Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Article
- Florenz [Nachricht] / Markus, Tobias
- Date
- 1903-06-12
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „DieWelt" Ni. 24 Sabbatianer vorhanden seien und berichtete dann von seinem Besuche in Nablus bei den Samaritanern. Dr. Margulies konnte nicht umhin, seinem Erstaunen über des Königs Wissen in jüdischen Dingen Ausdruck zu gcsben.— So üoss in angeregtem Wechselgespräch eine volle halbe Stunde dahin. Dann erhob sich der König, drückte dem Rabbiner wiederholt die Hand und entliess die Besucher mit huldvollen Worten. Die Audienz war eine der längsten, die der König während seines hiesigen Aufenthaltes gewährt hat. Samstag den 6. Juni hielt Cav. Prato aus Rom, vor einer zahlreichen Zuhörerschaft im grossen Saale des Collegio Rabbino einen Vortrag über die traurigen Ereignisse von Kischenew zu dem Zwecke, um zur Hilfe für die hart betroffenen Glaubensgenossen aufzufordern. Der Redner, ein angesehenes Mitglied der jüdisclien Gemeinde in Rom, hervorragend durch seine jüdische Gelehrsamkeit, ein Mann von Geist und Herz, hat sich's zur Aufgabe gemacht, in mehreren grösseren Gemeinden Italiens Vorträge zu halten. Er schilderte die Missetaten, welche in Kischenew verübt wurden, in allen Details dramatisch und brachte tiefen Eindruck hervor. Der Schluss seiner Rede lautete ungefähr: „(Soccoriamo, soccoriamo.) Helfen wir, helfen wir unseren unglücklichen Brüdern ein eigenes Land erwerben, wo sie ruhig und sicher leben können, ein Land, in welchem sie vor barbarischen Ueberfällen bewahrt sein werden und das kann erreicht werden durch den Anschluss an den Zionismu s." — Lebhaftes Händeklatschen drückte die allgemeine Zustimmung der Anwesenden aus. — Das Bedeutsame daran ist der Umstand, dass der einflussreiche Sig. Cav. Prato ein neubekehrter Z i o n i s t, auf seinen ferneren Wanderungen der zionistischen Sache hoffentlich viel nützen wird. Florenz, 7. Juni 1903. Tobias Markus. Bukarest. Das „Amtsblatt" veröffentlichte dieser Tage das Reglement betreffend die Befreiung der jüdischen Theologen von der Militärdienstpflicht. Diese Befreiung wird jenen jungen Juden gewährt werden, welche Zeugnisse über die Absolvierung der mosaischen theologischen Studien besitzen. Diejenigen Rabbiner, welche die Befugnis erhalten wollen, solche Studienzeugnisse auszufolgen, müssen ihre diesbezüglichen Gesuche an das Ministerium des Innern richten und müssen nachweisen, dass sie seit wenigstens zehn Jahren ununterbrochen als Diener des mosaischen Kultus gewirkt haben, dass sie die rumänische Sprache kennen und im Lande geboren und erzogen sind. Bukarest. Der „Adeverul" schreibt: „Aus dem Ministerium erhielten wir die Nachricht, dass im Lande antisemitische Agitationen gemacht werden und dass die Regierung energische Massregeln ergriffen habe; die Präfekten werden verständigt und persönlich für jede Ruhestörung verantwortlich gemacht. Bis hierher ist alles gut. Weiss aber der Herr Minister des Innern, wie die Präfekten und die Behörden im allgemeinen vorgehen? In vielen Distrikten ruft der Präfekt die jüdischen Notabein und sagt ihnen sehr beunruhigt, sie sollten am Abend das Haus nicht verlassen, nicht im öffentlichen Garten spazieren gehen, da von einem Augenblick zum anderen ein Gemetzel ausbrechen könne. Wenn diese angenehmen Nachrichten Leuten mitgeteilt werden, welche schon durch die Vorgänge in Kischenew in Schrecken gesetzt sind, so beginnen sie auf allerhand Gedanken zu kommen und an eine unmittelbar bevorstehende Gefahr zu denken; die einen bewaffnen sich, andere wieder ziehen weg und säen den Schrecken überall, wo sie im Lande hinkommen. So erklärt es sich, dass am Tage des 10. (23.) Mai die Juden in Jassy und Husch sich vorbereitet hatten, um den Banden Widerstand zu leisten und, wie es heisst, sind in Jassy alle Waffengeschäfte von den Juden geleert worden, welche sich für jede Eventualität bewaffnet hatten." Konstantinopel. Als die traurige Kunde von den verabscheuungswürdigen Schandtaten in Kischenew auch nach der jüdischen Kolonie Warburgkeuy (in Anatolien, zwischen Eskischehir und Angora) drang, ordnete der Verwalter derselben, Herr Hermann A. Kaiwaryski einen Trauergottesdienst an, der in feierlicher Weise verlief und kein Auge trocken Hess. Hierauf hielt er 'eine längere Ansprache, in der er die rühmlichst bekannte traditionelle Toleranz aller ottomanischen Herrscher schilderte und besonders die Seiner Majestät des Sultans Abdul Hamid II. hervorhob, unter dessen Herrschaft es der Kolonie gegönnt ist, in friedlichem und freundschaftlichem Verkehr mit den muselmanisch«n Nachbardörfern zu leben. Nachdem das bei allen Gottesdiensten übliche "ö Seine Majestät den Sultan gesprochen worden war, veranstaltete er eine Geldsammlung unter den Kolonisten, die den Betrag von 200 Piaster 40 Kronen ergab, von denen die Hälfte für die Notleidenden in Kischenew und die andere Hälfte für den Nationalfonds bestimmt wurde. Möge diese geringe, aber buchstäblich vom Muade abgesparte Gabe allen besser situirten Glaubensgenossen jeder Färbung als ermunterndes Beispiel dienen» Monastir. Eine Meldung der „Times" aus dieser Stadt, die leicht hätte verhängnisvoll werden können, war die Nachricht, dass sich die Juden mit den Türken verbunden hätten, um die Bulgaren zu misshandeln; jedoch wurde sie von dem Vorsteher der Judengemeinde in Saloniki entschieden dementiert. London, 8. Juni. In einem Briefe an die „Times44 über die erneuten russischen Judenverfolgungen appelliert Sir Horace Rumbold, vormals britischer Botschafter in Wien, an den Zaren und den Papst, durch eine Proklamation, beziehungsweise eine Bulle dem Märchen vom Ritualmorde endgiltig ein Ende <ju machen. Rumbold erzählt hierbei, dass er schon während der Affäre von Polna, als er noch in Wien akkreditiert war, mit Wissen seiner Regierung eine derartige Enunziation des päpstlichen Stuhles zu erwirken suchte und deshalb bei dem damaligen Nuntius in Wien vorsprach, weicher zwar seiner Sympathie für die Juden Ausdruck gab, aber zugleich die Befürchtung aussprach, dass Rom in Oesterreich den Antisemitismus als rein politische Bewegung ansehe und nicht intervenieren dürfte. Montreal. Die Massacres in Kischenew haben auch in Kanada den Abscheu und die Entrüstung aller erweckt. Christen und Juden haben sich vereinigt, um Massenmeetings abzuhalten, um gegen die russischen Scheusslichkeiten zu protestieren. Es wurden Hilfskomitees organisiert, die bereits grosse Sammlungen veranstaltet haben. Das Geld wollen wir durch den Jewish Colonial Trust den Kischenewern zukommen lassen. Montreal. Der Streit, der in Kanada zwischen der jüdischen und der christlichen Bevölkerung wegen der Schulfrage geführt wird, ist seinem Ende nahe. Dieser Streit ist aus folgenden Gründen entstanden: In Kanada existieren eigentümliche Schulgesetze. Die Römisch- Katholischen zahlen ihre Schulabgaben der „katholischen Kasse" (R. C. panel), die Protestanten in die „protestantische", Diejenigen aber, welche neutral sind, zahlen ihre Abgaben nach Belieben und der Unterricht ihrer Kinder fällt auf diejenige Kasse, der sie ihre Abgaben entrichten. Unter diese Kategorie der Neutralen kommen auch die Juden. Längere Zeit hielten sich die Juden zu den Protestanten; als sie aber an Zahl und Bedeutung gewachsen waren, bildeten sie eine „neutrale* Kasse, trotzdem sie noch wie früher die protestantischen Schulen besuchten. Dies erweckte den Unwillen der Protestanten, welcher auch bald an den Tag getreten ist. Die erste Gelegenheit war die Verweigerung des dem Schüler der Dufferin-Schule in Montreal, Paul Pinsler, gebührenden Schulpreises unter dem Vor wände, dass er Jude sei und deshalb in der Schule keine Rechte habe. Auf die Klage des Vaters des Knaben beim Gerichte folgte ein Urteil zugunsten der Schule. Dieser Fall, und ganz besonders das Urteil, welches als Präzedens gelten könnte, rief die Entrüstung der Juden und auch der liberalen Christen hervor. Es wurden Protestversammlungen abgehalten und eine Deputation an den Minister geschickt, an welcher auch die bedeutendsten Notabilitäten Kanadas teilnahmen, um die Schulverhältnisse zu ordnen und den Juden in den protestantischen Schulen gleiche Rechte zu sichern. Den religiösen Unterricht, den früher die protestantische Schuldirektion (Board) anfangs bezahlte und dann einstellte, soll fürderhin die jüdische Gemeinde selbst bezahlen. Der Ausgang der Sache ist noch nicht bekannt, wird aber hoffentlich ein alle Teile befriedigender sein. D. Azincourt. Petersburg. Da viele der nach Amerika und Argentinien ausgewanderten Juden aus Russland infolge grosser Notlage nach Russland zurückkehren wollen, hat der Zar den Minister des Innern ermächtigt, jährlich solchen Emigranten zur Rückkehr nach Russland Unterstützungen in der Gesamthöhe von nur 3000 Rubeln zu gewähren. Petersburg. Das Massacre von Kischenew hat unter den Wankelmütigen unter unseren unglücklichen Volksgenossen in Russland eine gewisse Fahnenflucht hervorgerufen. Viele der unglücklichen Juden nämlich glaubten, sich durch die Taufe einem Gemetzel entziehen zu können, und suchten bei den geistlichen Behörden in den inneren Gouvernements um Aufnahme in die orthodoxe Kirche an. Wie die „Moskowskaja Wjedernostr* nunmehr melden, hat der heilige Synod den Geistlichen verboten, Juden ausserhalb der jüdischen Niederlassungsgebicte für die Taufe vorzubereiten, noch diese an ihnen zu vollziehen. Petersburg. Die hiesige jüdische Wochenschrift „Woskhod" hat in der abgelaufenen Woche von der Oberpressverwaltung die zweite Verwarnung erhalten, so dass diese im Kampfe für die Interessen der russischen Juden wichtige Blatt bei einer dritten Verwarnung Gefahr läuft, gänzlich sistiert zu werden.