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Die Welt · 1903-06-05 · 23 (5.6.1903) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
23 (5.6.1903)
Article
Der "wissenschaftliche" Zionismus
Date
1903-06-05
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „01*1*1 Welt? Nr. 23 Boden, ohne selbständiges ökonomisch-soziales Leben, ohne einheitliche. Volkssprache und -Kultur ist ein Unding, ist wohl ein theoretisches Kompromiss, aber .keine praktische Möglichkeit. Eine viel modernere und glücklichere Antwort auf die uns quälende Frage gibt das Buch von Dr. J. B. Sa p i r: „Der Zionismus, eine populär-wissenschaftliche Darstellung des Wesens und der Bedeutung der zionistischen Bewegung**. Wilna 19Q3 (russisch). Dass das Buch den Bedürfnissen des jüdischen Publikums entspricht, beweist uns d>e freundliche Aufnahme, die ihm zuteil wurde und seine rasche Verbreitung (es erscheint schon in 2. Aufl.). Dr. S a p i r gibt uns in diesem Werke eine sehr warmgeschriebene, stilistisch ausgezeichnete Geschichte der zionistischen Idee und zugleich einen Katechismus des Zionismus. Es ist in informativer und agitatorischer Hinsicht eines ^er besten Werke der zionistischen Ltfcratur, reich an Daten/an Tatsachen, überströmend von Liebe zum jüdischen Volke? und trägt den Stempel wahrer Ueberzeugung, innigen Vertrauens an sich. Und es wird hoffentlich seine Wirkung nicht verfehlen. „Worte, die aus dem Herzen kommen, dringen ins Herz,4' sagten unsere Weisen. Aber wenn wir dieses, Werk als das betrachten wollen, was es zu sein gewiss nicht beabsichtigt, wenn wir, uns an das Wörtlein „wissenschaftlich" imTitel haltend, eine wirkliche wissenschaftliche Beleuchtung und Erklärung des Zionismus erwarten, so werden unsere Erwartungen nicht in vollem Masse befriedigt sein. Das Buch leidet an dem Mangel einer wissenschaftlichen Methode. Es ist ein Durcheinander von Ansichten, Gründen sozialökonomischer, ethisch-religiöser Natur, die zwar an und für sich ganz gut und für den Zweck des Buches, das doch mehr referierend ist, geeignet, doch nicht in die Tiefe dringen, die wichtigsten Fragen entweder übergehen oder nur streifen. Also das Buch, das ich sonst aufs wärmste empfehlen möchte und das auch ins Deutsche übertragen zu werden verdiente, lässt unsere theoretischen Wünsche unbefriedigt. Mit einer grösseren Prätension tritt H. Felix L. P i n - k u s auf in seiner Broschüre, die den anspruchsvollen I itel trägt: „Die, moderne Judenfrage. Von den Grundlagen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und des Zionismus44 (Breslau, Verlag Köbner 1903). Schon dieser Titel besagt uns mehr als nötig wäre, was diese Broschüre bezweckt. Nichts mehr und nichts weniger als die G r u n d 1 a g e n der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und des Zionismus will er aufdecken, und indem er die beiden Namen miteinander so eng assoziiert, müssen wjr nach dem Gesetze der Logik schliessen, dass er beide Dinge wenn nicht für ganz identisch, so doch beinahe gleichbedeutend hält. Während wir an dem Buche Dr. S a - p i r s die Mangelhaftigkeit der Methode bei guter Darstellung auszusetzen hatten, so bemerken wir an dieser Broschüre gerade das Gegenteil. Die Methode, die der Autor anwendet, ist die des historischen Materialismus, also eine wissenschaftliche und, gut angewendet, auch die richtige. Das haben uns die grossen Meister der materialistischen Schule gezeigt, so u a. Engels und L o r i a. Wie leicht aber dieselbe Methode schlecht verstanden und angewendet, zu grotesken Irrtümern verleiten kann, zeigt uns die Epigonenschar, die an die Rockschösse der Meister sich hängt. Mo Ii na ri z.B. gelangte zur lächerlichen Behauptung, dass der Monotheismus sich aus dem Grunde aus dem Polytheismus entwickelt hat, weil es billiger war, einem Gotte zu dienen als mehreren. Nun, der Autor der vorliegenden .Broschüre geht in . seinem Bestreben, die jüdische Geschichte und den Zionismus auf die Wirtschaftsgeschichte zurückzuführen, so weit, dass er die"tatsächlichen Verhältnisse beinahe ignoriert. Ich will mich mit ihm hier in keine theoretische Diskussion über seine ökonomischen Ansichten einlassen, denn es hiesse eigentlich mit Werner Somb a r t diskutieren, dessen Ansichten der Verfasser ohne Kritik sich angeschlossen hat und die er der jüdischen Geschichte aufzwingen will. Aber ich glaube, es ist nicht ganz wissenschaftlich, wenn einer, der an das gewaltige Werk einer Konstruierung einer jüdischen Wirtschaftsgeschichte (eine der kompliziertesten Aufgaben notabene) geschritten ist, die ganze diesbezügliche Literatur verkennt. Genügt denn zur Ausführung dieser Aufgabe, wenn auch nur in ihren Grundrissen, die Benützung einiger allgemeiner Werke über Volkswirtschaft? Eine jüdische Wirtschaftsgeschichte ohne die Benützung jüdischer Geschichtswerke!! Hätte der Verfasser zum Beispiel die Gesetzgebung der Mischna, der talmudischen und posttalmudischen Epochen gekannt, würde er nicht zu dem grundfalschen Satze gelangen, dass „die Juden frühzeitig den Kapitalismus von den Phöniziern übernommen4', oder dass „die abnorme Lage der Juden als-der abnorme Zustand resultiere aus dem Altkapitaiismus, den die Juden aus dem Altertum herübergenommen haben, dann als die Unmöglichkeit, sich den herrschenden Zuständen, Wirtschaftsformen anzupassen*4. (S. 13 u. 16.) Es ist überhaupt eine .recht künstliche Scheidung, die Sombart macht, zwischen den verschiedenen Stadien der wirtschaftlichen Entwicklung, es ist eine sehr strittige und-seitens vieler Geschichtsschreiber auch heftig widersprochene Ansicht, dass es keine Kontinuität in der wirtschaftlichen Entwicklung gibt, und wenn die Gesamttheorie Sombarts, geistreich und glänzend wie sie ist, üi ihrem Grundbau doch schwankt, so hat-die Theorie des Schülers gar keinen Baden. Ja, zugegeben, dass diese ungeschichtliche und unrichtige Definition von dem Altkapitalismus der Juden im Gegensatze zu den übrigen Völkern wahr wäre, warum konnten sie sich nicht den neuen Verhältnissen anpassen, sie, die sich so leicht akklimatisieren? Und warum haben sich andere Völker, die von der Völkerwanderung nicht so sehr gelitten haben, die Griechen z. B., anpassen können? Aus wirtschaftlichen Gründen kann man es nicht ableiten, und da muss man zum „kapitalistischen44 (und notabene „altkapitalistischen") Geist der Juden Zuflucht nehmen. Aber dieser Geist ist doch ein Produkt der wirtschaftlichen Verhältnisse. Also ein formeller Schlusskreis. „Die Emanzipation der Juden entstand aus rein wirtschaftlichen Gründen (19). Aber warum entstand sie sodann früher in Frankreich als in England, diesem klassischen Lande des Kapitalismus? Und dann: warum musste die Emanzipation entstehen? Ist doch der moderne Kapitaiismus von dem „jüdischen41 grundverschieden, nach der Voraussetzung? Und nun: wie leitet man von diesen Grundsätzen den Zionismus ab? Der Autor sieht auch jetzt die wirtschaftliche Lage der Juden als eine altkapitalistische an, was durchaus auf Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse beruht. Die Juden bilden in ihrem Gros eine Kleinbourgeoisie, aus der sich jetzt ein Proletariat, einstweilen noch ein Lumpenproletariat, zu bilden beginnt. Die Juden folgen in ihrer Entwicklung nicht eigenen wirtschaftlichen Gesetzen, sondern dem Strome der Entwicklung ihrer Wohnländer. Es kann von einem Alt- und Neukapitalismus jetzt keine Rede sein, ausser wenn man damit nur die altbekannten Worte „bürgerliche" und „proletarische44 Gesellschaft ersetzen will. Und warum Kann sich der Jude nicht anpassen? Und wie folgt daraus der Zionismus? Hier macht der Autor einen Sprung und schafft die nationale Idee herbei. Aber ist sie primär oder sekundär, selbstständig oder ökonomisch bedingt? Sekundär, antwortet der Verfasser. Nun, warum entstand der Zionismus und nicht eine andere Bewegung, warum muss* die Heimat der Juden Palästina sein? Diese Frage kann der Autor nicht beantworten. Was ist der Zionismus? „Der Zionismus,4' meint er, „ist die Form, welche die soziale Frage im jüdischen Volke angenommen hat4' (S. 48). Diese Definition, die gar keine ist., sondern nur eine Tautologie, ist jedenfalls nicht wissenschaftlicher als die Definition des Zionismus, die im Baseler Programm oder in dem der demokratischen Fraktion gegeben ist, die der Autor mit dialektischer Schärfe kritisiert. Auch von dieser Antwort bleiben wir unbefriedigt. Der theoretische Zionismus wartet erst seines Marx. Aber das muss man sich vor Augen halten: der Zionismus als Bewegung hat nichts zu tun mit dem „wissenschaftlichen Zionismus44. Unsere theoretischen Fragen betreffen nicht die Bewegung als solche, denn nicht mit dieser oder jener Theorie steht oder fällt sie; sie wurde durch das.Leben geschaffen und wird von dem Leben getragen. „Nicht die Lehre ist die Hauptsache, sondern die Tat!4* Die Lehren der Judenkrawalle. In den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts sah ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung in Russland einer hoffnungsvollen Zukunft entgegen. Allerlei Gerüchte von einer bevorstehenden Einschränkung oder gänzlichen Beseitigung der Ausnahmegesetze schwirrten in der Luft und veranlassten eine optimistische Auffassung der Situation. Und — wie es bei uns gewöhnlich der Fall ist — je mehr dieser Optimismus an Boden gewann, umsomehr sank, besonders unter der Intelligenz, das Gefühl der jüdischen Selbsterkenntnis und des eigenen nationalen Bewusstseins. Die Verhältnisse liegen nun leider einmal so, dass bisher die Hebung der jüdischen Lage und die des Selbstbewusstseins unter den Juden in entgegengeatzter Proportion zu einander stehen. Die sogenannte Gleichberechtigung haben die westeuropäischen Juden um den allzu teuren Preis der Selbstentäusserung erworben. Und auch 4m Osten Europas machte sich damals eine Entwicklung nach dieser Richtung hin recht deutlich bemerkbar. Der durch die vertrauensvolle Stimmung gestärkte „Patriotismus44 schuf eine

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