in Frankreich die Ruhe und Ehre wiederhergestellt, denn sie wird auch zugleich den Untergang des Klerikalismus bedeuten. Die Rede dauerte beinahe drei Stunden und wurde vom Publikum enthusiastisch entgegengenommen. Der Antisemit Laberdesque, ein Freund Max Regis', versuchte es, die Rede durch Rufe „Nieder mit Reinacha und „mort aux Juifs" zu stören, aber die Versammlung zwang ihn durch die Drohung, ihn sonst aus dem Saal zu entfernen, zum Schweigen. Der Zionismus entwickelt jetzt in Paris eine lebhafte Tätigkeit. Es werden in allen Synagogen, sogar in den unbedeutendsten, Reden gehalten. Die „Universite Populaire", „Mebassereth-Zion" und die „Association des Etudiants" setzen ihre Propaganda fort. Es ist eine grosse Versammlung für den 14. Juli, den Schekeltag, an dem Dr. Nordau und Dr. Marmorek sprechen werden, angesagt. Die Zahl der Schekel wächst. Wir wollen hoffen, dass die jüdische Bevölkerung von Paris voa der Grösse unserer Aufgabe sich überzeugen und sich auf dem nächsten Kongress würdig vertreten lassen wird. " S. Jakobson. Briefe aus England. i. Wenn man den trockenen, leblosen, konventionellen und degenerierten „Judaismus" unserer Assimilanten von der alten Schule mit dem lebensfrischen, energischen, hoffnungsvollen und selbstbewussten Judentum der jungen zionistischen Generation vergleicht, so kann kein Zweifel darüber bestehen, wem die Zukunft gehören wird.--Es gab eine Zeit, wo die Juden gegen Auch-Juden, Bauch- Juden und allerart Schwach-Juden zu kämpfen hatten, jetzt kämpten diese letzteren unter einander und gegeneinander. Jeder neue Schritt, den sie machen, jedes neue Argument, welches sie vorbringen, führt unseren Fahnen neue Scharen von Anhängern zu, die zur grossen zionistischen Bewegung mit willigem Herzen und tatbereit kommen, da sie überzeugt sind, dass die Haltung unserer Assimilanten der gemarterten, blutenden jüdischen Nation gegenüber eine unlogische, unnatürliche und unmoralische ist . . . Brutalitäten ohnegleichen sind an unseren Brüdern und Schwestern in Kischenew verübt worden. Männer wurden wie Schlachtvieh niedergemetzelt, Frauen geschändet, unschuldige Kinder in Stücke zerrissen . . Die Greuel des Mittelalters werden durch diese Brutalitäten erreicht und übertroffen. Jedes ehrliche Menschenherz ist voll Schrecken und Entrüstung, aber unsere sogenannte „Englisch-jüdische Gemeinde* tut so gut wie nichts, um einer Wiederholung dieser Greuel vorzubeugen, wenn man nicht die Veröffentlichung eines kalten, ohne Herz geschriebenen „Aufrufs" und die Sammlung einer winzigen Summe als Tat ansehen will . . . Wie können diese Männer, die sich als unsere Führer geberden, von einem fühlenden und denkenden Juden, dessen geistiges Auge noch die frischen Gräber, die verstümmelten und verkrüppelten Körper vor sich sieht, der in den Tiefen seiner Brust das Echo der schauerlich klingenden Worte: ntHKn ja D'pjnx THK *to*t b'p vernimmt, Achtung und Zutrauen erwarten? W Ir sind mit zehn jüdischen Parlamentsmitgliedern gespgnet, die, wie ich höre, alle ausgezeichnete Redner sind. Einer von ihnen, Mr. Herbert Samuel hat eine Probe seiner Eloquenz in einer Rede über die grausame Behandlung der Wilden am Kongo (!) abgelegt, aber weder einer von ihnen, noch alle zusammen haben versucht, es zu einer Debatte über die Massacres von Kischenew zu bringen. Der Board of Deputies hat gleichfalls beschlossen, keine Protestmeetings zu veranstalten. Weshalb? Nun, es heisst, es gebe gewichtige Gründe dafür. Erstens haben wir Nihilisten in London, die die Versammlung durch ihre Angriffe auf den Zarismus stören könv.ten, zweitens haben wir einen jüdischen Lord-Mayor und die Leute würden sagen etc., und drittens hat England keinen locus stand i, sich in diese Sache einzumengen. Genügende Gründe, nicht wahr? Die Wahrheit ist, dass sie während der Sitzungen der Royal Commission an der englischen Sympathie für die Juden zu zweifeln gelernt haben, manche sind sogar zur Leberzeugung gelangt, dass die englische Freiheit, insoferne sie die Juden angeht, eine entfernte Ähnlichkeit mit der russischen Gerechtigkeit aufweist. Ab<. sie haben nicht den Mut, es zu gestehen und daher haben \vir die Vorwände, daher — haben wir einen jüdischen Loru-Mayor, der zwar ein wahrer Jude und edelmütiger Engländer Ist, doch der, wie Mr. Herbert Beutwich sagt, .seine edbn Instinkte eines Engländers seinen Befürchtungen als Jude unterzuordnen geneigt ist/ Die „Times" vom 8. 1. M. brachte die telegraphische Nachricht, dass in Melbourne, Australien, eine imposante Protestversammlung unter dem Vorsitz des Lord-Mayors abgehalten wurde, in welcher Versammlung ein anglikanischer Bischof und ein katholischer Erzbischof Resolutionen vorgeschlagen haben, die angenommen und nach London dem Lord-Mayor übersendet worden sind, an den Lord- Mayor, „der, wie Mr. B entwich im „Jewish Chronicle" vom 12. 1. M. sagt, „zum erstenmal in der langen Geschichte dieser sich immer wiederholenden Ausbrüche, sich nicht bewogen fühlte, ein Meeting der Bürger dieser Metropole, des Herzens des Reiches, zusammenzuführen, einzig und allein, weil er — ein Jude ist." Arme jüdische Gemeinde! S e zittern vor ihrem eigenen Schatten, diese Männer, sie wittern Gefahr, wirkliche oder imaginäre, sie fühlen, dass der Boden unter ihren Füssen schwankt — und wollen trotzdem nicht den einzig richtigen und ihnen offenen WTeg betreten und dem Zionismus zu einem raschen Erfolg verhejfen. Glücklicherweise beginnen die Massen einzusehen, wer ihre wirklichen Freunde sind und der Zionismus wird hierzulande eine Macht, mit der die Gemeinde, wenn ruch widerstrebend, wird rechnen müssen. Einstweilen herrscht eine rege Tätigkeit in den zionistischen Vereinen infolge , des Herannahens des VI. Kongresses, auf den man grosse Hoffnungen setzt und von dem man erwartet, dass er einer der wichtigsten unter allen Kongressen sein werde. Ich erfahre, dass Mr. Z a n g w i 11, Bentwi ch, Co wen und Greenberg eine Protestdemonstration gegen die Massacres von Kischenew in der Metropole und vielleicht auch in man her Provinzstadt veranstalten wollen. Möge es ihnen gelingen! P. S. Soeben kehre ich von einer stark besuchten zionistischen Versammlung zurück, wo Rabbi L. H e r t z o g anlässlich der Gründung eines neuen zionistischen Vereines „Degel Zion" (somit der vierte in Leeds) gesprochen hat. Dieser würdige Rabbiner sprach von den grossen und verdienstvollen Leistungen Dr. Herzls und ermahnte die Versammlung, unseren grossen Führer in seiner Arbeit zu unterstützen. Mit donnerndem Applaus, mit einer begeisterten Ovation für den Führer des Zionismus, mit dieser Ovation, die mehrere Minuten anhielt, schloss die Versammlung. Das war ein Enthusiasmus des Herzens und nicht der Konvention! Leeds. P. M, R a s k i n. ^>i*ibut)e. Anregung für den Nationalfonds. Es ist leider eine Tatsache, dass man der ersten Kämpfer für unsere zionistische Sache, wenn sie durch Krankheit oder Tod aus der Bewegung ausgeschieden wurden, nicht mehr gedenkt. Wir haben in Kairo ein Beispiel dieser Art erst jüngst erlebt. Einer der ersten Präsidenten des Vereines „Bar Kochba/ der nach längerer Krankheit vor kurzem verschied, Herr H e r d a n, ist bereits so gut wie vergessen. Da er an meiner Seite in jenen schweren Tagen für unsere Idee gewirkt hat, als man unsere Bewegung in Aegypten noch so gut wie gar nicht kannte, so halte ich es für' meine Pflicht, seine Verdienste für unsere Bewegung in der „Welt" nochmals hervorzu-

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