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Die Welt · 1903-06-05 · 23 (5.6.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
23 (5.6.1903)
Article
Brüssel [Nachricht]
Date
1903-06-05
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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23 „Die # Welt" S-eite 11 wiren M,Leo Enera, Abgeordneter Wandervelde uM Senator Demi Ion. Der Saal erzitterte von den Entrüsiungsreden, das Jublikum war tief bewkgfe und es wurde eine Kesöhifcfon aujg-önommen, die der Pariser ähnlich ist un4 die dahin lautat3 dass Frankreich seinen Einfluss auf RiESsland verwende uiid durch das Schweigen nicht gleichsam mitschuldig an ien russischen Grausamkeiten werde. — In Frankreich abo scheint man nicht iLberall gleicher Stimmung zu sein, Während in Russland das Blut der Juden zum Himmel schreit, stösst M. Paul Bourget, äer belcannte Schriftst«ILer, der einen merkwürdigen Entwicklungsgang vor den Salons der jüdischem häüte-finance, woi sein Euhm begründet und über Gebühr verbreitet wiirde, zu den Jesuiten und den äussers-ten Klerikalen dm chgemacht hat, «inen Schlachtruf aus Jk bas les Juifs". Und nach ihm stimmen den Ruf alle sein© neuen freunde Drumont, der Etoyalist, M. de MonUsquiou und aaiere an. M. ßoniget, der mit den „Messooges? (Lügen) bejg-ozmen; hat, will seinen im Sterben begriffenen Ruhm mö ,MensongesÄ erhalten. Aber diesmal sind die Lügen uiuästhetisch, kürzlich, ..aber nicht künstlerisch, und wir bemieiden nicht den »rmen B o ar g e t, dessen Schwanenlied so häuslich klingt. In Montpellier veröffentlichte die beste Zeitung Siiafrankreichs „Petit Meridional" Artikel voll Empörung gegen die Kischen^wer Barbaren und voli Mitleid mit den arimen Opfern der russischen Intoleranz Es wurde ein Komitee zur Hilfeleistung für die Kiöcheiiewer Juden gegründet, in dem <lie bedeutendsten Männer der Provinz siUen, zum Beispiel Professor Baumel, Professor Rist, Professor Cliarmont, Advokat M. i 1 h a u d, der Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät Professor de Rib'Uville, der Dekan der juridischen Fakultät Professor Vi gie* u. s. w. Auch Studenten und Studentinnen nehmen aiL der Agitation Ubhaften Anteil, darunter auch die aus Kassian d, zum Beispiel Mlles. Bass und ~M i r k i n e. Kischenew. U«e~ber die gegenwärtige L&ge der Juden in Kts-chenew berichten die „Petersburgskija Wjedemosti" Einzelheilen, welche die ganze Bitternis ihrer Lage beleuchten. Die arme jüdische Bevölkerung, welche vor dein Massacres sich kümmerlich fort.bra.chte, ist jetzt ohne Obdach, ohne Nahrung, ja sogar olsne nötige Leibwäsche . , . Die Mädchen der wohlhabenden faden arbeiten jetzt vom frühen Morgen bis spat in die Nacht hinein, um für die Armen »ad Unglücklichen Hemden zu nähen - . . Die armen jüdischen Arbeiter und Handwerker wurde« . mit den nötigen Werkzeugen versehen, aber sie finden keine Arbeit, so dass sie förmlich hungern missen, weil die Hilfs-Komitees nicht in der Lage sind, die allgemeine g_rosse Not au lindern ... Kischenew. Wie die offiziellen „Bessa_rabskija Gubernsktja Wjedemosti" melden, wurde der Polizeikommissär von Kischenew, Kosakerioffizier Manschenkow, seines Amtes enthoben und durch den Potizeichef von Ghotin, Bronikowski, ersetzt, Die Leitung des Gouwe rnements Bessarabien aber hat der bisherige Vize-Gouvernein r von Kischenew, W. Ustregow, iibernommen, der währeind der Massacres in der Stadt anwesend und ständiger Mitarbeiter des bekanntey.Bessarabetz" ^ar . . . Warschau. FLlchtlinge aus Kischenew "treffen fast täglich im Warschau ein, iimn dort ständigen Aufenthalt zu nehmen. Viele reiche Juden liaben sich bereit erklärt, für die hinterbIi ebenen Kinder der Kischenewer Märtyrer t>is zu ihrer Ausbildung zu sorgen. Gleichzeitig fasste dieJitösige Judenschaft dem Beschluss, zum Zeichen der Trauer während dreier Monate k«eine Theater und Konzerte zu besuchen. I>ie „Nowosti" konstatieren, dass in der Theatern zu Warschau jetzt keine Juden zu sehen sind. Libau. Wie dei „Libawskij Listok" meld-et, hat die jüdische Aaswanderung aus Russland unter dem Einärucke der KischelHw.er Katastrophe sich bedeutend verstärkt. In der letzten Woche haben sich im Hafen von Libau 2000 Juden eingeschifft, inn nach Amerika auszuwandern. Schitomir. Wie die Zeitschrift „Wolliyri" meldet, bilden sich im Gouvernernerit Wolhynien Gruppen von jungen Juden siam Zwecke der Auswanderung nach Bulgarien. Das Blatt bemerkt dazu, die Ereignisse von Kischenew hätten unter den laden solchen Scfcr ecken hervorgerufen, dass sie überallhin fluchten wollen, um nur nicht in Russland bleiben zu müssen**.. Petersburg. Im Auftrage der Regierang hat die * Verwaltung von Bessarabien eine Kundmacliung erlassen, in welcher der Bevölieruhg unter der Androhung einer Freiheitsstrafe in der Dauer von drei Monaten strenge untersagt wird, Waffen welcher dattung immer bei sich zu tragen oder im Hause zu halten. Diese Verfügung richtet sich vornehmlich gegen die jüdische Bevölkerung von Kischeaew, welche unter dem niederschmetternden Eindrucke der Massenmorde von laden in Kischenew sich mit Waffe» versehen \vd Ite, um im Falle einer Wiederholung dieser Blut taten sich wenigstens verteidigen zu können, gt. WdNgbi-ODik- Für Kisctiemew. Die Aufregung in Amerika, wegen der Kischenewer Exzesse ist ungeheuw. Amerika z&igt auch in Ätesem Falle, dass es den grossen Prinzipien seiner Freiheitskämpfer Washington und Fi'anklin treu geblieben \sAm Meetings auf Meetings, eine Versammlung nach der »äderen werdoM abgehalten, die grössten Männei Amerikas, zsinm Beispiel der Ex-Präsident der Vereinigten Staaten Mir. Cleve!and, die hohe Geistlichkeit, alle exlieben ihre Stimme gegen die Barbaren. Die anieril^nische Regierung bekommt täglich eine Unzahl von iResolfttioneri, die dahin Stelen, dass die Regierung Russland ülier di« Vorfälle in Kischenew und die Behandlung <kr Juden übeirliauipt Vorstellungen mache. Die Regierung s-chenkt diesen Wünschen der Nation ein aufmerksames Geh*) r und sucht einen Modus, wie sie zu befriedigen wären. Jedenfalls hat di& allgemeine Entrüstung in Amerika auf dieleilenden Kreise in Russland einen" sichtlicl-en Eindruck gemacht. Russlan«L versuchte BO;gar 'durch seinen Botschafter Grafen Cassini die Geschehnisse schlechthin zu leug»«en. Dieses D ementi hat aber die Ernf örung Amerikas ikoch vergrössert und die g anze öfientlitelie Meinung brandmarkt mit Verachtung den ferafen C as sin u Kindervergliftung. Aus Privatbiiefen aus verschiedenen Städten Russlands, z. ß. aus Odessa, Uman m. s. w. erfahren wir von einem neuen Mittel, das di« russischen Antisemiten gegen die Juden in Anwendung bringen : Es wurde in den letzten Tagen bemerkt, dass jüduehe Kinder flötzlich sterben oder schwer erkranken. Man ging den Ursachen nacl und fand, dass <lie Kinder Bonbons, die auf den Strassen lagen und rergiftet waren, gegessen latten. Es stellte sich heraus, dass derartig« vergiftete Bonbons tägli<j3i in den Strassen, wo ausschliesslich Juden '«wohnen, ausgestreut werden, um dadurch die jüdischen Kinder zu vergiften ... Zu solchen Mitteln greifen Menschen *W zwanzigsten Jahrhundert, diejenigen, dies sich erireohen, *die Juden des Ritualmord-es zu beschuldigen! Aus Bukarest sendet ein Berichterstatter der „Voss. Ztg.4' las Faksimile eines Plakates, dessen Original am Freitag und Sonnabend vor den orthodoxen Ostcirfeiertagen durch die Polizei in Kischene-w in tausenden von Exemplaren verteilt worden war. Das Plakat zeigt einen Christuskopf mit der Dornenkrone und trägl die Aufschrift: „Gottes Strafe gegen die Bilderfrevler!" Unter dem Christuskopfe Ist eine in biblischem Stile geschriebene kLeine Erzählung zu lesen, die et\ua so lautet: «Nächst dem Jadenviertel wohnte einst in einem Häuschen ein Christ, der, aLs er auszog, an der Wand seines Zimmers ein geschnitztes Bild des Erlösers aus Vergesslichkeit hängen liess. Nach dem Christen zog ein Jude in das Haus, und als dieser von Glaubensgenossen Besuch erhielt, vurde das Bild bemerkt. Die Juden erinnerten sich, dass ihre Vorfahren einst den Heiland ans Kreuz gebracht hatten, und sie glaubten,-mit dem Bildnisse ebenso verfahren zu müssen, wie ni it dem Sohne des Menschen vor zwei Jahrtausenden auf Golgatha. Sie bespien also das Bild, stachen e;s mit Nägeln und Dornen und hieltcm ihm ein in Essig getauchtes Tuch an die Lippen. Und siehe da, mit einem Male begann Ifcs Bild, ganz wie eins-t der Leib Jesu, zu bluten, und das Blut tioff stundenlang, so Aass tropfenweise ein ganzes Qefäss voll damit wurde. Nun ersclraken die Peiniger, und um Oott zu -versöhnen, gingen sie hin and bestrichen mit dem Blut die Wunden itirer Kinder und die Schwächen ifirer Kranken. Und alle wurden geheilt. Darauf gingen viele Juden zum Bischof, der s-ie taufte." So weit die Erzählung. Das Bemerkenswerteste aber an dem Plakate ist, dass es folgende Unterschrift trägt: „Moskau, im Hanse des Klosters zum heil. Macarhjs, Grosse Lubianka-Strasse. Gedruckt durch das Beichtkomitee des Heiligen Syiiods zu Petersburg, am -4. Februar 19W-. Der Zensor : Alexander Jeremonach." Die „Lustigen Blätter" in Berfin bringen Folgende gelungene Zusammenfassung der zahllosen offiziellen Erklärungen -über die rumänische Judenfra^e: Rumänische Erklärung d e s P r e m i e r m i n i s t e r s: Es ist niclrt wahr, dass iiir die rumänischen Juden ein Sonitrgesetz existiert. Sie werden ebenso b&kandelt, wie alle. Sie zahlen Stexern wie alle Inländer. Sie dürfen keine festen "Wohnsitze erwer l*en wie alle Ausländer. &ie dienen im Militär wie alle Inländer. Sie können ausgewiesen werden wie alle Auslänltr. Sie bekommen E i n quartierung wie alle Rumänen. Und persönliche Aus quartierung wie alle Nichtrumänen.

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