Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Article
- Floridsdorf [Nachricht]
- Date
- 1903-06-12
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316045--40760-3333499- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 24 „Die & Welt" Seite 9 Der gegründete Verein wird nun legitimiert sein, die politischen Interessen der hiesigen Juden auf allen Gebieten wahrzunehmen und zu fördern. Möge er im jüdischen Geiste wirken und mögen seine Schritte von Erfolg gekrönt werden. Lemberg, 8. Juni. Beim „Slowo Polskie" lief heute nachmittags von der Grenze die Meldung von neuerlichen Gewalttätigkeiten gegen die Juden in Russland nahe der österreichischen Grenze ein. Nach der Depesche sind die Exzesse gestern in dem russischen Städtchen Beresteczko, das ungefähr vier Kilometer von der Bezirkshauptmannschaft Brody entfernt liegt, ausgebrochen. In der Stadt wurde gerade Jahrmarkt abgehalten, und es hatten sich etwa 20 000 Bauern aus der Umgebung eingefunden, die mit einem Vorgehen gleich dem in Kischenew drohten. Es entstand infolge dessen eine grosse Panik. Die Juden haben sich drahtlich an den Gouverneur um Hilfe gewendet. Gestern und heute blieben in der Stadt sämtliche Läden geschlossen. Hunderte von Juden sollen die Stadt verlassen haben, und eine grosse Anzahl von ihnen kam auch nach dem galizischen Grenzorte Uzyn (?) im Brodyer Bezirk. Berlin. Wie wir erfahren, haben die Sammlungen des Hilfsvereines der deutschen Juden zugunsten unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Kischenew bisher die Summe von 425.000 Mark ergeben. Der Erfolg ist ein ausserordentlich erfreulicher, aber gegenüber dem Unglück^ muss darauf hingewiesen werden, dass sehr grosse Anstrengungen werden gemacht werden müssen, um es den zahlreichen, völlig zerstörten wirtschaftlichen Existenzen zu ermöglichen, wieder in geordnete soziale Verhältnisse zu gelangen. Für die Zwecke des Hilfsvereines sind in diesen Tagen weitere 300.000 Mark verfügbar geworden. Die verstorbene Frau Baronin v. Cohn-Oppenheim hat ihrem Verwandten, Herrn Dr. Paul Nathan, dem Geschäftsführer des Hilfvereines im Ehrenamte, testamentarisch 300.000 Mark vermacht, mit demAuftrage, dieselben zugunsten des Hilfsvereines zu verwenden. (Was wir von den Bestrebungen des Hilfsvereines der deutschen Juden denken, haben wir in Nr. 12 dieses Jahrganges der „Welt" ausgeführt. Die Red.) Berlin. Das „Berliner Tageblatt" gibt aus einer Zuschrift aus Rumänien folgendes wieder: „In rumänischen Blättern wird neuerdings berichtet, dass unter den russischen Bauern lebhaft agitiert wird, um sie zu veranlassen, die Städte zu überfallen und die jüdische Bevölkerung auszurauben und zu massakrieren. Hunderte von antisemitischen Emissären arbeiten, so melden rumänische Blätter, auf dem flachen Lande und verwenden für die Agitation reiche Geldmittel, von denen man nicht weiss, woher sie rühren. Die Agitation stützt sich auf die konfessionelle Abneigung und auf die Tatsache, dass die vollständig verarmte Bauernschaft aufgehetzt wird, sich durch Beraubung der Juden zu bereichern. An manchen Orten ist die Aufregung unter den Bauern so gross, dass die antisemitischen Führer selber für den Augenblick die Bewegung einzudämmen suchen, bis ihre Agitationen überall Wurzel gefasst haben, damit dann der Sturm von allen Seiten gegen die Juden ausbreche. In den russischen Städten ist man über die Vorgänge auf den Dörfern nur wenig: informiert, dafür aber wissen die Behörden ganz genau alles, was vorgeht. Sie bemühen sich allerdings, dem allzu heftigen Treiben der antisemitischen Agitatoren Einhalt zu tun. Sieht man auch die Bewegung gegen die Juden in Russland nicht ungern, so wünscht man doch, dass im Ausland möglichst wenig davon verlaute. Es wurden umfassende Massregeln getroffen, dass nichts von den Vorgängen über die Grenze dringe. Briefe und Telegramme werden aufs strengste zensuriert, die Reisenden werden genau untersucht etc. etc." Strassburg. Wenn uns recht ist, kann nichts die Herren liberalen Juden und dero Presse so in Harnisch bringen, als wenn eine christliche Kanzel dazu benützt wird, Antisemitismus zu predigen. Sie schreien und schreiben erbittert vom „Missbrauch der Kanzel zu politischen Zwecken" und verschwenden überviel Druckerschwärze zu Protesten. Ein im Wesen ganz gleicher Missbrauch im jüdischen Tempel aber lässt sie mindestens kalt, wenn er ihnen nicht gefällt; und so durfte es nach dem Muster berüchtigter Protestrabbiner auch der Ober- Rabbiner von Strassburg, Ury, wagen, am ersten Passahtage eine streitbare Predigt gegen den Zionismus zu halten, wobei die Wahrheit, keineswegs aber der Zionismus zu Schaden kam. Denn 500 von den 800 Juden Strassburgs versammelten sich auf den Ruf unserer dortigen Ortsgruppe zu einem Protest gegen den Protestrabbiner. Unser bewährter Agitator in den deutschen Reichslanden Dr. Dannenberg wies in einer meisterhaften Rede, oft von Beifall unterbrochen, den Herrn Oberrabbiner zur Wahrheit und in die Schranken. Und Gg. Priv.-Doz. Dr. Friedländer machte sich mit gutem Witz über letzteren lustig. Er sagte u. a.: „Meine zionistischen Freunde werden in mir lumte eine grosse Enttäuschung erleben. Wie einst Balak zu Bileam, so werden auch sie zu mir sagen können: „meine Feinde zu scheitern, habe ich dich geholt, und nun willst du sie gar segnen?!" In der Tat, meine Damen und Herren, nicht nur, dass ich nicht die Absicht habe, Herrn Oberrabbiner Ury anzugreifen, ich habe sogar die Absicht, ihn zu segnen. Ich halte es für meine Pflicht, ihm den herzlichsten Ausdruck unseres Dankes auszusprechen für die Förderung, die er der zionistischen Sache in Strassburg hat angedeihen lassen. Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier. Selbst die höchste und erhebendste Idee wird ihm, sobald sie ihm häufig vorgeführt wird, zu einer gewöhnlichen alltäglichen Sache, [die ihn nicht mehr in früherem Masse interessiert. Auch der Zionismus in Strassburg ist bereits — ich darf sagen, glücklicherweise — zu einer alltäglichen Erscheinung geworden, die manchmal eines besonderen prickelnden Reizes bedarf, um das Interesse unserer jüdischen Neurastheniker zu erwecken. Dass uns der Herr Oberrabbiner diesen prickelnden Reiz verschafft hat, dafür müssen wir ihm herzlich dankbar sein, und ich darf die Erwartung aussprechen, dass, wenn der Herr Oberrabbiner auch weiter fortfahren wird, in dieser wirksamen Weise von der Kanzel herab für den Zionismus Propaganda zu machen, er eines Tages zum Ehrenpräsidenten des Zionistischen Vereines in Strassburg gewählt werden wird. Ich will den Herrn Oberrabbiner nicht persönlich angreifen — davor schützt ihn das von ihm bekleidete Amt — aber ich möchte mich mit ihm in aller Ruhe auseinandersetzen. Doch zu der Möglichkeit einer Auseinandersetzung gehört vor allem, dass beide Opponenten an ihren beiderseitigen Anschauungen festhalten und nicht dieselben chamäleonartig wechseln, kurz gesagt, dass sie konsequent sind. Diese Konsequenz habe ich leider hei unserem Herrn Oberrabbiner vermisst. Mein Vorredner, Herr Dannenberg, hat bereits darauf hingewiesen, dass derselbe Oberrabbiner, der den Zionismus angegriffen hat, dreimal täglich um die Wiederherstellung Jerusalems betet. Doch zwischen diesem Gebete und seiner Predigt liegt wenigstens ein Tag, und an einem Tage kann man sich bei einigem gutem Willen in seinen Ansichten entsprechend „entwickeln**. Dass aber der Herr Oberrabbiner so inkonsequent ist, beinahe gleichzeitig zwei widersprechende Ansichten zu vertreten, das ist es. was eine Auseinandersetzung unmöglich macht. Es w; r etwa um zehn Uhr, als der Herr Oberrabbiner in seiner Predigt mit Pathos erklärte: „Wir wollen in Strassburg, der wunderschönen Stadt, bleiben; unter keinen Umständen wollen wir nach Palästina zurückkehren!" Kaum eine Stunde darauf, etwa um elf Uhr, wandte sich derselbe Oberrabbiner in heissem Flehen an Oott, den Herrn der Wahrheit, und sprach die wunderschönen Worte des Mussafgebetes: ..Unser Vater, unser König! Offenbare die Herrlichkeit deiner Regierun? über uns! Erscheine nnd erhebe dich über uns vor den Augen alles Lebenden! Und führe zusammen unsere Verstreuten aus der Mitte der Völker und unsere Vertriebenen sammle von den Enden der Erde und bringe uns nach deiner Stadt Zion in Jubel!" Soll ich mit dem Heirn Oberrabbiner von z e hn Uhr oder mit dem Herrn Oberrabbincr von e 1 f Uhr diskutieren?" Das Publikum lachte und applaudierte, und die Ortsgruppe ist äusserst zufrieden mit den Erfolgen des Herrn Oberrabbiners für den Zionismus. Florenz. Unter den Wenigen, die anlässlich der jüngsten Anwesenheit des Königs von Italien in unserer Stadt einer Audienz gewürdigt wurden, befand sich auch der hiesige Rabbiner und Direktor des Rabbinerseminars, Cav. Dr. S. H. Margulies und der Präsident des Kuratoriums, Cav. Raffaelo Prato zu Rom, welche dem Könige einen gedruckten Jahresbericht des theologischen Institutes überreichten. Der Monarch unterhielt sich in sehr reger, überaus leutseliger Konversation mit den genannten Herren und erkundigte sich mit grossem Interesse über die Verhältnisse des Seminars, über die Anzahl der Schüler desselben wie auch über die verschiedenen Lehrfächer. Der König kam alsdann auf die Lage der Juden in verschiedenen Ländern zu sprechen und äusserte seine hohe Befriedigung, dass in seinem Lande es den Juden vergönnt sei, sich der vollsten Gleichberechtigung zu erfreuen. Auf die Frage des Monarchen, ob nicht der grösste Teil der Juden in Russland lebe, antwortete Dr. Margulies mit dem vielsagenden Worte : „Leider," was der offenbar wohlunterrichtete König zu würdigen verstand. In ungezwungenem Plaudertone erzählte dann der König von seinen Reisen in Palästina und zeigte dabei überraschende Kenntnisse in einschlägigen Fragen. So erzählte er auch, dass er von seinem „Schwiegervater" gehört habe, dass in einer Gegend des Heimatlandes seiner „Frau", Montenegro Ueberreste der Sekte der