Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Article
- Die Lehren der Judenkrawalle
- Date
- 1903-06-05
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 23 •,DIe W,elt" Seite 7 grosse Anzahl „Russen mosaischer Konfession". Man schwärmte für alles spezifisch Nationaliwssische und nannte den christlichen Mitbürger einen „echten Bruder". Da brach es plötsliich wie ein Gewitter am heiteren Tage los. In einem Nu wurd-t der „Bruderglaube" vernichtet und der Optimismus brach jäL zusammen. Eine niederschmetternde Enttäuschung und grenzenlose Verzweiflung bemächtigte sich der Hoffnungsvollen. Die „echten Brüie:r" fielen zu Beginn der Achtzigerjahre in verschiedenen Städten Südrusslands iber die Juden her und rannten ihnen in grausamer Weise Gut und Blut. Die „Russen mosaischer Konfession" waren wie von einem Blitzschlage getroffen und sahen si-ch piötzlich in einen entsetzlichen Abgrund geschleudert. Mit Orauen erkannten sie, dass sie unter allen Umständen als vollwertige, oder besser gesagt, als minderwertige Juden galten, s-elbst, wenn sie alles getan hatten, um ihr Judentum zu verleugnen. Da begann eine neue Epoche in der Entwicklungsgeschichte der russischen Judenheit: die Chowewe-Zion-Bewegung-setzte ein, die in dem neuerwachten Selbsttewusstsein der jüdischen Bevölk& r ung wurzelte und danach strebte, für die elenden Brüder eine Zufluchtsstätte — wenn auch keine „öffentlich-rechtliche" — in Palästina zu erwerben. Damit wurden iie ersten Grundsleine für den modernen Zionismus gelegt. Tatsache ist, dass manchen Führern der damaligen Bewegung sogar das Ideal eines jüdischen Gemeinwesens Lm heiligen Lande tmit politischem Charakter als fernes EndzEesl vorschwebte, wie dies sich besonders bei Pinsker zeigte. jWber das blieb bloss, ich möchte sagen subjektive Auffassung. Hinsichtlich der praktis-chen Tätigkeit und „offiziell" war die Chowewe-Zion-Bewesrung lediglich auf kolonisatorische Arbeit gerichtet. Diese wai jedoch, trotz ihres wohltätigen Charakters, durch und durcli auf dem nationalen Prinzipe fundamentiert. Die Bewegung nahm zunächst einen gewaltigen Anlauf und drang mit überraschender Schnelligkeit in die verschiedensten Volksschichten ein; sie Hess jedoch bald nach und verlor zusehends an Intensität und Ausdehnung. Die Ursachen hierfür \raren die Misserfolge in der überstürzten Kolonisationstätigkeit in Palästina, vor allem aber der Mang&l an politischer Schulung und organisatorischer Begabung bei den Führern. Nationale Arbeit ohne nationale Organisierung der Volksmassen ist eben nicht möglich. Diese Aufgabe Hieb dem modernen Zionismus, wie er in Basel proklamiert worden ist, vorbehalten. Es musste eil? solcher politisch gesekEiter Organisator wie Herzl kommen, der die Organisierung «der jüdischen Volksmassen als Grundlage für die nationale Arbeit in die Wege leiten, der ihr neue Bahnen vorzeichnen konnte. So entstand nun eine Volksbewegung, die sich nach den entferntesten Ländern hin verbreitet hat und in verhältnismässig kurzer Zeit zum bedeutendsten Faktor inneriaalb der gesamten Judenheit geworden ist. Aber während ein grosser Teil unserer Biiider sich dieser Bewegung, von de* sie eine endgiltige Lösung: der Judenfrage erhoffen, mit Begeisterung angeschlossen hat, wird sie andererseits von ver schiedenen jüdischen Kreisen selbst aufs heftigste bekämpft In erster Reihe wird deB* Zionismus befehdet, weil er — jüdisch ist. Die „Staatsbürger mosaischen Glaubens4* sehen in ihm einen Hinderungsfaktor auf dem Wege zur „völligen "Verbrüderung" mit den \srterlandsgenossen. Jahrzehnte hindurch haben sie mit Erfolg daran gearbeitet, die heiligsten Güter des jüdischen Volkes aufzugeben, das eigene Volksbewusstseto zu untergraben und zu ersticken, und schon glaubten sie sicli am Ziele, bloss als „Staatsbürger" zu gelten— das bisschen Antisemitismus ist ja nur eine „vorübergehende Erscheinung"' — und da kommt der Zionismus und „verrät es vor aller Welt", dass die Juden — Juden seien. Das behalte ihnen nicht! Das musste mit allen möglichen Mitteln bekämpft werden! Was sollte denn sonst aus ier so lange ersehnten „Emanzipation'* werden? Und nun kommt ein Pöbelhaufen and liefert ihnen eine unzweideutige Erläuterung der jüdischen „Emanzipation*4 und der „völligen Yerbrüderung" ... Ein halbes hundert Juden erschlagen, einige hundert selrwer verwundet, mehrere hundert verletzt and misshandelt und viele Tausende Ton Juden aii den Bettetelab gebracht — alles „brüderliche" Leistungen. Mit feurigen Zungen sprechen diese Ereignisse. Ihre Sprache entsetzt wie ein Strafgericht der zürnenden Vorsehung. Mit erschütternder Gewalt rn^hnt sie uns zur Selbstbesinnung. Werden sich ilir unsere „Staatsbürger" nicht verschliessen? Werden sie nicht durch sie bis in ihr innerstes Mark ergriffen werden? Wird sie nicht das vergossene Blut unserer Brüder endlich aufrütteSn und ihnen den ganzen furchtbaren Ernst der Situation zeigeil? Werden sie auch jetzt noch unsere elenden, der Willkür des rohen Pöbels schutzlos ausgelieferten Brüder auf die „Emanzipation" vertrusten? Oder werden sie endlich zur Einsicht gelangen, dass esunsere allerheiligste Pflicht ist, für unsere unglücklichen Brüder eine sichere Heimstatte zu erwerben, wo sie "der ewigen Todesgefahr nicht ausg «setzt sein sollen? Nun, 4ie Erreichung solch einer Heimstätte: ist eben — das Ziel des Zionismus. Wenn die Notwendigkeit «1-es Zionismus noch eines Beweises bedinte, so hat ihn die KLschenewer Tragödie in überwältigender Weise geliefert. Mit zwingender Macht zeigen ans die dortigen Judenkrawalle, dass es nur eine Lösung der Ju<Lenfrage gibt: die nationale Selbsthilfe. Berlin Josef Lion. Eine Schwärmerin für Güte. (Zum 9. Juni 1903.) (Nachdruck verboten.) Sechzig Jahre — eine lange Zeit! Aber wenn ein Geistesheld so alt geworden, ohne sich geistig altau fühlen, so ist er eben jung geblieben. In hervorragenckm Masse gilt dies von der Geisteslickliii, der diese Zeilen gewidmet sind — von Bertha v. Suttncr-Kinsky, deren Geist heute, da sie das 60. Jahr ihres bewegten, inhaltsreichen Lebens vollendet, vo-n der gleichen Elastizität ist wie vor einem Vierteljahrhundert, als sie ihre so crfo'ggekrönte literarische Lanfbalii begann. Aber nicht nur ihr hochragender «Geist, auch ihr Herz ist jung geblieben. Die ausserordentliche Begeisterung für alles Edle, Gute, Schöne und Wahre, welche sie stets-erfüllte, hat nichts rem ihrer Glut verloren. Ech glaube, cks-s die Harmannsdorfer Schlossfrau überhaupt nie aufhören könnte, eine Menschlwitsdienstschwärmerin ztil sein, und wem sie hundert Jahre ailt würde, Avas zu werden ich hiermit im Interesse der Menschheit wünschen will. Als ich das Ehepaar Suttner 1885 auf dem "Deutschen Schriftstellertag zu Berlin kennen lernte, wo es wcjren seiner Schönheit, seim-er Zärtlichkeit und seines Esprits Aufsehen erregte, Hess ich mir nicht träumen, dass ich noclmials mit der Baronin enge Freundschaft schlicssen und endlich sogar ein biographisches Werk über sie schreiben würde. Erst flas Erscheinen ihres chefdoeuvre „Die WaffeiL nieder!" 1889) gestaltete unseren Verkehr inniger, denn wir begegneten uns in gleicher Seil würmerei: für den Frieden und gegen den Krieg. Dieses Buch entzückte mich trotz seiner Mängel so sehr, dass ich alsWhl eine deutsche und eine englische BroschÜTOdarüber veröffentlichte. Es war eine Tat, die einem dringenden Zeitbeclürfnisse entsprach und deshalb in so gewaltig vielen. Köpfen auf Widerhall stiess, wie einst Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte". Literarisch höher jedoch stehen ihre in den zwei ersten Auflagen umt-er dem undurchsichtigen, und daher gar seltsam missdeuteten Pseudonym „Jemand" erschienenen „ Zukunf.tsvorlesungeii" unter dem TH<d „Das Ma&eliinenzeitalter" (18&S). Nur zwei oder drei Eingeweihte wnssten und kaum rn&lir andere errieten, wer in Wirklichkeit das herrliche Werk geschrieben hatte. Erst auf .dem Titelblatt der dritten Auflaufe nannte sich die wahr* Verfasserin. Die bedeutendsten Kritiker