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Die Welt · 1903-05-19 · 25 (19.5.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
25 (19.5.1903)
Article
Journalistische Spielereien
Date
1903-05-19
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 25 „Die & Welt** Seite 3 Die Unzuverlässigkeit und Unrichtigkeit solcher Meldungen liegt klar zutage. Ueber das, was das Aktions* komitee plant und ausführt, berichtet es nur an einer einzigen Stelle, nämlich vor dem Kongresse. Es stellen sich also die erwähnten Blättermeldungen als müssige Kombinationen dar. Dass ein Hamburger Blatt sogar so weit ging, seine Wissenschaft durch — natürlich willkürlich erfundene — Zahlen zu beweisen, muss neben der gebührenden Heiterkeit auch noch die Verwunderung aller zionistischen Kreise erwecken. Wir erachten es für vollkommen überflüssig, auf derartige phantastische Erfindungen weiter einzugehen. Die Juden in Bosnien und der Zionismus. Von Gustav Seidemann, Prijedor. Bei Betrachtung der Verhältnisse in Bosnien, soweit sie jüdische und zionistische Interessen betreffen, ergibt sich ein recht harmonisch wirkendes Bild. Harmonisch, weil der Zionismus hierzulande die besten Aussichten hat, trotzdem die Juden hier frei sind und vom Antisemitismus nichts zu spüren bekommen. Nicht die äussere Not und die ausschliessende Gewalt zwingt die Juden, Juden zu sein, sondern die Liebe zum Volke, die Ueberzeugung von der ethischen Wahrheit und Notwendigkeit des Zionismus führt sie zum grössten Teile in die richtige Bahn. Im ganzen dürften in Bosnien 9000 bis 10-000 Juden wohnen. Davon werden 7000 bis 3000 Spanioleu sein, Abkömmlir-ge der vor mehr als 400 Jahren aus Spanien vertriebenen Juden; der Rest eingewanderte Juden aus Oesterreich-Ungarn, die nach der Okkupation als Unternehmer, Kaufleute, Handwerker, Landes- und Privatbeamte ihre Existenz suchten und fanden. Die günstigen Umstände, denen die Juden ihre annehmbare Lage verdanken, sind folgende: In erster Reihe: Von der Einwanderuns: bis zur Okkupation, weil die Türken den Juden gegenüber stets eine freundliche Haltung einnahmen, weil die Türken den Juden gegenüber weder religiöse, noch nationale Feindseligkeiten kannten und praktizierten. Die .„Barbaren" Hessen den Juden das Leben und die Freiheit, sie verlangten nicht den Uebertritt und die Assimilation, sie übten in keiner Weise einen Druck auf sie aus, so dass die Juden sich in gesunder, natürlicher Lage entwickeln konnten. Die Juden sind Juden gehlieben in religiöser und nationaler Beziehung. Es gab bei ihnen nichts zu überwinden, kein assimilatorisches oder liberales, will sagen irreligiöses Milieu, so dass der Zionismus, die jüdische Bewegung par excellence, volles Verständnis, freudige Aufnahme fand. Von der Okkupation bis zur Gegenwart: Weil die jetzige Regierung, wenn sie auch von Oesterreich-Ungarn ausgeübt wird, doch weder eine nationale, noch eine religiöse ist und sein kann. Die bosnisch-herzegowinische Landesregierung verwaltet nur die okkupierten Provinzen, sie treibt mit den Einwohnern keine Politik, sie lässt auch im Lande keine Politik treiben. In Bosnien und der Herzegowina wohnen drei grosse Menschen^ruppen, die sich voneinander scharf abheben, weil sie religiös und national verschieden sind. Es sind zirka 700 000 orthodoxe Serben, 600 000 Mohammedaner, Türken, 350 000 Katholiken, Kroaten. Diese Ziffern zeigen recht klar, dass die Regierung sich in religiöser und nationaler Beziehung neutral verhalten muss, wenn sie sich nicht selbst grosse Schwierigkeiten bereiten will. Die Regierung hat noch das Gute für sich, was ihr eine neutrale Leitung ermöglicht: sie ist absolut. Sie hat keinen Landtag, keine autonome Körperschaft, keine politische Volkspartei, sie braucht sich um religiöse oder politische Neigungen der Völker nicht zu kümmern, sie kann und muss nicht Gefahr laufen, auf eine nationale oder religiöse Partei sich stützen zu müssen. Die Spaniolen können bei meiner weiteren Betrachtung vorläufig aus dem Spiele bleiben. Für den Zionismus sind nahezu aüe Spaniolen zu haben. Das können wir leider von den eingewanderten Juden nicht so ohne weiteres behaupten; trotzdem sie, so weit sie Landesbeamte sind, besser sind, als die Beamten in Oesterreich-Ungarn, weil sie in den meisten Fällen als Juden nach Bosnien gingen, das heisst, sich draussen nicht taufen lassen wollten, also Zeichen einer treuen Ueberzeugung oder Anhänglichkeit boten. Wir wollen vorerst bei den Beamten bleiben, als den Leuten, die einen wesentlichen Einfluss auszuüben in der Lage sind. Ich konstatiere nun mit Vergnügen, dass die bosnische Landesregierung die Juden nicht nur anstellt, sondern auch avancieren lässt, vorausgesetzt natürlich, dass sie beförderungsfähig sind. Dankbar sei anerkannt, dass die Regierung, die sich der Bevölkerung gegenüber neutral verhält, den Juden gegenüber als ihren Beamten gerecht vorgeht. Gerecht, dass sie die jüdischen Beamten avancieren lässt, ohne sie zur Taufe zu zwingen. So kam es, dass der Chef des Landes-Sanitätsrates Dr. Kohn, der Landestierarzt Zimmermann und der Kreisgerichtspräsident von Banjaluka*) u. a. ohne Taufschein ihre Würde erlangten. Es gibt unter den bosnischen jüdischen Beamten auch getaufte Juden. Ein Teil von ihnen kam schon getauft nach Bosnien. Das waren die Naiven, die da glaubten, dass sie in Oesterreich mit dem Taufschein die Karriere erreichen, die ihnen ohne Taufschein gänzlich verschlossen schien. Sic erfuhren aber, dass sie nicht zu „ertaufen" waren und so gingen sie nach Bosnien, wo sie auch ohne Taufschein vorwärts kommen konnten. Dann sind auch einige Herren, die der Liebe va\ christlichen Mädchen wegen sich taufen liessen, und schliesslich die „besten", die des materiellen Vorteiles wegen, in der stillen Ueberzeugung, dass beim Avancieren Christ sein doch besser sei als Jud sein, sich zur Taufe entschlossen. Es bedarf wohl nicht der Betonung, dass die Renegaten hier so wenig, oder weit weniger Achtung finden als draussen, da hier für den Abfall gar keine Entschuldigung gefunden werden kann. Die Bevölkerung selbst, die den Abfall nicht begreifen kann und in ihren Reihen nicht duldet, verurteilt ihn. Unter den jüdischen Beamten sind viele gute Zionisten zu finden, die treu zur Partei halten. Es ist selbstverständlich, dass unter den eingewanderten jüdischen Beamten Assimilauten vom reinsten Wasser sind, „Polen" mosaischer Konfession, „Tschechen", „Kroaten", „Magyaren" und. vielleicht auch einige Deutsche. Was über diese zu sagen ist, gilt auch für die eingewanderten Unternehmer, Privatbeamten, Kaufleute, Gewerbetreibenden. Für den Juden in Bosnien ist das Ethisch-Richtige auch das Vernünftige und Praktische. Der Jude in Bosnien muss in seinem eigenen Interesse jüdisch-national und Zionist sein. Wenn er die Dummheit beginge, sich den Türken, Serben oder Kroaten auzuschliesscn, so würde er, abgesehen davon, dass der Auschlitss von den Türken, Serben oder Kroaten nicht akzeptiert werden würde, sich mit den anderen Volksstänimcn verfeinden. Ein jüdischer Kaufmann, der früher gute Geschäfte machte, schloss sich bei einer Gelegenheit den Serben an, wozu er, da er in Serbien geboren, ein Anrecht zu haben glaubte. Die Folge war, dass er boykottiert wurde, da er sich unmöglich gemacht hatte. Man betrachtet hier den Juden auch oder eigentlich nur in volklichcr, nationaler Beziehung als Juden. Wenn ein Jude sich hier als Pole, Magyare usw. geriert, so schadet er sich nur. abgesehen davon, dass er sich lächerlich macht. Für nationale Maskeraden, die auch draussen nicht ernst genommen werden, hat man hier gar kein Verständnis. Wenn ein Jude in Deutschland Deutscher, in Galizien Pole, in Ungarn Magyar, in Böhmen Tscheche sein will, so ist das begreiflich, wenn es auch dumm ist, weil das Wollen allein nicht genügt und schliesslich auch nichts nützt. Der Jude hat ja ein dankbares Gemüt. Er liebt den Boden, das Land, auch wenn es ihn stiefmütterlich, feindselig, brutal behandelt hat. Ich finde es menschlich schön, wenn man dem Lande, in welchem man seine Kindheit verlebte, in dem die Eltern und Grosseltern lebten und starben, liebevolle Gefühle bewahrt, auch dann, wenn man aus diesem Lande mit brutaler Gewalt oder moralischer Macht hinausgejagt wurde. Es ist aber ein Unsinn, auch dann noch die Maske tragen zu wollen. Dies gilt von den Juden im Verkehr mit der Bevölkerung. Die Beamten, die in Bosnien dienen, kommen aus allen Ländern der Monarchie. In jedem Orte besteht der Beamtenkörper aus national völlig verschiedenen Personen. Da vertragen sich nolens volens Deutsche mit Tschechen, Magyaren mit Kroaten usw. Wenn nun ein Jude in diese national gemischte Gesellschaft kommt, tut er am besten, wenn er auch in nationaler Beziehung nur Jude bleibt. Dann gibt er niemandem Ursache zu bösen Bemerkungen und. übler Auffassung. Als Jude kann er völlig neutral verkehren: er engagiert sich nicht und kann infolgedessen auch nicht in Gutem oder Bösem engagiert werden. Ich bin selbstverständlich davon überzeugt, dass die Regierung selbst, die, wie gesagt, sich um religiöse oder nationale Angelegenheiten nicht kümmert, der zionistischen oder jüdischnationalen Bewegung gegenüber sich wohlwollend verhält. Sie hat aus dieser Bewegung keine Unannehmlichkeiten zu befürchten. Weit weniger angenehm müsste es ihr sein, wenn die Juden beispielsweise sich der kroatischen, türkischen oder serbischen Bewegung anschliessen würden. Dies gilt nicht nur für Bosnien, sondern für alle Länder. Im Interesse der Juden ist es immer gelegen, jüdisch-national zu sein, nicht aber *) Er. hat sich aber einige Jahre nachher taufen lassen.

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