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Die Welt · 1903-05-19 · 25 (19.5.1903) · p. 23

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
25 (19.5.1903)
Article
Jakton
Date
1903-05-19
Page
23 (sequence 2)
Language
German
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Und mit Kindersegen war die Familie gott sei Dank reichlich bedacht, und der Segen stand noch immer im Wachsen. Wer sich aber um die Versorgung des Hauses kümmerte, war Chaja. Davon wussten sowohl ihre geschwollenen, verwundeten Füsse zu erzählen, ihre zitternden, abgemagerten Hände, wie die unruhig umherirrenden Augen, der vom ewigen Schreien heisere Hals, die stets mit Schweiss bedeckte Stirn und der arme, nie, weder tags noch nachts sorgenfreie Kopf. Chaja kümmerte sich darum; sie, die kleinstädtische Jüdin, die noch jung und schon verwelkt war, die von einer kalten Kartoffel mit Zwiebel oder einem Brötchen leben, arbeiten, Kinder gebären konnte, die mit einem Pfund Brot mit Häring den ganzen Tag die Familie ernähren und das Jüngste mit ihrer ausgetrockneten Brust noch stillen konnte — sie war die Versorgerin der Familie. Trotz dieser phänomenalen Tätigkeit gelang es ihr doch nicht, das dazu nötige Geld zusammenzuscharren. Frau Sorge liess nicht von ihr, sie weckte sie aus dem Schlafe und legte sich mit ins Bett, quälte sie aber am meisten am ersten jeden Monats, wo sie die zwei Rubel Miete zahlen musste. Schon an einem Tage zuvor lief sie zerstreut, besinnungslos umher, irrte sich in der Aufzählung der Eier, die sie die Woche hindurch in den benachbarten Dörfern gesammelt hatte, wie in der Herausgabe des Restgeldes; von Hunger und Durst gequält, halb angekleidet, versetzte sie den gerade im Wege stehenden Kindern Hiebe, vergass das Kleine zu stillen und dem Manne eine Brotsuppe zu geben. Der beste Jagdhund spürt dem Wild nicht so nach, wie sie dem Groschen nachspürte und ihm nachlief. Von der Wut, mit der sie den Bäuerinnen im Vorort ein paar Eier, Käse und Butter aus den Händen riss, um sie dann in der Stadt zu verkaufen, ging sie ins Flehen, Jammern über. Von einer rauhen Bauernhand vom Fuhrwerk weggestossen, kehrte sie zehn-, zwanzigmal zu ihm zurück und klammerte sich an die Leiter, an die Pferde. Oft riss ihr ein Bauer die Haube vom Kopfe herunter oder versetzte ihr einen Stoss in den Rücken und riss die Jacke entzwei; sie machte sich gar nichts draus. Hat sie sich mit ihren dürren, eingetrockneten Fingern einmal an der Leiter des Wagens festgeklammert, so läuft sie, halb handelnd und halb jammernd, ihm nach, bis ihr der Atem vergeht, bis ihr der Schaum vor den Mund tritt. Und so lief sie über die Schlagbäume, über die Brücke, an der Apotheke, am Postamt vorbei, bis sie auf den Markt gelangte, ihre Glaubensgenossinnen von da wegstiess, mit ihnen zankte, dem sie schimpfenden Bauern schmeichelte und dabei unaufhörlich mit ihren blutunterlaufenen, unruhigen Augen um sich spähte. Mit wieviel Stössen, wieviel blauen Flecken sie aus diesem Kampfe davongekommen ist, hat sie nie gezählt. Gelang es ihr dabei, auch nur zehn polnische Groschen zu verdienen, so kehrte sie triumphierend, glückstrahlend nach Flause zurück und fing an, alle im Laufe des Monats auf diese Weise gesammelten Kupfermünzen aufzuzählen. Nie aber kam sie über einen Rubel hinaus. Den zweiten holte sie sich bei ihrem Bruder. Demütig und still blieb sie da mit dem Kinde an der trockenen Brust auf der Schwelle seiner Stube stehen und wagte sich nicht hinein. Ihr Bruder wusste schon ohnedies, was ihr Kommen zu bedeuten hatte. Er erhob auch alsbald seinen roten, schweren Kopf, sah den Gast mit gläsernen, hervorgetrenen Augen an, zog aus einem schmutzigen Beutel, den er unter der Piquejacke am Herzen trug, einen Rubel hervor und überreichte ihn der Schwester. Es war immer ein papierener Rubel und immer der einzige im Beutel. Dem unruhigen, gierigen Blicke Chajas gelang es nie, mehr zu erspähen. Die Szene zwischen den Geschwistern lief immer in völligem Stillschweigen ab. Chaja nahm den Rubel, küsste den mit Fettflecken bedeckten Aermel des Brude.rs und weinte leise. Und auch Ephraim sprach dabei kein Wort, wehrte weder die Tränen noch Danksagungen seiner Schwester ab und schob den Beutel wieder an die frühere Stelle unter der Jacke; nachher griff er nach dem Fingerhut und setzte sich an die Arbeit. Chaja verschwand dann in dem dunklen Hausflur, halb schluchzend, halb seufzend. (Fortsetzung folgt.) Etwas über Maria Konopnicka. Maria Konopnicka, die berühmteste Dichterin Polens und eines der grössten poetischen Genies der Jetztzeit, wurde zu ihrem 25jährigen Schriftstellerjubiläum, welches zu einem Nationalfest in Galizien erhoben wurde, von einer Warschauer antisemitischen Zeitung der Trunksucht beschuldigt. Dies geschah aus folgendem Grunde. Die Dichterin hatte den Delegierten des Vereines für Bekämpfung des Alkoholismus bei der Uebergabe ihrer Huldigungsadres1 e in Krakau das Ehrenwort gegeben, nie im Leben mehr Alkoholgetränke zu gebrauchen, ein Wort, dem sie übrigens bei den gleich darauffolgenden Bankette Folge leistete. Diesen Umstand, der ja doch nur auf das zarte Taktgefühl der Dichterin zurückzuführen ist, die dem betreffenden Vereine ihre Anerkennung und Dankbarkeit ausdrücken wollte, kommentiert das Warschauer Blatt folgendermassen: „Jetzt erst," meint die polnische „Kreuzzeitung", „können wir uns die Gotteslästerungen (Maria Konopnicka vertritt die liberalen Gesinnungen in der schönsten Bedeutung des Wortes) und die Judensympathien der M. K erklären. Ihr anlässlich des Jubiläums gegebenes Wort beweist doch ununistösslich, dass alles, was sie bis jetzt geschrieben hat, als unzulänglich betrachtet werden muss, da sie es in Momenten getan, wo der Mensch für seine Aeusserungen nicht Rede stehen kann." Die gottesfürchtige Zeitung gibt sich weiter der Hoffnung hin, dass die künftigen Schöpfungen der Dichterin in einem anderen, d. h. im Sinne des Herrn Jelenski (Redakteur der betreffenden Zeitung) absefasst und dass sie erst dann des Namens einer grossen Nationaldichterin Polens werde würdig werden.44 Die Anhänger der Marie Konopnicka und jeder Kulturmensch muss zu ihnen zählen, haben den geistreichen Kommentator, der übrigens ein Student des Warschauer Polytechnikums ist, vor das Studentengericht (?) gestellt. A. B. Eine jüdische Kolonie in China.*) Es dürfte allen Lesern bekannt sein, dass es mitten in China, in der Hauptstadt der Provinz Houan, K'ai-feng-fu, seit vielen, vielen hundert Jahren eine Kolonie von Juden gibt; aber bisher wusste man verhältnismässig recht wenig über die Schicksale dieser Juden. Der letzte, der sich eingehender mit ihnen beschäftigte, dürfte der bekannte amerikanische Missionär Dr. Martin, Präsident der Universität in Peking, sein, der sie 1866 besucht und über seine Erlebnisse anschaulich berichtet hat. Die Juden in K'ai-feng-fu haben einst zu Tausenden gezählt; jetzt sind ihrer nur noch sehr wenige. Sie sind vollständig verarmt und führen ein kümmerliches Dasein. Von ihrer Synagoge ist kein Stein mehr vorhanden. Mit eigener Hand haben sie ihr heiliges und schönes Gotteshaus zerstört, da sie kein Geld hatten, es wieder herzustellen, als es im Laufe der Zeit zu zerfallen begann. Ihre heilige Sprache kennen sie nicht mehr, aber ihr Gesicht hat den charakteristischen Ausdruck ihrer Rasse behalten. Sie sind, wie Dr. Martin sagt, während ihres langen Aufenthaltes in China wie ein Block geblieben, ein Block, gerissen vom Berge Zion durch eine grosse Katastrophe und* mitten nach China hineingeworfen und dieser Block hat dort gestanden, während die Jahrhunderte dahinrollten, ehrwürdig durch sein Alter, erhaben in seiner Verlassenheit. Das Vorhandensein einer Judenkolonie in China wurde der Welt zuerst bekannt zur Zeit der Königin Elisabeth, und zwar durch eine Anzahl römisch-katholischer Missionäre. Pater Ricci, einer dieser Missionäre, wurde während seines Aulenthaltes in Peking von einem chinesischen Studenten besucht, der nach der Hauptstadt gekommen war, um sein *) Diesen interessanten Aufsatz, von H. Lehmpfuhl geschrieben, entnehmen wir zum Teil der Vossischen Zeitung.

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