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Die Welt · 1903-06-12 · 24 (12.6.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
24 (12.6.1903)
Article
Ein Vorschlag
Date
1903-06-12
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 24 allen Städten, in denen Juden wohnen, diesen Beschluss gefasst hat, ist für die jüdische Psychologie bezeichnend und ich will sofort die Erklärung hiefür geben. In den letzten Jahrzehnten war Odessa mehrmals derSchauplatz ähnlicherEreignisse, wie sie vor kurzem inKischenew stattgefunden haben. Freilich, was in Bezug auf Bestialität in Kischeliew geleistet wurde, das haben sich seinerzeit die Odessaer Plünderer noch nicht träumen lassen. Auch bei Juden-Massacres gibt es eben einen Fortschritt. Uebrigens will ich den Ruhm der Plünderer und Räuber von Odessa nicht verkleinern. Auch sie haben einen glänzenden Beweis ihrer Liebe zu ihren jüdischen Mitbürgern, respektive zu deren Habe erbracht. Wer einmal diese Hordel gesehen hat, wenn sie, berauscht von Fanatismus und Alkohol, Klaviere und sonstige Einrichtungsstücke aus den obersten Stockwerken auf die Strasse warfen, wer es miterlebt hat, wie sie die Gassen durch Bettfedern in eine winterlich aussehende Landschaft verwandelt haben, dem gehen begreiflicherweise die Nachrichten von Kischenew ganz anders zu Herzen als den übrigen Juden. Die Aussicht, Bettfedern statt Eingeweide in den Bauch zu bekommen, ist nicht darnach angetan, dass sie die Lust zum Theaterbesuch besonders anregen könnte. Und wenn das Haus des nächsten Nachbars brennt, so hat man nicht das Verlangen nach Bällen oder anderen Lustbarkeiten. Das ist der psychologische Grund des Beschlusses der Odessaer Judengemeinde. Immerhin bleibt der Beschluss der Odessaer Juderigemeinde eine würdige Manifestation und es wäre sehr zu wünschen, dass auch die Juden anderer Gemeinden in ähnlicher Weise ihrer Sympathie und ihrer Trauer Ausdruck geben möchten. Das wird der würdigste Protest gegen die Schandtaten von Kischenew sein. Noch eines aber sollen wir aus den letzten Ereignissen lernen. Es ist ganz nutzlos, wenn wir anderen Völkern einreden wollen, wir seien Fleisch von ihrem Fleische und Blut von ihrem Blute. Das russische Brüderchen hat sich dadurch ebensowenig abhalten lassen, über die Russen mosaischer Konfession herzufallen, wie früher die Tschechen in Prag, die Deutschen in Xanten und Könitz, die Polen und Ruthenen in Neu- Sandez und an anderen Orten, die Deutschen und Tschechen in Polna und Umgebung, die Franzosen in Paris und Rennes etc. ohne Grazie ins Unendliche. Wenn sich mancher Jude anstrengt, demonstrativ zu zeigen, wie wenig er mit der übrigen Judenheit zusammenhängt, und dadurch quasi begreiflich machen will, dass er ein guter Deutscher oder Franzose ist, so glaubt ihm das keiner, und nicht mit Unrecht, denn aus einem schlechten Juden kann man keinen guten Deutschen oder Franzosen machen. Wenn wir noch so Hervorragendes auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Könnens hervorbringen, wir sind dennoch überall gehasst und verachtet und, was schlimmer ist, ohnmächtig, uns gegen unsere Feinde zu wehren. Die Assimilation hat nach und nach alle Bande der Zusammengehörigkeit zerrissen, hat es nur verstanden, Intelligenzen zu züchten, nicht aber Charaktere heranzubilden. Hier liegt die grösste Aufgabe des Zionismus: Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden muss gestärkt werden, sie müssen wieder lernen, sich einer Disziplin zu unterwerfen. Ohne diese beiden Vorbedingungen ist an ein Gelingen unseres Werkes nicht zu denken. Und was nun die Manifestation anlässlich der Kischenewer Greueltaten betrifft, so könnten wir wenigstens dadurch würdig protestieren, dass wir durch einige Monate hindurch das Theater und andere Belustigungen meiden. Der Effekt wäre nicht nur von grosser ethischer Wichtigkeit, sondern auch für manche Antisemiten eine gesunde Lehre. Ich schlage daher vor, wir Zionisten mögen mit gutem Beispiele vorangehen und mindestens eine dreimonatliche Nationaltrauer ob der an unserem Volke begangenen schamlosen Verbrechen beobachten. Die ersparten Beträge mögen zum Teil dem Nationalfonds, zum anderen Teile dem Fonds zur Versorgung der Waisen der Kischenewer Märtyrer zugeführt werden. J. K. Eine Aussprache zwischen Zionisten und Sozialdemokraten. Die Wiener Sozialdemokraten hatten, einem Winke ihres Brüsseler Zentralbureaus folgend, für den 3. Juni eine Versammlung einberufen über „Kischenew", und da dies allein zu jüdisch ausgesehen hätte, zugleich auch über „Finnland". Trotzdem blieben die Juden unter sich — die Arbeiterschaft war solidarisch ferngeblieben, Abgeordneter Dr. Ellenbogen, ein berüchtigter Assimilant, versuchte dem Massacre den antisemitischen Charakter möglichst zu benehmen; die Hetze sei vielmehr von dem durch die Revolution bedrängten Zarismus arrangiert worden, um einerseits die Volksleidenschaften auf die verachteten Juden abzulenken, andererseits die jüdisch-revolutionäre Arbeiterschaft selbst zu treffen. Diese, von der feigen jüdischen Bourgeoisie im Stiche gelassen und denunziert, habe nach der Massacre ein Manifest mit schärfster Betonung der Klassengegensätze erlassen. „Und wahrlich, die bürgerliche Fälschung der Tatsachen ist umsomehr zu verurteilen, als sie die Richtung des Hasses von den eigentlichen Urhebern der Greuel ablenkt. Die Pflicht der Internationalen ist es, entschieden diejenigen zu verurteilen, die es heute noch wagen, zu feigem Zurückweichen, ja auch nur zur Untertänigkeit zu raten. Darum nieder mit dem Zarismus!" Schon während dieser Rede kam es wegen des stellenweise stürmischen Widerspruches der zahlreich anwesenden Zionisten zu Zusammenstössen. Der sozialistische, aber arische Abgeordnete Pern e rs t orf er wendete sich nach kurzer Besprechung der finnischen Verhältnisse, wo ein kleines Volk den heiligen Kampf für seine Kultur kämpfe, gegen seinen Kollegen Ellenbogen. Alle Juden der Welt hätten Recht und Pflicht, über das nationale Unglück von Kischenew zu trauern. Die Juden haben auch hierlands Ursache* sich als Juden zu wehren. Er würde sich der Zugehörigkeit zu diesem Volke nicht schämen, das sich zwei Jahrtausende lang trotz eines Meeres von Blut und Tränen erhalten habe. Der Zionismus, zu Freiheit und Volksentwicklung führend, könne ihm nicht unsympathisch sein. Die Sozialdemokratie müsse Knechtung bekämpfen, wo immer sie sie treffe. Der deutsche Pernerstor fer, der seinen jüdischen Parteigenossen eine solche Enttäuschung bereitete, wurde von den Zionisten demonstrativ bejubelt. Nach einer Ansprache seitens des ruthenischen Studenten Losinski polemisierte der Zionist Nathan Gross, Obmann des Wiener allgemeinen jüdischen Arbeitervereines, trotz des immer mehr anschwellenden Tumultes, scharf gegen Ellenbogen und die revolutionäre Propaganda. Er führte aus: Jedenfalls hat der Wink von oben das Voik wie immer mordbereit gefunden gegen uns Juden, und zwar ohne Unterschied der Klasse. Die wenigen jüdisch-revolutionären Arbeiter dürfen, da ja selbst die gesamte jüd is«ehe Arbeiterschaft Russlands bloss 3% der Jadenschaft betrage, die gan^e Judenschaft nicht in ihre Händel und Leiden verstricken, und von den auswärtigen Sozialdemokraten sei es direkt gewissenlos, durch ihren blossen Applaus die jüdischen Arbeiter in ,ein,en aussichtslosen Kampf zu hetzen. Und wenn schon die russischß Konstitution erkämpft wäre, würde Freund Kruschewan gewiss als Volksführer und Abgeordneter paradieren, wie anderwärts L ue ger, Ahlwardt und P r um o n t. Selbst in Oesterreich, wo jüngst erst der Entr.eehfcungsjantrag Herzog nur mit Hilfe der antisemitischen Tschechen und und Polen abgelehnt werden konnte, müssen die Juden bei der Regierung Schutz vor dem Volksparlament suchen, Und da auch die Sozialdemokraten keine „Judenschutztruppe" sein wollen, müssen die Juden, statt feige bei allen

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