Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 25 (19.5.1903)
- Article
- Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis
- Date
- 1903-05-19
- Page
- 9 (sequence 1)
- Language
- German
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Mr. 25 „Die Welt" Seite 9 Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis Wien, IL, Taborstr. 59 (Tel. 13 920) bietet den P. T. Arbeitgebern seine kostenfreien Dienste an. Brieflicher oder telephonischer Auftrag genügt, um männliche und weibliche qualifizierte Arbeitskräfte sowie Hilfsarbeiter, ferner kaufmännische Angestellte und Lehrkräfte beiderlei Geschlechtes zugewiesen zu erhalten. Am 15. Juni 1903 standen in Vormerkung: I. Klasse. Manuelle Arbeiter: 10 Anstreicher, 8 Aufpapper, 15 Bäcker, 10 Buchbinder, 5 Buchdrucker, 1 Bürstenbinder, 1 Kartonnagearbeiter, 3 Drechsler, 5 Elektromonteure, 8 Fleischhauer, 3 Friseure, 10 Glaser, 15 Goidarbeiter, 1 Gürtler, 40 Hausknechte, Geschäfts- und Bureaudiener, 45 Hilfsarbeiter, 8 Kellner, 10 Kutscher, 10 Laufburschen, 2 Lederzurichter, 5 Lehrlinge, 4 Maschinisten und Heizer, 4 Mechaniker, 6 Metallarbeiter, 8 Monteure, 40 Schlosser, 5 Schmiede, 20 Schneider, 3 Schuhmacher, 1 Seifensieder, 1 Selcher, 35 Spengler, 5 Tapezierer, 2 Taschner, 3 Tischler, 10 Uhrmacher, 8 Zimmermaier. IL Klasse. Kaufmännische Angestellte: 4 Brantweinverschleisser, 23 Buchhalter und Korrespondenten, 114 Kommis diverser Branchen, 70 Kontoristen und Strazzisten, 5 Inkassanten, 6 Kanzlisten und Schreiber, 6 Manipulanten und Expedienten, 8 Platz-Agenten und -Vertreter, 10 Reisende. Weibliche Abteilung: 35 Kontoristinnen und Kanziistinnen, 12 Expedientinnen und Manipulantinnen, 2 Hilfsarbeiterinnen, 1 Kassafräulein, 1 Näherin, 14 Praktikantinnen, 1 Sitzkassiererin, 50 Verkäuferinnen, 15 Wirtschafterinnen und Stützen der Hausfrau. III. Klasse. Geistige Arbeit: 30 Hauslehrer und Hofmeister (meistens Hochschüler, welche Gymnasiasten und Realschüler unterrichten), 2 Lehrerinnen und Erzieherinnen. Das Bureau des Vereines hat seit seiner Eröffnung im November 1899 bis inklusive 15. Juni 1903 6617 Vermittlungen durchgeführt, und zwar: 3100 Vermittlungen in der I. Klasse (manuelle Arbeiter), 1546 in der II. Klasse (Handelsangestellte), 1813 in der weiblichen Abteilung, 131 in der III. Klasse (geistige Arbeit). Korrespondenzen. Baden bei Wien. Schon Samstag vor Schewuoth hielt Herr Rabbiner Reich eine Predigt über die Greuel von Kischenew. Am zweiten Tage des Sohewuothfestes sprach er nochmals über die Märtyrer, nachdem er eine längere Betrachtung über die Versuche vorausgeschickt hatte, die man zu verschiedenen Zeiten gemacht habe, um die Stellung der Juden zu sichern. Weder das Reformjudentum noch die Assimilation hätten es zustande gebracht, das Judentum in den Augen der Nichtjuden zu heben. Noch weniger sei es diesen Bestrebungen gelungen, im Judentum selbst irgendwelche heilsame Massregeln durchzuführen. Es gebe, wie es sich zeige, jetzt nur eine Bewegung, die eine Einigung der verschiedenen religiösen Parteien des Judentums bewirkt habe, und die schon darum von grösster Bedeutung für das Judentum sei. Diese Bewegung sei auch die einzige, welche für unsere Brüder, die sich in Russland, Rumänien und anderen Ländern den schrecklichsten Gefahren ausgesetzt sehen, an die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte denke und für diese Lösung arbeite. Deshalb müsse der Zionismus von allen Juden, welcher Parteischattierung eie auch sonst angehören mögen, aufs wärmste unterstützt werden. Mit einer ergreifenden Andacht für die Brüser, die in Kischenew mit ihrem Blute für ihren Glauben und für ihr Volk Zeugnis abgelegt hatten, sohloss die Predigt, die auf alle Anwesenden den tiefsten Eindruck machte. Dem Gottesdienste wohnten unter anderen der Präsident der Wiener Gemeinde, Herr Klinger und mehrere andere Wiener Kultusvorstände bei, die also in Baden zu hören bekamen, was sie in den Wiener Tempeln nicht anhören wollten. Prerau. Ueber Anregung des Herren Kultusvorstehers C Low fand hier am zweiten Schewuothtage im voll beleuchteten Tempel eine Trauerfeier für die Kischenewer Märtyrer unter Mitwirkung eines Chores statt. Herr Rabbiner Dr. T a u b e r hielt eine ergreifende Rede. Die eingeleitete Geldsammlung hatte guten Erfolg. Prag, Die „Weif4 brachte bereits die Nachricht von dem Beginne der Abgrabungen im alten Judenfriedhof. Der Bericht ist zu ergänzen, damit die ausgezeichnete Führung und Leistung der Chewra-I^adischa verdientermassen ans Licht komme. Sie hat mit der Kommune hartnäckig Prozess geführt, die Künstlergenossenschaft für sich gewonnen, die Presse mobil gemacht. Sie hob die sanitäre Wirksamkeit des Gartens, den der Friedlin! darstellt, für die engen Stadtteile seiner Umgebung hervor (der lächerlich durchscheinende Vorwand zur Demolicrung war ti otzdem die Assanierung!), s i e in a c h t c s i c h n i c Ii t n ii r e r b ö t i g, alle Kosten einer A e n d c r u n g des Assanierungsplanes zu tragen, sondern wollte noch ausserdem eine hohe Summe A b - lösegeld bezahlen, und doch musste ein Teil des Friedhofes verschwinden. Brüderchen Tscheche wollte diesmal nicht einmal das heissgelicbte Geld für die Quälerei der Juden. 1897 werden die Lebenden zur Ruhe gebracht, 190.3 die Toten aufgewühlt. Was wohl nächstens an die Reihe kommt? Das Fünftel des Friedhofes, dem es gilt, trägt 2000 Grabsteine. Seinschön, sehr brav steht die Chewra auf ihn ein Posten, ohne Rücksicht auf Geld. Die 30 bis 50 Arbeite*-, n u r .1 u d e n, graben den ganzen Teil drei Meter tief auf, nehmen alle Leichctireste sorgfältig auf, um sie an anderer Stelle zu begraben. Erew Schewuoth nahm ein Massengrab die bisherigen Funde in sieh auf; ein vom Obmann der Chewra hierzu verfasstes und gesprochenes Gebet rührte zu heissen Tränen. — Juda hat nur Grüfte, sang uns Byron. Auch die nicht, sagt Koliii, sagt Prag. Horowitz. Die Erfahrungen auf dem Gebiete der esterreichischenGesetzgebung hätten den leiteudenMänueru irnJudentum bereits längst die Augen darüber öffnen müssen, dass wir Juden gegenüber der über kurz oder lang uns bevorstehenden Massregelung rechtzeitig zur Wehr setzen müssen. Der Mangel an Klarheit und Entschiedenheit der jüdischen Vereine zur Wahrung des jüdischen Staudpunktes gegenüber den iudenfeindlichen Anträgen und den uns bevorstehenden Eingriffen auf die bürgerlichen Rechte der Juden in Oesterreich ist .dich eine Folge des Angriffes Brzeznowskys und der Anträge Herzog im österreichischen Reichsrate. Wenn die jüdischen Vereine in Oesterreich ausschliesslich die berechtigten Interessen des Judentums gemeinsam wahren würden, wenn in der Leitung der jüdischen Vereine anstatt der Zerfahrenheit ein einheitliches Wirken nach aussen plastischen Ausdruck finden würde, wenn die Gegensätze unter den prominenten leitenden Persönlichkeiten im Interesse des Judentums verschwinden würden, so wäre es unmöglich, dass wir Juden in Oesterreich immer wieder zu Prügelknaben herabsinken. Die Schuld an allem diesem liegt in Bezug auf Oesterreich in den merkwürdigen Verhältnissen der jüdischen leitenden Personen in Wien und Prag. Diese Herren, die den armen Juden zu vertreten vorgeben, de facto jedoch mehr oder weniger Knopflochschmerzeii fühlen unu in den jüdisch-feindlichen Kreisen hin- und herschwanken, müssen über kurz oder lang Farbe bekennen. Ein Appell an diese Männer hat bis heute wenig oder gar nichts genützt, ihr Widerstand gegen die jüdische Gemeinsamkeit scheitert an ihrem fortschrittlich-nationalen oder jüdisch deutsch-nationalen oder freiheitlich-jungtschechischen Gefühl, sie können sich von diesen ihren Freunden, die uns Juden Feinde sind, nicht trennen. Sie wissen sehr gut, dass all ihr sich Unterordnen, ihre Mitarbeit und Mildtätigkeit für unsere Gegner uns Juden nichts nützt. Was wir wollen? Gemeinsamkeit im Interesse des Judentums im allgemeinen, Bekämpfung derjenigen, die das Interesse des Judentums hinter verschlossenen Türen zu wahren vorgeben, in Wirklichkeit jedoch uns Juden mehr schaden als nützen. Alle Parteien, Stände und Berufsarten haben sich verbunden, um Tag für Tag den'Juden irgend einen Schaden zuzufügen; tür keine anderen Ziele finden Grossgrundbesitzer, Industrielle, Sozialisten. Deutsche, Tschechen, kurz, alle Parteien samt den Regierungen sich zur gemeinsamen- Arbeit und gemeinsamen Wünschen so leicht geeinigt, wie für Gesetze gegen die Juden. Die Intelligenz wetteifert mit dem Proletariat, uns wehe zu tun — und wir Juden? Unsere Intelligenz will mit uns nicht Hand in Hand gehen, unsere oberen Zehntausend sind uns entfremdet, die Summe der grösseren Intelligenz der Juden sucht alle möglichen Wege, um nicht in jüdischer Gesellschaft allein leben zu müssen. Es gehört in der Tat eine gewaltige Dosis Selbstverleugnung dazu, um sich aus den bestehenden Verhältnissen herauszureissen und nur im Interesse des Judentums in der Oeffentlichkeit zu wirken. Wir fordern jedoch von den jetzigen Führern der Juden, von den verschiedenen Vereinspräsidenten und allen einflussreichen Glaubensgenossen: „ihr möget euch im Interesse des Judentums verbinden!'1 Welcher Jude dagegen ist, der ist Judenfeind, er mag nach aussen noch so sehr den Juden herauskehren! Ib. Horodenka. Am zweiten Tage Schewuoth fand hier im grossen Bethause unter riesigem Andränge eine Trauerfeier für die Opfer von Kischenew statt. Herr Rahbin er M. A senken asy hielt eine ergreifende Rede. E. F. Kesmärk. Gestern weilten zwei aus 11 Personen bestehende Kisohenpwpr Emigrpnten-Fflrnilier!, rije mit zwei elenden Fuhrwerken auf der Durchreise nach Wien be-