Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Article
- Wien
- Date
- 1903-06-12
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seile 8 „Ute & weir Nr. m Korrespondenzen. Wien. (Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandel s.) Im Saale des Wissenschaftlichen Klubs hielt vor einigen Tagen die Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels die erste Vollversammlung ab, in welcher der Präsident Dr. Josef Schrank einen Vortrag über die Aufgaben und Ziele der Vereine zur Bekämpfung des Mädchenhandels hielt. Redner führte aus, dass gegenwärtig der Handel mit lebender Ware international geworden sei und die armen Mädchen in fremde Länder zu Tausenden gesendet werden, wo sie elend zugrunde gehen. Der Mädchenhandel befasst sich nicht nur mit gefallenen, sondern auch mit unschuldigen Mädchen. Die Hauptursachen des Mädchenhandels liegen in den sozialen Verhältnissen. Der geeignetste Boden für den Mädchenhandel seien das arme Qalizieu und das südliche Russland, durch die dort herrschende Armut und die unverständige Bevölkerung. Wir finden beim Mädchenhandel fiinen Export und Import, wir finden dort eine Preisbildung nach dem Angebote und der Nachfrage. Beide müssen entschieden bekämpft werden. Geeignete Gesetze zur Bestrafung der Mädchenhändler seien unbedingt notwendig, und zwar gleichmässig in allen Staaten. Die grösste Aufgabe falle dem Staate zur Bekämpfung des Mädchenhandels zu. Als Mittel zur Bekämpfung empfiehlt Redner Hebung der sozialen Verhältnisse, Gründling von Asylen für Mädchen und Frauen, Errichtung von Dienstbotenheimen für vazierende Dienstboten, tatkräftige Unterstützung von Seite der humanitären Vereine, Ucberwachung der Hafenstädte Genua, Triest, Neapel, Lissabon, Konstantinopel, Bordeaux, Einführung von Bahnhofsmissionen, Tafeln in Bahnhöfen mit Warnungen vor Mädchenhändlern, Versendung populär verfasster Broschüren an das Publikum, Kanzelpredigten, staatliche oder kommunale Dienstvermittlung, strenge Ueberwachung der Privatdienstvermittlungen durch die Behörde. Gewinnung der Presse für die Zwecke der Liga, Ueberwachung von Dampfern, Errichtung von Asylen für Mädchen, die den Händlern entrissen wurden. (Beifall.) Generalsekretär Franel erstattete Bericht über die bisherige Tätigkeit der Liga. Dieselbe habe ihre Zweigvereine in Lemberg, Czernowitz und Prag gegründet, welche zum Teile auch schon eine erspriessliche Tätigkeit entfaltet haben. Es werde bereits eine schwarze Liste von Mädchenhändlern angelegt, welche sechzig Namen enthalte. Auch eine Liste unzuverlässiger und unreeller Stellenvermittlungsbureaux werde angelegt. Nach einer längeren Debatte wurde der Antrag auf Anbringung von Warnungstafeln in Waggons angenommen. Ebenso wurde beschlossen, eine Damensektion zu gründen, deren Zweck in erster Linie die Gründung von Bahnhofsmissionen wäre. — Das Sekretariat der Oesterreichischen Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels, Wien, IX., Brünnlbadgasse 9, versendet nachstehende Mahnung an junge Mädchen, die sich ins Ausland begeben: ,,Bevor junge Mädchen ihre Heimat verlassen, um eine Stellung im Auslande anzunehmen, sollten sie Erkundigungen einziehen, ob die Stellungen auch wirklich existieren und ob dieselben bei ihrer Ankunft noch offen sein werden, denn sie laufen sonst Gefahr, enttäuscht und betrogen zu werden. Den Erklärungen der Agenten, von welchen sie engagiert werden, den Privatbriefen; Zeugnissen und sonstigen Papieren, die man ihnen etwa vorzeigt, ist nicht immer zu trauen, denn nur zu oft werden solche Erklärungen und Papiere benützt, um sie zu täuschen. Wenn die Mädchen wiissten, was ihrer vielleicht im Auslande wartet, würden sie gewiss Schutz suchen. Leider war es früher für ein junges, unerfahrenes Mädchen nicht leicht, herauszufinden, ob die freundlichen und liebenswürdigen Leute auch wirklich das sind, was sie scheinen. Es fehlten ihr Wege und Mittel, um über dieselben Erkundigungen einzuziehen. Diese Hilfe können gerade wir ihr geben. Das Sekretariat wird dann sofort für sie in jedem Lande (Europa, Amerika, Asien, Afrika und Australien) die nötigen Erkundigungen einziehen. Sie werden ihr die Adressen von Personen zuschicken, die in derselben Stadt oder in der Nähe wohnen und. bei denen junge Mädchen Schutz und Hilfe finden werden, falls sie derselben bedürfen. Es werden ihr hieraus keine Kosten erwachsen. Auch unfrankierte Briefe gelangen in unsere Hände." Wien. (Generalversammlung der Che w r a - K a d i s c h a.) Sonntag den 17. Mai fand im Festsaale des Hotel ..Kontinental" eine ausserordentliche Generalversammlung der Chewra-Kadischa mit der Tagesordnung: „Mitteilung von der erfolgten Statutenänderung" und „Wahl von drei Vorstandsmitgliedern** unter Vorsitz des Vizepräsidenten Herrn Dr. nhil. et iur. Markus Spitzer statt. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in welcher er die Anwesenden, insbesondere das Ehrenmitglied Herrn Rabbiner Dr. Adolf Scli ru i c d 1 und den Präsidenten der KultuscoTne.inde Herrn kais. Pat Heinrich Klinker wnrmstens be^rüsste und letztcrem für die bei jeder Gelegenheit betätigte Förderung der Interessen der Chewra-Kadischa herzlichen Dank abstattete. Der Herr Vize-Präsident widmete dem vor kurzem dahingeschiedenen Präsidenten der Chewra-Kadischa Herrn Moriz Karpeles einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er der edlen Herzenseigenschaften, des echt jüdischen Empfindens und der hervorragenden Verdienste des Verblichenen um die Chewra- Kadischa rühmend gedachte. Die Versammlung ehrte das Andenken des heimgegangenen Präsidenten durch Erheben von den Sitzen und wurde diese Kundgebung im Protokoll aufgenommen. Sodann besprach der Vorsitzende die wesentlichen Neuerungen der geänderten Statuten. Diesfalls ist besonders hervorzuheben, dass an Stelle der Kranzspenden zur Ehrimg der Verstorbenen milde Gaben für die wohltätigen Vereinszwecke treten sollen, dass der Vorstand für die unentgeltliche Zuweisung einer Grabstätte auf der Zahlabteilung für mittellos verstorbene Vereinsmitglieder und für ein würdiges Leichenbegängnis Sorge tragen wird, ferner auf die nunmehr statutarisch festgelegte Institution der Delegierten, deren Aufgabe es ist, die Erfüllung der rituellen Gebräuche und Vorschriften zu überwachen und dem Verstorbenen — auch dem ärmsten der Armen — die letzte Ehre zu erweisen. Redner verweist schliesslich auf die wichtige Neuerung, dass ausser den kooptierten Vorstehern drei Vorstandsmitglieder durch die Generalversammlung zu wählen sind und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, dass die geschaffenen Reformen zur ferneren Entwicklung der Chewra-Kadischa beitragen und es unter reger Anteilnahme der Mitglieder ermöglichen werden, die idealen Aufgaben der Chewra-Kadischa durch Uebung religiöser Liebeswerke und durch Unterstützung armer Glaubensbrüder in erhöhtem Masse zu erfüllen. An der über den Bericht des Vorsitzenden srch entwickelnden Debatte beteiligten sich die Herren: Jacques Weiss, Dr. Arnold Ascher, Arnold Fuchs, Jakob S. Strassberg, Jakob Ripper, Med. Dr. Ignaz Weiss, Gemeinderat Donat Zifferer, Kultusvorsteher Salo Cohn und Marcel Hofmann. Herr Dr. J. S. Bloch widmete den Märtyrern von Kischenew Worte des Gedenkens, und regte eine Sammlung zugunsten der Hinterbliebenen in der Generalversammlung an. Sodann wurde zur Wahl von drei Vorstandsmitgliedern geschritten. Das unter Zuziehung der Herren S. Brod und Adolf Schramek vorgenommene Skrutinium ergab die Wahl der Herren: David Ritter von Gutmann, Jakob Kann, S. Steiner. Wien. Am zweiten Tage des Schewuothfestes hielt Herr Rabbiner Mayersohn im polnischen Tempel, IL, Leopoldsgasse 29, vor der üblichen Seelenandacht eine Predigt, um der Märtyrer aus Kischenew zu gedenken und für diese Unglücklichen sein Wort einzulegen. Bei dieser Gelegenheit, ausgehend vom Satze der Haphtorah Habakuk Kap. 3, V. 16, streifte er die Wiener Assimilanten, die sich stets auf eine bessere Zukunft vertrösten, mit dem festen Vertrauen auf das Vordringen von Aufklärung und Freisinn. An der Hand der letzten erschütternden Ereignisse wies er nach, wie sehr sich diese Leute täuschen, dass man wohl von massgebender Seite Proteste gegen irgendwelche Ungerechtigkeiten einlegt, die nicht halb so gross sind, wie diese; doch es handelt sich hier ja nur um Juden — deshalb schweigt man oder man drückt höchstens sein Bedauern aus. Rabbiner Mayer söhn, dem man es ansehen konnte, dass seine Worte aus dem innersten Herzen kamen, dessen Stimme von Thränen fast erstickt wurde, rief der andächtig lauschenden Gemeinde zu, dass wir ja nicht auf fremde Hilfe rechnen mögen, dass wir uns selbst helfen müssen uud dass kein einziger Jude sich von der grossen, echt jüdischen Bewegung ausschliessen darf, welche dahingeht, den Juden eine rechtlich gesicherte Heimstätte zu schaffen. Man hörte von allen Seiten das Schluchzen der Gemeinde, das sich noch vergrösserte, als Oberkantor Schorr das „El mole Rachmim" für die auf so grässliche Weise umgekommenen Brüder anstimmte. G. FloridsdorL Am 11. ds. fand die konstituierende Versammlung: des neugegründeten israelitisch-politischen Vereines „Gleichheit" in Floridsdorf statt und wurden in den Vorstand gewählt: Zum Präses Dr. Samuel Ru s s, Arzt, ferner die Herren: Leopold Grünwald Kaufmann; Se. Ehrw. Dr. M. Rosenmann, Bezirksrabbiner, Dr. Jakob König, Präses der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Julius Taube r, Advokat. Ingenieur Victor Berger, Direktor Ignaz Kohn. Ignaz Frischmann, Kaufmann, Max Stein, Nordbahnbeamter und Maximilian Frank, Privatbeamter. Die Gründung dieses israelitisch-politischen Vereines „Gleichheit" begegnet hier allseitiger Sympathie. Obwohl die hiesige jüdische Gemeinde die zweitgrösste Niederösterreichs ist und die Juden einen politischen und wirtschaftlichen Faktor bilden, mit dem zu rechnen wäre, konnten sie bis jetzt nicht zur Geltung kommen, weil eine Vertretung der politischen und wirtschaftlichen Interessen der hiesigen Judenschaft bis jetzt nicht bestanden hatte.