Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 25 (19.5.1903)
- Article
- Die Juden in Bosnien und der Zionismus
- Date
- 1903-05-19
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316046-3333599--40923-3333784- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Die # Welt" Nr. 25 deutsch-, tschechisch-national usw. Aus den geschilderten Umständen ergeben sich für den Zionismus erfreuliche Momente. Das Feld ist günstig. Nahezu alle Juden sind für den Zionismus zu haben, wenn ernstlich versucht wird, sie zu gewinnen. Leider fehlt es hier in Bosnien noch an einer einheitlichen Leitung. Es werden jetzt Versuche gemacht, eine Organisation zu schaffen. Anknüpfungspunkte sind genug vorhanden. In Sarajewo ist der Verein „Die Lyra" (Gesangsverein) zionistisch gesinnt. Ein ausgesprochen zionistischer Verein mit mehreren hundert Mitgliedern wurde jüngst von den Herren Rafael Israel, Ahraham Mail Atten gegründet. Dieser Verein „Cheore hene Zion" scheint berufen, die Zentrale zu bilden. Zur Agitation müsste er an die Spaniolen Broschüren und Zeitschriften versenden, die einzeln Wohnenden direkt zum Beitritt und zur Schekelzahlung auffordern. Ein zu diesem Zwecke verfasster Aufruf, der von den bereits bestehenden Gruppen und Vertrauensmännern gezeichnet werden soll, wird gewiss von glänzendem Erfolge gegleitet sein. In allen grösseren Städten sind bereits zionistische Anhänger vorhanden, die zur Gruppenbildung bereit sind. In Banjaluka ist dank der energischen und fleissigen Agitation des Herrn Bankbeamten Rosenzweig Vieles geleistet worden. Bei der letzten Wahl des Kultusvorstandes wurden Zionisten gewählt. Die Banjalukaer Spaniolen haben auch in dem Herrn P o 1 j o k a r einen guten Führer. Das jüdische Leben ist in Banjaluka dank des Zionismus erwacht. Die Banjalukaer Juden werden gewiss vom Zionismus nur moralische Vorteile haben. Dort wird am besten bestätigt, was ich früher gesagt habe. Der Studenten-Verein „B a r G i o r a" betreibt von Wien aus die Agitation, gewiss mit Erfolg. Die Hochschüler, die während der Ferien in Bosnien bei ihren Eltern und Verwandten weilen, können diese Agitation durch persönliches Eingreifen intensiver gestalten. Es müssten Ortsgruppen entstehen in Sarajevo (vorhanden), Mostar, Travnik, Banjaluka Tvorhanden), Dolna Tuzla, Bihac, Bruka, Bjelina, Dervent u. a. Ein Redner, der spanischen und deutschen Sprache mächtig, sollte all diese und. andere Orte aufsuchen. Er müsste gleich die Vereinsbildung und Organisation durchführen. Ueber die technische Durchführung und über die Opportunität der bosnischen Organisation selbst müsste das Aktions- Komit.ee seine Meinung abgehen. Schliesslich und endlich handelt es sich nur darum, der zionistischen Weltorganisation beizutreten, den Zionismus selbst zu stärke n, nicht aber partikularistischen Neigungen zu fröhnen. Der Zionismus, das Ziel, ist alles, die Wege, die von den einzelnen Ländern aus gegangen werden müssen, bilden nur die Form, die man nicht entbehren kann. Ich möchte noch eine Schlussbemerkung machen. Gegenwärtig geht es den Juden hier gut; umso schöner ist es, umso wohltuender wirkt es, dass sie dem Zionismus sich anschliesscn, freiwillig, aus Liebe zum Judentum, aus Ueberzcugung von der Heiligkeit des Zieles, nicht aber der Not des Augenblickes wegen. Denen aber, die da sagen, es geht uns gut, wir werden nicht bedrückt, wir leben frei, wir brauchen kein Zion, sei folgendes vor Augen gehalten: Gegenwärtig geht es den Juden hier nicht schlecht. Wer kann mit Gewissheit sagen, ob und wie lange dieser Zustand anhalten wird? Wird die Regierung immer so neutral und gerecht sein? Wird der Zustand in der Verwaltung, der heute nur ein provisorischer ist, immer so sein? Nahezu zwei Drittel der Bevölkerung sind christliche Slaven, die von Hause keine Philosemiten sind. Die Serben haben ausgesprochene antisemitische Neigungen. Die Gründe sind wirtschaftlicher Natur, da dieselben das Hauptkontingent der Kaufleute,Unternehmer, Handwerker, stellen. Die Regierung wird, selbst wenn sie die Türken in Ruhe lassen wird, dann gewiss keine Nötigung haben, die Juden zu schonen. Sie wird sie dem Volke als Blitzableiter überlassen, wie es jede Regierung bisher getan hat, wie es jede Regierung tun wird, wenn ihr daraus keine Nachteile erwachsen können. Die Juden dürfen sich keiner Illusion hingeben, ihre ganze Geschichte des Exils beweist das. In Ungarn, dem jetzigen Eldorado, wird einst mit den Juden fürchterlich abgerechnet werden. Wer die kroatischen Unruhen verfolgt, wird die Note heraushören, die gegen die Juden gestimmt ist. Wenn die ,liberalen" Zeitungen schreiben, dass in Agram gegen Deutsche demonstriert wird, dass Deutsche angegriffen werden, dann kann man fest davon überzeugt sein, dass diese Deutschen Armin Vogelstock usw. heissen. Das Kaffeehaus, welches in Sissek von den Bauern demoliert wurde, gehörte einem Juden. Es ist merkwürdig, dass ein Volk, welches einen so ausgeprägten Familiensinn hat, welches so klug ist, in einer so wichtigen Sache so kurzsichtig ist. Niemand liebt seine Kinder so wie der Jude, niemand opfert alles und lebt nur für die Kinder wie der Jude, niemand trachtet mehr, die Zukunft des Kindes gross zu gestalten, wie der Jude, und in, der Hauptsache lassen die Juden die Zukunft des Kindes ausser acht. Es geht uns jetzt gut, w i r brauchen kein Zion. Seit wann denkt der Jude an sich und nicht an die Kinder? Wir brauchen ein Zion, wir alle, wo wir immer leben mögen, ob wir in Russland oder England, Rumänien oder Ungarn sind. Wir brauchen ein Zion, wenn nicht für uns, so doch für unsere Kinder. Unsere Kinder sollen ein Heim haben, wohin sie gehen können, wenn es ihnen hier nicht mehr behagt, wohin sie flüchten können, wenn man ihre Häuser zerstört, ihre Eltern tötet. Ein Besuch aus Frankfurt a. M. Von Rosa Pomeranz. Im Mai 1. J. entsendete der „Jüdische Zweigverein zur Bekämpfung des Mädchenhandels4' zwei Damen, Fräulein Dr. Sara R a b b i n o v i t s c h und Fräulein Bertha Pappenh e i m, nach Galizien, um die kulturellen Verhältnisse der dortigen Juden — mit besonderer Beachtung der jüdischen Mädchen und Frauen — kennen zu lernen, um darnach Mittel der Hebung des eventuell niedrigen Niveaus, ganz besonders aber Remedien gegen die Seuche des Mädchenhandels zu suchen und in Anwendung zu bringen. Unterstützung und Förderung findet der „Zweigverein" bekanntlich bei der „Ica", „Alliance" (von denen die genannten Damen Empfehlungsschreiben mitbrachten), von der israelitischen „Union", dem „Deutschen Hilfsverein" usw. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass obige Absichten und der gute Wille, sie zu verwirklichen, die rückhaltlose Anerkennung jedes einzelnen sowohl wie auch aller Parteien finden. Was aber hervorgehoben und besonders betont werden soll, das ist die Tatsache, dass die Zionisten es waren, welche zuerst und nachdrücklichst auf die Notwendigkeit einer Aktion hingewiesen und speziell den deutschen Rabbinerverband — nach seiner diesbezüglichen Tagung in Frankfurt — dazu aufriefen. Zu dieser öffentlichen Feststellung sehe ich mich durch den erwähnten Besuch aus Frankfurt veranlasst. Die übrigens sehr distinguierten und (namentlich Fräulein Pappenheim) in der Tätigkeit für Volkswohlfahrt und Armenwesen augenscheinlich erfahrenen Damen — zeigten sich als entschiedene Gegnerinnen, ich möchte fast sagen: unversöhnliche Feindinnen der zionistischen Idee und Bewegung und — was mehr ist — sie erscheinen darin als das Sprachrohr der westlichen, hohen Gönner des elenden, östlichen Judentums. Auf ihre Ausfälle gegen den Zionismus, die in der Behauptung gipfelten, die Zionisten seien alle nur „Helden des Wortes", doch sei noch keine „Tat" von ihnen ausgegangen, wie auch die Bemerkung,, dass zionistische Mithilfe bei geplanten kulturellen Aktionen „dort oben" verpönt sei — möchte ich aus zwei Gründen nicht gleich gebührend antworten. Vorerst, aus Rücksicht für die fremden Gäste — da ja doch bei solchen Kontroversen manch hartes Wort fallen muss. Hauptsächlich aber aus der Erwägung heraus, dass — wie schon angedeutet — die geäusserten Ueberzeugungen nicht allein diejenigen der Damen Pappenheim und Rabbinovitsch, sondern die der ganzen „vermögenden" Judenheit des Westens — besonders Deutschlands sind. An diese also und nicht bloss an einzelne muss auch zum so und sp vielten Male die Antwort und Berichtigung erfolgen. Vor allem möchte ich auf den Unterschied zwischen „W o h 11 a t e n" und „Täte n" bei einem Volke aufmerksam machen. Die ersteren sind das Werk einzelner oder gewisser, meist wenig zahlreicher Gruppen. Sie setzen nicht unbedingt grossen Aufwand an Weisheit und Energie voraus, noch legen sie den Urhebern irgendwelche ernste Verantwortlichkeit auf und treffen gewöhnlich auf gar keine Hindernisse oder Schwierigkeiten. Im Gegenteile. Bei „Wohltaten" kommt es der öffentlichen Meinung wenig oder gar nicht darauf an, ob es wirklich „wohlgetan" ward, wenn es nur „wohlgemeint" war; so dass eventuelle Missgriffe oder Misserfolge höchstens im Tone einer behutsamen Besprechung und rücksichtsvollen Entschuldigung erwähnt werden. Es wird da nichts verlangt und alles dankbar hingenommen. ^Wohltaten" umfassen die Gegenwart, einzelne Personen oder Schichten, denen man zu helfen, bestimmte Uebelstände, die man zu beseitigen sucht. „Wohltaten" haben einen ethischen, im weitestgehenden Falle einen kulturellen Wert. Anders verhält es sich mit „Täte n", die aus einem Volke hervorgehen sollen. Diese haben historische Bedeutung. Sie greifen in die ferne Zukunft hinüber und umfassen das Ganze in allen seinen Beziehungen« mit allen Mängeln und Erfordernissen, den Ursachen und Folgen und heben so die Gegenwart selbst aus ihren Angeln, — „Taten" vollbringt