Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Article
- Der österreichische Parteitag
- Date
- 1903-06-26
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 26 ,4>ie s& Weit66 Seite 3 Mit Freuden sehen wir die zionistische Presse aufblühen, und überall, wo wir vor kurzem zarte Schösslinge mit Mühe gesetzt haben, sehen wir fröhlich und vielversprechend zionistische Bäume gedeihen. Es ist nicht möglich, hier in wenigen Worten den Erfolg unseres Strebens im letzten Jahre genau zu vermelden. Auch soll und kann dem Parteitage selbst nicht vorgegriffen werden wenn wir leider auch fürchten müssen, dass der Eifer der Begeisterung für unsere grosse Sache mehr die Bestrebung und Pläne für die Zukunft, als die Anerkennung für das Geleistete in den Vordergrund rücken wird. Aber im Interesse unserer Bewegung mag es immerhin geschehen, dass unsere Heerschau dazu dienen soll, nicht Lob für die Arbeitenden zu erwerben, nicht zu zeigen, was wir geleistet haben, sondern zu zeigen, welche Arbeit man uns weiterhin aufbürden kann. Der zionistische Wettbewerb geht nicht um die ehrende Palme, er streitet um die Gunst, schwerer und bedeutsamer Arbeit für fähig gehalten zu werden. Aus dem Programm des Zionismus ergibt sich mit stringenter Notwendigkeit auch das Ziel der Arbeit der einzelnen Organisationen. Wer den Zionismus kennt, weiss, dass er nur an einer Klippe scheitern könnte. Nur, wenn es den Vorkämpfern nicht gelingen könnte, die ganze Masse der Juden von der Richtigkeit, der inneren Berechtigung des Zionismus zu überzeugen, sie zur Anschauung zu bekehren, dass es die einzig mögliche, also auch die einzige Lösung der Jadenfrage ist. A git ati o n ist also die wichtigste Aufgabe unserer Arbeit. Man müsste daran zweifeln, dass die Wahrheit nicht siegen muss, müsste von der zwingenden Macht der Erkenntnis nichts wissen wollen, sollte man nicht davon überzeugt sein, dass jemand, der den Zionismus erst kennen gelernt hat, auch sein Bekenner wird. Aber hier beginnt ja eben die einzige Schwierigkeit für unsere Agitation. Wir fürchten nicht das Urtheil, wir fürchten das V o r u r te iL Nicht dass man ans nicht glaubt, nicht folgt, wenn man uns gehört hat; aber man hört uns nicht genug, nicht überall. Wenn es uns nur gelingt, zu Juden zu sprechen, zu Brüdern, denen das Judentum unverrückbare Voraussetzung ihrer politischen Erwägungen ist, so haben wir sie auch gewonnen. Aber wir müssen durchsetzen, dass sie uns hören. Das ist das Ziel unserer Agitation. Und unsere Kräfte diesem unseren Ziele zu erhalten, wird Aufgabe ebenso des österreichischen Parteitages sein wie des Baseler Kongresses. Wir müssen genug kämpfen gegen Assimilation, gegen Indolenz, gegen Feinde. Sollen wir uns zersplittern und auch gegen jene kämpfen müssen, die sich unsere Gesinnungsgenossen nennen und unsere Freunde heissen wollen? Sollen wTir, noch ehe wir im herrlichen, nur lange gar nicht oder unrichtig gepflegten Garten des Judentums den schattenden, Früchte verheissenden Baum des Zionismus festgepflanzt haben, uns darum streiten müssen, nach welcher Seite das Wachstum der Zweige gelenkt werden soll? Kurz: gibt es neben dem grossen Programme des Zionismus, für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina zu erreichen, Gelegenheit und Raum für andere Programme? Es gehört zu den Aufgaben des österreichischen Parteitages, ja zu den Aufgaben der Parteitage aller Länder, des Kongresses, der ganzen zionistischen Organisation, eine Subtilisierung des Programmes unmöglich zu machen. Zu den bisherigen einzigen Aufgaben der Agitation nach Aussen käme, wenn dies nicht bald gelingen sollte, leider die zeitraubende, überflüssige, wenn auch in ihrem Resultate nicht zweifelhafte Agitation für die Integrität des Programmes nach Innen, und damit in Verbindung die für den weiteren Ausbau der Organisation. Und neben diesen Bestrebungen zur Hebung der Agitation, zur Stärkung der Organisation und zur Förderung unserer zionistischen Presse wird es Sache des Parteitages sein, die Stellung der Gesinnungsgenossen Oesterreichs zum Baseler Kongress sowohl als zu den Organen und Institutionen des Zionismns zu präzisieren. Der Kongress in Basel ist das herrlichste Produkt der zionistischen Organisation. Wer nur einmal diese Versammlung gesehen und an ihr teilgenommen hat, der wird begreifen, dass in ihr das Schicksal, die Hoffnung des jüdischen Volkes ruht. Wer dort die besten und begeistertsten Männer und Frauen aus unserer Mitte gesehen, aus allen vier Enden der Welt zusammengeführt durch den Ruf Zions, für das Wohl der Brüder zu arbeiten, der wird unsere Forderung begreifen, dass wir nach Basel nur jene Zionisten schicken sollen, die durch ihre Person dem Kongress ebenso zu nützen vermögen, wie die Teilnahme an diesem Volksrate sie ehrt, dass die Mitgliedschaft ebenso durch Verdienst erworben werden muss, als sie durch das Vertrauen in die Tüchtigkeit,«den Ernst und die Würde des Gewählten gerechtfertigt sein soll. Die weise Beschränkung, die Einsicht, das Kleinere gegenüber dem Grösseren zum Wohle des Ganzen zurückzustellen, scheiden deutlich die Arbeit von Kongress und Parteitag. Der Parteitag soll den Zionismus in Oesterreich stärken, verbreiten, organisieren, damit wir in Basel als würdiges Glied in die Reihe der Juden aller anderen Länder treten können. Ein unglückliches Geschick hat es gefügt, dass schweres Unglück die Vortage zum Parteitage und Kongresse erfüllt hat. Die Barbarei hat in Kischenew neue Siege errungen. Aus dunklen Kulturgebieten, Russland, Rumänien und Galizien kommen schlimme Nachrichten. Selbst aus Gebieten, die den einzigen. Ruhm der Völker geniessen, dass in ihnen Gerechtigkeit, Freiheit und vielleicht auch Liebe herrsche, drangen beunruhigende Töne herüber. Wir hatten diese schmerzliche Aneiferung nicht nötig. Unsere Liebe zu unserem Volke hat uns den Weg zu seiner Erlösung finden lassen, den wir nun mutig schreiten. Aber sind Antisemitismus und Barbarei auch nicht die Begründung des Zionismus, so sind sie doch seine Verbreiter. Die Tauben und Blinden werden leider erst von solchen Ereignissen gezwungen, unsere Idee zu schätzen. Unsere Arbeit soll dahin gehen, dass der Zionismus der Führer des Volkes werde auf dem Wege zum Glücke. Gehen wir schneller, als uns die Peitsche treibt. Statt der Geissei hinter uns zu entlaufen folgen wir dem Lichte vor uns. Glück und Gelingen den Arbeiten des österreichischen Zionistentages! Dr. J. W. Marmorek, Die Studenten. Zum drittenmal^ wird der österreichische Parteitag zusammentreten und zum drittenmale soll über den wunden Punkt der zionistischen Bewegung in Oesterreich diskutiert werden, nämlich über die Nichtbeteiiigung der jetzigen zionistischen Studentenschaft an der schwierigen Arbeit nationaler Reorganisation des Judentums. Die Anregungeines planmässigen Zusammenschlusses zionistischer Hochschüler wird diesmal nicht bei der Diskussion belassen werden, sie muss und wird heuer zur Tat führen. „Die Wiener Verbindungen werden die Einigung grosse Hindernisse in den Weg legen", höre ich einwenden» Ich selbst glaube das Gegenteil. Die schlagenden Verbinduugen, respektive die auf* richtig zionistischen und besonnenen Elemente in denselben