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Die Welt · 1903-05-19 · 25 (19.5.1903) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
25 (19.5.1903)
Article
Petersburg [Nachricht]
Date
1903-05-19
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 „Die # Welt" flj. 25 Petersburg. Im Auftrage der Regierung hat die Verwaltung von Bessarabien eine Kundmachung erlassen, in welcher der Bevölkerung unter der Androhung einer Freiheitsstrafe in der Dauer von drei Monaten strenge untersagt wird, Waffen welcher Gattung immer bei sich zu tragen oder im Hause zu halten. Diese Verfügung richtet sich vornehmlich gegen die jüdische Bevölkerung, die seit Kischenew der Zukunft nur mehr bewaffnet entgegensieht. Tschernigow. Aeusserst verhängnisvoll ist der Widerhall, welchen die blutigen Ereignisse von Kischenew überall dort in Russiand erweckt haben, wo Juden in grösserer oder minderer Zahl leben. Diesen Widerhall haben sogar die beruhigenden Versicherungen und die angeblich strengen Massnahmen der russischen Behörden zum Schutze der Juden nicht einzudämmen vermocht. In dem im Gouvernement Tschernigow an der Libau-Rowny-EisenUi'm liegenden Städtchen Borsna, dessen jüdische Einwohner, fast ausschliesslich Tabakbau und Holzhandel betreiben, kam es vor wenigen Tagen zu Exzessen gegen die Juden, denen sogar einige Menschenleben zum Opfer fielen. In Berlin sind bereits Nachrichten über das neue Massacre von Juden in Borsna eingelaufen, wonach die zum Markte nach Borsna gekommenen Bauern plötzlich die jüdischen Wohnungen überfielen und das darin befindliche Hab und Gut zu plündern begannen. Einige Juden, welche den Ueberfall der Mörder abwehren wollten, wurden von dem Pöbel getötet. Einzelheiten über diese neue Judenverfolgung liegen jedoch noch nicht vor. Kischenew. Am 10. d. M. standen, wie die „Nowosti" melden, vor dem Kischenewer Bezirksrichter Kiriakow 39 Personen unter der Anklage, an den Plünderungen während der blutigen Ostertage aktiven Anteil genommen zu haben. Von den 39 Angeklagten, welche auf frischer Tat ertappt wurden, wurden 32 freigesprochen, die übrigen zu Arreststrafen verurteilt . . . Kischenew. Der „Bessarabetz" publiziert eine Verordnung des neuen Kischenewer Polizeimeisters Bronikowwij, wonach die Polizeikommissäre selbst Tag und Nacht auf der Strasse zu wachen und die ihnen untergebenen Polizisten zu verschärfter Ueberwachung der Strassen heranzuziehen haben. Diese Verordnung ist darauf zurückzuführen, dass die Polizei anonyme Nachrichten erhalten hat, wonach die massenhaft freigesprochenen Teilnehmer an den Plünderungen während der russischen Ostertage die Absicht hätten, neue Exzesse gegen die Juden zu veranstalten. Für die in Kischenew herrschende Stimmung ist diese Nachricht jedenfalls charakteristisch . . . Port Said. Die „Welt" ist so ziemlich jedes Jahr in der traurigen Lage, aus irgend einer der von Griechen bewohnten Gegenden um die Osterzeit die Nachricht zu bringen, dass ireend ein Ritualmordmärchen mit Raub, wenn nicht mit Totschlag bei den Juden endet. Heuer nimmt Port Said die Ehre in Anspruch, den krassesten der zahlreichen griechischen Raubanfälle gehabt zu haben. Die Tatsachen sind folgende: Ahnungslos ging ein Jude aus Aden, Aron Micha, durch das Griechenviertel, als er plötzlich von allen Seiten angegriffen wurde unter starkem Geschrei,, er sei um ein griechisches Kind zu Scliächtzwecken gekommen. Den arg Misshandelten rettete die Polizei mit Mühe. Aber die angesammelte Menge von 3000 Leuten wollte das Vergnügen, dessentwegen sie sich angesammelt hatte, weiter gemessen, zog durch die Strassen, warf nach den flüchtenden Juden mit Stöcken und Steinen und machte endlich einen Angriff auf die Synagoge. Gesprengte Türen, zerbrochene Möbel und zerfetzte Thorarollen, darunter wertvolle uralte aus Yemen, bedeckten in Kürze den Boden. Der griechische und der englische Konsul, der Gouverneur und Wache zu Fuss und zu Pferde konnten der Wütenden erst nach langer Anstrengung Herr werden. Der Hauptanstifter bekam ganze 20 Tage Gefängnis. New-York. Das Gebäude des jüdisch-theologischen Seminars wurde seiner Bestimmung übergeben. Die Kosten des Baues bestritt bekanntlich Herr J. H. Schiff (280 000 Doli.). Er und die Herren L e v i nsoh n und Guggenheimer gaben ausserdem noch 600 000 Dollars für die Besoldung der Lehrer. New-York. Die Hochfluth der Agitation für Kischenew steigt immer höher. Es wird schon aus den Zeitungen bekannt sein, wie warm und innig sich die New-Yorker Judenschaft für ihre russischen Brüder eingesetzt hat. Aus der East-Side ging der Sturm los, noch bevor das amerikanische Publikum von Kischenew Notiz genommen hatte, gründeten die Juden einen Hilfsverein, sammelten Geld und gaben offen vor aller Welt ihrer Trauer und Entrüstung Ausdruck. Sie haben das Gerücht von den schauderhaften Barbareien in das amerikanische Volk getragen, sie, die die Hand Eusslands meistens nur zu gut kannten, wussten über die Schrecken sachgetreu zu berichten. Und es muss zur Ehre des amerikanischen Volkes gesagt werden, dass dieser verzweifelte Ruf der Juden nicht verhallte. Amerika bewies, dass es noch an die Prinzipien der „Rights of ]VUnu nicht vergessen hat. Protestversammlungen wurden an zahlreichen Orten abgehalten, viele hervorragende Männer sprachen öffentlich ihre Entrüstung aus. es wurde auf die Regierung ein Druck ausgeübt, dass sie in der Sache interveniere, v^b es auch gelingen wird, ist fraglich, aber fruchtlos wird es jedenfalls nicht bl-iben. Die russische Regierung empfindet diese Feindseligkeit des amerikanischen Volkes, die auch der Unzufriedenheit d» r Amerikaner mit der russischen Poetik im fernen Osttfsien entspringt, sehr peinlich und die Versuche des amerikanischen Gesandten in Petersburg Mr. Co n nick und des russischen in Washington des Grafen Cassini, die durch Dementis, deren Zuverlässigkeit nur zu durchficht g war, die amenkaniche öffentliche Meinung beschwichtigen wollten, blieben erfolglos. Dnn die Tai kees sii d zu gendifit, um sich durch diplomatischen Köder fang n '/u lassen. Diese Dementis erregten erst recht einen Entrütungssturm. Als eine der hervorragend.-ten und bedeutendsten Kundgfbungen möchte ich die vor einigen 'lagen, am ^t. Mai hier statfcgefundene Protestvereammluug, verzeichnen. Sie wurde von den angesehensten Männern der Stadt einberufen, und der grosse Saal, die „Carnegie-Hall", das grösste Lokal in New-York. war überfüllt. Major Seth Lew, der Vorsitzende der Versammlung, l^gte in kurzen Worten das Ziel des Meetings dar. Er schilderte den Gegensatz zwischen der Behandlung der Juden in Amerika und in Russland und gab seiner Empörung über tiie Vorfälle in Kischenew Ausdruck. Er sprach rien Wunsch aus, dass doch auch Russland zur besseren Einsicht g» lange. „Was New-York vor 250 Jahren geta«-, (d. h. die spanischen und portugiesischen Juden freundlich aufgenomme? ). könne Amerika jetzt au«m tun." Bedutend war auch die Rede dos Ex - Präsidenten der Vereinigten Staaten Cleve] an d. Er ist ein gemässigter und beinahe konservativer Politiker und da er ein Mann von lieber politischer Geltung ist, so haben seine Worte einen grossen Wert. Er meinte, man solle nicht voreilig die russische Regierung summarisch beschuldigen; man könne auch nicht staatlich intervenieren, aber er hoffe, dass die Stimme des amerikanischen Volkes bei der russischen Regierung einen Wiederhall finden werde. Eine in oratorif-ch*r Beziehung glänzende Rede vom Prof. Schurmann. Präsident der Cernill-University folgte. Red. Mr. Arthur, Pastor der Calvary-Kirche hielt eine begeisterte Rede über die Humanität und die allgemeine Liebe unter den Menschen und schioss mit den Versen von ßurns die zu zitieren ich mir nicht versagen kann: „For a'fchat, and a'that It's commin yet, for n'that That man to man, the warld o'er Shall brithers he fir n'that". Nach der Rede des Mr. Shepard nahm die Verssmmlung einstimmig die vorgeschlagene Resolution an, die dahin lautet, dass die amerikanische Regierung ihre Autorität gebrauchen möge, um den Verfolgungen der Juden in Russland ein Ende zu machen. Es ist zu verzeichnen, dass Prof. Felix Adler, der Gründer der „Gvsellschaft für ethische Kultur* sich geweigeit hat, an der Versammlung teilzunehmen, da er nicht von der Schuld der russischen Regierung überzeugt sei. Felix Adler ist nebenbei ein eingewanderter deutscher Jude, der doch die europäischen Verhältnisse kennen sollte. Auch Prof. Mangasarian war gegen das Meeting, da seiner Ansicht nach die ganze Geschichte nur einen ökonomischen Grund habe. O saneta simplicitas! Ob auch diese Protestkundgebungen fruchten werden? AnEast-Sider. Chicago. Unser geschätzter Gesinnungsgenosse Leon Z o 1 o t k o f f, gew. Redakteur des „Hajom" in Petersburg, wurde zum Staatsanwaltsstelivertreter in Illinois ernannt. Melbourne. Am 4. 1. M. fand in Melbourne (Australien) eine imposante Protestversammlung gegen die Kischenewer statt. DenVorsitz führte der Lordmayor der Stadt. DerAnglikanische Bischof schlug eine Resolution vor, worin die Sympathien der Bevölkerung Australieus für die Opfer von Kischenew, ihre Entrüstung über die Greueltaten und ihre Hoffnung, dass die russische Regierung tatkräftig sich ins Mittel legen werde, zum Ausdruck gelangen. Der katholische Bischof von Melbourne schioss sich diesem Vorschlag an und schlug seinerseits vor, dass diese Resolution an den Lordmayor von London übersandt werde. Beide Resolutionen wurden einstimmig angenommen Eine ähnliche Protestversammlung fand auch in der zweitgrössten Stadt Australiens, Sidney, statt.

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