Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 25 (19.5.1903)
- Article
- Florenz [Nachricht]
- Date
- 1903-05-19
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 „Die # Welt" Seite 11 uns zu, wie einst den Stämmen Rüben und Gad: iKr» Dirrjan HalsternähK\HönböS Eure Brüder werden erschlagen, die Weiber eures Volkes vergewaltigt, seine Kinder erwürgt und zerfleischt, und ihr wolltet euch fernhalten und feige den Frieden gemessen, ohne einen Finger zu rühren für ihre Rettung? Nein, teure Brüder, schon erwacht auf dem ganzen Erdball Israel vom vielhundertjährigen Schlafe. Jenseits des Weltmeeres, in den freiesten Ländern, herrscht die grösste Tätigkeit und der glühendste Eifer füf die heilige Sache des Zionismus und, o süsser Trost für jedes jüdische Herz! Auch unsere Jugend, welche nur zu lange abseits vom Judentum gestanden, auch sie fängt an, sich ihrer Pflichten gegen das eigene Volk bewusst zu werden, und immer zahlreicher, und mit edler, immer wachsender Begeisterung eilt sie herbei, sich um das alte heilige Banner Israels, das Banner der Wahrheit zu scharen. O geliebte Brüder, wenn die beklagenswerten Ereignisse, von welchen wir gesprochen, dazu beigetragen hätten, die Gleichgiltigen unter uns aufzurütteln und sich mit uns in dem Entschlüsse zu vereinen, alles zu tun, was in unserer Macht ist, um unsere Brüder zu erlösen, damit sie dereinst — sei es auch in späterer Zeit — durch die Hilfe Gottes und unser eigenes Werk in Sicherheit und Glück im Lande unserer Väter leben könnten, dann würde Israel in allen Ländern der Erde viel mehr geachtet sein als es heute ist und das Gesetz vom Sinai könnte sich frei entwickeln und befestigen, es könnte den Völkern durch das eigene Beispiel zeigen, w i e die Fremden, welche unter ihnen wohnen, behandelt werden, sollen, wie die Vorschriften der Barmherzigkeit und des Rechtes zu verstehen und auszuüben sind; das Gesetz würde wieder aufleuchten in seiner ganzen unsterblichen Pracht und würde nicht verfehlen, die Herzen aller Menschen zu gewinnen. Und unsere heiligen Märtyrer im Himmel oben würden frohlocken, sie würden ihr Martyrium segnen und ausrufen: ♦ -»So ^ae^nrrS D3 -vk^S rrnns Unser Martyrium war das Panier, welches dazu gedient hat, die im Namen Israels verteidigte Wahrheit triumphieren zu lassen. Amen.4' Genf. Der Grossrabbiner von Genf, Universitätsprofessor I. Wertheime r, feierte am 22. Mai unter allseitiger Teilnahme seinen 70. Geburtstag. Amsterdam. Hier fand am 3. d. M. in dem grossen Saal des „Odeon" eine imposante Protestversammlung für Kischenew statt. Die Versammlung war von dem niederländischen Zionistenbund (Nederlandsche Zionistenbond) veranstaltet. Der Saal war vollgestopft, Juden und Nichtjuden fanden sich ein, von einem Gefühle beseelt. Die Versammlung wurdfc vom Herrn G. C. Polak, Obmann der Amsterdamer Ortspruppe des niederländischen Zionistenbundes eröffnet. Nach den Einleitungsworten des Vorsitzenden ergriff der Rabbiner von Amsterdam Herr A. S. O nderwijzer das Wort. Mit den Worten Jesaias „Eine Stimme ruft mir zu: Sprich! Aber was soll ich sprechen", begann der Rabbiner seine glänzende Rede, schilderte die Greuelthaten in Kischenew, mahnte die Versammelten an ihre Pflicht als Menschen, den Opfern der Unduldsamkeit mit Rat und Tat beizustehen und schloss mit den Worten: „So kann Kischenew ein Wendepunkt in der Geschichte Israels werden." Der zweite Redner Dr. Joh. de Vis s er, Mitglied der zweiten Kammer der Generalstaaten, hielt eine warme, inniggefühlte Rede, zog gegen jede Unterdrückungspolitik überhaupt los und schloss mit dem Wunsche, dass auch in Russlands Steppen die Worte der Emanzipation der Juden erschallen mögen. Der nächste Redner Herr J. A. Wormser, Mitglied des Amsterdamer Gemeinderats, meinte, es wäre Pflicht der Niederländer, den auswandernden Juden ein Heim und eine gastfreundliche Herberge zu bieten. „Russkmd", sagt er, „will seine Juden los werden. Nun möge dies seine Strafe sein; wollen wir den Juden dazu verhelfen (nämlich das Land zu verlassen). Russland verarmt an Intelligenz und Genie, das neue Vaterland wird reich daran. Mögen die Niederlande auch einige der besten Emigranten bekommen." Seitens der Zionist^n sprach der Advokat Herr Isidore Hen. Er gab eine Uebersicht über die traurige Lage der Juden überhaupt, über die Hilflosigkeit der Juden gegenüber den Feindseligkeiten aller Völker und bewies, dass nur der Zionismus eine wirkliche Lösung der Judenfrage herbeiführen könne. Nach der einstimmigen Annahme einer Resolution, welche die Entrüstung der Versammlung über die Greuel in Kischenew und ihren Wunsch, dass eine regelmässige und zielbewusste Emigration organisiert werde, kundgibt, schloss der Obmann die Versammlung. Es wurden 130 fl. gesammelt. Das Hauptkomitee der Alliance Israelite für Holland und der Zionistenbund haben bereits 5000 Francs für die Opfer von Kischenew gespendet. Auch in anderen Stalten, wir zum Beispiel in s'Gravei.hage u. s. w. wurden ähnliche Versammlungen abgehalten. S c h r i j vcr. London. Die von Zangwill so scharf angegriffene Bill der loa wurde vom Oberhaus genehmigt. London. Merkwürdig ist das Verhalten der Londoner Juden in Betreff der Kisehenewer Massacres. Die Herren scheuen sieh, dieFiape aufs Tapet zu bringen. Es wurde beschlossen, keine Protest Versammlung abzuhalten. Sir M on tag ue war g<*g*n ein derartiges Meeting aus hochpolitischen Gründen und aus Furcht vor dem eventuellen Eingreifen eines „Nihilistentt in die Debatte, Sir Marcus, der Lordmayor, der sonst ein braver, tadelloser und seinem Volk* ergebeLer Mensch und Jude ist. meinte auch, es sei mit seiner Stellung inkompatibel . . . Zwar heisst es, er habe „sich bei der russischen Regierung erkundigt und beruhigende Antwort bekommen", aber das ist doch kaum genügend. Solches „diplomatisches" Verhalten könnte wohl einem Mr. C o r m i k, dem amerikanischen Gesandten in Petersburg und Schmeichler Russlands genügen, nicht aber dem jüdischen Lordmayor von London. In diesem Sinne spricht sich auch unser Gesinnungsgenosse Mr. Ben t wich in einem Brief an den Obmann des „Board of Deputies" Mr. Alexander aus (im J. Ch. 1°2. Juni) wobei er auch das unbegreifliche Verhalten der „Ica" bespricht. Petersburg. (Die Folgen der K i s c h c n e \v c r Katastrophe.) Der „Wschod" beschäftigt sich in einem längeren Artikel mit den gegenwärtigen Hauptströmungen innerhalb des jüdischen Volkes im allgemeinen und in Russland im speziellen. Unter anderem wird dabei auf die seit 1881 so mächtig angewachsene Auswanderung der Juden nach Amerika, insbesondere nach den Vereinigten Staaten, hingewiesen und ausgeführt, dass die Auswanderung russischer .luden nach den Vereinigten Staaten in der Zeit von 1881—1897 im jährlichen Durchschnitt 25 000 Personen betragen habe und dann ist sie von 1898 bis 1902 auf jährlich 35 000 Personen gestiegen. Berücksichtige man die Auswanderung nach allen anderen Ländern, so könne man sagen, dass in den letzten Jahren nicht weniger als 50 000 Juden Jahr für Jahr Russland verlassen hätten. Der natürliche Bevölkerungszuwachs für die jüdische Bevölkerung Russlauds betrage anderthalb Prozent; hei einer Bevölkerung von zirka 5 Millionen also 75 000 Köpfe jährlich und es erweise sich mithin, dass etwa zwei Drittel des jährlichen Zuwachses auswandern. In diesen Verhältnissen müsse die Kischcnewcr Katastrophe und die dadurch überall im jüdischen Wohnrayon hervorgerufene Panik erhebliche Verschiebungen hervorbringen. Verschiedene Symptome Hessen darauf schliessen. dass die nächste Folge eine starke Zunahme der jüdischen Auswanderung sein werde. Wenn dieselbe im Jahre 1891 bereits vorübergehend auf 100 000 Mann anschwoll, so dürfe man annehmen, dass sie im laufenden und in den nächstfolgenden Jahren zum mindesten eine ebenso hohe Ziffer erreichen werde. Dann aber werde die Auswanderung nicht bloss den ganzen jährlichen Zuwachs absorbieren, sondern auch den Bevölkerungsstand selbst angreifen und so zu einer allmählichen Räumung des alten polnisch-russischen Zentrums des Judentums führen. Obwohl diese Bewegung nicht zu einer völligen Auflösung des russischen Ghettos, sondern nur zu einer Verdünnung der indischen Bevölkerung in Russland führen werde, so sei doch die allmähliche Verlegung des Schwerpunktes des Judentums nach Nordamerika — zum mindesten in numerischer Hinsicht — eine sich bereits vollziehende und unbestreitbare Tatsache. Petersburg Aufsehen erregt hier die Tatsache, dass der bekannte russiche Wundernriester Johann von Kronstadt, welcher in einem Briefe an die Redaktion der „Nowosti" seinerzeit die Massacres von Kischenew offen gebrandmarkt hat. nunmehr in der antisemitischen Zeitschrift ..Snamja", welche von dem bekannten Kruschewan, dem Herausgeber des ..Bessarabetz". geleitet und redimiert wird, ein Schreiben veröffentlicht, in welchem er sein früheres abfälliges Urteil über die Veranstalter des Kisehenewer Blutbades zurücknimmt, sein Bedauern über seine früheren Worte an die Adresse der Christen ausspricht und djo Juden als die Schuldigen des Massacrcs erklärt. Diese nlötzüchc Wandlung hat. wie die ..Snamia" nie1'1 eine Persönlichkeit herbeigeführt, welche sich aus K>v direkt zum Priester Johann begab, um ihn über **' Ursachen des Massacres4' aufzuklären. Und schrieb eine Epistel ,,an die beliebten Br'; ' KJschenew", in welcher er sich entschuldi Mordtaten und Vergewaltigungen ^ebrand ..Nowosti" drückte ihr Erstatmen über diese Priesters Johann aus und saetpalle wohlc. würden diese Verleugnung des Priesters bitte Armes jüdisches Volk, das seine Sicherheit in kundgebungen solcher wankelmütiger Priester Zi