Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Article
- Zwei Berichte
- Date
- 1903-06-12
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 ,9®ie WeW Nr. 24 Es ist kennzeichnend, dass die Witwen sich scheuen, selbst Geld anzunehmen, weil sie für die russischen Pfingsten neuerliche Plünderungen befürchten und annehmen, durch ihren Besitz die PJünderer auf sich zu lenken. Die Zahl der Personen, die mittelbar von den Ausschreitungen betroffen wurden, weiJ sie ihre Erwerbsquellen verloren haben, ist auf 20 000 zu schätzen. Die Geplünderten gehören zum ganz überwiegenden Teile den allerärmsten Schichten der Bevölkerung an, der Mittelstand ist schon weniger hart betroffen worden und fast unberührt blieben die Reichen." Auch der letzte Umstand beweist, dass, wo die Behörden schützen wollten, sie es ohne Schwierigkeit tun konnten. Der materielle Schade wird auf zehn Millionen Kronen geschätzt. Die Interpellanten verkennen nicht, dass die Kritik einer in einem fremden L^nde begangenen Tat in enge Schranken gebunden ist, aber sie ist trotz dieser Grenzen berechtigt, wenn ein gewisses Mass der Unmenschlichkeit überschritten ist, und schon in einigen Präzedenzfällen haben befreundete Mächte Vorstellungen gemacht, die auch in der epidemischen Natur von Unruhen begründet sind, welche durch Eanatisierung bildungsloser, gewalttätiger, hungriger Massen entstehen. Im vorliegenden Falle ist die Gefahr dringend, weil die russischen Pfingsten bevorstehen und dieses Fest ebenso wie das Osterfest von Niederträchtigen benützt zu werden pflegt, um den Fanatismus der Menge zu Ausschreitungen zu hetzen. Es wird daher die Anfrage gestellt: Ist Se. Exzellenz geneigt, sich mit dem Minister des Aeussern in Verbindung zu setzen, dass dieser die russische Regierung auf die Verletzung alles menschlichen Gefühles durch die Kischenewer Bluttaten und auf die hohe Gefahr derselben für den allgemeinen Frieden aufmerksam mache und sich bei ihr für kräftige Massnahmen zur Verhütung weiterer derartiger Greuel einsetze?" Wir bezweifeln den guten Glauben der Interpellanten nicht, können ihn aber keineswegs teilen. Unserer Meinung nach wird man sich hüten, in die Diplomatenschlacht in Peterbsurg dej- Juden wegen ein neues Kampfobjekt hinzustellen. Der Herr Ministerpräsident, ein Gentleman, wie er ist, dürfte als Antwort sein persönliches Bedauern in verbindliche Worte kleiden, jede Einmischung in die Geschäfte der russischen Regierung ablehnen und gelegentliche private Vorstellungen des österreichischen Vertreters in Russland versprechen. So hat er auch eine Interpellation über Rumänien in lauwarmem Wasser ertränkt. Amerikanische Entschlüsse. Der amerikanische Botschafter in London, Choate, beriet laut einer Washingtoner Meidung des „New-York Herald44 am Sonntag mit dem Präsidenten Roosevelt und dem Staatssekretär Hay über die Stimmung in England und den Vereinigten Staaten bezüglich des Blutbades in Kischenew. Der russische Botschafter in Washington, Graf Cassini, und der amerikanische Botschafter in Petersburg, Mac Cormik, hatten mit dem Präsidenten eine Beratung. Im Staatsdepartement liegen Nachrichten vor. dass die russische Regierung ihren Unwillen über die fortdauernden zahlreichen russenfeindlichen Massenversammlungen in den Vereinigten Staaten nicht verhehlen könne. Der Staatssekretär des Auswärtigen, Hay, machte den Präsidenten Roosevelt im Verlaufe der Beratungen darauf aufmerksam, dass es dem internationalen Brauche widerspräche, wenn die Vereinigten Staaten sich wegen der Vorgänge in Kischenew förmlich bei Russland beschweren wollten. Präsident Roosevelt hat deshalb beschlossen, seine Entscheidung über weitere Schritte bezüglich Kischenews bis nach der Konferenz zu vertagen, die er demnächst mit einer Abordnung hervorragender Führer der amerikanischen Juden haben wird, die ausdrücklich um ein Einschreiten Amerikas zur Verhütung einer Wiederholung der Ereignisse in Kischenew bitten wollen. Zionismus in England. Der Schekeltag, den wir hierzulande am 17. Mai veranstaltet haben, hatte eine glänzende Wirkung. Die zionistischen Demonstrationen, die in der Hauptstadt wie auch in den Provinzen stattfanden, waren von Zehntausenden von Juden besucht, die rückhaltlos und enthusiastisch ihre Anhänglichkeit an das Baseler Programm und ihr Vertrauen auf unsere grossen Führer erklärt haben. In London allein wurden an einem Tage für 140 Pfd. Sterl. Schekolim verkauft. In der Tat war der Erfolg des Schekeltages so gross, dass manche sogar beabsichtigen, einen Sharetag zu arrangieren, und ich bin sicher, dass auch dieser einen Erfolg erzielen wird. Die anschauliche Lektion der letzten Kischenewer Barbareien wird auch die „Indifferenten44 zum Nachdenken über ihre Lage zwingen. Jedenfalls herrscht in jedem zionistischen Vereine rühriges Leben. Jeder einzelne Zionist ist gerne bereit, etwas zu tun. Ein jeder empfindet, dass die Lage zu ernst geworden ist, als dass man nicht ihr entsprechend handeln müsste. Es zwingt sich die Ueberzeugung immer mehr und mehr auf, dass die Judenfrage eine Frage auf Leben oder Tod geworden ist. Und deshalb erwacht in unserer Jugend ihr Pflichtgefühl, das sich mit der grossen Bewegung für unsere nationale Zukunft identifiziert. Und welche Lücke hat die Bewegung im Leben so mancher junger Leute ausgefüllt! In L e e d s haben wir z. B. einen Verein B n e i - Z i o n , der hauptsächlich aus jungen Arbeitern besteht. Der Verein existiert erst zwei oder drei Jahre. Er hat am Beginne seiner Existenz nur wenige Mitglieder gehabt, jetzt zählt er ungefähr 400 Mitglieder, hat ein ausgezeichnetes Lokal, eine sehr gute Bibliothek und einen vorzüglichen Chor. Diese „Bnei-Zion" haben mehrere Hunderte Shares verkauft, grosse zionistische Propaganda-Meetings abgehalten, regelmässige Vorlesungen, hebräischen Unterricht usw. eingeführt. Und mit welcher Hingebung arbeiten siel Wie glücklich war ein junger Mann, der vor kurzem zu mir kam und mir mit Stolz zeigte, dass er an einem Tage für 48 Schilling Nationalfondsmarken verkauft habe. Was aus diesen jungen Leuten geworden wäre, wo sie ihre Ideale suchen würden, kann niemand sagen, aber wenn man sich vergegenwärtigt, dass der gewöhnliche jüdiscf^e Arbeiter sich kopfüber ins Kartenspiel und Wettrennen stürzt und davon ganz eingenommen ist, während sein zionistischer Genosse über Zangwills Rede enthusiastisch diskutiert, da muss man schon seine eigenen Schlüsse ziehen. Der Zionismus hat unsere Jugend regeneriert Und wie sonst könnten Juden verschiedener Zunge, Sitten und Lebensanschauungen sich so herzlich einer gemeinsamen Sache widmen, zu einem gemeinsamen Ziele hinstreben? Vor einigen Tagen sprach ich in einer zionistischen Versammlung zu Bradford. Die Zuhörerschaft trug einen kosmopolitischen Charakter und war sehr interessant. Verschiedene Redner brachten ihre Meinungen über verschiedene zionistische Fragen zum Ausdruck. Als ich den Rednern zuhörte, erwachte in mir der Gedanke: Könnte denn etwas anderes als ein Wunder diesen Vorsitzenden, einen Doktor von der Reformpartei, diesen in England geborenen Jüngling, der nur seine Muttersprache spricht, und diesen polnischen Immigranten, der nur seinen Jargon versteht, alle diese Menschen aus aller Herren Ländern hier vereinen und ihren Hoffnungen und Gefühlen beinahe denselben Ausdruck verleihen? Was immer die Gegner über die praktische Möglichkeit unserer Bewegung sagen mögen: das eine müssen sie zugeben, dass der Zionismus der einzig mögliche Weg zur Vereinigung der Juden aller Länder und Meinungen ist— und dass es für ein vereintes Volk keine Unmöglichkeit gibt. Also, alle diese Umstände in Betracht gezogen, machen wir in England sehr befriedigende Fortschritte, obwohl der Fortschritt noch viel rascher vor sich gehen würde, wenn ..., aber es gibt so viel „wenn's", dass ich es lieber auf meinen nächsten Brief verschieben will. L e e d s. P. M. R a s k i n. Sanitäts-Inspektor. ^pibtioe. Sehr geehrte Redaktion! In der letzten Zeit kamen viele arme Juden nach Zürich mit Empfehlungen von einzelnen bekannten Zionisten und auch zionistischen Vereinigungen in Deutschland, Oesterreich u. s. w. Ich finde es als einen Fehler, wenn hervorragende Zionisten oder zionistische Vereinigungen an Einzelpersonen Empfehlungen ausstellen. Der Zionismus kann dem Einzelnen nicht helfen. Das Ziel der zionistischen Bewegung ist, dem Elend der Masse abzuhelfen. Die vielen