Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 25 (19.5.1903)
- Article
- Die letzten Wochen in Rumänien
- Date
- 1903-05-19
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 25 „Die & Weit" Seite 7 sie sich möglichst unauffällig benehmen, dass sie jedem Streite mit den Christen aus dem Wege gehen und sich so wenig als möglich in den öffentlichen Gärten und Lokalen zeigen mögen. Man hat dem Minister Vorwürfe gemacht, dass er die Juden durch seine Ratschläge erschreckt habe. Es sollen alle diese Gerüchte nur Regierungsmache sein, um Scheinmassregeln zur Erhaltung der Ordnung ergreifeu und sich damit gegenüber dem Auslande rühmen zu können. Ich bin nicht dieser Meinung. Es ist nur zu wahr, dass sich Massacres wie in Kischenen in Rumänien ereignen könne». Zur Zeit der antisemitischen Skandale in Jassyund Bukarest (1898) versuchten ja bekanntlich antisemitische Agitatoren in den Dörfern in der Nähe der genannten Städte einen antisemitischen Bauernaufstand zu inszenieren; dies misslang damals. Das Misslingen ist dem ruhigen, friedlichen Charakter des rumänischen Bauers zuzuschreiben. Aber man weiss wie ansteckend das Blutvergiessen ist. Und dann muss man auch bedenken, dass seit 1898 bis heute die Antisemiten auf dem Lande unermüdlich gearbeitet haben, dass der Antisemitismus in der Schule, im Wirtshaus, kurz überall den Bauern gepredigt worden ist Auch das Ritualmordargument hat seinen Eingang in Rumänien gefunden. In der letzten Zeit konnte das Berlader Antisemitenblatt „Vocea Tuto vei" über einen rumänischen Ritualmord berichten. „Seilt i nela", ein antisemitisches Blatt aus Fokschany, von einer Frau herausgegeben und im Tollhäuslerton redigiert, betreibt seit Jahren seine Propaganda in den Dörfern unter den Lehrern und den Lehrerinnen. Nach den Kischenewer Greueltaten schrieb „VoceaTutovei" blutrünstige Artikel, in welchen sie den Popen zurief, sie sollen sich an die Spitze der Massen stellen, um die Juden in Rumänien auszurotten wie in Kischenew. Und es ist bekannt, dass viele Popen der A. A. R. (Rumänische Antisemitische Assoziation) angehören. Nein, nein, derMinister hat gut daran getan, dass er Vorsichtsmassregeln getroffen hat und die rumänischen Juden müssen dem Minister dankbar sein. Denn nicht immer -sind die Minister so vorsorglich, wie der jetzige Herr Las-car. Es ist natürlich die Lage der rumänischen Juden, welche, wenn die rumänischen Studenten Versammlungen halten, sich verstecken müssen, wie es kürzlich in Jassy geschah, eine tief traurige. Wie die Zeitungen berichteten, hielten an dem Tage, als die rumänischen Studenten eine Protestversammlung gegen die Magyaren hatten, alle jüdischen Kaufleute ihre Geschäfte gesperrt und kein Jude war auf der Strasse zu sehen. Aber daran ist nicht Herr Lascar Schuld, wenigstens nicht er allein. Es ist die traurige, unhaltbare Lage, in welcher sich die rumänischen Juden befinden. Diese ist aber, wie es scheint, unabänderlich, Kürzlich hat es Herr Lascar selbst gesagt Die Liberalen sind fesrentschlossen, nicht die geringste Aenderung an «der rumänischen Verfassung betreffs der Juden zuzulassen. Dabei werden die Liberalen auf gar keinen Widerstand seitens der Opposition stossen, denn wie der effektive Führer der altkonservativen Partei, Herr T. T o n n es c u, einem Redakteur der „Frankfurter Zeitung" gegenüber sich geäussert hat, fällt es den Konservativen gar nicht ein, die Lage der rumänischen Juden zu ändern. „Ich weiss wirklich nicht", sagte Herr Tonnescu, „was man mit den rumänischen Juden machen soll, — aber auch die anderen rumänischen Politiker wissen es nicht." Das war ein Trost für Herrn T. Tonnescu — leider nicht für die rumänischen Juden. T h. P 1 e b e. f^ibäiK» Aufruf. Der Direktor der Nationalbibliothek in Jerusalem ersucht uns um Wiederveröffentlichung des Aufrufes aus Nr. 12 „Die Welt4'. Wir kommen diesem Ersuchen gerne nach. Brüder! Durch die Gründung einer Nationalbibliothek in Jerusalem werden wir einen der Grundsteine für das ewige Gebäude der Renaissance des jüdischen Volkes auf seinem Boden errichten; dadurch werden wir die jüdischen Bücher erlösen, indem wir sie in ihre Heimstätte zurückbringen. Dadurch werden wir Jerusalem zu einem geistigen Zentrum für die jüdische Wissenschaft und Literatur auch in der Zerstreuung machen; dadurch wird das geistige Leben der Kinder des Exils in Jerusalem in der Gegenwart sich heben und ihre getrennt en Herzen werden sich vereinen. Dieses Haus wird den Juden auch den Völkern gegenüber Ehre verleihen. Zwar ist schon der Anfang der Verwirklichung dieses grossen Gedankens durch einen einzelnen Mann gemacht worden, aber die Bibliothek, die er gegründet hat, kann noch nicht Nationalbibliothek genannt werden. Nur einundzwanzigtausend Bücher befinden sich darin. Wegen Geldmangels konnte nur ein Teil des Baues zu Ende gebracht werden. Die Arbeit, die zu vollbringen ist, ist noch sehr gross. Man muss wenigstens alle gedruckten jüdischen Bücher, deren Zahl 500 000 beträgt, unsere Manuskripte, alles, was über J u d a i c a handelt, Gemeindebücher (Pinkos), alte Denkschriften, Bilder und Gemälde, Sachen und heilige Gerätschaften, alte Münzen und Medaillen sammeln. Diese gewaltige Arbeit kann durch einen einzigen Mann nicht ausgeführt werden. Unser ganzes Volk muss sich daran beteiligen, muss Bücher sammeln helfen und den Bau des Hauses fördern. Zu diesem Zwecke haben wir Unterzeichnete uns zu einem Komitee konstituiert, das dem Dr. Josef C h a s a n o w i c z in seiner Arbeit, der Errichtung einer Nationalbibliothek, beistehen will. Wir beehren uns hiermit, alle unsere Gesinnungsgenossen, denen ihr Volk und ihre Nationalheiligtümer am Herzen liegen, zu bitten, uns nach Vermögen zu helfen. Wir werden die Spenden, sowohl an Geld als an Büchern, Handschriften, Münzen etc. mit Dank entgegennehmen. Alle Namen der Spender werden zum ewigen Andenken in ein besonderes Buch in der Nationalbibliothek zu Jerusalem eingetragen werden. Komitee der Bibliothek „Midrasch Abarbanel" in Jerusalem: Dr. Josef Chasanowicz, Dr. L. Pin es, Dr. L e v i n , A. Sch. Hirschberg, L. Paperin, Noah S c h 1 u - d o w s k i, David S u w a 1 s k i, L. Rosenthal, S. Z u s m e r. Adresse: Dr. J. Chasanowicz, Bialystok. * An die zionist. Studentenkorporationen Oesterreichs! Liebe B. B.! Nachdem bereits 15 Studentenkorporationen die Beschickung des Delegiertentages zugesagt haben, ist dessen Zustandekommen gesichert. Wir ersuchen euch, euren Delegierten genaue Instruktionen und strikte Anträge zu den einzelnen Punkten der Tagesordnung, insbesondere zum Punkte: „Die nächsten Aufgaben des Verbandes'4 mitzugeben, damit die Tätigkeit des Delegiertentages eine erspriessliche werden kann. — Die Ferialverbindungen entsenden je einen, die übrigen Studentenkorporationen je zwei stimmberechtigte Delegierte, denen die einzelnen Korporationen auf Namen lautende Legitimationen mitzugeben haben. Mit Zionsgruss „Bar-Kochba", Verein jüdischer Hochschüler, Prag. Sehr geehrte Gesinnungsgenossen! Das unterfertigte Komitee der Vereine „Achwah Lemberg'4, „Achdus Krakau", „Achwah Stanisiau44 beruft für den 27. und 28. d. M. nach Lemberg eine Konferenz der jüdisch-nationalen Handelsangestellten und Arbeiter Galiziens behufs Schaffung einer festen Organisation der jüd.-nat. Arbeiterschaft unseres Landes ein. Die Tagesordnung der Konferenz ist vorläufig wie folgt zusammengestellt: 1. Festsetzung und Wahl des Bureaus: 2. die Lage der jüdischen Handelsangestellten und Arbeiter Galiziens; 3. unsere Stellung zur sozialdemokratischen Partei; 4. Organisation; 5. unser sozialpolitisches Programm; 6. das