Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Article
- Petersburg [Kommentar]
- Date
- 1903-06-12
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 24 „Die & Welt4* Seite 11 Anlass zu der zweiten Verwarnung gab ein im „Woskhod" publizierter^ „Brief aus Odessa" von dem bekannten Schriftsteller Ben-Ami, in welchem bloss der von den Odessaer Juden in allen Synagogen veranstaltete Trauergottesdienst für die Märtyrer von Kischenew in erschütternden Worten geschildert wurde. Ben-Ami erzählt in seinem Briefe, wie die Juden von Odessa an diesem Tage gefastet und ihrem grossen Kummer Ausdruck verliehen haben, wie alle jüdischen Schüler und Schülerinnen der städtischen Mittelschulen von Odessa, die man nicht in die Synagoge gehen liess, gefastet und geweint haben, wie endlich alle Juden begriffen haben, dass „sie jedwede Hoffnung für immer aufgeben müssen, in der Mitte eines fremden Volkes leben zu können ..." Kischenew. Von den Angeklagten, welche in der verflossenen Woche unter der Anklage der Teilnahme an den Plünderungen vor Gericht standen, wurden fast alle freigesprochen. Odessa. Der eine Stadthauptmann von Odessa, General A r s e n j e w, erschien, wie die „Odessvija Nowosti" melden, am ersten jüdischen Pfingsttage in der grossen Synagoge und wohnte dort dem ganzen Gottesdienste bei. Er erschien in Begleitung der höchsten Würdenträger der Stadthauptmannschaft, um die aufgeregten jüdischen Gemüter ein wenig zu beruhigen. Beim Verlassen der Synagoge sagte General Arsenjew den Juden: „Wir alle glauben an einen Gott, wir müssen und sollen das Gebot der Nächstenliebe erfüllen . . Der brave General hat es gewiss gut gemeint, nur hätte er diese Worte an seine Glaubensgenossen in Kischenew richten sollen . . . Olnlopol. Die hiesigen Juden haben beschlossen, die unglücklichen Opfer von Kischenew ein volles Jahr zu betrauern. Während eines vollen Jahres sollen keine Unterhaltungen und keine öffentlichen Lokale besucht werden. Dwinsk. Das Gesuch der hiesigen Juden um Erlaubnis zur Errichtung einer Handelsschule in Dwinsk (Dünaburg) wurde vom Finanzministerium dahin erledigt, dass die Erlaubnis nur unter der Bedingung erfolgen könnte, wenn die Zahl der jüdischen Schüler nur 10 Prozent betragen würde. Bis jetzt war diese Zahl auf 45 Prozent festgesetzt ... gt. We1t-8bi<oDik. Auswanderung aus den osteuropäischen Ländern. Der Andrang von Auswanderern, besonders aus den osteuropäischen Landern, ist in Hamburg gegenwärtig so stark wie kaum zuvor. Die Auswandererhallen genügen nicht mehr zu ihrer Unterbringung, so dass ein ausser Betrieb befindlicher Dampfer als Logierschiff eingerichtet werden musste. Das Gros der Auswanderer stellen Israeliten und ist, da fast alle mittellos sind, der israelitische Unter stützungsverein für Obdachlose in einem Masse in Anspruch genommen, wie es seit 1892 nicht der Fall gewesen. Der Verein beköstigte an manchen Tagen in den letzten sechs Wochen bis zu 600 Personen. („Vorwärts" 1903, Nr. 81.) Die Zahl der Juden in Petersburg. Nach der letzten Volkszählung in Petersburg im Jahre 1900 gibt es dortseibst 1 439 613 Einwohner, darunter 20 385 Juden (19 279 in der Stadt, 1106 in den Vorstädten), also 1,54 pCt. der Qesamtzahi. Von diesen Juden haben 12 535, das ist 62 pCt, Jüdisch-Deutsch als ihre Muttersprache angegeben. Karaiten befinden sich in Petersburg in der Anzahl von 317 Personen. Bessarabien, das jetzt zu so trauriger Berühmtheit gelangt ist, liegt an der Grenze Südwestrusslands, anschliessend an Rumänien. Rumänen sind auch die Hauptmasse, über die Hälfte seiner fast 2,000.000 betragenden Bevölkerung. Der Rest setzt sich aus Kleinrussen, Bulgaren, Griechen und Deutschen zusammen. Die Juden bilden mit fast 230.000 Seelen zirka II1/« Prozent der Bevölkerung. Die Kraftquellen des Gouvernements sind der Ackerbau (Mais, Wein, Tabak und Obst) und der Handel, dagegen ist aie Industrie geringfügig. Der Beschäftigung nach sind von den|Juden 2000 Landarbeiter, 21.000 Handwerker und 6000 ungelernteArbeiter (Träger, Kutscher etc.). Von den Handwerkern sind 8 */, Tausend selbständige Meister mit 7000 Gesellen und 5l/a Tausend Lehrlingen. 1000 Juden arbeiten in der Fabrik. Ferner sind 1300 Kolonisten auf 6 jüdischen Kolonien beschäftigt. 30.000 von den 45.000 jüdischen Familien ernähren sich also von Land- und Handarbeit und nur ein Drittel steckt im Handel. Ein Zeichen für diejenigen, die alleiHeilgegen die Judenfeindschaffc von der Handarbeit der Juden erwarten. Auch kann man die verbitternde Armut der Bevölkerung nicht als Grund der Judenhetze ansehen. Denn der Bauer findet aus seinem Boden reichlich sein Auskommen. In den Städten sind5770 der Bevölkerung Juden, die das Handwerk und den Kaufmannsstand ausschliesslich in Händen haben. Demzufolge gibt es keine Provokation einer niedergedrückten christlichen Konkurrenz. Chinesen für Kischenew. New-Yorker Chinesen gaben an drei Abenden im chinesischen Theater Vorstellungen zu Gunsten der Kischenew er Juden. Das Reinerträgnis betrug 5000 Mark. Man erinnert sich an die Bemühungen Russlands und anderer Mächte, ihre „Kultür* nach China zu tragen- Slavisohe Brüder! Wenn wird diese Worte hören, so denken wir an Panslavislen, wir denken an Kroaten und Russen, an Polen und Bulgaren, wir finden aber keinen Zusammenhang zwischen „slavischen Brüdern" und Kischenew und den Juden in Kroatien; wir denken auch nicht einen Moment an Herrn Dr. Hugo Spitzer, Advokat und Prä«es der „ifiraelitisohen* Kultusgemeinde in Osiek (Slavonien). Dieser Herr belehrt uns aber ejnes Baaseren. Dass ein Jude bewusst oder unbewuest sich herabwürdigt, sich an die Frackschösae anderer Nationen hängt, ist uns zur Genüge bekannt und wir bedauern oder verachten ihn. Dass aber einen Juden aus Kroatien mit dem Juden in Rusaland eine gewisse ,slavische"Stainmesbrüderlichkeit und Solidarität verbindet, haben wir uns nicht träumen lassen, und doch hat auch diese .Wahrheit" ihre Apostel, die in der Presse ihre Meinung niederlegen. Allerdings hätten wir dies aber in der Faschingszeit erwartet und der Karneval ist doch vorbei und Kischenew dämpft unsere Lachlust. In der „Narodna obrena* (Osiek) — auch im „Novi Srbobran", (Zagreb) abgedruckt — erklärt Herr Dr. Hugo Spitzer im Namen der Osieker Juden, ihre Teilnahme für die Kischenewer Opfer entspringe dem Gefühl für die „slavischen Brüder", denn es wären „russische" Juden. Wenn wir Herrn Dr. H. Spitzer nicht allzugui verstünden, würden wir seinen ,Witz" belachen oder seine „Naivität" belächeln, aber Herr Dr. Spitzer ist doch ein ernster Mann, Führer der Osieker Juden, er macht doch sicherlich keine Witze . . . Die Zeitung bemerkt zu dieser Erklärung: „, . .so Herr Dr. Spitzer — unsere Leser verstehen ihn — und uns." Herr Dr. Spitzer hat unzweifelhaft durch sein heldenmütiges Eintreten für die „slavischen" Brüder das Judentum gerettet, dass sich aber die Osieker Juden so schlechte Witze oder . . ♦ seitens ihres Führers gefallen lassen, ist nur zu bedauern, oder denken sie, wie er? . . . J. T. Gefühlsmenschen. An der zu Gunsten der Kischenewer Juden veranstalteten Sammlung beteiligten sich die 01mützer jüdischen Millionärsfamilien May gemeinsam mit dem Betrage von 10 i, schreibe: zehn Gulden. (Nach einer glaubwürdigeren Version sollen es zehn Kronen sein.) Hierzu bemerkt die „Jüdische Volksstimme44 : Die genannten Zuckerbarone müssen die Speisereste, die vom letzten Festessen, das sie den notleiden Kavallerieoffizieren und Prälaten in Olmütz gegeben haben, übrig geblieben sind, besonders vorteilhaft losgeschlagen haben. Anders lässt sich eine derartige hochherzige Verschwendung schwer erklären. Assimilantenlieb und -Leben. In den letzten sechs Jahren haben in Budapest 2158 Juden ihren Glauben gewechselt, und zwar 1097 männliche und 1061 weibliche durch Eintritt in die evangelische Kirche A. B. und N. B., sowie in die römisch- und griechischkatholische Kirche. In demselben Zeitraum sind 363 Katholiken zum Judentum übergetreten. Bilder aus der Wiener Gesellschaft. Das Wiener Witzblatt ,L u z i fe r" bringt in seiner letzten Nummer folgende Satire : Herr und Frau Josef Kosenbaum, Herr und Frau Isidor Wasservogel beehren sich, Sie zur Vermählung ihrer Kinder W a 11 e r und Else höflichst einzuladen. Die Trauung findet nächsten Sonntag in der protestantischen Kirche statt. Gratulation und Diner nach der Trauung bei „T o n e 11 o". (Das erinnert lebhaft an den Zahnarzt Dr. F. . . ., den man täglich mit dem päpstlichen Ehrenkreuz in einer k o s c h e r e n Restauration am Schottenring essen sehen kann). Im übrigen, so bemerkt hierzu das „J ü d. Voksblatt8, braucht „Luzifer" an Stelle von R o s e n b a u m nur F e i 1 c h e n f e 1 d zu setzen und die Anzeige wäre kein Witz, sondern trocken« Wahrheit. Misohehen in Budapest. Welch gewaltiger Schaden unserem Volke durch das unselige Gesetz über die Mischehe erwächst, lässt sich auf den ersten Blick kaum feststellen, da in kurzen Zeiträumen verhältnismässig wenig Mischehen geschlossen werden. Wenn man jedoch den Perzentsatz in gewissen Perioden berechnet, so sieht man, dass die Sac^e nicht so harmlos ist, umsomehr, wenn man bedenkt, dass die Kinder aus gemischten Ehen fast ausschliesslich jm