Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Article
- Eine Aussprache zwischen Zionisten und Sozialdemokraten
- Date
- 1903-06-12
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 24 ,101© & Seite 5 möglichen Parteien unterzukriechen und sich wie 1848 unbedankt fdr fremde lieale aufzuopfern, sich selbst helfen und ein freies Vaterland, einen Hort für ihr Volkstum und ihre Kultur erkämpfen — Zion! Nach dieser Rede hatte die beiderseitige Erregung eine solche Höhe erlangt, dass Ellenbo gen nicht mehr das Schlussworfc erhalten konnte und die Versammlung ohne Annahme der von den Veranstaltern geplanten revolutionären Resolution geschlossen werden mustte. Kein Unglück! Nicht mit Resolutionen ist unserem Volke zu helfen, sondern bloss durch nüchterne, von innerem Feuer durchgiünte zionistische Arbeit. Dr. Zweig. Zwei Berichte. Die Wiener Arbeiter-Zeitung", deren jüdische Redakteure keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ihre krasse Unkenntnis und wütende Feindschaft in allen das Judentum betreffenden Fragen zu dokumentieren, hat in der Nummer vom 9. Juni wieder einmal das dringende Bedürfnis verspürt, die Genossen von neuen jüdischen Greueltaten zu unterrichten. Wir lassen den famosen Bericht wörtlich folgen, denn es wäre ein Unrecht, diese Lumperei nicht tiefer zu hängen. Die Stammes¬ und Gesinnungsgenossen des Herrn Dr. Ellenbogen, dem jüngst erst Herr Pernerstorf er in öffentlicher Versammlung ein paar gesunde moralische Ohrfeigen versetzt hat, schreiben also: Jüdische Fanatiker und Hetzpfaffen im Dienste der russischen Polizei. Man schreibt uns aus Russland; Die Nachrichten, die uns aus Odessa zukommen, sind für die Haltung der bürgerlichen Judenschaft nach den -Ereignissen von Kischenew höchst bezeichnend. Es zeigt sich eine rührende Harmonie zwischen den Rabbinern und den Spitzen der jüdischen Gesellschaft einerseits und zwischen der russischen Polizei und Gendarmerie andererseits. Sie alle bezeichnen einhellig die Sozialisten als die Schuldtragenden an den Ereignissen in Kischenew. Jene Schreckens tage seien die Strafe Gottes für das Einreissen der religiösen Gleichgiltigkeit unter den Juden. Mit Zustimmung der Regierung wurden in den Synagogen Gottesdienste für die Getöteten in Kischenew abgehalten. Die Unternehmer und Kaufleute schickten ihre sämtlichen Arbeiter ins Bethaiis, obwohl es ein Arbeitstag war. In den Predigten forderten die Rabbiner die Gläubigen auf, ihre sozialistischen Brüder zu denunzieren, ja, es wurde den Eltern als heiligste Pflicht ans Herz gelegt, selbst ihre, Kinder, wenn sie Soizalisten wären, der Polizei auszuliefern. In der Tat liessen sich auch viele Juden dazu verleiten, diesen niederträchtigen Aufforderungen ihrer Hetzpfaffen Folge zu leisten; so zeigte ein Vater seine eigene Tochter an, die jetzt im Gefängnis schmachtet. Die traurigste Rolle spielten jedoch dabei die Zionisten. Während andere bürgerliche Zeitungen auf die wahren Schuldtragenden an dem Massacre hinwiesen und die Regierung anklagten, verbreiteten die Zionisten Flugblätter, worin sie sagten, die absolutistische Regierung habe mit der Sache nichts zu tun, und sie bildeten freiwillige Hilfstruppen der Polizei bei den Verfolgungen der Sozialisten. Es waren Manifeste der jüdischen sozialdemokratischen Partei erschienen, die die Arbeiter aufforderten, sich zum bewaffneten Widerstand zu organisieren. Tatsächlich bildete sich auch hier eine Volkswehr, ähnlich wie in anderen Städten. Die Zionisten iedocli gründeten zusammen mit den „Unabhängigen44 — so nennt man die Organisationen, die unter dem Schutze und im Dienste der Regierung stehen — ebenfalls eine solche Volkswehr. Der Obmann dieser „Unabhängigen" brachte schliesslich den Zionismen nur zu leicht bei, man müsse am 1. Mai gegen die demonstrierenden sozialistischen Arbeiter vorgehen, sobald die Polizei dazu auffordern würde. Demonstrationen fanden nun in Odessa am 1. Mai nicht statt, wohl aber wurde eine geheime Versammlung von 300 sozialistischen Arbeitern ausgekundschaftet, und bevor noch Polizei und Kosaken zur Stelle waren, wurden die Arbeiter von regierungstreuen Juden überfallen und tätlich misshandelt. Die alsbald erschienenen Kosaken hieben dann, unterstützt von diesen Juden auf die Arbeiter ein, von denen eine ganze Anzahl, 20 Juden und 10 Christen, verhaftet wurden. So sehen wir denn, dass die Klassengegensätze unter dem Eindruck der Ereignisse in Kischenew noch schärfer hervortreten und dass die sonst so demokratisch tuenden jüdischen bürgerlichen Elemente jetzt ihre wahre Gesinnung hervorkehren.44 Die grenzenlose Dummheit des Berichtes, der jüdische Eltern beschuldigt, die eigenen Kinder den Schrecken Sibiriens ausgeliefert zu haben, und der dabei auch gleich den Zionisten eine unverschämte Verleumdung anhängen möchte, wird am besten illustriert, wenn wir einem Odessaer Gesinnungsgenossen, der während der kritischen Zeit in Odessa war und jetzt in Wien weilt, den Sachverhalt erzählen lassen. Herr Ing. B. berichtet: Als die Nachricht von den Kischenewer Schändlichkeitcii nach Odessa kam, erregte sie natürlich unter den Juden grenzenlose Bestürzung und Verzweiflung. Mau befürchtete nicht ohne Grund, dass auch die Odessaer in ähnlicher Weise den Juden ihre brüderlichen Gefühle zu erkennen geben möchten. Es ist eine dumme Lüge, wenn man jemandem einreden will, dass es sich in Kischenew um ei?ien Ausbruch der Verzweiflung der Arbeiter gegen die Besitzenden oder um eine Demonstration gegen den Zarismus gehandelt habe. Die Betroffenen waren nur Juden und nicht einmal reiche Juden. Dass man gegen Unterdrückung protestiert, indem man die Allerunter.drücktesten massakriert, das kann nur ein vollkommen verbohrter Parteimann, sicher aber nicht ein logisch denkender Mensch behaupten. Merkwürdig! Gegen die Regierung soll demonstriert worden sein! Und die Mörder und Plünderer sagen ja vor dem Gerichte geradezu aus, sie hätten geglaubt, .dass es der Regierung recht sei, wenn sie die Juden erschlügen und ausplünderten. Doch mit diesen zur Verdummung der diversen Parteigehirne erfundenen Märchen will ich mich gar nicht weiter befassen. Anders ist es mit dem angeblichen Berichte, den die „Arbeiter-Zeitung" aus Odessa erhalten haben will. Ich kenne den Gewährsmann der Zeitung nicht, aber ich wette, um was man will, dass es ein Jude ist, der den Bericht gemacht oder inspiriert hat. Natürlich ist der saubere Berichterstatter ein ganz gewöhnlicher Lügner. Die Zionisten waren es, die alle Juden aufforderten, sich zu verteidigen. Die Herren vom „Bund'4 wollten aber nicht mittun und meinten, man solle das Volk lieber autklären. Als man die Weisen fragte, wie sie im Augenblicke der Gefahr diese Aufklärung durchführen wollten, antworteten sie mit ihren sattsam bekannten Phrasen. Ja, sie entblödeten sich nicht, als man sie gebührend abfertigte, zu drohen, dass sie die Zionisten denunzieren würden. Es blieb allerdings bei dieser Drohung. Dass sich die Zionisten nicht für die revolutionäre Propaganda begeistern wollen, ist wahr. Die russischen Juden kommen allmählich zur Einsicht, dass sie immer nur für andere die Kastanien aus dein Eeuer geholt haben. Sie sind der schonen Phrasen derjenigen müde, die für das jüdische Volk nur empfinden können, wenn es für sie,bluten soll, die aber selbst sein Unglück nur dazu benützen, um ihrem Parteifanatismus zu iröhnen. Trotzdem ist es unwahr, dass sie der Regierung Denunziantendienste leisten. Unwahr natürlich, dass die Zionisten freiwillige fiilistruppen der Polizei waren. Doch es ist ja lächerlich, überhaupt solchen Unsinn ernstlich zu widerlegen. Wir Zionisten können sagen, dass wir in der Stunde der Gefahr treu zu unserem Volke gestanden sind. Die Bundisten und ihre Gesinnungsgenossen sind die letzten, aber auch wirklich die allerletzten, die gegen jemand den Vorwurf erheben dürfen, dass er volksfeindlich sei. Sie und ihre verderbliche Tätigkeit tragen die Schuld, wenn so viel jüdisches Blut in Russland nutzlos vergossen wird und wenn die Regierung ihr Misstrauen gegen die Juden bis zur Verfolgung gesteigert hat. In Kischenew haben uns die russischen Arbeiter gezeigt, was die Juden von ihrer Herrschaft zu erwarten hätten. Mit Menschen, die solche infernalische Schandtaten gegen Juden begehen können, nur weil sie Juden sind, mit solchen Leuten wollen wir und werden wir nichts gemein haben. Eine Interpellation betreffs der Kischenewer Vorgänge im österreichischen Parlamente. Der österreichische Ministerpräsident wurde in der Sitzung vom 8. Juni von den Abgeordneten Dr. Omer, Dr. Straucher und Genossen betreffs des Kischenewer Massacres wie folgt interpelliert: „Unsere Zeit ist leider allerorten von Leidenschaft, von nationaler und konfessioneller Feindseligkeit, von Rassen- und Klassenhass erfüllt. Dennoch steht die Bluttat von Kischenew ohne Beispiel da. In einer Stadt von 150 ODO Einwohnern mit einem starken Polizeistande und einer grösseren Besatzung konnte eine Bande von einigen hundert Mann nach Gefallen rauben und morden. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat ein Mitglied seines Zentralkomitees nach Kischenew entsendet, aus dessen Aufnahmen sich folgende Sachlage ergibt: „Die Zahl der zerstörten Mäuser beträgt in runder Summe 700, ausserdem sind 600 Geschäfte zerstört. Die Zahl der Menschen, die obdachlos geworden sind, ist auf 10 1)00 Personen oder 2(501) f*amilien zu schätzen. Auf der Stelle wurden bei den Massacres 45 Personen getötet, 84 schwer, mehr als 500 leicht verwundet.