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Die Welt · 1903-05-19 · 25 (19.5.1903) · p. 24

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
25 (19.5.1903)
Article
Eine jüdische Kolonie in China
Date
1903-05-19
Page
24 (sequence 2)
Language
German
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Examen für einen Regierungsposten zu bestehen. Der Kandidat .wünschte dringend, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, der, wie er wähnte, ein Glaubensgenosse von ihm wäre; denn es war ihm gesagt worden, dass Ricci nur einen üott, den Herrn des Himmels und der Erde verehre, ohne Mohammedaner zu sein. Ricci war betroffen durch die Gesichtszüge seines Besuchers, die von denen der gewöhnlichen Chinesen sehr verschieden waren, und nahm ihn mit in seine Betkammer, wo er vor dem Bilde „Johannes der Täufer und die heilige Familie" und einem anderen Bilde, das die Evangelisten darstellte, niederkniete. Sein Besucher folgte dem Beispiele, bemerkte aber: „Wir in China verehren unsere Ahnen. Das ist Rebekka mit ihren Söhnen Jakob und Esau; aber warum werden auf dem anderen Bilde nur vier Söhne Jakobs verehrt; gibt es nicht zwölf?4' Es wurden gegenseitig Erklärungen ausgetauscht. Der Gast war ein Jude namens Ngai, der von K'ai-feng-fu, der alten Hauptstadt der Song-Dynastie, nach Peking gekommen war. Er erzählte, dass dort seine Gemeinde eine Synagoge hätte, die kürzlich wieder ausgebessert worden sei, und in der eine bereits über 400 Jälire alte Gesetzesrolle wäre. Er fügte hinzu, dass in Haug-tschau-fu in der Provinz Tsche-kiang eine noch grössere Judengemeinde wäre, die auch eine Synagoge besässe. Es ist bekannt, dass sich Juden zur Zeit der Han-Dynastie (200 v. C.hr. bis 220 n. Chr.) in China niedergelassen haben. Die Ansichten über das wirkliche Jahr der Niederlassung gehen allerdings auseinander. Manche Autoritäten nehmen 43 n. Chr. an, andere dagegen halten 69 n. Chr. für das wahrscheinliche Datum — das will heissen: zur Zeit des Falles von Jerusalem. Im Juni 1900 schrieben einige angesehene Juden in Schanghai an Herrn Powell in K'ai-feng-fu und baten ihn um eine Auskunft über ihre Glaubensgenossen. Herr Powell antwortete, dass es dort noch 140 Juden gäbe, die in acht Klans mit folgenden Namen geteilt wären: Li (zwei Klans tragen diesen Namen), Tschang, Ai, Tschao, Tuh, Schih und Kao. Diese acht Klans umfassen zusammen etwa 40 Familien. Ausserhalb K'ai-feng-fu selbst gibt es noch einige Juden; aber ihre Zahl ist ausserordentlich gering. Obgleich einst begütert und sehr einflussreich, sind sie jetzt sehr arm, ihre soziale Stellung ist unbedeutend. „Einer von ihnen ist ein buddhistischer Priester und hat die Stellung eines kleinen Mandarinen inne, d. h. er führt die Angelegenheiten der anderen Priester.'4 Der Ort, wo einst ihre schöne Synagoge stand, ist jetzt ein Pfuhl mit schmutzigem Wasser, an dem ein Stein steht, der den Fleck angibt. Im 20. Bande des „Chinese Repository" ist der Inhalt der Inschrift auf diesem Stein wie folgt angegeben: „Betreffs der israelitischen Religion lehren wir, dass unser erster Ahn Adam war. Der Gründer der Religion war Abraham. Dann kam Moses, richtete das Gesetz auf und gab uns die heiligen Bücher. Während der Han-Dynastie kam diese Religion nach China. . Im zweiten Jahre des Kaisers Hsiao-tsung von der Song-Dynastie (1164 n. Chr.) wurde die erste Synagoge in K'aifeng-fu gebaut. Wer Gott durch Idole oder Bilder darstellt, £ibt sich umsonst mit leeren Schemen ab. Wer die heiligen Schriften ehrt und ihnen gehorcht, kennt den Ursprung aller Dinge. Die ewige Vernunft und die heiligen Schriften stützen sich gegenseitig, indem sie zeigen, woher die Menschen ihr Sein herleiten sollen. Alle, die diese Religion bekennen, bemühen sich Gutes zu tun und hassen das Böse.44 Aber trotzdem heisst es in dem Berichte Powells: „Die Juden in K'ai-feng-fu beobachten keine der Vorschriften ihrer Religion; aber mit Ausnahme jenes buddhistischen Priesters beobachten sie auch nicht alle götzendienerischen Praktiken der Heiden; jedoch gehen sie mit ihnen Heiraten ein." Gegenwärtig machen die Juden in Schanghai noch einmal den Versuch, diesen Rest der Vergessenheit zu entreissen. Sechs oder sieben wurden veranlasst, nach Schanghai zu kommen. Es werden Anstrengungen gemacht, das Geld zum Wiederaufbau der Synagoge aufzubringen. Es wird interessant sein zu erfahren, wie dieser letzte Versuch ausläuft. Jüdisches aus Marokko. Der marokkanische Jude hängt ausserordentlich an seinem Glauben; doch darf man nicht darüber erstaunt sein, dass er mehr dem Buchstaben als dem Geiste folgt. Er beobachtet die rituellen Vorschriften in peinlichster Weise und scheint von der moralischen Bedeutung der Religion keinen Begriff zu haben; ihre sittliche Bedeutung kennt er nicht. Er legt im Gegenteile einen grossen Wert auf die Vorschriften für das äusserliche Betragen; ein Jude spricht den Namen Gottes nicht aus, ohne sein Haupt zu bedecken, und wenn er seine Kappe gerade nicht bei der, Hand hat, so bedeckt er sich mit einem Stück Zeug. Strenge beobachtet er die Feiertage und die an ihnen gebotene Ruhe. Diese sind für Besuche bestimmt und gewidmet, während deren eine Unmenge Branntwein genossen wird. Bei den strenggläubigen Juden findet sich auf jedem Türrahmen die „Mesusah" und aussen an der Türe bisweilen das Bild einer Hand, die den bösen Blick abwehren soll. Die Kleidung der marokkanischen Juden ist ziemlich abwechslungsvoll. Der wohlhabende Jude von Mogador kleidet sich nach der alten Mode. Er trägt eine Leinenhose, ein Leinenhemd, das vorne offen bleibt, mit einem seidengestickten Halsteil, eine zweite Hose aus blau- oder, braungefärbtem Leinen, eine weisse, dicke, ärmellose Weste, genannt Sedria, einen Kaftan mit engen Aermeln, der vorne durch eine dichte Reihe von Seidenknöpfen geschlossen ist, einen bis zum Knie herabwallenden Burnus von weisser oder öfter von blauer Farbe mit einer Kapuze, die nur bei einer Trauerfeier zurückgeschlagen wird. Das Haupt ist stets mit einem schwarzen Käppchen bedeckt. Weitere Kleidungsstücke sind noch ein schwarzseidenes, ein blaues mit weissen Zeichnungen geschmücktes Busentuch, ein Seidengürtel und schwarze Schuhe. Die jüngere Generation trägt das Hemd nach europäischem Schnitt, darüber die Sedria, eine Weste mit Aermeln, an Stelle des Kaftans mit Vorliebe einen langen schwarzen Ueberrock, weisse Strümpfe und Schuhe nach unserer Mode. Die bei den marokkanischen Juden üblichen Zeremonien anlässlich von Hochzeiten, Geburten und Todesfällen unterscheiden sich nicht wesentlich von den in Algier beobachteten. Die Ehen werden, besonders im Innern des Landes, sehr frühzeitig geschlossen. Die Mädchen heiraten, nach Foucauld, im Alter von 6 bis 8 Jahren, die Männer im Alter von 14 Jahren. Die armen Juden, die begreiflicherweise die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung bilden, leben so dicht nebeneinander dass die Gesundheitsverhältnisse darunter sehr leiden; Epidemien sind sehr häufig, die Kranken können nicht gehörig verpflegt werden und so ist es denn kein Wunder, wenn die letzte grosse Seuche im Mellah von Fez im Herbste 1901 Tausende Vön Juden dahinraffte. Hoffen wir, dass durch die Verbreitung: Vön Aufklärung bald bessere Verhältnisse eintreten. Die vorausgegangene Schilderung bezieht sich auf die Juden des Blad el mokhzen; noöh unglücklicher aber sind die Juden des Blad el Siba. Da hat ein jeder seinen Herrn, in dessen unbeschränktem Eigentum er steht Ohne dessen Erlaubnis und ohne Unterpfand darf er sich von seinem Orte nicht entfernen. Wenn ein Jude aus einer anderen Gegend eine Frau aus dieser heimführen will, muss er das betreffende Mädchen dem Herrn abkaufen. Der Jude ist den Gelderpressungen seines Herrn auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Ist derselbe vernünftig und wirtschaftlich, so schont er seinen Mellah, denn er weiss, dass er in ihm eine Geldquelle hat. ' Ist der Herr aber etwa ein Verschwender, so nimmt er seinem Juden alle Habe weg, so dass sie ins grösste Elend geraten. In einigen Gegenden der Sahara werden sie sogar auf den Sklavenmärkten verkauft. Nur zwei Mittel hat der Jude, sich diesem Leben zu entziehen, nämlich den Loskauf, der aber oft unmöglich ist, weil der Herr das Geld nimmt, aber auch den Juden behält, und die Flucht. Viele wählen den letzteren Weg; doch wehe ihnen, ihnen selbst und ihren Angehörigen, wenn sie zufällig wieder ergriffen werden, sie geraten wieder in Sklaverei. Im Tale von Qued el' Abid traf Foucauld die unglücklichsten Juden an. Sie dürfen kein Vermögen sammeln und das Elend hat aus ihnen wilde, blutdürstige Menschen gemacht, unter denen Mord und Totschlag beinahe alltäglich sind. In diesen Gebieten ist gewohnheitsrechtlich eine Strafe von dreissig Franken für den Muselmann vorgeschrieben, der einen Juden getötet hat. Uebrigens wohnen diese Juden bereits an der Grenze des Gebietes der Berber, dessen Betreten ihnen unter Todesandrohung verwehrt ist

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